Es kehrt Ruhe ein. Die Zahl der Kommentare läßt nach, die Diskussionen versiegen. Mit einem ehemaligen Atheisten, der sich zum Glauben bekennt, ist die Diskussion nur dann spannend, wenn er zum Fundamentalismus übertritt, zu einem Fundamentalismus, den man als Atheist ja bekämpft.

Windelweiches Alltagschristentum ohne Hardlinerthesen und Höllenstrafendrohungen läßt sich nicht so schön angreifen. Eigentlich läßt es sich gar nicht angreifen. Die liberal-religiöse Haltung glitscht durch die Finger, die endlich ein kontroverses Argument zu fassen kriegen wollen.

Nein, ein lediglich metaphorischer Glaube ist kein lohnendes Feindbild.

Man ist sich ja einig in den Grundfragen: Übernatürliche gasförmige Wirbeltiere gibt es nicht. Gott ist eine Projektion. Religion ist Psychokram. Also wozu noch diskutieren?

Nun ja, der Furor der Neuen Atheisten richtet sich gegen den Glauben per se. Er greift die Religiosität in toto an. Schlecht ist der Glauben, weil er Menschen zur Unmenschlichkeit führt. Dass aber ausschließlich fundamentalistische Gläubige in der Riege der Terroristen und Terrorismusbefürworter zu finden sind, wird in dieser Diskussion unterschlagen.

Der Angriff der Neuen Atheisten, Dawkins, Dennet, Hitchens und Harris galt den fundamentalistischen Monstrositäten, nicht den positiven Aspekten liberal-aufgeklärten Christentums. Sie lasen die Bibel wörtlich, so wie Fundamentalisten es tun und sie zogen daraus ihr demagogisches Potential, so wie das heute die Demonstranten der Pegida tun, wenn sie ihre Forderung nach Abschaffung des Islam mit Terror und Krieg im Nahen Osten begründen – ohne psychosoziale Bedingungen zu berücksichtigen.

Die Argumentation der Neuen Atheisten ist tatsächlich abenteuerlich: Gott exisitert nicht – oder ist extrem unwahrscheinlich. God – the failed hypothesis. Also kann man schließen, dass jede Form von Religiosität von Übel ist, da sie einerseits zu Mord und Totschlag auffordert oder – wenn man das Geschriebene nicht wortwörtlich als historische Geschichtsschreibung oder totalitäres Gesetzbuch akzeptiert – wenigstens eine völlig unrealistische Weltinterpretation liefert.

Mein Irrtum – als ehemaliger Neuer Atheist – ist der Irrtum aller Atheisten. Gott ist nicht die Karikatur, die fundamentalistische Christen und fundamentalistische Atheisten aus ihm machen wollen. Aber nur die Karikatur läßt sich wahlweise als Strohmann angreifen oder als Goldenes Kalb verehren.

Damon Linker hat das in “THE WEEK” exakt ebenso beschrieben


“The faith that the New Atheists set out to mock, refute, and dispel was invariably the least impressive, least informed, least sophisticated, most easily dismissed form of the world’s great religious traditions. If faith for you is believing in the most scripturally literalistic, doctrinally fundamentalist, ahistorical, credulous, theologically illiterate variant of devotion, well, then Harris-Dawkins-Hitchens probably rocked your world. But as any reader with even a cursory religious education discovered by about page 3 of any of their books, the not-great God of the New Atheists was nothing more than a big old Straw Man in the Sky.”

Es ist eine mühevolle Aufgabe, diesen beiden Seiten wieder und wieder zu vermitteln, dass dieser “Gott des Gemetzels” nicht der Gott des Evangeliums ist. Die Autoren des Neuen Testaments richteten sich vehement gegen diese Vereinfachungen.

Denn gerade gegen diese einseitigen Bilder Gottes richtet sich die differenzierende Botschaft Jesu. Gott läßt sich nicht in Worte fassen und nicht begreifen. Gott läßt sich nur empfinden. Und diese Kraft spürt man – auch als Atheist – wenn man sich auf religiöse Praxis einläßt.

