Religion ist Psychotherapie

August 5th, 2015

Yoga hat sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Und auch in der Psychotherapie spielen fernöstliche Praktiken neuerdings eine ganz wesentliche Rolle. Die sogenannte „Verhaltenstherapie“ wird – als eine von drei Therapiemethoden – auch von den Krankenkassen finanziert. Die Krankenkassen tun dies, weil empirisch nachgewiesen werden konnte, das Verhaltenstherapie wirksam ist. In vielen Fällen wirksamer als Medikamente.

Im Rahmen der Forschung zur Verhaltenstherapie wird auch weiter an wirksamen Methoden zur Behandlung psychischer Störungen geforscht. Neuester Gegenstand dieser Forschung sind vor allem fernöstliche Meditationstechniken, die somit Einzug auf allen Ebenen der Gesellschaft haben.

Einer der bedeutensten Vertreter der sogenannten „3. Welle der Verhaltenstherapie“ Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor des MIT, wurde kürzlich sogar zum Treffen des Weltwirtschaftforums nach Davos eingeladen, um einen Vortrag zum Thema Mindfulnes, zu deutsch: „Achtsamkeit“, zu halten.

Die FAZ schreibt:

    „Seit 36 Jahren leitet der promovierte Molekularbiologe Meditationskurse, er hat eine Klinik und ein Achtsamkeitszentrum aufgebaut. Dort wird Kranken und Ausgebrannten geholfen, chronische Schmerzen zu ertragen, Krebs zu bekämpfen, Stress und Burnout zu vermeiden. Auf der ganzen Welt lernen Millionen von Menschen nach der von ihm entwickelten Methode, der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR).“

MBSR ist wirksam. Aber auch andere Techniken gehören zu dieser 3. Welle der Verhaltenstherapie. So geht es hier nicht nur um Atem- und Achtsamkeitstechniken, sondern auch um einen ganzen philosophisch-weltanschaulichen Überbau. Ethik und Werte halten Einzug in die Psychotherapie. Die sogenannte Akzeptanz- und Commitment-Therapie beinhaltet auch die Behandlung von grundlegenden Wertefragen um Lebensziele des Patienten zu ermitteln und von problematischen Verdrängungs- und Betäubungsritualen (z.B. Drogen- oder Mediensucht) wegzukommen.

    Bei den Problemen, die den Patienten belasten, wird zwischen „sauberem“ und „schmutzigem Leid“ unterschieden. Schmutziges Leid entsteht durch den Versuch, mit Hilfe verschiedener Strategien (Rückzug, Flucht, Betäubung, Argumentieren, übertriebenes Sicherheitsverhalten, spannungsreduzierende Rituale etc.) unangenehme innere Erlebnisse zu vermeiden („experiential avoidance“). Die angewandten Strategien haben nicht nur den Nachteil, dass sie nicht oder nur zeitlich begrenzt funktionieren, sondern auch mit erheblichen negativen Konsequenzen für die Lebensführung des Patienten verbunden sind.

Die Therapie besteht hauptsächlich darin, den Patienten darin zu unterstützen, seine dysfunktionalen Kontrollversuche abzubauen, indem er seine Bereitschaft erhöht, auch unangenehme Empfindungen zu akzeptieren und zu erleben.

Die evangelikale Nachrichtenagentur IDEA ist unzufrieden:

    „Die Übergänge zu hinduistischen und buddhistischen Lehrinhalten seien jedoch im Zusammenhang mit erlebnisorientierter spiritueller Suche oder Selbsterfahrungsangeboten fließend. Yogalehrer hielten in der Regel an der Überzeugung fest, das die Yoga-Übungen nicht von der Geisteswelt der hinduistisch-buddhistischen Religionen zu trennen seien. Eigentliches Ziel von Yoga sei Erlösung und das Einswerden mit dem Göttlichen. Der Yoga-Meister Swami Krishnananda (1922-2001) formulierte es so: „Yoga verspricht Vollkommenheit. Yoga verspricht frei von allem Elend andauernde Glückseligkeit.“
    Der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW/Berlin) zufolge gilt es, den Inhalt des jeweiligen Yoga-Angebots zu prüfen: „Christliche Mystik wird sich in all ihren Übungen auf die Sammlung und Ausrichtung auf das Heilswerk Gottes in Jesus Christus konzentrieren.“ Sie werde sich nicht auf Formen einlassen können, „die eine auf methodischem Wege zu erreichende Vollkommenheit verheißen“. Dies gelte insbesondere dann, wenn solche Verheißungen mit Tendenzen zur psychischen und finanziellen Abhängigkeit von der Person eines Lehrers oder Gurus verbunden seien.“

Methoden und Meditationspraktiken um sich völlig von Leid zu befreien? Nein.

Im Kern handelt es sich bei Achtsamkeit und Commitment um eine grundlegende Praxis, die auch und vor allem im christlichen Kontext vermittelt wird.

Am Beispiel Jesu wird gezeigt, dass unser Leid zum Leben dazugehört und dass es unsere Aufgabe ist, auch das Leid (letztlich auch den Tod) als Bestandteil des uns geschenkten, kostbaren Lebens anzunehmen, statt ihm (Leid und Tod) entfliehen zu wollen. Da alle Flucht – wie man sie an vielen Beispielen in den Gleichnissen Jesu findet (Reicher Kornbauer, anvertraute Pfunde, barmherziger Samariter usw.) – letztlich in die Verdammnis (emotionale Verzweiflung) führt.

Man kann das alltägliche (aber auch das nichtalltägliche) Leid nur annehmen, wenn man Werte und Ziele hat, die über die reine Vermeidung von Leid hinausgehen. Es geht um die Klärung dessen, was zählt. Es geht um „Das Eigentliche“.

