Die bedeutenste Frage, die ich mir eigentlich täglich stelle ist:

„Bin ich überhaupt wertvoll?“

Und ich versuche mir diese Frage zu beantworten, indem ich auf die Blicke der Menschen achte, denen ich begegne. Schauen sie sie mich an oder schauen sie an mir vorbei? Oder schauen sie vielleicht sogar angeekelt weg. Warum schaut diese schöne Frau nicht zurück? Und warum starrt mich diese häßliche alte Frau stattdessen so an? Wenn mich keine der schönen Frauen, denen ich auf der Straße begegne, angeschaut hat, bin ich dann wohl unattraktiv und somit wahrscheinlich wertlos.

Und wie ist es mit der Kollegin, die ich etwas frage und die mich in scharfem Ton zurechtweist, dass ich das doch schon längst erledigt haben müßte. Ich schäme mich und habe Angst, dass ich meinen Job verliere und dann bin ich arbeitslos und somit wahrscheinlich wertlos.

Oder der Freund, dem ich seit Wochen SMS schreibe, dass ich mich gern mit ihm treffen will. Aber er antwortet und sporadisch und unmotiviert. Bin ich so uninteressant und somit wahrscheinlich wertlos?

Oder wenn mir auffällt, dass ich den ganzen Tag schon wieder mit völlig sinnlosen Dingen verbracht habe und mich ärgere, dass ich wieder keine Arbeit richtig geschafft habe, damit bin ich wohl faul und somit wertlos.

Oder wenn mir mein Vater sagt, dass ich mich falsch ernähre und viel zuwenig Sport mache und doch dieses und jenes tun sollte, damit ich mehr auf mich achte und gesund bleibe, dann bin ich wohl unsportlich und unfit und somit wahrscheinlich wertlos.

Oder wenn mir bewußt wird, dass ich bald sterben werde und nichts außergewöhnliches geleistet habe, kein Haus gebaut, kein Buch geschrieben, keine bedeutende Entdeckung gemacht, in keinem Geschichtsbuch verewigt bin, vielen Menschen Kummer und nur wenigen ein wenig Freude aber eigentlich nie genug geleistet habe, dann bin ich wohl nur ein ganz gewöhnlicher, langweiliger, uninteressanter, unattraktiver, dummer Mensch voller Fehler, der somit einfach nur wertlos ist und deshalb auch keine Aufmerksamkeit und kein Interesse verdient.

Nur manchmal, wenn mir ein Mensch sagt, dass er kürzlich an mich gedacht hat, blühe ich auf. Denkt da jemand an mich, selbst wenn ich nicht da bin?

Oder wenn mich eine hübsche Frau doch etwas länger als üblich anschaut, dass ich mich plötzlich genötigt fühle, wegzuschauen, dann bin ich etwa ansehnlich?

Oder wenn mir etwas gelingt und ein Mensch sich mit mir freut, bin ich etwa hilfreich?

Aber das sind nur kurze Momente, die nicht lange vorhalten. Welcher Mensch interessiert sich denn noch für mich, wenn ich längst tot bin? Welche Frau schaut mich an, wenn ich nackt und müde vor ihr sitze? Welcher Mensch freut sich mit mir, wenn mir im Stillen etwas gelingt noch nach Wochen?

Ich bin einsam. Und dass andere mich schimpfen, mich auf meine Schwächen hinweisen, mich ingorieren kränkt mich noch zusätzlich. Wie kann ich die Aufmerksamkeit, das Interesse, die Neugier, die ich doch so dringend benötige wieder bekommen?

Indem ich Sport mache? Indem ich noch fleißiger bin als andere? Indem ich mir nichts bieten lasse und dem anderen meine Dominanz zeige, damit er zu mir aufschaut und mich bewundert? Was muss ich tun? Bundeskanzler werden? Oder Alexander, Napoleon, ein Pharao werden? Oder der Messias? Was muss ich tun, damit ich die Liebe bekomme, die ich brauche? Was muss ich tun, damit mir die Aufmerksamkeit der ganzen Welt sicher ist? Eine Atombombe zünden? Das würde sicher in den Zeitungen und dann in den Geschichtsbüchern stehen. Dann hätte ich Aufmerksamkeit … aber sicher keine Liebe. Wäre ich wertvoll? Zumindest wäre ich relevant … aber für den Rest der Weltgeschichte wäre ich immer der verrückte sapere aude.

Muss ich also werden wie Gandhi oder Mutter Theresa oder Nelson Mandela? Und wenn ich das geworden bin, bin ich dann wertvoll? Oder bin ich selbst dann wertlos, weil ich unendlich viele Feinde und Neider habe.

Aber dafür müßte ich unglaublich viel arbeiten und wahnsinnig viel opfern. Und ein solches Ziel liegt weit in der Zukunft. Wahrscheinlich werde ich auch nie ein berühmter Heiliger. Und was dann?

Wenn ich dann sterbe, frage ich mich: War ich überhaupt wertvoll?

Brauche ich dann nicht noch eine pompöse Beerdigung mit einem Requiem und einem auffälligen Grabstein? Dass Friedhofsbesucher stehen bleiben und fragen, wer das wohl war? Dass selbst nach 1000 Jahren der Grabstein noch an mich erinnert?

War ich dann wertvoll?

Weil ich Spuren hinterlassen habe. Weil die Menschen über mich sprechen. Weil ich in Büchern stehe und Feiern zu meinen Ehren abgehalten werden. Bin ich dann wertvoll?

Und was ist dann mit all denen, die nicht so wertvoll waren wie ich? Ist das gerecht?

Bin ich wertvoll, wenn ich schön bin und klug und und mutig und reich und begabt und diszipliniert und kompetent und belesen und gebildet und eloquent und durchsetzungsstark und beliebt und gesund und beachtet und gelobt und unvergessen … oder bin ich wertvoll, wenn ich anderen sage, dass sie uneingeschränkt wertvoll sind? Nicht aufgrund ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten, sondern einfach weil sie da sind, egal wie sie sind auch wenn sie mir zeigen, dass sie mich wertlos finden, mich beschimpfen, bespucken, mich schlagen, treten, foltern, töten? Ihnen trotzdem sagen, dass sie wertvoll sind und dass ich wertvoll bin und dass ihr Tun daran nichts ändert?

Und wenn ich Dir sage, dass Du wertvoll bist ohne etwas dafür zu leisten, was tust Du? Was fühlst Du? Langeweile? Ignorierst Du es? Wendest Du Dich desinteressiert ab? Denkst Du „talk is cheap“? Oder glaubst Du mir das? Und wenn Du das einem anderen Menschen sagst, was denkst Du wie er reagiert und wie es diesem Menschen dann geht?


Bin ich wertvoll? Interessiert sich jemand für mich? Und warum?

Diese Worte fielen exakt genau so heute Vormittag in einem Gottesdienst einer kleinen örtlichen Pfingstgemeinde.