Ich hatte in einem früheren Posting geschrieben, dass ich erst allmählich erkannt habe, dass man die Bibel nicht nur wörtlich lesen kann, sondern dass die Texte unterschiedliche Interpretationsebenen haben können. Muriel und ke konnten das nicht verstehen. Ungläubig fragte ke:

    War dir in all den 3½ Jahren, die du dich hier im Blog intensiv mit Religion beschäftigt hast, etwa nicht aufgefallen, dass man religiöse Texte nicht als Tatsachenbeschreibungen lesen muss? O_O

Und Muriel schrieb sarkastisch:

    Ohja, das muss hart sein, wenn man religiöse Texte nicht versteht. Glückwunsch zu dem Erfolg!

Ja. Ich habe die Texte der Bibel nur als historische Tatsachenbeschreibung und als sich auf den Tatsachen gründende moralische Imperative gelesen. Dass es noch andere Textebenen gibt, hat sich mir erst durch den Besuch von Gottesdiensten erschlossen.

Im Grunde funktioniert die Botschaft der Bibel wie unsere alltägliche Kommunikation auf verschiedenen Ebenen. Jeder der gebildeteren Leser kennt sicher das sogenannte Vier-Seiten-Modell der Kommunikation. Hier wird gesagt, dass mit jeder Aussage, die Menschen zu anderen Menschen machen immer vier Botschaften verbunden sind: Eine einfache Sachbotschaft, eine Beziehungsbotschaft, eine Selbstauskunft und ein Appell.

Am Beispiel von Schulz von Thun zitiert nach Wikipedia:

Um Kommunikation zu beschreiben, die durch Missverständigung auf den verschiedenen Ebenen gestört wird, beschreibt Schulz von Thun als Beispiel die folgende Situation: Ein Mann und eine Frau sitzen beim Abendessen. Der Mann sieht Kapern in der Soße und fragt: „Was ist das Grüne in der Soße?“ Er meint damit auf den verschiedenen Ebenen:

Sachebene: Da ist was Grünes.
Selbstoffenbarung: Ich weiß nicht, was es ist.
Beziehung: Du wirst es wissen.
Appell: Sag mir, was es ist!

Die Frau versteht den Mann auf den verschiedenen Ebenen folgendermaßen:

Sachebene: Da ist was Grünes.
Selbstoffenbarung: Mir schmeckt das nicht.
Beziehung: Du bist eine miese Köchin!
Appell: Lass nächstes Mal das Grüne weg!

Die Frau antwortet gereizt: „Mein Gott, wenn es dir hier nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen gehen!“

In etwa nach demselben Prinzip funktioniert die biblische Botschaft. Es gibt einen sogenannten “Vierfachen Schriftsinn”.

Bibelstellen lassen sich demnach nicht nur buchstäblich als konkrete historische Aussagen verstehen, sondern können auch als allegorische Aussagen über die Glaubenswirklichkeit, moralisch als Handlungsanweisung für den Glaubenden oder anagogisch als Ausdruck der Hoffnung gelesen werden.

Literalsinn = wörtliche, geschichtliche Auslegung
Typologischer Sinn (Interpretation „im Glauben“) = dogmatisch-theologische Auslegung
Tropologischer Sinn (Interpretation „in Liebe“) = gegenwärtige Wirklichkeit einer Einzelseele
Anagogischer Sinn (Interpretation „in Hoffnung“) = endzeitlich-eschatologische Auslegung

Kombiniert mit dem Vier-Seiten-Modell sieht das so aus:

bible

Sachebene = Literalsinn: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Typologischer Sinn = Beziehung: Moses hat uns Gottes Gesetz gegeben. Aber Gott ist mehr. Ich bin mehr. Du bist mir mehr.
Tropologischer Sinn = Appell: Mach Dich mit mir auf den Weg zur Wahrheit und zum Leben!
Anagogischer Sinn = Selbstoffenbarung: Ich kann – und werde – Dich erlösen.