In der Religion wird diese Frage für die Gläubigen beantwortet. Aber so, dass sie ihm die Freiheit läßt, seinen eigenen Weg zu finden. Aber es gibt auch ewige Wahrheiten. Zu denen gehört, dass psychische Probleme immer Beziehungsprobleme sind. Sind Beziehungsprobleme gelöst, sind auch die psychischen Probleme gelöst.
Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen die anderen. Wir brauchen sie, um uns an ihnen zu reiben. Im Guten wie im Bösen.

Und Jesus wußte, dass Beziehungsprobleme nur zu lösen sind, wenn wir Geduld üben und liebevoll sind, wenn wir vergeben können und anderen all das zukommen lassen, was wir uns für uns selbst wünschen.

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Gegenstand dieses Blogs ist es, religiöse Sprache für Atheisten verständlich zu machen. Zu erklären, warum sich ganz normale Menschen manchmal anhören wie verstrahlt. Da ist die Rede von Jesus, dessen Freund man sei. Oder man hört sogar ein „Ich liebe Jesus“. Viele wissen ganz genau, was Gott ist und was er von ihnen und der Welt will.

Völlig verrückt, denkt der naturwissenschaftlich geschulte Geist … aber wenn’s glücklich macht. Viele andere sind wirklich verärgert und verzweifelt. So ein Wahnsinn wird staatlich finanziert?

Der gnadenlose Satiriker Jan Böhmermann ist stinkig:

Und Religion ist letztlich auch bekannt für ihre Neigung monströse Verbrechen zu rechtfertigen oder gar anzustacheln. Wie haben die Neuen Atheisten in einer Kampagne deutlich gemacht:

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Religion ist also gefährlich, sagt diese Zuspitzung. Religion – als Gotteswahn – führt letztlich zu Wahnsinnstaten, die Verzweifelte oder Größenwahnsinnige begehen, weil sie sich als Schild und Schwert Gottes wähnen. Also warum sprechen die Menschen dann überhaupt noch von einem Gott? Und warum sollte man diese unerschöpfliche Quelle der Gewalt noch verständlich machen?

Also, was soll der ganze Kram? Warum sollte man das Ganze noch dulden, wenn es so vernichtende Konsequenzen hat.
Hat nicht Karl Marx schon ganz zu recht darauf hingewiesen, dass Religion letztlich nichts anderes ist als Volksverdummung:

    „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

Die Idee des Priesterbetrugs steht im Raum. Dient Religion also nur der Unterdrückung eines Volkes? Hat sie den Zweck Macht, Reichtum und Ansehen von Priestern, Politikern, Mächtigen und Reichen zu stützen?

Tatsächlich gibt es Formen von Religiosität, die genau das tun. Religiosität, die dazu dient, den Status quo zu erhalten und den frommen Bürger in seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit weiter einzusperren. Die Schriftgelehrten und Philister, die Jesus im Israel vor 2000 Jahren schon ansprach, gibt es noch heute – aber auch vor 200 Jahren.

Novalis schrieb:

    Philister leben nur ein Alltagsleben. Das Hauptmittel scheint ihr einziger Zweck zu sein. Sie tun das alles, um des irdischen Lebens willen; wie es scheint und nach ihren eignen Äußerungen scheinen muß. Poesie mischen sie nur zur Notdurft unter, weil sie nun einmal an eine gewisse Unterbrechung ihres täglichen Laufs gewöhnt sind. In der Regel erfolgt diese Unterbrechung alle sieben Tage, und könnte ein poetisches Septanfieber heißen. Sonntags ruht die Arbeit, sie leben ein bißchen besser als gewöhnlich und dieser Sonntagsrausch endigt sich mit einem etwas tiefern Schlafe als sonst; daher auch Montags alles noch einen raschern Gang hat. Ihre parties de plaisir müssen konventionell, gewöhnlich, modisch sein, aber auch ihr Vergnügen verarbeiten sie, wie alles, mühsam und förmlich. Den höchsten Grad seines poetischen Daseins erreicht der Philister bei einer Reise, Hochzeit, Kindtaufe, und in der Kirche. Hier werden seine kühnsten Wünsche befriedigt, und oft übertroffen.
    Ihre sogenannte Religion wirkt bloß wie ein Opiat: reizend, betäubend, Schmerzen aus Schwäche stillend. Ihre Früh- und Abendgebete sind ihnen, wie Frühstück und Abendbrot, notwendig. Sie können’s nicht mehr lassen. Der derbe Philister stellt sich die Freuden des Himmels unter dem Bilde einer Kirmeß, einer Hochzeit, einer Reise oder eines Balls vor: der sublimierte macht aus dem Himmel eine prächtige Kirche mit schöner Musik, vielem Gepränge, mit Stühlen für das gemeine Volk parterre, und Kapellen und Emporkirchen für die Vornehmern.

Also verzichten wir doch einfach auf diesen Wahnsinn. Reicht es nicht, wenn wir Naturwissenschaft und Vernunft haben? Eine rational-pragmatisch-utilitaristische Ethik kann doch die meisten Menschen glücklich machen, oder?

Der gleiche Autor, der oben die Religion der Philister anprangert, klagte jedoch schon vor 200 Jahren über diese Profanisierung der Weltsicht als Folge der Aufklärung:

    „Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählich in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr – der Religionshaß dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Not oben an und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die, vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller, und eigentlich ein echtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei.“

Sollte eine rationale Interpretation und das naturwissenschaftliche Verständnis der Welt nicht reichen? Wozu braucht es Enthusiasmus? Wozu Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit? Sind wir nicht alle einfach Nackte Affen?