Und damit keine Mißverständnisse aufkommen: Der Pastor meinte körperliche Züchtigung. Also das Schlagen von Kindern. Aus Liebe. Und nachdem er – geflüstert – von einem Gemeindevorstandsmitglied auf die Schwierigkeit solcher Äußerungen hingewiesen wurde, präzisierte er seine Aussagen nach dem Gottesdienst noch einmal: Er wolle nicht mißverstanden werden, was wegen seiner US-amerikanischen Herkunft ja leicht passiere, er meinte „Spanking“.

Wikipedia erklärt Spanking folgendermaßen:

„Spanking [ˈspæŋkɪŋ] (engl. für hauen, verhauen) bezeichnet das Schlagen auf das bekleidete oder entblößte Gesäß; im weiteren Sinne auch auf benachbarte Körperteile wie die Oberschenkel, den Rücken oder äußere Geschlechtsorgane. Die Schläge erfolgen mit der flachen Hand oder mit einem Gegenstand, etwa Rohrstock, Peitsche, Birkenrute, Teppichklopfer, Haarbürste, Paddle, Martinet, Tawse, Ochsenziemer oder ähnliche.“

Betrieben wird diese – in Deutschland – verbotene Köperstrafe systematisch auch von einer Sekte, die sich „Zwölf Stämme“ nennt:

Diese Praxis also erklärte der Pastor für wünschens- und empfehlenswert unter Berufung auf Hebräer 12:4-6:

Denn ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden in den Kämpfen wider die Sünde und habt bereits vergessen des Trostes, der zu euch redet als zu Kindern: „Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des HERRN und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der HERR liebhat, den züchtigt er; und stäupt einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt.“

Liest man jedoch im griechischen Original des Verses, so steht da nichts von „Schlagen“ oder „Körperstrafe“. Es steht dort παιδεύει (paideuei) was nicht als „körperliche Züchtigung“, sondern mit „Erziehung“ und „Disziplinierung“ übersetzt wird. Und insofern macht das auch vollkommenen Sinn.

Der Gottesdienst stand jedoch ursprünglich unter einem anderen Motto: Johannes 15: 1-2

Ich bin der rechte Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jeglich Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jegliche, die da Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe.

In einem langen Vortrag versuchte der Pastor dann nachzuweisen, dass das „Wegnehmen“, nicht so gemeint sei, dass diese Rebe nicht mehr am Weinstock verbleiben dürfe, sondern dass sie vom Boden aufgehoben, gewaschen und am Gestell des Weinstocks neu befestigt würde.

Dem Pastor muss man leider entgegenhalten, dass der Prozess der Reinigung nur für fruchtbringende Reben beschrieben wird. Reben, die keine Frucht bringen aber werden – ganz klar – von Gott weggenommen.

Das läßt sich nicht wegreden. Gott nimmt fruchtlose Reben weg.

Mag sein, dass der Pastor bereits ahnte, dass sich dieser Vers auf ihn beziehen könnte. Denn seitdem er die Gemeinde leitet – und das ist bereits seit 10 Jahren – ist sie nicht nennenswert gewachsen.

Aber was ist mit „Wegnehmen“ gemeint? Es ist die Entfernung einer fruchtlosen Rebe vom Weinstock (Jesus) des Vaters gemeint, damit fruchtbringende Reben nachwachsen können.

Was mit fruchtlosen, verdorrten Reben geschieht, sagt Jesus auch:

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und müssen brennen.

Ich fürchte, ein Pastor, der seiner Gemeinde zum Schlagen ihrer Kinder mit Gegenständen rät, braucht nichts dringender als Jesus wirklich kennenzulernen.

Aber wer macht ihm das klar?

Viele Menschen beten, weil sie Angst vor Gott haben. Viele Menschen singen, gehen in den Gottesdienst, beteiligen sich an einer Gemeinde, missionieren und heilen – ja segnen sogar – aus Angst vor Gott.

Diese Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen und dann von Gott dafür bestraft zu werden. Diese Menschen versuchen dann auch ihre Furcht vor Gott anderen beizubringen.

Ich habe Menschen kennengelernt, die langweilige Gottesdienste veranstalten, schreckliche Lieder singen, beängstigende Bibelauslegungen vornehmen und sich geißeln, peinigen, martern aus Angst vor Gott.

Ich habe Menschen kennengelernt, die behaupten ernstlich, ein Christ ist nur jemand, der bestimmte Regeln befolgen müsse. Regeln aus dem Alten Testament und Regeln aus dem Neuen Testament oder selbst ausgedachte Regeln. Erst dann(!) seien die Menschen erlöst.

Es gibt Menschen, die meinen, dass man die Bibel richtig auslegen muss, um von dieser Angst vor Gott erlöst zu werden. Richtig auslegen bedeutet aber immer „in ihrem Sinne“ auslegen. Und diese Menschen diskutieren und reden und bringen Zitat um Zitat um zu beweisen, dass ihre Sicht der Dinge die richtige sei und sie deshalb keine Angst fürchten müßten … der andere aber schon.

Ich habe Menschen kennengelernt, die so große Angst vor Gott haben, dass sie sich ihm nur gebückt nähern. Sie sind so voller Furcht, dass sie sich extrem anspannen und sich in komplizierten Ritualen ergehen und sich bei Autoritäten rückversichern, dass sie alles richtig machen, nur um Gott nicht zu erzürnen.

Es gibt Menschen, die lieben Gott, aber sie haben so große Angst vor seiner Macht, dass sie sich ihm nur mit allerlei Schutzmechanismen nähern. Sie singen zum Beispiel besonders gekünstelt, weil sie hoffen, damit wertvoller zu erscheinen. Sie sprechen eine besonders aufgesetzte Sprache, die Würde simuliert, aber letztlich nur Anspannung und Angst verdecken soll. Diese Menschen gehen zu einem Gottesdienst, weil sie seine erlösende Macht spüren … aber sie nicht zulassen können, aus Angst sich vor den Menschen zu blamieren.

Jesus aber sagte: „Fürchte dich nicht! Sondern liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Alles andere, auch sein Leben und sein Sterben sind letztlich eine Auslegung dieser Worte.

Deshalb braucht es auch keine weiteren Voraussetzungen, zu Gott zu kommen und erlöst zu werden, als nur diese: Dass man sich ihm in Wahrhaftigkeit nähern will, dass die Sehnsucht nach seiner Liebe und der eigenen Liebe zu ihm spürt und ihr nachgeht. Nichts weiter.

Man muss die Bibel nicht auslegen können. Man muss keine langweiligen und komplizierten Kirchenlieder singen. Man muss keine Gottesdienste besuchen, man muss keine Regeln befolgend und keine Sätze auswendig lernen, um erlöst zu werden. Es gibt keine Grundvoraussetzungen als diese, dass man etwas von ihm ahnt, sich nach ihm sehnt und ihn überall sucht … dann wird man ihn finden.