Man kann diese Ebenen natürlich – wie im Vier-Seiten-Modell – auch mißverstehen:

Sachebene = Literalsinn: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Anagogischer Sinn = Selbstoffenbarung: Ich bin ein größenwahnsinniger Wanderprediger und halte mich für die Antwort auf alle Fragen.
Typologischer Sinn = Beziehung: Du bist mein armes Opfer.
Tropologischer Sinn = Appell: Verehre mich, damit ich berühmt werde und eine jahrtausende währende, weltumspannende Religion gründen kann.

Und in diesem Kontext wird wichtig, welche Beziehung wir zu der biblischen Figur des Jesus haben. Es wird wichtig, wie seine Geschichte verlaufen ist. Ist er mächtig, hochbetagt, reich und allgemein verehrt und gewürdigt gestorben, wie es einem erfolgreichen Religionsgründer zukommt – oder ist er elendiglich an einem Holzbalken genagelt verreckt? Sagt er uns, dass wir nur wenn wir schön, reich und berühmt sind, glücklich sein werden und verspricht er uns den Weg dahin? Oder verspricht er etwas anderes …

Ich war ein klassischer A-theist. Ich bin nicht religiös erzogen worden, eher antireligiös-naturwissenschaftlich. Weltanschauliche Fragen spielten in meiner Kindheit und Jugend kaum eine Rolle. Es gab nicht einmal einen Ethik-Unterricht an meinem Gymnasium. Umso größer war meine Neugier. Ich wurde von den Bibliothekarinnen der örtlichen Bibliothek an ein kleines Regal mit philosophischen Schriften geführt, als ich mich für Weltanschauungsfragen zu interessieren begann.

Ich wollte immer wissen, wozu leben wir?
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Sam Harris wollte Noam Chomsky zu einer Debatte zwingen. Noam Chomsky hatte nämlich öffentlich behaupet, Harris sei ein “religiöser Fundamentalist“:

Sam Harris, der als einer der “Vier apokalyptischen Reiter” des Neuen Atheismus gilt und der gegen die Religiosität im Allgemeinen und den muslimischen Fundamentalismus im Besonderen zu Felde zieht, wollte das nicht auf sich sitzen lassen und forderte Chomsky zur Debatte.

Chomsky hatte keine Lust. Er begründete das in einer Email. Sam Harris reichte das nicht. Er schrieb zurück und warf Chomsky dabei allerlei vor – unter anderem die Unterstützung muslimischer Fundamentalisten. Aus diesen Vorwürfen speiste sich dann eine längere Diskussion.

Den Mailverkehr (->Link) hat Sam Harris dann veröffentlicht, um die Öffentlichkeit entscheiden zu lassen, wer hier der Arsch ist. Und die Öffentlichkeit ist sich einig: Harris ist ein Idiot.

Er hatte nämlich behauptet, entscheidend für die Bewertung eines Verbrechens sei allein das Motiv des Täters und nicht die Zahl der Opfer. So seien die Anschläge vom 11.September ein monströses Verbrechen, das heftigste Gegenwehr rechtfertige, da die Motive der “gottesvergifteten Soziopathen” die falschen gewesen seien.

Die Bombardierung einer Medikamentenfabrik im Sudan durch die Clinton-Regierung im Jahr 1998, mit hunderttausenden Opfern, sei jedoch gerechtfertigt dadurch, dass Clinton in bester Absicht gehandelt habe … schreibt Sam Harris von einem Schreibtisch in den USA aus.

Die außenpolitische Naivität von Sam Harris ist herzerfrischend – aber zeigt auch, wie weit er von grundlegensten Einsichten in ethische Fragestellungen entfernt ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Sam Harris mit intellektuellen Riesen anlegt und kläglich scheitert. In seinem Buch “The Moral Landscape: How Science Can Determine Human Values” versucht er zum Beispiel nachzuweisen, dass “Humes Gesetz” nicht gilt und dass man keinem “Naturalistische Fehlschluss” unterliegt, wenn man aus dem Sein ein Sollen ableiten will indem man naturwisschenschaftliche Forschung zur Grundlage ethischer Aussagen macht.

