Ist die Bibel = Gott?

Juni 11th, 2017

Christliche Fundamentalisten streiten noch heute über die Bedeutung der Bibel. Ist die Bibel der einzige zuverlässige Stellvertreter Gottes auf Erden? Oder kann man Gott auch direkt und unvermittelt durch Bibel ohne alle menschliche Autoritäten nahekommen? Vor 500 Jahren, im Zuge der aufbrechenden Reformation, begann diese Diskussion bereits. Und wir können aus damaligen Erkenntnissen noch heute viel lernen.

Im Zuge der Reformation traten plötzlich Prediger hervor, die – wie Luther – das Papstkirchentum ablehnten aber, noch einen Schritt weiter gingen, sie stellten sogar weltliche Macht infrage. Soweit wollte Luther nie gehen, profitierte er doch in erheblichem Maße von den Fürsten und ihren Gütern und ihrer Macht. Da wo Luther eine sogenannte Zwei-Reiche-Lehre installierte, die für sich genommen durchaus ein Fortschritt zur bisher betriebenen Einheit von Kirche und Staat war, ging dies manchen nicht weit genug.

Volksprediger wie Andreas Bodenstein genannt Karlstadt waren der Ansicht, dass man Gott nicht nahekäme, wenn man besitzend sei und dass man allen Götzendienst – auch den des Mammons und der Macht – beseitigen müsse. Karlstadt war der Doktorvater Luthers. Luther wurde später sein erbitterter Gegner und vertrieb ihn aus Thüringen. Denn Karlstadt war ihm zu schwärmerisch, forderte er doch, dass man sich aller Äußerlichkeiten entledigte und Gott direkt, ohne Vermittlung durch Bibel oder Autoritäten nahekommen könnte.

Luther machte sich über Karlstadt in seiner bekannten Schrift: „Wider die himmlischen Propheten“ lustig:

Was Luther hier als offenbaren Blödsinn abtut, ist der Kern einer mystischen Kontemplationspraxis, die sich auch in anderen Kulturen wiederfindet und bis heute unter dem vieldeutigen Begriff „Achtsamkeit“ firmiert. Die sogenannte Achtsamkeit ist heute eine der besterforschten psychotherapeutischen Maßnahmen, die jede Art psychischer Störungen und Süchte behandeln hilft.

Haben die „himmlischen Propheten“ der Reformationszeit etwa eine wirksame Psychotechnik entdeckt? Für Karlstadt geht es selbstverständlich um mehr. Es geht darum, dass die Heilige Schrift überhaupt erst lesbar ist, wenn man einen entsprechenden Geist mitbringt. Der bloße Buchstabe ist nichts. Und so stellt er in seiner Schrift über die „Gelassenheit“ fest:

Unterschied zwischen Gelassenheit und Ungelassenheit:

Ich wähnte ein guter Christ zu sein, weil ich tiefe und schöne Sprüche aus Jeremia klaubte und sie zur Disputation, Lektion Predigt oder anderen Reden uns Schreibereien behielt. Das sollte Gott über die Maßen wohl gefallen. Aber als ich mich recht besann und bedachte, fand ich, dass ich weder Gott erkannt, noch das höchste Gut als Gut liebte. Ich sah den geschaffenen Buchstaben, den ich erkannte und liebte, in dem ich ruhte und der mein Gott war und merkte nicht, dass Gott durch Jeremia gesprochen hatte:

„Die mein Gesetz halten, die erkennen mich nicht und haben auch nicht nach mir gefragt.“ (Jeremia 2).

Sieh da, wie kann einer das Gesetz Gottes behandeln und halten und Gott weder erkennen, noch nach ihm fragen? Den Buchstaben erkennt einer wohl oder hat Lust in ihm, aber Gott erkennt er nicht. Wenn einer mit Liebe und Lust im Buchstaben steht, dann die Feinde der Gottessöhne, die von Gott getrieben werden, nicht vom Buchstaben.

Ja, diese Weisheit ist vermaledeit und es ist keine göttliche, sondern eine menschliche Weisheit über welche Gott spricht:

„Weh denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug“ (Jesaja 5)

Was ist diese Weisheit anderes als eine Weisheit in Menschenaugen, wenn die Schrift und andere Kreaturen (aus welchen wir Gott erkennen und lieben sollten) zu unserer Lust beitragen und wenn wir etwas vor einem anderen wissen wollen, als leider viele Laien jetzt die Schrift fassen und lernen, dass sie in Zeichen wohl leben und reden, etwas vor einem anderen wissen, ist das nicht Weisheit in unseren Augen, frag Dein Herz und antworte mir! Ist das nicht eine verfluchte Weisheit? Lies Jesaja, Paulus und Christus und merk, dass du nicht Gott suchst, sondern dich. Dann mußt Du in dein Herz hören dass Christus zu einem gleichen Fall sprach:

Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.

Was Karlstadt hier feststellt, ist dass die Einsicht und Erkenntnis dem Buchstaben selbst voraus gehen. Nur wer den christlichen Geist in sich trägt, kann auch den Sinn der Worte und Gedanken erschließen. Auch ohne den Geist Gottes kann man selbstverständlich Worte, Sätze, Verse aus der Bibel entnehmen und miteinander abwägen und in Beziehung setzen und Vers gegen Vers ausspielen. Ein Spiel, das derjenige gewinnt, der mehr Verse, verblüffend für den Gegenüber aus dem Gedächtnis abrufen und in die Disputation einführen kann.

Aber es steckt eine Eitelkeit in dieser Bibelkenntnis. Die Eitelkeit, die Bibel besser zu kennen als jeder andere und sich mit diesem Fleiß in die Nähe Gottes zu rücken.