Wenn aber der Glaube an Gott eine Pflicht aus Angst wird, dann hält man Gott auf Abstand. Dann stellt man nicht Gott, sondern sich selbst auf ein Podest. Dann betet man die eigenen Rituale an. Man verherrlicht die eigenen menschlichen Fähigkeiten, noch höher singen und noch gestelzter reden zu können, noch schöner und ausgefeilter musizieren, noch schönere, üppigere Feiern organisieren, noch grandiosere Kirchen bauen zu können.

Und dann greift die Kritik von Richard Dawkins, dass der Glaube zu „des Kaisers neuen Kleidern“ wird. Als Theologen Dawkins vorwarfen, dass er seine Religionskritik aus mangelnden philosophischen und theologischen Kenntnisse betrieb, antwortete PZMyers für ihn:

I have considered the impudent accusations of Mr Dawkins with exasperation at his lack of serious scholarship. He has apparently not read the detailed discourses of Count Roderigo of Seville on the exquisite and exotic leathers of the Emperor’s boots, nor does he give a moment’s consideration to Bellini’s masterwork, On the Luminescence of the Emperor’s Feathered Hat. We have entire schools dedicated to writing learned treatises on the beauty of the Emperor’s raiment, and every major newspaper runs a section dedicated to imperial fashion; Dawkins cavalierly dismisses them all. He even laughs at the highly popular and most persuasive arguments of his fellow countryman, Lord D. T. Mawkscribbler, who famously pointed out that the Emperor would not wear common cotton, nor uncomfortable polyester, but must, I say must, wear undergarments of the finest silk. Dawkins arrogantly ignores all these deep philosophical ponderings to crudely accuse the Emperor of nudity.[1]

Sie feiern sich selbst und ihre Feinsinnigkeit und Eloquenz … und dabei ist es mit Gott doch so wie in diesem Lied von Gerhard Schöne:

Was ist Wahrheit?

April 25th, 2017

Wahrheit ist das, was Macht über Dich hat.

Die meisten Menschen fragen sich was wahr ist. Was ist die Wahrheit? Die objektive Wahrheit?

Und als Lösung werden solche Dinge wie Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung oder gerichtliche Urteile angeführt. Gravitation gilt als objektiv wahr oder die Klimaerwärmung oder dass die Erde eine Kugel ist und sich um die Sonne dreht.

All das sind Wahrheiten. Aber es könnte auch anders sein. Die Sonne könnte sich um die Erde drehen. Die Erde könnte eine Scheibe sein. Die Klmaerwärmung könnte eine Fiktion sein und Gravitation … nun ja … Gravitation hat Macht über uns.

Aber hat die Kugelform der Erde oder die Tatsache, dass sie ihre Bahn um die Sonne dreht und nicht umgekehrt Macht über uns? Im Grund ist es uns in unserem Leben meist egal, ob nun Sonne sich um die Erde dreht oder umgekehrt und ob sich das Klima erwärmt oder nicht. Erst wenn es unser Leben unmittelbar beeinflusst wird es wirklich relevant. Und dann wird es plötzlich wichtig, was gilt.

Wichtig werden Erkenntisse erst, wenn sie Macht in unserem Leben entfalten. Und dann wird wahr für uns, was sich als unseren Erwartungen entsprechend bewährt. Das kann auch falsch sein. Das heißt, man kann sein Leben lang für wahr halten, dass man das leibliche Kind seiner Eltern ist, obwohl man adoptiert wurde. Man kann für wahr halten, dass die Sonne sich um die Erde dreht und eine Scheibe ist. So wie das die Menschen in den letzten 4 bis 5000 Jahren glaubten. Diese Erkenntisse entfalten Macht in unserem Leben, wenn sie wichtig, wenn sie für unser Leben existentiell(!) werden.

Warum ist es wichtig, ob der Holocaust so stattgefunden hat, wie es in den Geschichtsbüchern steht? Weil es Menschen gibt, denen dies wichtig ist. Und anderen Menschen ist es wichtig, dieses Tabu infrage zu stellen. Sie tun das beide, weil die Antwort auf diese Frage ungeheure Macht entfaltet. Deshalb wird mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass Menschen bestimmte Antworten auf diese Fragen „glauben“ auch wenn sie es selbst nie prüfen können. Es werden Gerichtsprozesse geführt und es werden Filme gedreht, um diese Wahrheiten glaubwürdig zu machen.

So wird mit filmischen Finessen – zum Beispiel durch die Auswahl der Schauspieler – deutlich gemacht, welche Perspektive akzeptabel – und damit wahr – ist und welche nicht.

Für die meisten Menschen spielt diese Frage keine wirkliche Rolle. Für manche eine ganz wesentliche. Die Antwort auf diese Frage rührt an den Kern ihrer Existenz. Die Antwort auf diese Frage bestimmt ihr ganzes Leben. Sie richten ihr ganzes Sinnen und Trachten nach der Antwort auf diese Frage aus. Deshalb darf die „Wahrheit“, die man einmal erkannt hat, die einem einmal vermittelt wurde, nicht unwahr sein. Deshalb wird Wahrheit auch konstruiert und mit viel Energie auch gegen massivste Widerstände aufrecht erhalten.

Aber das kann auch unwahr sein. Man kann im Laufe seines Lebens merken, dass alles was man glaubte, wovon man überzeugt war, was einem von überall her vermittelt wurde, eine einzige riesige Lüge war. Vielleicht nicht mal eine willentliche oder wissentliche Lüge, aber trotzdem eine Lüge. Und von diesem Zeitpunkt an ist es nicht mehr gültig. Die Wahrheit – die bis dahin galt – hat keine Macht mehr. Und dann übernimmt eine andere Wahrheit die Rolle, die die vorherige Wahrheit einnahm.

Ob ein Lichtquant eine Welle oder ein Teilchen ist, ist keine Frage die zur Zeit beantwortet werden kann. Ob es einen Gott gibt, darauf gibt es auch keine unbezweifelbare Antwort. Die Antwort auf diese Frage ist irrelevant, bis sie wichtig für uns wird. Und wenn sie wichtig wird, brauchen wir eine Antwort, weil die Antwort – egal wie sie ausfällt – Macht über uns ausübt.

Wie groß diese Macht ist, spürt man in seinen Leben tagtäglich. Lebt man mit Gott oder ohne ihn.

Denn Wahrheit ist das, was Macht über Dich hat.

Und es ist allein Deine Entscheidung, wem Du Macht über Dein Leben einräumst.