Viele Menschen werden, sind und bleiben Atheisten – oder sogar Antitheisten – weil sie nicht akezptieren können, dass Gott uns leiden läßt. Ein Gott, der derartiges Leid in unserem Leben und in dieser Welt zuläßt, kann kein guter Gott sein … oder er existiert schlicht nicht.
Epikur soll dieses Problem in folgende Worte gefasst haben:

    Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
    Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
    Oder er kann es und will es nicht:
    Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
    Oder er will es nicht und kann es nicht:
    Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
    Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
    Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

Es gibt verschiedene Lösungs- und Klärungsversuche dieses Problems. Man kann sich diesbezüglich bei Wikipedia einlesen. Ich persönlich ziehe folgende Lösung vor:
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Die Bibel

Mai 7th, 2015

Ich hatte Muriel versprochen, dass ich erkläre, was ich früher nicht erkannt habe, und was ich jetzt wisse, was an der Bibel so fein sei.

Ich habe die Bibel früher gelesen wie einen Tatsachenbericht. Ich habe angenommen, dass da historisch nachweisbare Fakten eindeutig beschrieben werden. Oder dass es Leute gibt, die das wenigstens glauben und behaupten. Ich habe angenommen, der Schöpfungsbericht werde von den meisten Christen entweder wörtlich geglaubt oder gar nicht. Entweder man belächelt es – auch als Christ – was da steht und distanziert sich souverän … oder man glaubt allen Ernstes, dass es vor 4000 Jahren ein Paradies gegeben hat, aus dem unser aller Ururgroßeltern Adam und Eva vertrieben wurden.

Ich nahm an, dass Christen entweder glauben, dass Moses mit einem brennenden Dornbusch gesprochen hat … oder das sie annehmen, dass er schizophren gewesen sein muss.

Ich nahm an, dass Christen – und ja wohl auch Juden – entweder glauben, dass Moses wirklich und wahrhaftig das Meer geteilt hat und dass er von Gott die Gesetzestafeln dikitert bekommen habe … oder dass sie glauben, dass das halt im Alten Testament steht und nicht mehr wahr ist und ja jetzt sowieso das Evangelium gelte.

Ich nahm an, dass Christen endweder wirklich glauben, dass es eine Sintflut gegeben hat, dass Lot’s Weib zur Salzsäule erstarrte und dass in Sodom und Gomorrha der Teufel los war … oder dass sie es als ungültigen und unglaubwürdigen Mythos der dummen Vorfahren abtun.

Ich nahm an, dass Christen entweder ernsthaft und wirklich glauben, dass Jesus Kranke duch Handauflegen und Besprechung geheilt hat, dass sie glauben, dass er für “unsere Sünden” gestorben und wahrhaftig auferstanden sei… oder das einfach als unglaubwürdig ignorieren. Ich habe das Konzept der Sünden nicht verstanden und das Konzept der Auferstehung schon gar nicht. Von Trinität und Transsubstantiation ganz zu schweigen.

Ich nahm an, als Christ muss man diesen unverständlichen Unfug entweder schlicht und einfach blind glauben und sich das wider jeden gesunden Menschenverstand einbleuen … oder man tut es als Folklore und Verrücktheiten von ein paar abgehobenen Klerikern ab.

Die meisten Christen können oft die einfachsten theologischen Selbstverständlichkeiten nicht verstehen und bezeichnen sie schlicht als unverständlich. Sie verweisen stattdessen auf das Vorbild Jesu und die Zehn Gebote. Vielleicht tausend Mal habe ich von Christen wie Atheisten schon gehört: Jaaaa, die Zehn Gebote. Wenn sich die Leute nur daran hielten, da wäre die Welt schon viel besser.

Ich habe im Neuen Testament bei Lukas gelesen, dass Jesus sagt: “Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde – bringt sie her und schlachtet sie vor meinen Augen ab!”

Der Religionsstifter des Christentums als brutaler Mörder? Wie ist das möglich? Wieso wird dieser Vers in keinem Gottesdienst verlesen? Wieso weiß das kein normnaler Christ. Da muss man doch was machen!

Die meisten Christen kannten den Vers nicht. Sie kannten das Gleichnis, waren aber von der Deutlichkeit überrascht und teilweise entsetzt. Sie distanzierten sich.