In seiner Schrift von der „Gelassenheit“ stellt Karlstadt aber fest, dass man auch von dieser Eitelkeit lassen sollte, so wie man von allen anderen Eitelkeiten – wie Besitz, Macht, Schönheit, Klugheit – lassen sollte, um Gott wirklich nahe kommen zu können. Die Voraussetzung für die Möglichkeit Gott hereinzulassen, ist die innere Leere und Befreiung von aller weltlichen Ablenkung. Wenn der Geist mit Sorgen und Ängsten beschäftigt ist, wenn er nach Dingen giert und sich in irdischen Träumen verliert, kann Gott keine Wohnung finden. Wenn der Geist mit einer erbitterten Diskussion um den richtigen Bibelvers beschäftigt ist, kann Gott keine Wohnung finden.

Davon sprach Karlstadt, wenn er von der Langeweile sprach. Es ist für die meisten Menschen sehr sehr schwer, sich der Langeweile auszusetzen. Wer schafft es schon, länger als 10 Minuten einfach zu sitzen, ohne seinen Geist mit irgendetwas zu beschäftigen. Sitzt man länger kommen viele Gedanken und Gefühle, die oft sehr unangenehm sind und die man am liebsten vermeiden möchte. Und viele tun das, durch Gebet oder Bibelstudium. Kommen Angst und Not auf, wird schnell zur Bibel gegriffen.

Aber schafft man es die Schwelle der Angst und der Not zu überwinden und in einen Zustand echter Gelassenheit zu geraten, der Freiheit von aller Eitelkeit und Angst, kann Gott Wohnung nehmen und zu uns sprechen. Und die Erkenntnis die man in diesem Zustand erlangt, findet man dann auch in der Bibel bestätigt. Verschlüsselt zwar … aber nie ist das Gefühl stärker, dass dann Gott auch im Wort zu einem spricht.

Was Karlstadt verstand, verstehen wir auch heute:

Der Spiritualismus der Reformationszeit ist die Charismatik der Neuzeit. Biblische Rationalisten kämpfen heute mit dem Buchstaben des Gesetzes gegen die Gefühlsduselei der pfingstlerischen Spiritualisten, weil sie all diese Emotionalität nicht verstehen und meist beängstigend finden.

Gott ist aber nicht im Buchstaben und im cleveren Umgang mit biblischen Zitaten zu finden. Er ist nämlich schon da. In Dir. Und Du mußt dich ihm nur öffnen und ihm zuhören und dann findest seine Stimme auch in der Bibel.

Warum?

Juni 3rd, 2017

Die bedeutenste Frage, die ich mir eigentlich täglich stelle ist:

„Bin ich überhaupt wertvoll?“

Und ich versuche mir diese Frage zu beantworten, indem ich auf die Blicke der Menschen achte, denen ich begegne. Schauen sie sie mich an oder schauen sie an mir vorbei? Oder schauen sie vielleicht sogar angeekelt weg. Warum schaut diese schöne Frau nicht zurück? Und warum starrt mich diese häßliche alte Frau stattdessen so an? Wenn mich keine der schönen Frauen, denen ich auf der Straße begegne, angeschaut hat, bin ich dann wohl unattraktiv und somit wahrscheinlich wertlos.

Und wie ist es mit der Kollegin, die ich etwas frage und die mich in scharfem Ton zurechtweist, dass ich das doch schon längst erledigt haben müßte. Ich schäme mich und habe Angst, dass ich meinen Job verliere und dann bin ich arbeitslos und somit wahrscheinlich wertlos.

Oder der Freund, dem ich seit Wochen SMS schreibe, dass ich mich gern mit ihm treffen will. Aber er antwortet und sporadisch und unmotiviert. Bin ich so uninteressant und somit wahrscheinlich wertlos?

Oder wenn mir auffällt, dass ich den ganzen Tag schon wieder mit völlig sinnlosen Dingen verbracht habe und mich ärgere, dass ich wieder keine Arbeit richtig geschafft habe, damit bin ich wohl faul und somit wertlos.

Oder wenn mir mein Vater sagt, dass ich mich falsch ernähre und viel zuwenig Sport mache und doch dieses und jenes tun sollte, damit ich mehr auf mich achte und gesund bleibe, dann bin ich wohl unsportlich und unfit und somit wahrscheinlich wertlos.

Oder wenn mir bewußt wird, dass ich bald sterben werde und nichts außergewöhnliches geleistet habe, kein Haus gebaut, kein Buch geschrieben, keine bedeutende Entdeckung gemacht, in keinem Geschichtsbuch verewigt bin, vielen Menschen Kummer und nur wenigen ein wenig Freude aber eigentlich nie genug geleistet habe, dann bin ich wohl nur ein ganz gewöhnlicher, langweiliger, uninteressanter, unattraktiver, dummer Mensch voller Fehler, der somit einfach nur wertlos ist und deshalb auch keine Aufmerksamkeit und kein Interesse verdient.

Nur manchmal, wenn mir ein Mensch sagt, dass er kürzlich an mich gedacht hat, blühe ich auf. Denkt da jemand an mich, selbst wenn ich nicht da bin?

Oder wenn mich eine hübsche Frau doch etwas länger als üblich anschaut, dass ich mich plötzlich genötigt fühle, wegzuschauen, dann bin ich etwa ansehnlich?

Oder wenn mir etwas gelingt und ein Mensch sich mit mir freut, bin ich etwa hilfreich?

Aber das sind nur kurze Momente, die nicht lange vorhalten. Welcher Mensch interessiert sich denn noch für mich, wenn ich längst tot bin? Welche Frau schaut mich an, wenn ich nackt und müde vor ihr sitze? Welcher Mensch freut sich mit mir, wenn mir im Stillen etwas gelingt noch nach Wochen?

Ich bin einsam. Und dass andere mich schimpfen, mich auf meine Schwächen hinweisen, mich ingorieren kränkt mich noch zusätzlich. Wie kann ich die Aufmerksamkeit, das Interesse, die Neugier, die ich doch so dringend benötige wieder bekommen?