Eine der bekanntesten atheistenfeindlichen Phrasen ist die Feststellung, dass es „Schützengräben keine Atheisten“ gäbe. Forscher haben diese Fragestellung jetzt indirekt geprüft. Wer hat mehr Angst vor dem Tod? In einer Metaanalyse fand man einen umgekehrt U-Förmigen Zusammenhang. Das heißt überzeugte Atheisten und überzeugte Christen haben am wenigsten Todesangst. In Übereinstimmung mit der sogenannten Terror-Management-Theorie, die annimmt, dass vor allem Unsicherheit angstauslösend ist, hatte man erwartet, dass weniger klare Überzeugungen zu entsprechend stärkerer Todesangst führen würden.

Manchmal bin ich verzweifelt. Irgendwas ist passiert. Mich quälen Gedanken und Gefühle, die einfach nicht weggehen. Ich habe aber auch keine Lösung für das Problem. Ich zermartere mir das Hirn, ich spreche mit Freunden, ich lese irgendwo nach und versuche gute Ratschläge und Tips zu bekommen. Und wenn es gar nicht mehr anders geht, nehme ich mir die Zeit und versuche ein Gebet zu sprechen. Nichts Vorformuliertes. Ein echtes Gebet.

Ich kniee mich hin, beuge mich nach vorn und meist stammle ich dann irgendetwas und versuche meinen Gedanken und Gefühlen irgendwie Ausdruck zu geben. Oft flüstere ich nur, weil ich mich schäme und weil sich die Worte, das was ich da sage, völlig bescheuert anhören. Rede ich da jetzt mit mir selbst? Wie peinlich. So niedergekauert auf der Erde zu hocken und Gott voller Verzweiflung um eine Lösung des Problems zu bitten. Manchmal singe ich auch, wimmere, schreie, röhre, stammle unverständliche Laute.

Aber wenn ich diese demütigende Prozedur vollziehe, löst sich komischerweise etwas in mir.

Und dann komme ich in einen Zustand, der sich wie eine Verbindung anfühlt. So wie wenn man früher auf unterschiedliche Weise versucht hat, eine Internetverbindung herzustellen und dann rauschte und fiepte und summte es und dann war da … nichts. Also nochmal. Rauschen. Summen. Fiepen … Nichts. Und dann, irgendwann, hörte das Fiepen und Rauschen auf und eine frohe Stille kehrte ein und die Verbindung stand.

Und dann beginne ich mit Gott zu sprechen und erhalte auch klare und deutliche Antworten. Verrückt eigentlich. Aber ist das wirklich Gott, der mir da antwortet und mit mir spricht? Oder spielt mir mein Hirn da einfach einen Streich? Ist das nicht einfach ein Selbstgespräch? Eins, das ich vielleicht einfach auch mit meiner liebsten Oma Hilde führen könnte? Oder schlicht und einfach mit mir selbst und meinen Gedanken?

Die Stimme Gottes zu hören ist üblicherweise nur den großen Propheten vorbehalten. Aber auch die Jünger und einfaches Volk konnte die Stimme Gottes hören. David beschrieb Gottes Stimme in Psalm 29 so:

Die Stimme des HERRN geht über den Wassern; der Gott der Ehren donnert, der HERR über großen Wassern. Die Stimme des HERRN geht mit Macht; die Stimme des HERRN geht herrlich. Die Stimme des HERRN zerbricht die Zedern; der HERR zerbricht die Zedern im Libanon. Und macht sie hüpfen wie ein Kalb, den Libanon und Sirjon wie ein junges Einhorn. Die Stimme des HERRN sprüht Feuerflammen. Die Stimme des HERRN erregt die Wüste; der HERR erregt die Wüste Kades. Die Stimme des HERRN macht Hirschkühe kalben und entblößt die Wälder; und in seinem Tempel sagt ihm alles Ehre.

Die Stimme Gottes ist keine leise Stimme. Sie ist keine wohlgefällige Stimme. Die Stimme Gottes „donnert“. Sie „geht mit Macht“, mit solcher Macht, dass sie „Zedern bricht“ und sie „sprüht Feuerflammen“.

Feuerflammen wie sie die Jünger zu Pfingsten erlebten (Apostelgeschichte 2:1)

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Sie redeten in anderen „Zungen“. Zungenreden ist auch so eine Sache. In traditionellen christlichen Gemeinden gilt das Zungenreden nachgerade als „Teufelszeug“ und wird mit einem Tabu belegt. Man spricht schlicht nicht darüber. Und wenn überhaupt dann abfällig mit ein wenig Angst, sich lächerlich zu machen. Ein bißchen verrückt ist es ja schon, einfach so vor sich hin zu plappern. Und was soll das mit Gott oder Gottes Wirken zu tun haben?

Aber schon Kleinkinder beginnen mit dem Plappern. Sie kreieren Silben und Worte und entwickeln so per Versuch-und-Irrtum-Prozedur ihre eigene Sprache. Kreativität beginnt mit dem Heraustreten aus gewohnten Bahnen. Damit, dass man verrückte Dinge tut und sagt. Das ist natürlich fehleranfälliger als den eingetretenen Pfaden erfahrener Vorläufer zu folgen. Und man macht sich sicherlich lächerlich. Aber es ist unendlich befreiend, einfach so, sich ohne Beachtung der üblichen Normen und Regeln, ohne die permanente Selbstbeobachtung und -bewertung zu artikulieren. Vor sich hinzuplappern und das was die Seele belastet und beschäftigt herauszulassen.

Das geht noch besser mit Musik. Auf den Flügeln der Melodie kann man seinem Gefühl in einer Phantasiesprache Ausdruck verleihen. Und Trauer, Kummer, Schmerz herausschreien. Und anschließend in sanftes – verständliches – Gotteslob verfallen.

Dem Zungenreden ist in einem Schreiben des Paulus an die Korinther (1. Korinther 14) ein ganzes Kapitel gewidmet:

Strebet nach der Liebe! Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget! Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott; denn ihm hört niemand zu, im Geist aber redet er die Geheimnisse.

Diese Praxis ist in christlichen Kreisen als charismatisch-pfingstlerisch verschrien. Wer in Zungen redet und den „Heiligen Geist“ wahrhaftig und buschtäblich spüren kann, mit dem kann etwas nicht stimmen.

Dabei ist natürlich der Grat zum Gotteswahn und zur religiösen Manipulation sehr sehr schmal. Wie unterscheidet man denn nun, ob das was man hört … ob im stillen Gebet oder von einem anderen Menschen … wirklich von Gott kommt oder nicht? Man könnte wohl sagen, dass es einen einfachen Lackmustest gibt:

Wenn das, was Du da denkst, fühlst oder hörst sich stark von dem unterscheidet, was Du von Jesus weißt, dann kommt es nicht von Gott. Solltest Du Dir unsicher sein, kannst Du es an Gottes Wort prüfen.

Diese Prüfung könnte nun bedeuten, dass man den Rest seines Lebens nun ausschließelich mit Bibelstudium verbringen müßte. Das kann nicht der Sinn der Sache sein. Aber eine Prüfung dessen, was wir denken, fühlen, hören an Gottes Wort, bleibt unsere Aufgabe, soweit uns dies möglich ist. Für alles andere gibt es seine Gnade, die uns von allen Ängsten befreit.