Und das ist ein Symptom für das Problem auf das man häufig im Staatschristentum trifft. Alle sprechen davon, alle identifizieren sich und sehen sich als legitime Vertreter … aber nur sehr sehr wenige haben auch nur den blassesten Schimmer.

Und so entstand der Eindruck, dass man all den unverständlichen Quark blind glauben muss, weil das ja die meisten tun … oder man kann sich zwar Christ nennen, weil sie so einen guten Ruf haben und Karriereoptionen ermöglichen. Aber wirklich und wahrhaftig steckt da keine Wahrheit drin.

Aber da hatte ich weit gefehlt.
ath
Ich ließ die Bibel liegen und dachte mir, dass das ja alles schön und gut sei, aber es gäbe da noch etwas, das mich bewegte und das war der Lebensstil wirklich überzeugter Christen. Diese Klarheit, Ruhe, Freundlichkeit, Geduld, Beharrlichkeit imponierte mir. Das gemeinsame Singen und Beten, das gemeinsame Arbeiten und füreinander einstehen gefiel mir. Die Bereitschaft zum Gespräch und zur Auseinandersetzung tat mir wohl und ich dachte, vielleicht kann man all das Gute ja auch lernen, ohne den Humbug stumpf glauben zu müssen.

Ich besuchte die Gottesdienste eines sehr klugen Pfarrers und wollte mir abgucken, was diese Christen machten und wieso es wirkte und ich machte einfach mit. Und ich hörte die Predigten und die Gebete und sang die Lieder. Ich stand auf und setzte mich hin. Sonntag für Sonntag und Predigt für Predigt wurde mir mehr und mehr klar, dass ICH gemeint bin. Von Mal zu Mal gingen mir die Augen mehr und mehr auf. Hier ging es um MEIN LEBEN. Das war ich, den der Pfarrer da vorn auf der Kanzel ansprach. Und mir wurde klar, dass die Worte der Bibel Gleichnisse(!) für unser Leben im Hier und Jetzt sind. Dass sie nicht wie Tatsachenberichte, nicht wie Erlebnisse fremder Menschen zu lesen sind, sondern als Beschreibung MEINES EIGENEN LEBENS.

Diese Erfahrung gipfelte in einem Gottesdienst in meiner kleinen Dorfkirche. Hier wurde in der Predigt von dem “Eunuchen der Kandake” gesprochen. Einem Mann, der alles hatte. Einem Mann, der reich und sehr einflussreich war. Einem Mann, der seinem Beruf alles geopfert hatte, sogar die Möglichkeit, Kinder zu zeugen. Dieser Mann hatte sich auf den Weg nach Jerusalem in den Tempel gemacht, um dieses Buch, die Bibel, von dem alle sprachen, zu verstehen, aber auch im Tempel wurde es ihm nicht klar und so klug wie zuvor reiste er ab.

Auf seinem Weg begegnete er Philippus, der von Gott gesandt war. Und Philippus fragt den Eunuchen, der in der Bibel las, ob er denn verstehe was er da lese und der Eunuch sagte, dass er niemanden habe, der ihm das sagen könne. Und da erklärte Philippus ihm die Bibelstelle und macht ihn mit dem Evangelium vertraut … und ich war wie vom Donner gerührt. DAS WAR ES.

Ich hatte einen guten Job, ich verdiente gut aber ich hatte mich entfremdet. Hatte keine Zeit mehr für andere Dinge. Ich gehörte allein meiner Arbeit. Und ich las die Bibel. Ich versuchte das Christentum zu verstehen aber ich verstand es einfach nicht. Ich las und dachte nach. Ich fragte mich und andere, Berufene. Aber da kam nichts. Keine Resonanz. Und dann traf ich meinen Philippus. Und der erklärte mir, wie das, was da steht, zu deuten ist und mir gingen die Augen auf und das Herz über. Ich hatte verstanden, dass das Geheimnis des Glaubens groß ist. Und dass man viel über den Glauben wissen kann, ohne im Glauben zu stehen. Dass man sich als Glaubender bezeichnen kann, ohne einer zu sein. Und ich verstand, dass Glauben eine Gnade ist. Eine, die man sich nicht erarbeiten kann, sondern die gewährt wird, wenn es an der Zeit ist.