Indem ich Sport mache? Indem ich noch fleißiger bin als andere? Indem ich mir nichts bieten lasse und dem anderen meine Dominanz zeige, damit er zu mir aufschaut und mich bewundert? Was muss ich tun? Bundeskanzler werden? Oder Alexander, Napoleon, ein Pharao werden? Oder der Messias? Was muss ich tun, damit ich die Liebe bekomme, die ich brauche? Was muss ich tun, damit mir die Aufmerksamkeit der ganzen Welt sicher ist? Eine Atombombe zünden? Das würde sicher in den Zeitungen und dann in den Geschichtsbüchern stehen. Dann hätte ich Aufmerksamkeit … aber sicher keine Liebe. Wäre ich wertvoll? Zumindest wäre ich relevant … aber für den Rest der Weltgeschichte wäre ich immer der verrückte sapere aude.

Muss ich also werden wie Gandhi oder Mutter Theresa oder Nelson Mandela? Und wenn ich das geworden bin, bin ich dann wertvoll? Oder bin ich selbst dann wertlos, weil ich unendlich viele Feinde und Neider habe.

Aber dafür müßte ich unglaublich viel arbeiten und wahnsinnig viel opfern. Und ein solches Ziel liegt weit in der Zukunft. Wahrscheinlich werde ich auch nie ein berühmter Heiliger. Und was dann?

Wenn ich dann sterbe, frage ich mich: War ich überhaupt wertvoll?

Brauche ich dann nicht noch eine pompöse Beerdigung mit einem Requiem und einem auffälligen Grabstein? Dass Friedhofsbesucher stehen bleiben und fragen, wer das wohl war? Dass selbst nach 1000 Jahren der Grabstein noch an mich erinnert?

War ich dann wertvoll?

Weil ich Spuren hinterlassen habe. Weil die Menschen über mich sprechen. Weil ich in Büchern stehe und Feiern zu meinen Ehren abgehalten werden. Bin ich dann wertvoll?

Und was ist dann mit all denen, die nicht so wertvoll waren wie ich? Ist das gerecht?

Bin ich wertvoll, wenn ich schön bin und klug und und mutig und reich und begabt und diszipliniert und kompetent und belesen und gebildet und eloquent und durchsetzungsstark und beliebt und gesund und beachtet und gelobt und unvergessen … oder bin ich wertvoll, wenn ich anderen sage, dass sie uneingeschränkt wertvoll sind? Nicht aufgrund ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten, sondern einfach weil sie da sind, egal wie sie sind auch wenn sie mir zeigen, dass sie mich wertlos finden, mich beschimpfen, bespucken, mich schlagen, treten, foltern, töten? Ihnen trotzdem sagen, dass sie wertvoll sind und dass ich wertvoll bin und dass ihr Tun daran nichts ändert?

Und wenn ich Dir sage, dass Du wertvoll bist ohne etwas dafür zu leisten, was tust Du? Was fühlst Du? Langeweile? Ignorierst Du es? Wendest Du Dich desinteressiert ab? Denkst Du „talk is cheap“? Oder glaubst Du mir das? Und wenn Du das einem anderen Menschen sagst, was denkst Du wie er reagiert und wie es diesem Menschen dann geht?


Bin ich wertvoll? Interessiert sich jemand für mich? Und warum?

Diese Worte fielen exakt genau so heute Vormittag in einem Gottesdienst einer kleinen örtlichen Pfingstgemeinde.

Und damit keine Mißverständnisse aufkommen: Der Pastor meinte körperliche Züchtigung. Also das Schlagen von Kindern. Aus Liebe. Und nachdem er – geflüstert – von einem Gemeindevorstandsmitglied auf die Schwierigkeit solcher Äußerungen hingewiesen wurde, präzisierte er seine Aussagen nach dem Gottesdienst noch einmal: Er wolle nicht mißverstanden werden, was wegen seiner US-amerikanischen Herkunft ja leicht passiere, er meinte „Spanking“.

Wikipedia erklärt Spanking folgendermaßen:

„Spanking [ˈspæŋkɪŋ] (engl. für hauen, verhauen) bezeichnet das Schlagen auf das bekleidete oder entblößte Gesäß; im weiteren Sinne auch auf benachbarte Körperteile wie die Oberschenkel, den Rücken oder äußere Geschlechtsorgane. Die Schläge erfolgen mit der flachen Hand oder mit einem Gegenstand, etwa Rohrstock, Peitsche, Birkenrute, Teppichklopfer, Haarbürste, Paddle, Martinet, Tawse, Ochsenziemer oder ähnliche.“

Betrieben wird diese – in Deutschland – verbotene Köperstrafe systematisch auch von einer Sekte, die sich „Zwölf Stämme“ nennt:

Diese Praxis also erklärte der Pastor für wünschens- und empfehlenswert unter Berufung auf Hebräer 12:4-6:

Denn ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden in den Kämpfen wider die Sünde und habt bereits vergessen des Trostes, der zu euch redet als zu Kindern: „Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des HERRN und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der HERR liebhat, den züchtigt er; und stäupt einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt.“

Liest man jedoch im griechischen Original des Verses, so steht da nichts von „Schlagen“ oder „Körperstrafe“. Es steht dort παιδεύει (paideuei) was nicht als „körperliche Züchtigung“, sondern mit „Erziehung“ und „Disziplinierung“ übersetzt wird. Und insofern macht das auch vollkommenen Sinn.

Der Gottesdienst stand jedoch ursprünglich unter einem anderen Motto: Johannes 15: 1-2

Ich bin der rechte Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jeglich Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jegliche, die da Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe.

In einem langen Vortrag versuchte der Pastor dann nachzuweisen, dass das „Wegnehmen“, nicht so gemeint sei, dass diese Rebe nicht mehr am Weinstock verbleiben dürfe, sondern dass sie vom Boden aufgehoben, gewaschen und am Gestell des Weinstocks neu befestigt würde.

Dem Pastor muss man leider entgegenhalten, dass der Prozess der Reinigung nur für fruchtbringende Reben beschrieben wird. Reben, die keine Frucht bringen aber werden – ganz klar – von Gott weggenommen.