Denn wenn es eine Botschaft gibt, die im Zentrum aller anderen Botschaften Jesu steht und zu denen alles andere nur Fußnoten sind, dann ist es diese:

Füchte dich nicht, liebe!

Spiritualität ist keine harmlose Sache. Was helfen und stärken soll, richtet manchmal den größten Schaden an. Der Jesuit Klaus Mertes zeigt, wie und wozu geistliche Beziehungen missbraucht werden (können) und was dagegen zu tun ist.

Klaus Mertes ist Rektor des katholischen Gymnasiums St. Blasien, das in den letzten Jahren öffentlichkeitswirksam mit einem Mißbrauchsskandal zu kämpfen hatte. Der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach, schrieb in diesem Zusammenhang im Spiegel über seine Erinnerungen an die Internatszeit.

In seiner Gastvorlesung an der Universität Tübingen im November 2016, die in dem Blog „feinschwarz.net“ dokumentiert wird, spricht Mertes über den Umgang mit dem Mißbrauch geistlichen Einflusses. -> LINK

Mein Glaube ist erschüttert.

Noch vor ein paar Wochen wäre das undenkbar gewesen. Ich war sicher und glücklich im Glauben. Aber seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage, wie sich ein Christ zur weltlichen Macht stellen soll … und welche Rolle das Christentum in der Hand der Mächtigen eigentlich spielt.

Ich bin irritiert darüber, dass die Kirche und die Christen in Deutschland und in der Welt nicht gegen sichtbarer und vehementer gegen Ungerechtigkeit und staatliche Zumutungen aufstehen. Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die täglich Millionen verdienen und mit diesem Geld durch käufliche Politiker und Wähler das Schicksal von Millionen Menschen beeinflussen können? Wie kann es sein, dass ein Mann wie Donald Trump zum Präsidentschaftskandiaten des mächtigsten und christlichsten westlichen Landes der Welt werden kann? Wie ist es möglich, dass Kinder hunderttausende von Dollar für Uhren, Autos, Schmuck, Häuser, Parties verschwenden können, während woanders auf dieser Welt Menschen auf Müllkippen leben? Wie ist es möglich, dass immer mehr Menschen an Überlastungsdepression leiden – während andere in Saus und Braus leben?

Wie ist dieses ungeheuerliche Unrecht möglich? Kann es sein, dass das Christentum dieses System der Ungerechtigkeit und Ausbeutung durch eine Lehre der Duldung und Unterordnung stützt?

Das Evangelium lehrt Duldung von Gewalt (Wenn Dir einer auf die linke Wange schlägt …) und bedingungslose Unterordnung unter die weltlichen Autoritäten (Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist …) mit dem Versprechen einer jenseitigen Entschädigung.

Die sogenannte „Zwei-Regimenter-Lehre“ Luthers hat die Reformation und die gesellschaftliche Entwicklung Europas massiv beeinflusst. Luther ging davon aus, dass die weltliche Gewalt von Gott eingesetzt sei und dass man sich als Christ dem unterzuordnen habe … es sei denn, die weltliche Macht verführt zur Sünde, dann sei nach Apostelgeschichte 5:29 zu verfahren („Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“).


Was wäre, wenn das Christentum eine elegante und sehr wirksame Propagandastrategie sehr mächtiger Menschen zur Schaffung und Erhaltung einer Sklavenpopulation ist?

Im Jahr 2013 veröffentlichte der Privatgelehrte Joseph Atwill ein Buch mit dem Titel „Caesar’s Messiah: The Roman Conspiracy to Invent Jesus‘ (Cäsars Messias: Die römische Verschwörung zur Erfindung Jesu), in dem er die These vertrat, dass die Geschichte von Jesus Christus die dazugehörige Theologie von römischen Machthabern erfunden wurde, um die Armen und Entrecheteten ruhigzustellen und zu befrieden.

ATWILL

Atwill steht in einer langen Tradition von Thesen über eine Verschwörung der Reichen und Mächtigen zur Unterdrückung der Massen durch das Christentum.

Wahlweise waren es also Römer (Atwill-These), die Juden (Ludendorff-These) oder Christen selbst (Lenin-These), die im Verborgenen die Geschicke der Welt lenkten und dabei ganze Völker ausbeuteten, untergruben und gar systematisch vernichteten.

LUDENDORFF

So vertrat der Weltkriegsveteran und heimliche Reichskanzler Erich von Ludendorff die These, das Christentum sei eine Erfindung jüdischer Eliten, um das römische Imperium von innen heraus zu zersetzen. Was ja (folgt man dem Verlauf der Weltgeschichte) auch glänzend funktioniert haben muss. Erich von Ludendorff und seine Frau Mathilde schrieben in ihrem Buch „Die Judenmacht – Ihr Wesen und Ende„:

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Das Christentum als Erfindung des Judentums, um andere – nicht auserwählte und nicht blutsverwandte Völker – unterwerfen und mit einem religiösen Kodex ausstatten zu können. Es setzte einen unterwürfigen Verlierer an seine Spitze und behauptete – in Anlehnung an die Kernthesen der griechischen Philosophie – eine „wirkliche“ Welt hinter der irdischen Scheinwelt (siehe Platons Höhlengleichnis), in die man einkehren würde, wenn man das irdische Leid genügsam überstanden hätte.

Gegen diese „verweichlichte“ Ideologie mit ihrer Liebe und Güte und grenzenlosen Geduld setzten Herr und Frau Ludendorff nichts weniger als ihre eigene Privatreligion von der bestimmten (nämlich den arischen) Rassen angeborenen „Gotterkenntnis“.

Der von ihnen gegründete „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.“ besteht übrigens bis heute und hat unter anderem den homosexuellen Politiker der Berliner Piratenpartei, Gerwald Claus-Brunner, hervorgebracht, der offenbar, in einer spektakulären Beziehungstat, zunächst einen Mann – den er zuvor gestalkt haben soll – und dann sich selbst tötete.

Ludendorff und seine Frau Mathilde waren der Überzeugung, dass das Christentum ein Volk zersetze, indem es seine Angehörigen zu Sklaven und Untertanen erzöge.

LENIN

Doch nicht nur völkische Rassenideologen und Nationalsozialisten waren vom Sklavenhaltercharakter der Religion überzeugt, auch Kommunisten, wie W.I. Lenin schrieben:

Die Religion ist eine von verschiedenen Arten geistigen Joches, das überall und allenthalben auf den durch ewige Arbeit für andere, durch Not und Vereinsamung niedergedrückten Volksmassen lastet. Die Ohnmacht der ausgebeuteten Klassen im Kampf gegen die Ausbeuter erzeugt ebenso unvermeidlich den Glauben an ein besseres Leben im Jenseits, wie die Ohnmacht des Wilden im Kampf mit der Natur den Glauben an Götter, Teufel, Wunder usw. erzeugt. Denjenigen, der sein Leben lang arbeitet und Not leidet, lehrt die Religion Demut und Langmut hienieden und vertröstet ihn mit der Hoffnung auf himmlischen Lohn.