Und bei mir war es höchste Zeit …

Ungerechtigkeit

Mai 1st, 2015

Ich habe mir gestern, zur Feier des Tages, den Film “Kingsman” angeschaut. Das ist eine spannende und lustige Agentenkomödie. Ein Film, der durchgehend unterhält und nicht langweilig wird. Es gibt ein paar Seitenhiebe auf das Genre und ein paar neue Ideen, aber im Grunde ist das ein solide gemachter Unterhaltungsfilm mit einer Prise Verschwörungstheorie. Read the rest of this entry »

Dank

April 29th, 2015

Ich habe eben noch einmal eine Mail an alle geschickt, die hier auf dem Blog schon mal mitdiskutiert haben. Ich wollte nur kurz sagen, dass ich wieder da bin.

Heiko hat die “frohe Botschaft” gleich weiter gegeben. :-)

Und beim Schreiben der Mail fiel mir auf, dass hier schon richtig viel los war. Hunderte(!) Leser haben hier schon mitdiskutiert. Und unendlich viel Zeit haben sie hier investiert, um mit mir zu schwatzen. Und sie haben mich dabei (und vielleicht auch sich selbst) ein ganzes Stück weiter gebracht.

Hierfür wollte ich einmal grundsätzlich Dank sagen!

In den letzten 5 Jahren hat mir das Blog gefehlt. Mir haben die Diskussionen gefehlt. Die Auseinandersetzungen, die Sprüche, der Streit, der Spaß am Argument. Ich habe sehr intensiv gelebt in dieser Zeit. Aber jetzt ist die Zeit, all das was ich erlebt habe und all die Ideen und Erkenntnisse die ich hatte, einmal systematisch aufzuschreiben.

Ich will das, was ich gedacht und erkannt habe, zur Diskussion stellen. Ich schreibe ein Buch darüber und ein großer Verlag hat mir auch schon die Veröffentlichung sondiert. Deshalb hoffe ich auf eine ebenso lebendige Auseinandersetzung wie vor meiner Verwandlung, damit es ein gutes und wahres Buch wird.

Und die Diskussion hat ja auch schon gut angefangen. Hierfür danke ich ke, Muriel, Nemesis, Alderamin, Spritkopf, Adent und nicht zuletzt dem Kollegen cimddwc. Schön, dass Ihr da seid, Leute.

Nachtrag:

Nachdem auch Christian Reinboth und Lars Fischer auf die Neuigkeit aufmerksam geworden sind, ist hier sehr viel los und es entspinnt sich auch die Diskussion, ob der Account gehackt wurde oder von einem Unbefugten genutzt wird:

Zum Thema Hack hat Florian auf seinem Blog Astrodicticum simplex geschrieben:

“Also der Autor dieses Blogartikels und des sapere aude Blogs ist lebendig und war das auch immer. Ich kenne/kannte ihn ja persönlich. Das die “Todesmeldung” nur im übertragenen Sinne gemeint war, habe ich aber auch erst längere Zeit danach erfahren. Ich hab ihn aber auch schon seit knapp 3 Jahren nicht mehr gesehen und kann nicht sagen, was ihn motiviert hat, jetzt wieder online aktiv zu werden.”

Im letzten Posting zum Thema, habe ich versucht klar zu machen, dass “Gott” ein subjektives Phänomen ist. Trotzdem werden in der Diskussion objektive Beweise gefordert oder lächerliche Definitionen geliefert die sich selbst ad absurdum führen.

Deshalb hier noch einmal ganz deutlich:

Der Begriff “Gott” ist eine Chiffre, ein Symbol, ein Heurismus eine Zusammenfassung unterschiedlicher Phänomene menschlichen Erlebens (!) Deutens und Verstehens.