Novalis wirbt stattdessen für eine Romantisierung der Welt:

    „Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. “

Romantisierung der Welt also. Damit ist wohl nicht die mühevolle Aufhübschung einer aufgetakelten Dirne, wie in dem Bild von Otto Dix gemeint.

pm

Es geht um eine Idee(!) Es geht nicht darum, dass man dem Endlichen noch mehr Endliches hinzufügt und es damit aufzuwerten glaubt, wie eine barocke Kirche mit überbordendem Tand, Schmuck und vergoldeten Putten. Es geht darum, dass man sieht, dass auch eine grotesk geschminkte Prostituierte ein Mensch mit einem Seelenleben ist, mit Ängsten und Trauer, Hoffnungen und Träumen, mit einer Geschichte und einer Zukunft. Das ihr Dasein, in einem größeren Gesamtzusammenhang steht, als ihrer lächerlichen Erscheinung zu einem ganz bestimmten Punkt in der Zeit.

In dem Projekt der Romantisierung geht es darum, zu verstehen, dass wir trotz beeindruckender Präsenz unserer Endlichkeit – die uns selten so klar vor Augen steht wie in dem Bild „Puffmutter“ und anderen Bildern von Otto Dix und den Vertretern des Realismus – dass wir uns in der Betrachtung anderer und der Welt im Allgemeinen eben nicht allein auf diesen einen Moment, der hier – scheinbar für alle Zeit fesgehalten wurde – beschränken.

Es geht darum, dass wir – gemäß dem berühmten Diktum von Antoine de Saint-Exupéry – „mit dem Herzen“ sehen. Dass ein Mensch ein wertvolles Geschenk ist, auch wenn er zur Zeit nicht alle unsere Erwartungen an Ästhetik erfüllt.

Vielleicht war die Puffmutter mal eine schöne Frau. Vielleicht hat sie liebevoll auf ein scheues Kind oder einen sehnsüchtigen Freier geschaut. Hat jemandem sanften Trost gespendet und einem anderen unendliche Hoffnung geschenkt. Sicher hat sie in ihrem Leben viel falsch gemacht. Aber wenn wir mit den Augen des erbarmungslosen Richters auf einen Menschen herabblicken, wenn wir ihn nach seinem vergänglichen Fleisch und seinem vertrocknenden Blut und allein nach seinem Sündenregister beurteilen, nehmen wir uns selbst die einzigartige Möglichkeit, auch die bezaubernde Schönheit dieser und anderer Menschen zu sehen.

Was sind wir? Sind wir unsere äußere Hülle. Sind wir unsere Karriere oder unsere Verluste? Sind wir unsere vergänglichen Sorgen und Ängste. Sind wir unsere Sünden. Oder sind wir mehr? Sind wir Teil eines großen Ganzen sind wir Endliches oder Teil eines Unendlichen?

Diese Sprache, diese Ideen haben den Klang des Versponnenen, des Verrückten, des Idealistischen. Es klingt verstrahlt, was hier steht. Völlig abgespaced. Es ist die Sprache, die den Sinn macht. Und es ist die Sprache, die ein Gefühl erzeugt.

Wenn ein Naturwissenschaftler den ganzen Tag über Theorien und Formeln, über Kritik und Gegenkritik brütet, dann läßt das diesen Menschen nicht unbeeindruckt. Seine Welt wird zu einer Welt der Formeln und der Theorien, der Kritik und Gegenkritik. Er denkt und spricht formelhaft. Und er fühlt … nichts.

Der Liedermacher Gerhard Schöne hat ein wunderbares Lied geschrieben, das das hier oben beschriebene zusammenfasst:

Wo ist der unendliche Ozean, Mama?
Den all jene Wale und Haifische sahen, Mama.
Du schwimmst ja schon drinnen, kleine Sardine,
Dummerchen, du.
Quatsch, das ist Wasser – salzig dazu.

Ach, gibt es ihn wirklich den Himmel, den blauen, Mama?
Den all jene Adler und Zugvögel schauen, Mama.
Du fliegst ja schon drinnen, niedliche Biene,
Dummerchen, du.
Quatsch, das ist Luft nur – farblos dazu.

Wo ist Gott zu finden, wo kann ich ihn sehen, Mama?
Um den alle streiten, und doch nicht verstehen, Mama.
Er umfließt die Sardine, trägt dort die Biene,
dich hüllt er ein.
Er will in dir wohnen – ich laß ihn rein.

Das Lied kann man sich auf der Webseite der Buschfunk-Verlages anhören. Linke Spalte: MP3-Player starten. Scrollen.

Die Rede von Gott ist eine poetische, eine gefühlvolle, eine mythische, eine metaphorische. Es ist eine Sprache, die das Herz öffnet und den Geist befreit. Deshalb hören sich Christen so verstrahlt an. Wenn sie sagen, sie lieben Jesus, dann ist das ein Ausdruck ihres Gefühls, nicht eines pragmatischen Affiliationsakts, der sich sozialpsychologisch vermessen läßt. Sprache läßt sich intuitiv erfassen. An ihrer Sprache erkennen Menschen einander. Sprache bezeichnet nicht nur, Sprache verbindet, Sprache trennt.

Achten wir auf unsere Worte. Denn die Dinge werden zu den Worten mit denen wir sie bezeichnen.

Die Rede von Gott

Juni 4th, 2015

Wie kann man es überhaupt wagen, noch von Gott zu reden?

Wie kann man einem Atheisten gegenüber rechtfertigen, dass man von einem Gott spricht, wenn dieser Begriff zur Rechtfertigung größter Verbrechen der Menschheit herangezogen wurden? Wenn der Heilige Bernhard von Clairvaux, einer der großen Kirchenlehrer schreibt: „Ein Ritter Christi, sage ich, tötet mit gutem Gewissen“ und wenn er von der „Ausrottung“ der „Unruhestifter“ in der Stadt Gottes spricht, kann man dann noch guten Gewissens von Gott reden?

Wenn der größte Verbrecher der Geschichte, Adolf Hitler, die Gnade des „allmächtigen Gottes“ erbittet, um erfolgreich für Deutschland zu kämpfen? Wenn auf den Koppelschlössern der Wehrmacht „Gott mit uns“ steht.