Diejenigen aber, die von fremder Arbeit leben, lehrt die Religion Wohltätigkeit hienieden, womit sie ihnen eine recht billige Rechtfertigung ihres ganzen Ausbeuterdaseins anbietet und Eintrittskarten für die himmlische Seligkeit zu erschwinglichen Preisen verkauft. Die Religion ist das Opium des Volkes. Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.

Doch der Sklave, der sich seiner Sklaverei bewusst geworden ist und sich zum Kampf für seine Befreiung erhoben hat, hört bereits zur Hälfte auf, ein Sklave zu sein. Durch die Fabrik der Großindustrie erzogen und durch das städtische Leben aufgeklärt, wirft der moderne klassenbewusste Arbeiter die religiösen Vorurteile mit Verachtung von sich, überlässt den Himmel den Pfaffen und bürgerlichen Frömmlern und erkämpft sich ein besseres Leben hier auf Erden. Das moderne Proletariat bekennt sich zum Sozialismus, der die Wissenschaft in den Dienst des Kampfes gegen den religiösen Nebel stellt und die Arbeiter vom Glauben an ein jenseitiges Leben dadurch befreit, dass er sie zum diesseitigen Kampf für ein besseres irdisches Leben zusammenschließt.

Aus: W. J. Lenin, Über die Religion. Berlin: Dietz-Verlag „1974.

BIBEL

Und tatsächlich: Schrieb nicht Paulus vor 2000 Jahren in seinem Brief an die Römer (13:1-2):

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. (Johannes 19.11) (Titus 3.1) 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.

Und Gott selbst sagt (Sprüche 8:15):

Durch mich regieren die Könige und setzen die Ratsherren das Recht. Durch mich herrschen die Fürsten und alle Regenten auf Erden

Und im Titusbrief (3:1) stehen folgende Zeilen:

Erinnere sie, daß sie den Fürsten und der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit seien

Und Petrus (1. Petrus 2: 13) schreibt:

„Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des HERRN willen, es sei dem König, als dem Obersten, oder den Hauptleuten, als die von ihm gesandt sind zur Rache über die Übeltäter und zu Lobe den Frommen.“

Ist das Christentum also nichts anderes als eine Verschwörung gewissenloser Reicher und Mächtiger zur Befriedung der Massen und zur Verhinderung des Aufstandes gegen Ungerechtigkeit und diesen Machtmißbrauch?

Ist es gar eine Verschörung geheimer Eliten, wie Freimaurern, Juden oder Jesuiten zu verdanken?

Wenn Politiker wie Gregor Gysi, die sich selbst als nichtreligiös bezeichnen, Religionen allein deshalb für wichtig halten, weil sie eine gundlegend regulierende Funktion in Staat und Gesellschaft übernehmen, könnte man den Eindruck bekommen, Religion ist was für die „einfachen Leute“.

Der ehemalige Sprecher des US-amerikanischen Repräsentantenhauses, Newt Gringrich, hat 2009 ein Buch veröffentlicht über das es heißt:

„It explores “the role of religion in early [United States of] America and the belief that ‘our Creator’ is the source of our liberty, prosperity, and survival as an exceptional nation. From the first permanent English settlement at Jamestown in 1607, through the American Revolution, to the end of the Civil War in 1865, this film tells the story of the deep faith that motivated and sustained our great leaders, and dramatically presents our nation’s belief in religious freedom.”

Der Glaube an den christlichen Gott als „Quelle der Freiheit, des Wohlstandes und des Überlebens als außergewöhnliche Nation“. Menschen, die über außergewöhnliche weltliche Macht verfügen, die in einem Bestseller ihre persönlichen Macht- und Überlegenheitsphantasien ausbreiten können.

Ist das also der wahre Glaube an Jesus Christus? Ist er ein Machtinstrument einer gewissenlosen Elite? Soll damit die Überlegenheit des jüdischen Volkes ein für alle Mal auch den Heiden beigebracht werden? Sollen sie mit dem Neuen Testament zu Sklaven der allmächtigen Juden – die heute als „Finanzjudentum“ in der größten Weltmacht, den USA, an allen wesentlichen Schaltstellen sitzen – gemacht werden? Gibt es deshalb soviel Geld für Missionsarbeit (Personal, Material, Reisen) und repräsentative Kirchen und Gemeindehäuser aus den USA?

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Sehe ich mir diese Welt und die Hierarchien der Macht an, sehe ich, wieviel Geld – und damit Arbeit und Ressourcen- für sinnlosen Reichtum verschwendet wird, und sehe ich mir die Wirkungsweise von Propaganda an, beginne ich zunehmend an der Harmlosigkeit des Glaubens an Jesus Christus zu zweifeln und ich frage mich, ob dieser Glaube eine der wirksamsten Propagandawaffen der Eliten in den letzten Jahrtausenden war?

Love

September 2nd, 2016

Hölle, Hölle, Hölle

August 13th, 2016

Dringt man tiefer in den christlichen Glauben ein, wird man unweigerlich mit der Hölle konfrontiert. Auch wenn die Vorstellung der „Ewigen Verdammnis“ aus den Sonntagsgottesdiensten in den evangelischen Landeskirchen keine Rolle mehr spielt … für fundamentalistische, bibeltreue, evangelikale Christen ist die Vorstellung des „Gerichts“ äußerst präsent. Die Angst vor der Höllenstrafe für die Sünden, der man nur durch den „wahren“ Glauben an Jesus Christus entrinnen kann, ist ein wichtiges Kriterium für die massiven Missionsbemühungen evanglikaler Christen.

Die Vorstellung, die wir mit der Hölle verbinden ist stark durch die mittelalterliche Bildsprache geprägt. Insbesondere Hieronymus Bosch, dessen wir an seinem 500sten Todestag, am 9. August gedachten, hat eindrucksvolle Visionen der Hölle gestaltet. Aber auch Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle ist eine der bekanntesten Darstellungen der möglichen Folgen, die eine Verurteilung für begangenen Sünden nach sich ziehen kann.

In der Weltliteratur ist es die Darstellung Dantes in seiner „Göttlichen Komödie“, die wohl den tiefsten Eindruck auf künstlerische Nachfolger hinterlassen hat.

Aber auch Hollywoodfilme, u.a. mit Robin Williams geben uns einen Eindruck davon, was uns nach dem Tod erwarten kann:

Aber all diese Darstellungen über die Jahrtausende sind eindrucksvolle Dichtungen und geniale Übertreibungen, entbehren aber jeder Grundlage im Neuen Testament.