Auch der Versuch der Objektivierung ist ein rein menschliches Phänomen. Gläubige wie Atheisten versuchen den subjektiven Erlebnisbegriff zu einem Objekt, einem Gegenstand zu machen, so wie das auch Antitheisten tun. Bei fundamentalistischen Theisten wird dieser Gegenstand dann meist irreal gut und schön dargestellt … bei Antitheisten wird eine absurde Karikatur präsentiert.

Beide, Atheisten wie Theisten, versuchen einander wechselseitig zu beweisen wie schön oder wie häßlich die von ihnen aufgebaute Figur (Goldenes Kalb vs. Popanz/Strohpuppe) doch ist. Da sie jedoch nicht objektiv außerhalb subjektiven Erlebens existieren und das jeweilige Gegenteil nicht bewiesen werden kann, halten sich fundamentalistische Theisten wie Atheisten ihre jeweiligen Zerrbilder vor.

Aber eine objektive Definition Gottes verbietet sich. Es gibt keinen “objektiven” im Sinne von physikalisch vorhersag- und meßbaren Gott. Gott ist subjektiv. Gott ist ebenso subjektiv wie das Phänomen der Freiheit oder das der Liebe. Es handelt sich hierbei um kollektiv geteilte subjektive Erlebnisinhalte. Diese sind nicht objektivierbar, was zu Paradoxa führt, z.B. wenn man nach “Willensfreiheit” fragt. Diese macht “objektiv” keinen Sinn, aber subjektiv schon.

Liebe und Freiheit sind insofern “objektiv” weil sie offenbar im Menschen existieren und erlebbar sind, aber man kann sie nicht sehen, nicht anfassen und sie sind nicht mittels physikalischer Meßmethoden zu erfassen. Man kann Liebes- oder Freiheitsgefühle auslösen und sogar psychophysiologisch messen, aber was sie für das Individuum BEDEUTEN, läßt sich nicht messen, sondern nur durch einen anderen Menschen VERSTEHEN.

Und genau so verhält es sich sich mit Gott. Einem von Geburt an blinden Menschen ist nicht vermittelbar, was die Farbe rot bedeutet. Sie ist beschreibbar und auch ein Blinder könnte, vermittelt durch technische Apparaturen, Rotschattierungen erzeugen und messen, aber das Erlebnis der Farbe rot in dem roten Kleid einer schönen Frau oder roten Rosen, im Rotlichtviertel oder in anderen unterschiedlichsten Kontexten ist für einen Blinden nur schwer, wahrscheinlich sogar gar nicht – also auch nicht durch nicht visuell vermittelte Metaphern – nachfühlbar.

Der Begriff “Gott” steht also für ein Erlebnis, eine Wahrnehmung, eine bestimmte Form menschlichen Denkens und Fühlens. Dies ist so kulturspezifisch wie z.B. die Präferenz für einen bestimmten Musikstil. Menschen die am Bosporus leben, bevorzugen andere Musik als Menschen am Rhein. So wie sie auch unterschiedliche Gottesvorstellungen haben, die sich in unterschiedlichen Religionen manifestieren. Oft ist ein bestimmter Musikgeschmack durch die Eltern beeinflusst … so wie das Gottesbild.

Das ändert jedoch nichts an dem generellen Phänomen Musik. Es existiert. Objektiv. Aber das Musik-“Erlebnis” ist subjektiv.
Religion existiert objektiv. Aber die Erlebnisinhalte sind subjektiv, zwischenmenschlich und setzen eine bestimmte Empfänglichkeit voraus.

Gott ist also nicht definitiv x oder definitiv y. Die Nutzung des Begriffes “Gott” ist der Versuch der Integration verschiedener menschlicher Erlebnisinhalte.

Aber wie kann man mit einer “Einbildung” reden?

Gott ist keine “Einbildung”. So wenig wie Liebe und Freiheit oder Ich, Es und Überich Einbildungen sind. Diese Begriffe sind Heurismen die Menschen, die Kommunikation über das mit diesen Phänomenen erlebte zu erleichtern. Wenn man liebt, verhält man sich in einer Weise, die andere Menschen nachvollziehen können, die das Gefühl kennen. So ähnlich verhält es sich mit Freiheit … und auch mit Gott.