Wie ist die Rede von Gott angesichts unglaublicher Monstrositäten die im Namen oder mit der Billigung der Katholischen Kirche begangen werden noch möglich? Die Mafia als Finanziers von Reliquienschreinen und Heiligenprozessionen, von Kirchen und Kapellen. Erst in diesem Jahr hat Papst Franziskus alle Mafiosi exkommuniziert. Aber die Verflechtung von geistlicher und verbrecherischer Macht scheint unzerstörbar.

Wie kann man da noch von Gott reden?

Wie von Gott reden, wenn er im Alten Testament – aus der Sicht von Richard Dawkins – eigentlich so beschrieben wird:

    “The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.”

Und was kann man Nietzsche antworten wenn er schreibt:

    „Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt, – ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen… Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die Eine große innerlichste Verdorbenheit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist, – ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit […].“

    „Man nennt das Christenthum die Religion des Mitleidens. – Das Mitleiden steht im Gegensatz zu den tonischen Affekten, welche die Energie des Lebensgefühls erhöhn: es wirkt depressiv. Man verliert Kraft, wenn man mitleidet […] Das Mitleiden kreuzt im Ganzen Großen das Gesetz der Entwicklung, welches das Gesetz der Selektion ist. Es hält, was zum Untergange reif ist, es wehrt sich zu Gunsten der Enterbten und Verurteilten des Lebens, es gibt durch die Fülle des Missratnen aller Art, das es im Leben festhält, dem Leben selbst einen düsteren und fragwürdigen Aspekt.“

    „Die Schwachen und Missratnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“

Wie kann man angesicht dieser vernichtenden Kritik immer noch von Gott sprechen? Christlich von Gott sprechen?

Man kann es, weil die Sprache der Menschen, die ich oben zitiert habe, die Sprache des Hasses ist. Es ist die Sprache der Wut, die eigentlich Verzweiflung ist, die dem größten Leid entspringt: Dem Leid, sich nicht geliebt zu fühlen.

Diese Sprache entlarvt sich selbst. Sie spricht nicht von Gott, sie spricht aus Angst und furchtbarer Not. Im Versuch, der Endlichkeit des Daseins und der eigenen Leidensfähigkeit zu entrinnen. Sie leidet an ihrer Leidensfähigkeit.

Dass diese Leidensfähigkeit ein Geschenk ist, das es auch ermöglicht, weise zu werden und weniger zu leiden, sehen sie nicht. Sie wollen ihr Leid allen anderen aufzwingen. „MÖGEN SIE IN IHRER EIGENEN SCHEISSE VERRECKEN“ schreit es aus ihnen heraus.

Und so schreit es auch aus uns heraus. Wir sind nicht frei von diesem Hass, diesem Gefühl der Ungerechtigkeit, des Neides und der Mißgunst. Auch wir wünschten manchmal, die anderen, die so glücklich und zufrieden scheinen, die so ein sicheres und aufregendes Leben führen, sollten spüren wie es sich anfühlt, nicht mehr weiter zu wissen, völlig verzweifelt zu sein, am Ende. Wenn ich schon untergehen muss, will ich wenigstens alle anderen mit mir reißen.

Das ist auch die Logik der verzweifelten Amokläufers von Aurora, der in einem Kino zwölf Menschen erschoß. 10 Jahre plante er die Tat und begründete sie schließlich mit seiner Verzweiflung angesichts so vieler persönlicher Verluste und Tiefschläge, deren Ursache er in seiner psychischen Erkrankung fand. Wozu also noch leben? Und wenn er selbst sterben muss, warum sollte es überhaupt noch Leben geben?

„Life ist death“ schreibt er, also „Why should life exist? What is the purpose of living?“

Gewaltausübung und Kriminalität sind Ausdruck der Verzweiflung, der ohnmächtigen Wut angesichts der Zumutungen des Daseins. Wir wollen uns selbst schützen – aber wir müssen doch sterben. Wir können dem Tod nicht entgehen. Das zu wissen, ist ein schreckliches Schicksal und viele Menschen verfallen tatsächlich in eine verzweifelte Suche nach einem Ausweg. Sie betäuben sich und suchen soviel wie möglich aus diesem Leben herauszuholen. Sie machen vergängliche Dinge und Erlebnisse zu ihrem Gott. Und dann stellt sich die Erkenntnis ein, das alles vergänglich ist. Also wozu noch leben? Wozu?

Weil es etwas gibt, das nicht vergehen kann. Etwas das bleibt wenn alles was geformte Materie ist vergangen ist, das was der Materie ihre Form gibt, das was hinter Physik und Chemie steht, das was die Materie so bewegt, dass sie sich letztlich zu liebesfähigen Menschen gefügt hat.

Das ist es was „eigentlich“ ist. Das war, bevor wir da waren und das wird da sein, wenn wir die Erde längst verlassen haben. Was das sein soll kann niemand ermessen. Jedes Wort, das es beschreiben soll ist falsch. Es kann nur klägliche Versuche geben, dieses Ewige zu umschreiben was immer ist und was in der Bibel als יהוה geschrieben wird.

Diesem יהוה wird viel Böses zugeschrieben. All das Leid, das Menschen erleben und das sie verstehen wollen. Warum leiden wir? Weil wir leben. Wozu dann leben? Weil Leben nicht nur Leidensfähigkeit bedeutet. Warum man leiden muss haben die Alten so verstanden, dass das Leid eine Strafe Gottes ist. So erschien Gott letztlich wie der egoistische Megalomane, den Dawkins kritisiert.