Das läßt sich nicht wegreden. Gott nimmt fruchtlose Reben weg.

Mag sein, dass der Pastor bereits ahnte, dass sich dieser Vers auf ihn beziehen könnte. Denn seitdem er die Gemeinde leitet – und das ist bereits seit 10 Jahren – ist sie nicht nennenswert gewachsen.

Aber was ist mit „Wegnehmen“ gemeint? Es ist die Entfernung einer fruchtlosen Rebe vom Weinstock (Jesus) des Vaters gemeint, damit fruchtbringende Reben nachwachsen können.

Was mit fruchtlosen, verdorrten Reben geschieht, sagt Jesus auch:

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und müssen brennen.

Ich fürchte, ein Pastor, der seiner Gemeinde zum Schlagen ihrer Kinder mit Gegenständen rät, braucht nichts dringender als Jesus wirklich kennenzulernen.

Aber wer macht ihm das klar?

Viele Menschen beten, weil sie Angst vor Gott haben. Viele Menschen singen, gehen in den Gottesdienst, beteiligen sich an einer Gemeinde, missionieren und heilen – ja segnen sogar – aus Angst vor Gott.

Diese Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen und dann von Gott dafür bestraft zu werden. Diese Menschen versuchen dann auch ihre Furcht vor Gott anderen beizubringen.

Ich habe Menschen kennengelernt, die langweilige Gottesdienste veranstalten, schreckliche Lieder singen, beängstigende Bibelauslegungen vornehmen und sich geißeln, peinigen, martern aus Angst vor Gott.

Ich habe Menschen kennengelernt, die behaupten ernstlich, ein Christ ist nur jemand, der bestimmte Regeln befolgen müsse. Regeln aus dem Alten Testament und Regeln aus dem Neuen Testament oder selbst ausgedachte Regeln. Erst dann(!) seien die Menschen erlöst.

Es gibt Menschen, die meinen, dass man die Bibel richtig auslegen muss, um von dieser Angst vor Gott erlöst zu werden. Richtig auslegen bedeutet aber immer „in ihrem Sinne“ auslegen. Und diese Menschen diskutieren und reden und bringen Zitat um Zitat um zu beweisen, dass ihre Sicht der Dinge die richtige sei und sie deshalb keine Angst fürchten müßten … der andere aber schon.

Ich habe Menschen kennengelernt, die so große Angst vor Gott haben, dass sie sich ihm nur gebückt nähern. Sie sind so voller Furcht, dass sie sich extrem anspannen und sich in komplizierten Ritualen ergehen und sich bei Autoritäten rückversichern, dass sie alles richtig machen, nur um Gott nicht zu erzürnen.

Es gibt Menschen, die lieben Gott, aber sie haben so große Angst vor seiner Macht, dass sie sich ihm nur mit allerlei Schutzmechanismen nähern. Sie singen zum Beispiel besonders gekünstelt, weil sie hoffen, damit wertvoller zu erscheinen. Sie sprechen eine besonders aufgesetzte Sprache, die Würde simuliert, aber letztlich nur Anspannung und Angst verdecken soll. Diese Menschen gehen zu einem Gottesdienst, weil sie seine erlösende Macht spüren … aber sie nicht zulassen können, aus Angst sich vor den Menschen zu blamieren.

Jesus aber sagte: „Fürchte dich nicht! Sondern liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Alles andere, auch sein Leben und sein Sterben sind letztlich eine Auslegung dieser Worte.

Deshalb braucht es auch keine weiteren Voraussetzungen, zu Gott zu kommen und erlöst zu werden, als nur diese: Dass man sich ihm in Wahrhaftigkeit nähern will, dass die Sehnsucht nach seiner Liebe und der eigenen Liebe zu ihm spürt und ihr nachgeht. Nichts weiter.

Man muss die Bibel nicht auslegen können. Man muss keine langweiligen und komplizierten Kirchenlieder singen. Man muss keine Gottesdienste besuchen, man muss keine Regeln befolgend und keine Sätze auswendig lernen, um erlöst zu werden. Es gibt keine Grundvoraussetzungen als diese, dass man etwas von ihm ahnt, sich nach ihm sehnt und ihn überall sucht … dann wird man ihn finden.

Wenn aber der Glaube an Gott eine Pflicht aus Angst wird, dann hält man Gott auf Abstand. Dann stellt man nicht Gott, sondern sich selbst auf ein Podest. Dann betet man die eigenen Rituale an. Man verherrlicht die eigenen menschlichen Fähigkeiten, noch höher singen und noch gestelzter reden zu können, noch schöner und ausgefeilter musizieren, noch schönere, üppigere Feiern organisieren, noch grandiosere Kirchen bauen zu können.

Und dann greift die Kritik von Richard Dawkins, dass der Glaube zu „des Kaisers neuen Kleidern“ wird. Als Theologen Dawkins vorwarfen, dass er seine Religionskritik aus mangelnden philosophischen und theologischen Kenntnisse betrieb, antwortete PZMyers für ihn:

I have considered the impudent accusations of Mr Dawkins with exasperation at his lack of serious scholarship. He has apparently not read the detailed discourses of Count Roderigo of Seville on the exquisite and exotic leathers of the Emperor’s boots, nor does he give a moment’s consideration to Bellini’s masterwork, On the Luminescence of the Emperor’s Feathered Hat. We have entire schools dedicated to writing learned treatises on the beauty of the Emperor’s raiment, and every major newspaper runs a section dedicated to imperial fashion; Dawkins cavalierly dismisses them all. He even laughs at the highly popular and most persuasive arguments of his fellow countryman, Lord D. T. Mawkscribbler, who famously pointed out that the Emperor would not wear common cotton, nor uncomfortable polyester, but must, I say must, wear undergarments of the finest silk. Dawkins arrogantly ignores all these deep philosophical ponderings to crudely accuse the Emperor of nudity.[1]

Sie feiern sich selbst und ihre Feinsinnigkeit und Eloquenz … und dabei ist es mit Gott doch so wie in diesem Lied von Gerhard Schöne:

Was ist Wahrheit?