Eher entstammen die Ideen für diese bildgewaltigen Darstellungen sogenannten Apokryphen. Das sind frühchristliche Schriften, die oft bekannten Autoren wie den Aposteln Petrus oder Paulus zugeschrieben werden, die es aber nicht in das Neue Testament geschafft haben.

Eine der bekanntesten und grausamsten Höllenvorstellungen ist die sogenannte „Petrus-Offenbarung“ aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, die von Kirchenvätern sogar teilweise dem Neuen Testamtent zugeordnet wurden. In dieser Schrift liest man von grausamen Foltermethoden für Sünder, Lästerer werden an ihren Zungen aufgehängt

Man bereitet ihnen ein nie verlöschendes Feuer. Ein anderer Strafort ist eine große mit brennendem Schlamm gefüllte Grube. Darin sind Menschen, welche die Gerechtigkeit verleugnet haben. Strafengel foltern sie und zünden das Feuer ihrer Strafe an.

Es ist eine schauerliche Vorstellung, die sich tief in unser kollektives Unbewußtes eingebrannt hat.

Bei all dem, was da geschildert wird, kann einem schon ein wenig gruseln, vor dem was da nach dem Tod kommen soll.

Aber was steht eigentlich in den 4 Evangelien über die Hölle?

Nichts.

Im griechischen Origninal gibt es den Begriff „Hölle“ gar nicht. An den Stellen, an denen in der deutschen Übersetzung Hölle steht, steht entweder „Hades“, „Tartaros“ oder „Gehenna„. Hades oder Tartaros sind aus der griechischen Mythologie bekannte Begriffe, die die Unterwelt beschreiben. Gehenna aber beschreibt einen realen Ort. Das vor Jesrusalem liegende Tal Ge-hinnom. In diesem Tal sollen Anhänger des Moloch-Kultes Kinder geopfert haben … später sei es eine reine Begräbnisstätte gewesen, in der Tote verbrannt oder in der Erde bestattet wurden.

Gehenna findet sich im griechischen Original in folgenden Versen:

Matthäus 5:22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig. (Im griechischen Original steht nichts von „Schuld“. Dort steht eigentlich „Wer aber sagt Du Narr kommt nach Gehinnom in das Feuer“ Zum Nachlesen: Griechisches Original)

geennan

Matthäus 5:29 Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

Matthäus 5:30 Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

Matthäus 10:28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

Matthäus 18:9 Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß du einäugig zum Leben eingehest, denn daß du zwei Augen habest und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Matthäus 23:15 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Wasser umziehet, daß ihr einen Judengenossen macht; und wenn er’s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr denn ihr seid!

Matthäus 23:33 Ihr Schlangen und Otterngezücht! wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?

Markus 9:43 So dich aber deine Hand ärgert, so haue sie ab! Es ist dir besser, daß du als ein Krüppel zum Leben eingehest, denn daß du zwei Hände habest und fahrest in die Hölle, in das ewige Feuer

Markus 9:45 Ärgert dich dein Fuß, so haue ihn ab. Es ist dir besser, daß du lahm zum Leben eingehest, denn daß du zwei Füße habest und werdest in die Hölle geworfen, in das ewige Feuer,

Markus 9:47 Ärgert dich dein Auge, so wirf’s von dir! Es ist dir besser, daß du einäugig in das Reich Gottes gehest, denn daß du zwei Augen habest und werdest in das höllische Feuer geworfen

Lukas 12:5 Ich will euch aber zeigen, vor welchem ihr euch fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, zu werfen in die Hölle. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch.

In Jesu Worten im Neuen Testament findet sich also als Strafe überwiegend die Verbringung nach Gehenna. Dieser Ort wird immer wieder vor allem bei Jeremia als der Ort benannt an dem die Israeliten dem Gott Baal oder Moloch opferten:

Jeremia 7:31 „Denn die Kinder Juda tun übel vor meinen Augen, spricht der HERR. Sie setzen ihre Greuel in das Haus, das nach meinem Namen genannt ist, daß sie es verunreinigen, und bauen die Altäre des Thopheth im Tal Ben-Hinnom, daß sie ihre Söhne und Töchter verbrennen, was ich nie geboten noch in den Sinn genommen habe.“

Jeremia 32: 35 „und haben die Höhen des Baal gebaut im Tal Ben-Hinnom, daß sie ihre Söhne und Töchter dem Moloch verbrennten, davon ich ihnen nichts befohlen habe und ist mir nie in den Sinn gekommen, daß sie solche Greuel tun sollten, damit sie Juda also zu Sünden brächten.“

So spricht nun der HERR: Gehe hin und kaufe dir einen irdenen Krug vom Töpfer, samt etlichen von den Ältesten des Volks und von den Ältesten der Priester, und gehe hinaus ins Tal Ben-Hinnom, das vor dem Ziegeltor liegt, und predige daselbst die Worte, die ich dir sage, und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr Könige Juda’s und Bürger zu Jerusalem! So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will ein solch Unglück über diese Stätte gehen lassen, daß, wer es hören wird, dem die Ohren klingen sollen, darum daß sie mich verlassen und diese Stätte einem fremden Gott gegeben haben und andern Göttern darin geräuchert haben, die weder sie noch ihre Väter noch die Könige Juda’s gekannt haben, und haben die Stätte voll unschuldigen Bluts gemacht 5 und haben dem Baal Höhen gebaut, ihre Kinder zu verbrennen, dem Baal zu Brandopfern, was ich ihnen weder geboten noch davon geredet habe, was auch in mein Herz nie gekommen ist. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, daß man diese Stätte nicht mehr Thopheth noch das Tal Ben-Hinnom, sondern Würgetal heißen wird. Und ich will den Gottesdienst Juda’s und Jerusalems an diesem Ort zerstören und will sie durchs Schwert fallen lassen vor ihren Feinden, unter der Hand derer, die nach ihrem Leben stehen, und will ihre Leichname den Vögeln des Himmels und den Tieren auf Erden zu fressen geben und will diese Stadt wüst machen und zum Spott, daß alle, die vorübergehen, werden sich verwundern über alle ihre Plage und ihrer spotten. Ich will sie lassen ihrer Söhne und Töchter Fleisch fressen, und einer soll des andern Fleisch fressen in der Not und Angst, damit sie ihre Feinde und die, so nach ihrem Leben stehen, bedrängen werden. Und du sollst den Krug zerbrechen vor den Männern, die mit dir gegangen sind, und sprich zu ihnen: So spricht der HERR Zebaoth: Eben wie man eines Töpfers Gefäß zerbricht, das nicht kann wieder ganz werden, so will ich dies Volk und diese Stadt auch zerbrechen; und sie sollen im Thopheth begraben werden, weil sonst kein Raum sein wird, zu begraben. So will ich mit dieser Stätte, spricht der HERR, und ihren Einwohnern umgehen, daß diese Stadt werden soll gleich wie das Thopheth. Dazu sollen ihre Häuser zu Jerusalem und die Häuser der Könige Juda’s ebenso unrein werden wie die Stätte Thopheth, ja, alle Häuser, wo sie auf den Dächern geräuchert haben allem Heer des Himmels und andern Göttern Trankopfer geopfert haben.