Dieses schreckliche Bild von Gott hat Jesus, haben seine Jünger, haben seine Nachfolger neu gerahmt. Gott ist nicht der ferne Gewalttäter, der die Menschen nach Belieben für ihre Sünde belohnt und bestraft … und letztlich die Gesetzestreuen etwas weniger. Nein, Gott ist wie wir. Er ist in uns er ist die Prinzipien die uns leiten. Er zeigt uns Gut und Böse. Und er zeigt uns, dass das Leid und der Tod keine Strafe sind, sondern Notwendigkeiten, die im Weltmaßstab, im Maßstab des Universums und es ganzen Rests einem uns im großen und ganzen unbekannten Plan folgen.

Im Detail geht es aber offenbar um Liebe. Das spüren wir intuitiv. Wenn wir glücklich sind, wenn es uns gut geht, wenn wir bezaubert sind und hingerissen, wenn wir schweben und tanzen, dann geht es um die Liebe – nicht nur die romantische aber auch. Diese Liebe ist da. Die ist in dieser Welt. Auf die sollen wir uns konzentrieren und ausrichten. Nicht auf das Böse, nicht auf die Verhinderung des Bösen durch das Böse. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12:21).

Das ist eine andere Rede von Gott, die Jesus und seine Jünger da im Neuen Testament versuchen. Es ist eine Rede, die die Menschen anspricht und anrührt, aufwühlt und antreibt. Das ist der Heilige Geist, von dem alle reden.

Diese vieldeutige Rede von Gott ist heute vielen nicht mehr verständlich. Sie wollen Gott anfassen können und vermessen. Sie wollen ihn vorhersagen und falsifizieren. Sie wollen Gott in der Weltgeschichte finden, in der historischen Wahrheit und in der chemisch-physikalischen Wirklichkeit. Wie vermittelt man in dieser Welt eine verständliche Rede von Gott?

Das geht nur, wenn man ganz neu von Gott spricht, wenn man ihn neu sucht, wenn man die Sprache des Hier und Jetzt kennt. Spricht man anders von Gott, so wird Gott ein anderer. Es ist an der Zeit.

Adolf Hitler über Gott

Juni 4th, 2015

In seiner ersten Rundfunkansprache am 1. Februar 1933 sagte Hitler:

    Indem der ehrwürdige Herr Reichspräsident uns in diesem großherzigen Sinne die Hände zum gemeinsamen Bunde schloß, wollen wir als nationale Führer Gott, unserem Gewissen und unserem Volke geloben, die uns damit übertragene Mission als nationale Regierung entschlossen und beharrlich zu erfüllen. […] So wird es die nationale Regierung als ihre oberste und erste Aufgabe ansehen, die geistige und willensmäßige Einheit unseres Volkes wieder herzustellen.

    Sie wird die Fundamente wahren und verteidigen, auf denen die Kraft unserer Nation beruht. Sie wird das Christentum als Basis unserer gesamten Moral, die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers in ihren festen Schutz nehmen. […] Möge der allmächtige Gott unsere Arbeit in seine Gnade nehmen, unseren Willen recht gestalten, unsere Einsicht segnen und uns mit dem Vertrauen unseres Volkes beglücken. Denn wir wollen nicht kämpfen für uns, sondern für Deutschland!

Die Ritter Christi aber kämpfen mit gutem Gewissen die Kämpfe des Herrn und fürchten niemals weder eine Sünde, weil sie Feinde erschlagen, noch die eigene Todesgefahr. Denn der Tod, den man für Christus erleidet oder verursacht, trägt keine Schuld an sich und verdient größten Ruhm. Hier nämlich wird für Christus, dort Christus (selbst) erworben. Er nimmt wahrlich den Tod des Feindes als Sühne gern an und bietet sich noch lieber seinem Streiter als Tröster dar. Ein Ritter Christi, sage ich, tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber, wenn er tötet, nützt er Christus. „Denn nicht ohne Grund trägt er das Schwert, er steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut, zum Ruhm aber für die Guten.“ (Röm 13,4; 1Petr 2,14)

Ja, wenn er einen Übeltäter umbringt, ist er nicht ein Menschenmörder, sondern sozusagen ein Mörder der Bosheit, und mit Recht wird er als Christi Rächer gegen die Missetäter und als Verteidiger der Christenheit angesehen. Wenn er aber selbst umgebracht wird, ist es klar, dass er nicht untergegangen, sondern ans Ziel gelangt ist. Der Tod, den er verursacht, ist Christi Gewinn; wenn er ihn erleidet, sein eigener. Der Christ rühmt sich, wenn er einen Ungläubigen tötet, weil Christus zu Ehren kommt. Wenn ein Christ stirbt, offenbart sich die Hochherzigkeit des Königs, da der Ritter zur Belohnung geführt wird. Ja, über ihn wird der Gerechte frohlocken, wenn er die Vergeltung sieht. Über ihn „sagen die Menschen: Gibt es denn für den Gerechten einen Lohn? Gewiss, es gibt einen Gott, der auf Erden Gericht hält.“ (Ps 57,11f) Allerdings dürfte man die Heiden nicht töten, wenn man sie auf einem anderen Weg von den maßlosen Feindseligkeiten und von der Unterdrückung der Gläubigen abhalten könnte. Nun aber ist es besser, dass sie beseitigt werden, als dass das Zepter des Frevels auf dem Erbland der Gerechten lasten soll, damit die Gerechten nicht etwa ihre Hände nach Unrecht ausstrecken.