April 25th, 2017

Wahrheit ist das, was Macht über Dich hat.

Die meisten Menschen fragen sich was wahr ist. Was ist die Wahrheit? Die objektive Wahrheit?

Und als Lösung werden solche Dinge wie Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung oder gerichtliche Urteile angeführt. Gravitation gilt als objektiv wahr oder die Klimaerwärmung oder dass die Erde eine Kugel ist und sich um die Sonne dreht.

All das sind Wahrheiten. Aber es könnte auch anders sein. Die Sonne könnte sich um die Erde drehen. Die Erde könnte eine Scheibe sein. Die Klmaerwärmung könnte eine Fiktion sein und Gravitation … nun ja … Gravitation hat Macht über uns.

Aber hat die Kugelform der Erde oder die Tatsache, dass sie ihre Bahn um die Sonne dreht und nicht umgekehrt Macht über uns? Im Grund ist es uns in unserem Leben meist egal, ob nun Sonne sich um die Erde dreht oder umgekehrt und ob sich das Klima erwärmt oder nicht. Erst wenn es unser Leben unmittelbar beeinflusst wird es wirklich relevant. Und dann wird es plötzlich wichtig, was gilt.

Wichtig werden Erkenntisse erst, wenn sie Macht in unserem Leben entfalten. Und dann wird wahr für uns, was sich als unseren Erwartungen entsprechend bewährt. Das kann auch falsch sein. Das heißt, man kann sein Leben lang für wahr halten, dass man das leibliche Kind seiner Eltern ist, obwohl man adoptiert wurde. Man kann für wahr halten, dass die Sonne sich um die Erde dreht und eine Scheibe ist. So wie das die Menschen in den letzten 4 bis 5000 Jahren glaubten. Diese Erkenntisse entfalten Macht in unserem Leben, wenn sie wichtig, wenn sie für unser Leben existentiell(!) werden.

Warum ist es wichtig, ob der Holocaust so stattgefunden hat, wie es in den Geschichtsbüchern steht? Weil es Menschen gibt, denen dies wichtig ist. Und anderen Menschen ist es wichtig, dieses Tabu infrage zu stellen. Sie tun das beide, weil die Antwort auf diese Frage ungeheure Macht entfaltet. Deshalb wird mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass Menschen bestimmte Antworten auf diese Fragen „glauben“ auch wenn sie es selbst nie prüfen können. Es werden Gerichtsprozesse geführt und es werden Filme gedreht, um diese Wahrheiten glaubwürdig zu machen.

So wird mit filmischen Finessen – zum Beispiel durch die Auswahl der Schauspieler – deutlich gemacht, welche Perspektive akzeptabel – und damit wahr – ist und welche nicht.

Für die meisten Menschen spielt diese Frage keine wirkliche Rolle. Für manche eine ganz wesentliche. Die Antwort auf diese Frage rührt an den Kern ihrer Existenz. Die Antwort auf diese Frage bestimmt ihr ganzes Leben. Sie richten ihr ganzes Sinnen und Trachten nach der Antwort auf diese Frage aus. Deshalb darf die „Wahrheit“, die man einmal erkannt hat, die einem einmal vermittelt wurde, nicht unwahr sein. Deshalb wird Wahrheit auch konstruiert und mit viel Energie auch gegen massivste Widerstände aufrecht erhalten.

Aber das kann auch unwahr sein. Man kann im Laufe seines Lebens merken, dass alles was man glaubte, wovon man überzeugt war, was einem von überall her vermittelt wurde, eine einzige riesige Lüge war. Vielleicht nicht mal eine willentliche oder wissentliche Lüge, aber trotzdem eine Lüge. Und von diesem Zeitpunkt an ist es nicht mehr gültig. Die Wahrheit – die bis dahin galt – hat keine Macht mehr. Und dann übernimmt eine andere Wahrheit die Rolle, die die vorherige Wahrheit einnahm.

Ob ein Lichtquant eine Welle oder ein Teilchen ist, ist keine Frage die zur Zeit beantwortet werden kann. Ob es einen Gott gibt, darauf gibt es auch keine unbezweifelbare Antwort. Die Antwort auf diese Frage ist irrelevant, bis sie wichtig für uns wird. Und wenn sie wichtig wird, brauchen wir eine Antwort, weil die Antwort – egal wie sie ausfällt – Macht über uns ausübt.

Wie groß diese Macht ist, spürt man in seinen Leben tagtäglich. Lebt man mit Gott oder ohne ihn.

Denn Wahrheit ist das, was Macht über Dich hat.

Und es ist allein Deine Entscheidung, wem Du Macht über Dein Leben einräumst.

Eine der bekanntesten atheistenfeindlichen Phrasen ist die Feststellung, dass es „Schützengräben keine Atheisten“ gäbe. Forscher haben diese Fragestellung jetzt indirekt geprüft. Wer hat mehr Angst vor dem Tod? In einer Metaanalyse fand man einen umgekehrt U-Förmigen Zusammenhang. Das heißt überzeugte Atheisten und überzeugte Christen haben am wenigsten Todesangst. In Übereinstimmung mit der sogenannten Terror-Management-Theorie, die annimmt, dass vor allem Unsicherheit angstauslösend ist, hatte man erwartet, dass weniger klare Überzeugungen zu entsprechend stärkerer Todesangst führen würden.

Manchmal bin ich verzweifelt. Irgendwas ist passiert. Mich quälen Gedanken und Gefühle, die einfach nicht weggehen. Ich habe aber auch keine Lösung für das Problem. Ich zermartere mir das Hirn, ich spreche mit Freunden, ich lese irgendwo nach und versuche gute Ratschläge und Tips zu bekommen. Und wenn es gar nicht mehr anders geht, nehme ich mir die Zeit und versuche ein Gebet zu sprechen. Nichts Vorformuliertes. Ein echtes Gebet.