Wenn also Jesus von Gehenna, dem Tal des Moloch-Kults spricht, in das man kommt, wenn man bestimmte Regeln nicht beachtet, was meint er dann. Meint er eine Zeit nach dem leiblichen Tod?

Oder meint Jesus hier, dass wer nicht ihm nachfolgt, anderen Göttern folgen muss, die grausam und menschenverachtend sind, Göttern, die Kinderopfer fordern und diese werden, wie in der Prophezeihung des Jeremia, einst den Vögeln zum Fraß vorgeworfen werden.

Unsere Vorstellung von der „Hölle“ ist eine Jenseitsvorstellung. Es gilt als Strafe für begangene Sünden. Jesus selbst aber spricht nicht von Strafe für begangene Sünden nach dem Tod. Er spricht davon, dass man sich fürchten soll vor denen die Leib und Seele verderben in Gehenna, also in einem Todeskult. Dass man sicher lieber fernhalten sollte von denen, dass man sich eher sogar Glieder abtrennen solle, um nicht mit Leib UND Seele in Gehenna zu verderben.

Wie sollen die Schriftgelehrten und Pharisäer dem Todeskult entrinnen? Jesus warnt sie, die sich loben, dass sie hunderte Gesetze einzuhalten in der Lage sind. Sie hoffen mit der Einhaltung dieser Gesetze Gottes Zorn über ihre Sündhaftigkeit zu beschwichtigen. So wollen sie Krankheit, Schicksalsschläge und Verluste fernhalten. Der Tod galt letztlich als die gerechte Strafe für die von Adam ererbte Sündhaftigkeit. Aber wie lebt man, wenn man immer die Todesstrafe vor Augen hat? Wenn das Leben ein einziger Todestrakt ist, der nur zu einem Ziel führt, dem Tod?

Jesus spricht aber nicht nur von Gehenna, sondern auch vom Hades, in den die Toten kommen. In dem Gleichnis von Lazarus und dem Reichen Mann, muss der Reiche im Hades furchtbare Qualen im Feuer erleiden, während Lazarus in Abrahams Schoß liegt:

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Hier spricht Jesus mit Metaphern. Metaphern, von denen es eine in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat, der sprichwörtliche „Abrahams Schoß“. Jesus spricht von „Feuer“ und „Qualen“, die der Reiche im Hades zu erleiden habe.

Bedeutet das, dass den Menschen faktisch genau dieses Schicksal ereilt … in Abrahams Schoß oder in den Flammen? Abrahams Schoß wäre arg voll, wenn Jesus hier von tatsächlichen Ereignissen spräche. Es geht in diesem Gleichnis um eine Veranschaulichung dessen, was Lazarus und den Reichen im Tod (also eigentlich der Vorstellung vom Tod) erwarten. Für den Reichen ist der sicher bevorstehende Tod ein ungeheuerlicher Verlust. Für ihn ist es das größte denkbare Grauen. All das Gute und Schöne verlieren zu müssen, dass er im Leben genießen durfte. Die Angst vor dem Tod macht so sein Leben sauer. Ganz anders Lazarus. Was hat er zu verlieren. Doch nur seine jämmerliche Existenz und seine Geschwüre. Wie sehr sehnt er den Tod herbei, als Erlösung von den unerträglichen Leiden. Wie sehr muss ihm, der in Verachtung und Depression leben muss, der Tod als Erlösung und Hoffnung erscheinen. Endlich Ruhe! Endlich Frieden!

Die Unterscheidung zwischen Hades und Gehenna ist keine zufällige. Zehn Mal gibt es den Hades im Neuen Testament:

Matthäus 11: 23 Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden. Denn wenn in Sodom die Taten geschehen wären, die in dir geschehen sind, es stünde noch heutigen Tages.

Matthäus 16:18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben.

Lukas 10:15 Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden.

Lukas 16:23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

Apostelgeschichte 2:27 Denn du wirst mich nicht dem Tod überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe.

Apostelgeschichte 2:31 hat er’s vorausgesehen und von der Auferstehung des Christus gesagt: Er ist nicht dem Tod überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen.

Offenbarung 1:18 Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 6:8 Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit Schwert und Hunger und Pest und durch die wilden Tiere auf Erden.

Offenbarung 20:13 -14 Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl. Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl.

Der Hades gilt als das Totenreich. Dieser Ort ist nichts weiter als ein Aufenthaltsort. Das wird nirgendwo deutlicher als im letzten zitierten Abschnitt der Offenbarung: „Der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus“ und dann(!) wurden sie „gerichtet“. Und „Wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl“. Dieser „feurige Pfuhl“ ist jedoch nicht der Hades. Und dieser feurige Pfuhl befindet sich auch nicht im Hades, sondern Hades und Tod selbst werden in den Feuersee geworfen.

Die Gleichnisse des Hades als Reich des (bevorstehenden) Todes ist eine Warnung vor der Vergottung des Genusses, des materiellen Reichtums, des Glücks im Hier und Jetzt um den Tod zu vergessen. Die Warnung vor Gehenna, ist die Warnung vor dem Wahnsinn eines Todeskults in dem selbst Kinder geopfert werden um einen Gott zu beschwichtigen.

Was bedeutet das für uns?

Es gibt ein Lied von Gerhard Schöne mit dem Titel „Die zurückgelassenen Kinder“. Hier werden die Kinder der Suche nach dem Reichtum geopfert. Das ist die Hölle. Wenn die Eltern ihre Kinder verlieren und erst zu spät merken, dass sie selbst zurückgelassen sind.

Diese Eltern haben dem Gott Mammon ihre Kinder geopfert und haben sich selbst damit nach Gehinnom gebracht. Wären sie ihrem Herzen, ihrer Liebe gefolgt, wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass sie das Wichtigste übersehen.

Es gehört viel dazu, eines Tages zu verstehen, was wirklich zählt. Immer sind wir auf der Suche nach dem Eigentlichen und opfern dabei verschiedensten Göttern. Im Neuen Testament wird ein Gott beschworen, der keine „Opfer“ zur Beschwichtigung mehr braucht, sondern der sich selbst geopfert hat um uns ein für alle Mal zu zeigen, was als einziges wirklich zählt: Die Liebe.

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Literaturhinweise:

Dimitris J. Kyrtatas „The Origins of Christian Hell“ Numen: International Review for the History of Religions 56 (2009) 282–297

Chaim Milikowski „Which Gehenna? Retrebution and eschatology in the synoptic gospels and in early jewish texts“ New Testament Studies Vol. 34, 1988, pp. 238-249