Was also? Wenn mit dem Schwert dreinzuschlagen für den Christen in keinem Fall erlaubt ist, warum hat dann der Vorläufer Christi den Soldaten auferlegt, sie sollen mit ihrem Sold zufrieden sein, anstatt ihnen den Kriegsdienst ganz und gar zu verbieten. Wenn es aber jedenfalls allen erlaubt ist, die dazu durch Gottes Anordnung bestimmt sind, und die sonst nichts Höheres gelobt haben, wem – so frage ich – steht es besser an, als denen, durch deren starke Hand Zion, unsere befestigte Stadt, zu unser aller Schutz gehalten wird? Sie wird gehalten, damit nach Vertreibung derer, die das göttliche Gesetz überschreiten, das gerechte Volk in Sicherheit einzieht, das dem Herrn die Treue bewahrt. Sicher sollen deshalb die Völker, die am Krieg Lust haben, zerstreut und zerhauen werden: solche Leute, die bei uns Unruhe stiften; alle sollen aus der Stadt des Herrn ausgerottet werden, die Unrecht tun. Sie arbeiten daran, die in Jerusalem niedergelegten unschätzbaren Reichtümer des christlichen Volkes zu rauben, das Heiligtum zu schänden und den heiligen Tempel Gottes in Besitz zu nehmen. Es sollen also beide Schwerter von den Gläubigen gegen die halsstarrigen Feinde gezückt werden, zu zerstören jeden Stolz, der sich gegen die Gotteserkenntnis erhebt, worin der christliche Glaube liegt. „Und die Heiden sollen nicht sagen können: Wo ist ihr Gott?“ (Ps 113,2)

Der Heilige Bernhard von Clairvaux in seinem „Liber ad milites templi de laude novae militiae“ (BUCH AN DIE TEMPELRITTER LOBREDE AUF DAS NEUE RITTERTUM).

Zerissenheit

Juni 1st, 2015

Gegenstand dieses Blogs ist Gott. Der Begriff Gottes aus atheistischer Perspektive … und inzwischen auch aus theistischer Perspektive. Und je tiefer ich das christlich-theistische Verständnis eintauche, desto klarer wird mir der unversönliche Unterschied zwischen den Welten.

Auf der einen Seite die vernunftbasierte Interpretation weltlicher Ereignisse. Sie fußt auf Rationalismus und Empirismus, Pragmatismus und Materialismus. Es ist eine diesseitige Interpretation. Eine, die von frühester Kindheit an im schulischen und medialen Kontext vermittelt wird. Es geht um das Greifbare, das Planbare, das Lebensnotwendige, das Effektive, das Alternativlose, Todesangst und Lebensgier. Da sieht man die Weltgeschichte, Politik und Wissenschaft. Da sieht man Fortschritt, Erfindungen, philosophische Lehrgebäude. Man sieht Sklaven und Sklavenaufstände … und viele viele Millionen Tote.

Auf der anderen Seite steht die irrationale Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe. Diese Sehnsucht ist nicht rational begründbar, sie ist nicht Gegenstand staatlichen Handelns, kein Gegenstand von Industrie und Handel oder Politik und Wissenschaft. Geborgenheit und Liebe sind menschliche Grundbedürfnisse, die Menschen miteinander teilen müssen. Und man kann diese Gefühle in Familien und anderen Gruppen finden und leben. Und je näher wir anderen Menschen sind, desto größer die Abhängigkeit und desto größer ist auch die Gefahr für Haß und Streit, für Eifersucht und Neid. Hierfür bedarf es einiger Regeln. Diese Regeln des Zusammenlebens sind nicht objektiv begründbar, nicht rational, nicht empirisch-naturwissenschaftlich. Diese Regeln entstammen unserem irrationalen Empfinden, unserer Kommunikation darüber und unserer zwischenmenschlichen Erfahrung – Trial und Error, immer und immer wieder neu, in jeder menschlichen Generation. Ethik ist nicht rational begründbar und – anders als grundlegende Naturgesetze, die personen- und generationenübergreifend gelten – ständigem Wandel unterworfen.

Die irrationale Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe steht der Vernunft und dem Pragmatismus gegenüber. Geist und Gefühl sind Antipoden der Materie und der Vernunft.

Wenn ein Mensch in die Welt geworfen wird, beginnt er zu fragen nach dem was wirklich wichtig ist. Und er findet Antworten bei denen, die ihm am nächsten stehen. Er findet aber auch Antworten bei denen, die ihm seine Fragen beantworten können … oder bei denen, die behaupten es tun zu können und die am lautesten schreien.

In der Schule und in Medien (Radio, Fernsehen, Bücher, Zeitschriften) wird ein Weltbild vermittelt, in dem es um Pragmatismus oder Utilitarismus geht. Es geht um Rationalismus und Materialismus. Erfolg und Ruhm gelten als anstrebenswerte Dinge. Geld und Macht werden zelebriert. Vom Tellerwäscher zum Millionär heißt die Devise. Jeder kann es schaffen. Zunehmende Industrialisierung führt zu dem Badarf nach maschinenähnlichen Arbeitskräften, die Fließbandtätigkeiten verrichten können. Hier stören Familie, Liebe und Sehnsucht nach Geborgenheit. Es geht um Gewinnmaximierung und Selbstoptimierung.

Im Berufsalltag treten diese Werte in den Vordergrund: Unterordnung und Pflichtgefühl, Fleiß und Disziplin. Aber auch Stress und Streit, Entfremdung, Überforderung und Resignation.

Die westliche Konsum-Kultur entfaltet einen ungeheuren Sog, dem sich nur wenige entziehen können. Die zunehmende Konsumsteigerung führt jedoch zu Abhängigkeiten von Energieressourcen (Öl, Erdgas) die wiederum zu kriegerischen Auseinandersetzung … und weiterem entfesselten Konsumismus führen.

Dem entgegen steht … natürlich … die Sensucht nach Geborgenheit und Liebe. Konsum kann diese Bedürfnisse sublimieren. Durch Shoppingtouren oder Glücksspiel, Mediensucht, Drogen, Prostitution, Rausch aller Art kann man sich diese Bedürfnisse betäuben … aber es bleibt eine leere und sinnlose Befriedigung, die ein schales Gefühl und einen Kater hinterläßt … und letztlich – im Extremfall – zur Vernichtung der gesamten wirtschaftlichen Existenz und in die Depression führt.