Ich kniee mich hin, beuge mich nach vorn und meist stammle ich dann irgendetwas und versuche meinen Gedanken und Gefühlen irgendwie Ausdruck zu geben. Oft flüstere ich nur, weil ich mich schäme und weil sich die Worte, das was ich da sage, völlig bescheuert anhören. Rede ich da jetzt mit mir selbst? Wie peinlich. So niedergekauert auf der Erde zu hocken und Gott voller Verzweiflung um eine Lösung des Problems zu bitten. Manchmal singe ich auch, wimmere, schreie, röhre, stammle unverständliche Laute.

Aber wenn ich diese demütigende Prozedur vollziehe, löst sich komischerweise etwas in mir.

Und dann komme ich in einen Zustand, der sich wie eine Verbindung anfühlt. So wie wenn man früher auf unterschiedliche Weise versucht hat, eine Internetverbindung herzustellen und dann rauschte und fiepte und summte es und dann war da … nichts. Also nochmal. Rauschen. Summen. Fiepen … Nichts. Und dann, irgendwann, hörte das Fiepen und Rauschen auf und eine frohe Stille kehrte ein und die Verbindung stand.

Und dann beginne ich mit Gott zu sprechen und erhalte auch klare und deutliche Antworten. Verrückt eigentlich. Aber ist das wirklich Gott, der mir da antwortet und mit mir spricht? Oder spielt mir mein Hirn da einfach einen Streich? Ist das nicht einfach ein Selbstgespräch? Eins, das ich vielleicht einfach auch mit meiner liebsten Oma Hilde führen könnte? Oder schlicht und einfach mit mir selbst und meinen Gedanken?

Die Stimme Gottes zu hören ist üblicherweise nur den großen Propheten vorbehalten. Aber auch die Jünger und einfaches Volk konnte die Stimme Gottes hören. David beschrieb Gottes Stimme in Psalm 29 so:

Die Stimme des HERRN geht über den Wassern; der Gott der Ehren donnert, der HERR über großen Wassern. Die Stimme des HERRN geht mit Macht; die Stimme des HERRN geht herrlich. Die Stimme des HERRN zerbricht die Zedern; der HERR zerbricht die Zedern im Libanon. Und macht sie hüpfen wie ein Kalb, den Libanon und Sirjon wie ein junges Einhorn. Die Stimme des HERRN sprüht Feuerflammen. Die Stimme des HERRN erregt die Wüste; der HERR erregt die Wüste Kades. Die Stimme des HERRN macht Hirschkühe kalben und entblößt die Wälder; und in seinem Tempel sagt ihm alles Ehre.

Die Stimme Gottes ist keine leise Stimme. Sie ist keine wohlgefällige Stimme. Die Stimme Gottes „donnert“. Sie „geht mit Macht“, mit solcher Macht, dass sie „Zedern bricht“ und sie „sprüht Feuerflammen“.

Feuerflammen wie sie die Jünger zu Pfingsten erlebten (Apostelgeschichte 2:1)

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Sie redeten in anderen „Zungen“. Zungenreden ist auch so eine Sache. In traditionellen christlichen Gemeinden gilt das Zungenreden nachgerade als „Teufelszeug“ und wird mit einem Tabu belegt. Man spricht schlicht nicht darüber. Und wenn überhaupt dann abfällig mit ein wenig Angst, sich lächerlich zu machen. Ein bißchen verrückt ist es ja schon, einfach so vor sich hin zu plappern. Und was soll das mit Gott oder Gottes Wirken zu tun haben?

Aber schon Kleinkinder beginnen mit dem Plappern. Sie kreieren Silben und Worte und entwickeln so per Versuch-und-Irrtum-Prozedur ihre eigene Sprache. Kreativität beginnt mit dem Heraustreten aus gewohnten Bahnen. Damit, dass man verrückte Dinge tut und sagt. Das ist natürlich fehleranfälliger als den eingetretenen Pfaden erfahrener Vorläufer zu folgen. Und man macht sich sicherlich lächerlich. Aber es ist unendlich befreiend, einfach so, sich ohne Beachtung der üblichen Normen und Regeln, ohne die permanente Selbstbeobachtung und -bewertung zu artikulieren. Vor sich hinzuplappern und das was die Seele belastet und beschäftigt herauszulassen.

Das geht noch besser mit Musik. Auf den Flügeln der Melodie kann man seinem Gefühl in einer Phantasiesprache Ausdruck verleihen. Und Trauer, Kummer, Schmerz herausschreien. Und anschließend in sanftes – verständliches – Gotteslob verfallen.

Dem Zungenreden ist in einem Schreiben des Paulus an die Korinther (1. Korinther 14) ein ganzes Kapitel gewidmet:

Strebet nach der Liebe! Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget! Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott; denn ihm hört niemand zu, im Geist aber redet er die Geheimnisse.

Diese Praxis ist in christlichen Kreisen als charismatisch-pfingstlerisch verschrien. Wer in Zungen redet und den „Heiligen Geist“ wahrhaftig und buschtäblich spüren kann, mit dem kann etwas nicht stimmen.

Dabei ist natürlich der Grat zum Gotteswahn und zur religiösen Manipulation sehr sehr schmal. Wie unterscheidet man denn nun, ob das was man hört … ob im stillen Gebet oder von einem anderen Menschen … wirklich von Gott kommt oder nicht? Man könnte wohl sagen, dass es einen einfachen Lackmustest gibt:

Wenn das, was Du da denkst, fühlst oder hörst sich stark von dem unterscheidet, was Du von Jesus weißt, dann kommt es nicht von Gott. Solltest Du Dir unsicher sein, kannst Du es an Gottes Wort prüfen.

Diese Prüfung könnte nun bedeuten, dass man den Rest seines Lebens nun ausschließelich mit Bibelstudium verbringen müßte. Das kann nicht der Sinn der Sache sein. Aber eine Prüfung dessen, was wir denken, fühlen, hören an Gottes Wort, bleibt unsere Aufgabe, soweit uns dies möglich ist. Für alles andere gibt es seine Gnade, die uns von allen Ängsten befreit.