Das Gebet erleichtert und verbindet. Religiöse Rituale können sich gut anfühlen und sehr glücklich machen. Religiöse Texte und Predigten können auf Dinge aufmerksam machen, emotionale Verwicklungen lösen und befreien.

Religion ist im Grunde Psychotherapie für Gesunde (aber dazu im nächsten Posting mehr).

Ich habe ja in vielen hunderten Posts und Kommentaren dafür argumentiert, dass es mit absoluter Sicherheit keinen Gott gäbe und dass ich das sogar beweisen könne. Und das kann ich in der Tat noch immer. Ich kann eine beliebige Sache als “Gott” bezeichnen und sie dann zum Beispiel zerstören und anschließend mit Fug und Recht behaupten, sie existiere nicht.

Auch Martin Luther, der große Reformator und Bibelerklärer, sagte, dass Gott im Prinzip beliebig definiert sei. Jeder hat seinen eigenen Gott. Luther meinte, dass das was der Mensch am meisten verehrte und heilig hielte, das sei sein Gott.

    Das muss ich ein wenig grob ausstreichen, dass mans verstehe und merke an gemeinen Exempeln des Widerspiels. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube. Also auch, wer darauf traut und trotzt, dass er große Kunst, Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten, einigen Gott. Das siehst du abermal dabei, wie vermessen, sicher und stolz man ist auf solche Güter, und wie verzagt, wenn sie nicht vorhanden oder entzogen werden. Darum sage ich abermal, dass die rechte Auslegung dieses Stückes sei, dass einen Gott haben heißt: etwas haben, darauf das Herz gänzlich traut.

Der große Katechismus Martin Luthers

Übersetzt heißt das, z.B. dass man Geld für das bedeutenste und wichtigste in der Welt halten, es verehren und anbeten kann. Dann ist eben das “Gott”. Oder man kann die Familie für das allerwichtigste auf der Welt halten. Oder seine eigene Gesundheit.

Man beginnt dann, dieser Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ihr viele Opfer zu bringen. Dem Geld bringt man zum Beispiel seine Gesundheit zum Opfer. Der Gesundheit wiederum sein Geld. Und der Familie opfert man beides. Und man hat Angst, dass einem diese Sache genommen werden könnte, deshalb kämpft man für Erhalt und Mehrung. Und man kann nie genug davon bekommen. Hat man Geld, will man noch viel mehr Geld, hat man Familie, will man noch mehr davon möglichst lange, hat man Gesundheit, ist einem das kleinste Zipperlein schon intolerable Krankheit.

So entsteht ein “Abgott”. Ein goldenes Kalb, das man schon aus dem Alten Testament kennt.

Gesellschaftlich kann so ein wunderbares “goldenes Kalb” zum Beispiel die “Vollbeschäftigung” sein, der alles geopfert wird, auch Gerechtigkeit (Reiche werden nicht besteuert, da ihr Kapital wie ein “scheues Reh” verschwinden könnte, wenn es sich zu sehr in Gefahr sieht) oder die Gesundheit (exponentielle Zunahme von Burnouterkrankungen).

Was also ist Gott?

Gott ist das, was von einer Gruppe von Menschen als “Das Wichtigste” definiert wird. Eine Sache die verehrt und für “heilig”erklärt und auch so wahrgenommen wird. Aber nicht nur! Es ist eine Sache, an die man sein Herz hängt. Eine Sache zu der man Zuflucht nimmt, wenn man sonst scheitert.

Also ist es ein Hirngespinst?

Ja … und nein. Wenn man z.B. die christliche Philosophie von “Mitgefühl und Nächstenliebe, Schuldvergebung, Angstbefreiung und Unsterblichkeit” in der Person von Jesus Christus und dem Mythos von Tod und Auferstehung zum Wichtigsten erklärt und sie sozusagen “vergöttert” und ihr Opfer bringt, dann kann das in einer Gemeinschaft von Menschen (in Form des sogenannten “Heiligen Geistes”) sehr große Auswirkungen haben … die dann auch physisch spürbar werden. Insofern wird Gott dann sehr(!) real.