Auch Naturwissenschaft und Philosophie stehen im Dienst dieser konsumorientierten, materialistischen Ethik. Erkenntnisstreben dient inzwischen überwiegend pragmatischen Zielen. Forschung muß ihre Nützlichkeit beweisen, um alimentiert zu werden. Kurzfristiger meßbarer Erfolg – z.B. durch Publikationsmenge oder -ansehen – gilt als Ausweis wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit.

Aber auch diese Wissenschaftform entfremdet den Menschen von den eigentlichen Fragen. Von seinen eigentlichen Interessen. Indem Wissenschaft mit Wissenschaftsgeschichte verwechselt wird und da wo die reine Paukerei und das Auswendiglernen das Selberdenken ersetzen, entsteht eine Kultur der zunehmenden Expertise und der Profitmaximierung – aber keine Geborgenheit und Liebe, kein Frieden und keine Gerechtigkeit.

Der Konsum – als Nebensache der Existenzsicherung – ist zur Hauptsache der Sinnfindung geworden.

Dem entgegen stellt sich die Verherrlichung und Vergöttlichung der Geborgenheit und Liebe in Form der Religion des Christentums. Dieser Gegenpol entfaltet seine Wirkung durch Gemeinschaft, Überwindung zwischenmenschlicher Ängste durch gemeinsame Aktivitäten, durch Mitteilung, Gespräch, Wahrnehmung und Ernstnehmen von Ängsten und Sorgen. Das gemeinsame Erlebnis von Gesang und Ritus. Die Selbstbekräftigung innerer Bewegungen, die im Widerstreit zur Übermacht äußerer Erwartungen stehen. Kunst und Kultur als Ausdruck des Irrationalen, das hier wergeschätzt wird.

Wenn diese beiden Welten aufeinandertreffen, und die eine Welt mit der anderen begründet und erklärt werden soll, so kommt es notwendig zu Mißverständnissen. Religion – im Sinne der Befriedigung der Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe – läßt sich nicht mittels empiristisch-materialistischer Begrifflichkeiten begründen. Und umgekehrt lassen sich intersubjektive Wahrheitsfindung, Rationalismus und Logik nicht in der Sprache der Liebe und Geborgenheit fassen.

Aber beide können voneinander profitieren. Die Religion kann vom Rationalismus protifieren, indem dieser sie vor dem Hang zum zerstörerischen Personen- oder Sektenkult schützt. Der Rationalismus kann von der Religion profitieren, indem sie ihn vor egoistischer Überheblichkeit bewahrt.

Das eine durch das andere ersetzen zu wollen, endet im Totalitarismus auf die eine oder andere Weise. Beide Perspektiven müssen nebeneinander bestehen bleiben. Die widersprüchlichen Unterschiede gilt es auszuhalten. Das eine läßt sich durch das andere nicht ersetzen. Das eine läßt sich nicht in der Sprache des anderen Sprechen. Aber es gibt die Möglichkeit der Übersetzung, die das Beste aus beiden Kulturen bewahrt.

Ein naturwissenschaftlicher Beweis Gottes mittels psychologischer Forschung dient jedoch nur der Befriedigung unserer Vernunft. Die Vernunft stellt Fragen nach Validität, nach Reliabilität, nach Objektivität. Die Vernunft sucht Gesetzmäßigkeiten des Seins. Die Vernunft abstrahiert und läßt sich nicht mit Hokuspokus abspeisen. Sie will Fakten statt Fiktionen.

Aber eine rein faktenorientierte Rede von Gott ist eine kalte Rede, die Gott nicht gerecht wird. Es ist eine Rede über das Hier und jetzt, über Stein und Bein über Fleisch und Blut im Rahmen unserer bloßen Vernunft. In der Rede von Gott, die überindividuelle Fakten beschreibt, fehlt ein wichtiger Aspekt: Individualität.

In der persönlichen Rede von Gott geht es nicht um Fakten. Es geht um einen möglichst authentischen Ausdruck dessen, wie man Gott erlebt. Hier bedarf es phantasievoller Beschreibungen und eines reichen Wortschatzes oder aber anderen kunstreichen Ausdrucks in Gesang oder Tanz, bildender Kunst oder Ritus.

Gottesausdruck finde ich zum Beispiel in der Beherrschung der Triebe des tierisch-zerstörerischen, des egoistisch-narzisstischen. Es ist im Grunde das was Schiller so beschrieb:

„Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung. Auch die Würde hat ihre verschiedenen Abstufungen und wird da, wo sie sich der Anmut und Schönheit nähert, zum Edeln, und wo sie an das Furchtbare grenzt, zur Hoheit. Der höchste Grad der Anmut ist das Bezaubernde, der höchste Grad der Würde ist Majestät.“

Friedrich Schiller, Über Anmut und Würde, 1793

Die Beherrschung der Triebe kann aber auch etwas tierisch-zerstörerisches, egoistisch-narzisstisches haben, da wo sie sich der Zwanghaftigkeit, dem bedingungslosen Gehorsam in einer Hoheit oder Majestät – wie z.B. in einem Kaiserkult – nähert.

Allein da, wo die Beherrschung – nicht die Leugnung und Unterdrückung – sondern die Lenkung der Triebe wie selbstverständlich möglich ist, da wo wir im Reinen mit uns und dem Kosmos sind, ohne Schuld und vollkommener Freiheit von Abhängigkeiten und Süchten begegnen wir in aller Tiefe Gott.

Eine solche Rede von Gott kann keine Objektivität beanspruchen. Sie ist weder überindividuell noch intraindividuell zeitlos gültig. Sie ist ein Ausdruck persönlicher Lebenserfahrung, die man teilen kann, die man intuitiv verstehen kann, die man nachfühlen kann oder nicht. Sie erschließt sich nicht durch Wissen oder fleißiges Lernen oder blinden Gehorsam sondern allein durch authentisches Dasein in der Zeit.