Denn wenn es eine Botschaft gibt, die im Zentrum aller anderen Botschaften Jesu steht und zu denen alles andere nur Fußnoten sind, dann ist es diese:

Füchte dich nicht, liebe!

Spiritualität ist keine harmlose Sache. Was helfen und stärken soll, richtet manchmal den größten Schaden an. Der Jesuit Klaus Mertes zeigt, wie und wozu geistliche Beziehungen missbraucht werden (können) und was dagegen zu tun ist.

Klaus Mertes ist Rektor des katholischen Gymnasiums St. Blasien, das in den letzten Jahren öffentlichkeitswirksam mit einem Mißbrauchsskandal zu kämpfen hatte. Der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach, schrieb in diesem Zusammenhang im Spiegel über seine Erinnerungen an die Internatszeit.

In seiner Gastvorlesung an der Universität Tübingen im November 2016, die in dem Blog „feinschwarz.net“ dokumentiert wird, spricht Mertes über den Umgang mit dem Mißbrauch geistlichen Einflusses. -> LINK

Mein Glaube ist erschüttert.

Noch vor ein paar Wochen wäre das undenkbar gewesen. Ich war sicher und glücklich im Glauben. Aber seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage, wie sich ein Christ zur weltlichen Macht stellen soll … und welche Rolle das Christentum in der Hand der Mächtigen eigentlich spielt.

Ich bin irritiert darüber, dass die Kirche und die Christen in Deutschland und in der Welt nicht gegen sichtbarer und vehementer gegen Ungerechtigkeit und staatliche Zumutungen aufstehen. Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die täglich Millionen verdienen und mit diesem Geld durch käufliche Politiker und Wähler das Schicksal von Millionen Menschen beeinflussen können? Wie kann es sein, dass ein Mann wie Donald Trump zum Präsidentschaftskandiaten des mächtigsten und christlichsten westlichen Landes der Welt werden kann? Wie ist es möglich, dass Kinder hunderttausende von Dollar für Uhren, Autos, Schmuck, Häuser, Parties verschwenden können, während woanders auf dieser Welt Menschen auf Müllkippen leben? Wie ist es möglich, dass immer mehr Menschen an Überlastungsdepression leiden – während andere in Saus und Braus leben?

Wie ist dieses ungeheuerliche Unrecht möglich? Kann es sein, dass das Christentum dieses System der Ungerechtigkeit und Ausbeutung durch eine Lehre der Duldung und Unterordnung stützt?

Das Evangelium lehrt Duldung von Gewalt (Wenn Dir einer auf die linke Wange schlägt …) und bedingungslose Unterordnung unter die weltlichen Autoritäten (Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist …) mit dem Versprechen einer jenseitigen Entschädigung.

Die sogenannte „Zwei-Regimenter-Lehre“ Luthers hat die Reformation und die gesellschaftliche Entwicklung Europas massiv beeinflusst. Luther ging davon aus, dass die weltliche Gewalt von Gott eingesetzt sei und dass man sich als Christ dem unterzuordnen habe … es sei denn, die weltliche Macht verführt zur Sünde, dann sei nach Apostelgeschichte 5:29 zu verfahren („Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“).


Was wäre, wenn das Christentum eine elegante und sehr wirksame Propagandastrategie sehr mächtiger Menschen zur Schaffung und Erhaltung einer Sklavenpopulation ist?

Im Jahr 2013 veröffentlichte der Privatgelehrte Joseph Atwill ein Buch mit dem Titel „Caesar’s Messiah: The Roman Conspiracy to Invent Jesus‘ (Cäsars Messias: Die römische Verschwörung zur Erfindung Jesu), in dem er die These vertrat, dass die Geschichte von Jesus Christus die dazugehörige Theologie von römischen Machthabern erfunden wurde, um die Armen und Entrecheteten ruhigzustellen und zu befrieden.

ATWILL

Atwill steht in einer langen Tradition von Thesen über eine Verschwörung der Reichen und Mächtigen zur Unterdrückung der Massen durch das Christentum.

Wahlweise waren es also Römer (Atwill-These), die Juden (Ludendorff-These) oder Christen selbst (Lenin-These), die im Verborgenen die Geschicke der Welt lenkten und dabei ganze Völker ausbeuteten, untergruben und gar systematisch vernichteten.

LUDENDORFF

So vertrat der Weltkriegsveteran und heimliche Reichskanzler Erich von Ludendorff die These, das Christentum sei eine Erfindung jüdischer Eliten, um das römische Imperium von innen heraus zu zersetzen. Was ja (folgt man dem Verlauf der Weltgeschichte) auch glänzend funktioniert haben muss. Erich von Ludendorff und seine Frau Mathilde schrieben in ihrem Buch „Die Judenmacht – Ihr Wesen und Ende„:

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Das Christentum als Erfindung des Judentums, um andere – nicht auserwählte und nicht blutsverwandte Völker – unterwerfen und mit einem religiösen Kodex ausstatten zu können. Es setzte einen unterwürfigen Verlierer an seine Spitze und behauptete – in Anlehnung an die Kernthesen der griechischen Philosophie – eine „wirkliche“ Welt hinter der irdischen Scheinwelt (siehe Platons Höhlengleichnis), in die man einkehren würde, wenn man das irdische Leid genügsam überstanden hätte.

Gegen diese „verweichlichte“ Ideologie mit ihrer Liebe und Güte und grenzenlosen Geduld setzten Herr und Frau Ludendorff nichts weniger als ihre eigene Privatreligion von der bestimmten (nämlich den arischen) Rassen angeborenen „Gotterkenntnis“.

Der von ihnen gegründete „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.“ besteht übrigens bis heute und hat unter anderem den homosexuellen Politiker der Berliner Piratenpartei, Gerwald Claus-Brunner, hervorgebracht, der offenbar, in einer spektakulären Beziehungstat, zunächst einen Mann – den er zuvor gestalkt haben soll – und dann sich selbst tötete.

Ludendorff und seine Frau Mathilde waren der Überzeugung, dass das Christentum ein Volk zersetze, indem es seine Angehörigen zu Sklaven und Untertanen erzöge.

LENIN

Doch nicht nur völkische Rassenideologen und Nationalsozialisten waren vom Sklavenhaltercharakter der Religion überzeugt, auch Kommunisten, wie W.I. Lenin schrieben:

Die Religion ist eine von verschiedenen Arten geistigen Joches, das überall und allenthalben auf den durch ewige Arbeit für andere, durch Not und Vereinsamung niedergedrückten Volksmassen lastet. Die Ohnmacht der ausgebeuteten Klassen im Kampf gegen die Ausbeuter erzeugt ebenso unvermeidlich den Glauben an ein besseres Leben im Jenseits, wie die Ohnmacht des Wilden im Kampf mit der Natur den Glauben an Götter, Teufel, Wunder usw. erzeugt. Denjenigen, der sein Leben lang arbeitet und Not leidet, lehrt die Religion Demut und Langmut hienieden und vertröstet ihn mit der Hoffnung auf himmlischen Lohn.

Diejenigen aber, die von fremder Arbeit leben, lehrt die Religion Wohltätigkeit hienieden, womit sie ihnen eine recht billige Rechtfertigung ihres ganzen Ausbeuterdaseins anbietet und Eintrittskarten für die himmlische Seligkeit zu erschwinglichen Preisen verkauft. Die Religion ist das Opium des Volkes. Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.

Doch der Sklave, der sich seiner Sklaverei bewusst geworden ist und sich zum Kampf für seine Befreiung erhoben hat, hört bereits zur Hälfte auf, ein Sklave zu sein. Durch die Fabrik der Großindustrie erzogen und durch das städtische Leben aufgeklärt, wirft der moderne klassenbewusste Arbeiter die religiösen Vorurteile mit Verachtung von sich, überlässt den Himmel den Pfaffen und bürgerlichen Frömmlern und erkämpft sich ein besseres Leben hier auf Erden. Das moderne Proletariat bekennt sich zum Sozialismus, der die Wissenschaft in den Dienst des Kampfes gegen den religiösen Nebel stellt und die Arbeiter vom Glauben an ein jenseitiges Leben dadurch befreit, dass er sie zum diesseitigen Kampf für ein besseres irdisches Leben zusammenschließt.

Aus: W. J. Lenin, Über die Religion. Berlin: Dietz-Verlag „1974.

BIBEL

Und tatsächlich: Schrieb nicht Paulus vor 2000 Jahren in seinem Brief an die Römer (13:1-2):

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. (Johannes 19.11) (Titus 3.1) 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.

Und Gott selbst sagt (Sprüche 8:15):

Durch mich regieren die Könige und setzen die Ratsherren das Recht. Durch mich herrschen die Fürsten und alle Regenten auf Erden

Und im Titusbrief (3:1) stehen folgende Zeilen:

Erinnere sie, daß sie den Fürsten und der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit seien

Und Petrus (1. Petrus 2: 13) schreibt:

„Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des HERRN willen, es sei dem König, als dem Obersten, oder den Hauptleuten, als die von ihm gesandt sind zur Rache über die Übeltäter und zu Lobe den Frommen.“

Ist das Christentum also nichts anderes als eine Verschwörung gewissenloser Reicher und Mächtiger zur Befriedung der Massen und zur Verhinderung des Aufstandes gegen Ungerechtigkeit und diesen Machtmißbrauch?

Ist es gar eine Verschörung geheimer Eliten, wie Freimaurern, Juden oder Jesuiten zu verdanken?

Wenn Politiker wie Gregor Gysi, die sich selbst als nichtreligiös bezeichnen, Religionen allein deshalb für wichtig halten, weil sie eine gundlegend regulierende Funktion in Staat und Gesellschaft übernehmen, könnte man den Eindruck bekommen, Religion ist was für die „einfachen Leute“.

Der ehemalige Sprecher des US-amerikanischen Repräsentantenhauses, Newt Gringrich, hat 2009 ein Buch veröffentlicht über das es heißt:

„It explores “the role of religion in early [United States of] America and the belief that ‘our Creator’ is the source of our liberty, prosperity, and survival as an exceptional nation. From the first permanent English settlement at Jamestown in 1607, through the American Revolution, to the end of the Civil War in 1865, this film tells the story of the deep faith that motivated and sustained our great leaders, and dramatically presents our nation’s belief in religious freedom.”

Der Glaube an den christlichen Gott als „Quelle der Freiheit, des Wohlstandes und des Überlebens als außergewöhnliche Nation“. Menschen, die über außergewöhnliche weltliche Macht verfügen, die in einem Bestseller ihre persönlichen Macht- und Überlegenheitsphantasien ausbreiten können.

Ist das also der wahre Glaube an Jesus Christus? Ist er ein Machtinstrument einer gewissenlosen Elite? Soll damit die Überlegenheit des jüdischen Volkes ein für alle Mal auch den Heiden beigebracht werden? Sollen sie mit dem Neuen Testament zu Sklaven der allmächtigen Juden – die heute als „Finanzjudentum“ in der größten Weltmacht, den USA, an allen wesentlichen Schaltstellen sitzen – gemacht werden? Gibt es deshalb soviel Geld für Missionsarbeit (Personal, Material, Reisen) und repräsentative Kirchen und Gemeindehäuser aus den USA?

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Sehe ich mir diese Welt und die Hierarchien der Macht an, sehe ich, wieviel Geld – und damit Arbeit und Ressourcen- für sinnlosen Reichtum verschwendet wird, und sehe ich mir die Wirkungsweise von Propaganda an, beginne ich zunehmend an der Harmlosigkeit des Glaubens an Jesus Christus zu zweifeln und ich frage mich, ob dieser Glaube eine der wirksamsten Propagandawaffen der Eliten in den letzten Jahrtausenden war?