Ein solch authentisches Dasein in der Zeit bedarf jedoch außergewöhnlichen Mutes. Es bedeutet, dass man sich gegen den Zeitgeist stellen muss, gegen die Anforderungen seines Umfeldes, der Gesellschaft. Es bedeuet, dass man sich beschimpfen und verhöhnen lassen muss. Dass man entwertet wird, weil man an dem allgegewärtigen Kampf ums Überleben nicht teilhat.

Hier bedarf es eines starken Glaubens in die Richtigkeit dieser inneren Bewegungen. Diesen Glauben können die meisten nicht allein tragen. Sie schließen sich in Gemeinschaften zusammen, die sich dem Zeitgeist verweigern. Sie geben sich gegenseitig Mut und Kraft in ihrem Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung, gegen die Zerstörung der Familie und Vereinzelung, in der gemeinsamen Hoffnung, dieses Dasein in der Diaspora mit Gottvertrauen und Zusammenhalt zu bewältigen.

[Der psychologische Gottesbeweis]

Drüben in seinem Blog macht sich der Kollege Josef Bordat Gedanken, warum immer ein naturwissenschaftlicher Beweis für die Existenz Gottes verlangt wird. Er begründet dies mit der vorherrschenden Wissenschaftskultur des „Szientismus“.

Bordat schreibt:

    „Szientisten akzeptieren (als wahr, wertvoll, sinnhaltig, bedeutungsreich) nur das, was mit naturwissenschaftlichen Methoden nachgewiesen ist, allenfalls soll hinzukommen, was sich so nachweisen lässt. Sagen wir’s mal so: Da, wo ich glaube (im Sinne von “vertrauen auf Jemanden”, nämlich auf Jesus Christus), da glauben sie zu wissen (im Sinne von “vertrauen auf Etwas”, nämlich die Universalität der naturwissenschaftlichen Methode).“

Ich fürchte, hier liegt ein Mißverständnis vor. Als Naturwissenschaftler „glaubt“ man nicht an die naturwissenschaftliche Methode, man vertraut ihr nicht „blind“.

Naturwissenschaft ist schlicht eine Möglichkeit, Dinge zu zeigen, die für alle Menschen gelten.

Das ist bei Jesus Christus anders. Weltanschauungen gelten nicht für alle Menschen gleich. Menschen sind unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Lebensstile. Aber man kann sich mit anderen – ähnlichen – Menschen zusammenschließen. Trotzdem – oder gerade deshalb – gibt es immer Unterschiede zwischen Gruppen. Die Gruppe der Katholiken unterscheidet sich von der Gruppe der Protestanten. Die Gruppe der Christen von der der Muslime. Jede Gruppe hat ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen Codes und ihre eigenen Riten.

Gravitation dagegen existiert ohne Rücksicht auf Gesetze, Codes und Riten. Gravitation ist objektiv gültig. So wie auch der Ebola-Virus nicht nach Religion, Nationalität oder Hautfarbe fragt. Diese Dinge existieren unabhängig von subjektiven Erfahrungen und Empfindungen.

Wenn man also einen naturwissenschaftlichen Beweis für Gott verlangt, dann will man eigentlich wissen, was an diesem Gotteskonzept, das so vielschichtig ist, eigentlich für alle Menschen gültig sein könnte.

Und dieser Wunsch nach einem objektiv nachweisbaren Gott entspringt dem Wunsch nach einer verlässlichen Ethik.

Wenn man also nach einem objektiven Gott fragt, will man eigentlich wissen, ob man sich richtig verhält.

Wenn evangelische Christen behaupten, ihr Gott sei der einzig wahre und man müsse sich an seine Regeln halten, setzen Muslime oder Hinduisten oder Buddhisten oder Bahai oder Scientologen oder Zeugen Jehovas oder Neuapostoliker oder Katholiken oder oder oder dagegen, dass ihr Gott der einzig wahre sei und allein seine Gebote zu befolgen seien.

Der Wunsch nach einem objektiv naturwissenschaftlich nachweisbaren Gott entspringt also der Unübersichtlichkeit der religiösen Konzepte und dem Wunsch nach Verläßlichkeit und Lösung der vielfältigen religiös-ethischen Konflikte.

Wer könnte dies den Szientisten verdenken.

Aber wie löst man nun dieses Problem befriedigend für Szientisten und Religiöse Menschen?

Indem man man Gott naturwissenschaftlich beweist.

Wie das geht?

Gott ist – das wissen wir inzwischen – ein sehr vielschichtiges Konzept. An den Begriff „Gott“ knüpfen sich sehr viele unterschiedliche Bedeutungen. Aber es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Religionen. Und diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich naturwissenschaftlich erforschen.

Darüber hinaus läßt sich die Wirkung von Religion naturwissenschaftlich erforschen. Es läßt sich zeigen, dass Religion glücklich und unglücklich machen kann. Interessant für uns ist, naturwissenschaftlich herauszufinden, welche Religionsbestandteile uns persönlich zugute kommen und welche uns schaden. Wichtig wäre also für uns zu wissen, welche Weltanschauung uns glücklich machen kann – abhängig von unserer Kultur, unserer Sozialisation, unserem Intellekt, unserer Persönlichkeit.

Und es läßt sich naturwissenschaftlich prüfen, mit welchen Mitteln man Menschen diese Einsichten am besten vermitteln kann … und vermutlich wird sich dabei herausstellen, dass ein Mythos mit metaphorischen Geschichten und Gleichnissen, beispielhaften Personen und mit außergewöhnlicher Würdigung durch Riten, Normen und Heiligkeit besonders glaubwürdig erscheint. Und dass das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit und der eigenen Unwissenheit, die Bereitschaft zu Einsicht und Umkehr entscheidend für die Funktion einer Gruppe und damit das eigene Wohlbefinden ist.

Religion läßt sich mittels der Psychologie naturwissenschaftlich erforschen … und damit läßt sich Gott letztlich auch beweisen.