Ich habe ja in vielen hunderten Posts und Kommentaren dafür argumentiert, dass es mit absoluter Sicherheit keinen Gott gäbe und dass ich das sogar beweisen könne. Und das kann ich in der Tat noch immer. Ich kann eine beliebige Sache als “Gott” bezeichnen und sie dann zum Beispiel zerstören und anschließend mit Fug und Recht behaupten, sie existiere nicht.

Auch Martin Luther, der große Reformator und Bibelerklärer, sagte, dass Gott im Prinzip beliebig definiert sei. Jeder hat seinen eigenen Gott. Luther meinte, dass das was der Mensch am meisten verehrte und heilig hielte, das sei sein Gott.

    Das muss ich ein wenig grob ausstreichen, dass mans verstehe und merke an gemeinen Exempeln des Widerspiels. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube. Also auch, wer darauf traut und trotzt, dass er große Kunst, Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten, einigen Gott. Das siehst du abermal dabei, wie vermessen, sicher und stolz man ist auf solche Güter, und wie verzagt, wenn sie nicht vorhanden oder entzogen werden. Darum sage ich abermal, dass die rechte Auslegung dieses Stückes sei, dass einen Gott haben heißt: etwas haben, darauf das Herz gänzlich traut.

Der große Katechismus Martin Luthers

Übersetzt heißt das, z.B. dass man Geld für das bedeutenste und wichtigste in der Welt halten, es verehren und anbeten kann. Dann ist eben das “Gott”. Oder man kann die Familie für das allerwichtigste auf der Welt halten. Oder seine eigene Gesundheit.

Man beginnt dann, dieser Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ihr viele Opfer zu bringen. Dem Geld bringt man zum Beispiel seine Gesundheit zum Opfer. Der Gesundheit wiederum sein Geld. Und der Familie opfert man beides. Und man hat Angst, dass einem diese Sache genommen werden könnte, deshalb kämpft man für Erhalt und Mehrung. Und man kann nie genug davon bekommen. Hat man Geld, will man noch viel mehr Geld, hat man Familie, will man noch mehr davon möglichst lange, hat man Gesundheit, ist einem das kleinste Zipperlein schon intolerable Krankheit.

So entsteht ein “Abgott”. Ein goldenes Kalb, das man schon aus dem Alten Testament kennt.

Gesellschaftlich kann so ein wunderbares “goldenes Kalb” zum Beispiel die “Vollbeschäftigung” sein, der alles geopfert wird, auch Gerechtigkeit (Reiche werden nicht besteuert, da ihr Kapital wie ein “scheues Reh” verschwinden könnte, wenn es sich zu sehr in Gefahr sieht) oder die Gesundheit (exponentielle Zunahme von Burnouterkrankungen).

Was also ist Gott?

Gott ist das, was von einer Gruppe von Menschen als “Das Wichtigste” definiert wird. Eine Sache die verehrt und für “heilig”erklärt und auch so wahrgenommen wird. Aber nicht nur! Es ist eine Sache, an die man sein Herz hängt. Eine Sache zu der man Zuflucht nimmt, wenn man sonst scheitert.

Also ist es ein Hirngespinst?

Ja … und nein. Wenn man z.B. die christliche Philosophie von “Mitgefühl und Nächstenliebe, Schuldvergebung, Angstbefreiung und Unsterblichkeit” in der Person von Jesus Christus und dem Mythos von Tod und Auferstehung zum Wichtigsten erklärt und sie sozusagen “vergöttert” und ihr Opfer bringt, dann kann das in einer Gemeinschaft von Menschen (in Form des sogenannten “Heiligen Geistes”) sehr große Auswirkungen haben … die dann auch physisch spürbar werden. Insofern wird Gott dann sehr(!) real.

Ok, es gibt verschiedene Erklärungsversuche warum ich nun plötzlich “von den Toten auferstanden” bin. Und die Ankündigung einer Erklärung ließ nichts Gutes ahnen. Und siehe da: Er ist Theist geworden.

Wie bekloppt muss man sein? Vom radikal-fundamentalistischen Antitheisten zum Theisten. Und Kilian stellt in einem Blogeintrag auch gleich fest, dass das was ich schreibe so klingt wie einem evangelikalen Hauskreis entsprungen.

Also. Accountokkupation?

Nein. Ich muss Euch enttäuschen. Ich bin echt und ich vertrete – im Kern – immer noch die hier auf dem Blog publizierten Ansichten. With one tiny modification: Ich verstehe jetzt auch die andere Seite. Und dem, der es ebenfalls verstehen möchte, würde ich das gerne in den kommenden Wochen und Monaten Schritt für Schritt erklären. Zuviel verlangt? Sicher.

Also. Brainwashing?

Naja, nee. Dass ich die andere Seite verstehe und integriert habe heißt nicht, dass ich da alles unkritisch glaube und für wahr halte. Es gibt einfach ein paar grundsätzliche Dinge, die ich kapiert habe und die ich inzwischen prima nachvollziehen und sogar mitmachen kann. Andere waren, sind und bleiben Quatsch. Zumindest vorläufig. Vielleicht verstehe ich da ja irgendwann auch noch den größten Quark. Aber das dauert. :-)

Also. Irre geworden?

Naja, wenn man Theismus als “Gotteswahn” bezeichnen möchte, sicherlich schon. Theismus ist ja auch so eine Art kollektive “Idee”. Aber nur weil man sie selbst nicht hat, muss man nicht unbedingt davon ausgehen, dass es sich dabei um einen Wahn handelt. Diese Idee macht schon Sinn. Vorausgesetzt man hält das zumindest für möglich und macht sich die Mühe, sie zu verstehen.

Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um hinter den (von mir vermuteten) Sinn des Theismus zu kommen, aber ich denke, ich habe so eine Ahnung bekommen und ich will das in den kommenden Postings auf das Wesentliche runterbrechen und zwar so, dass es auch noch der letzte Antitheist verstehen kann. Und ich freue mich über rücksichtslose Kritik wenn es nur noch bescheuert klingt was ich so schreibe.

Was ist hier eigentlich los?

April 16th, 2015

Ich will es kurz erklären:

Durch dieses Blog, durch andere Blogs und Foren, durch die vielen Diskussionen, die Auseinandersetzung, durch Nachlesen, Nachfühlen, Mitmachen habe ich verstanden, warum Theismus Sinn macht.

Ich habe das zunächst nicht verstanden, weil ich als Atheist in der dritten Generation aufgewachsen bin. Ich kannte Religiosität nur aus der Populärkultur und als Randerscheinung in Philosophie und Literatur. Ich war gepägt durch die Deutung von Religiosität als:

      “Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.”

Im Schulsystem der DDR wurde Religion als Manipulationsinstrument der Mächtigen vermittelt. Und das ist es auch auch noch immer. Aber eine – wesentliche – Seite der Religiosität wurde dabei bewußt ausgeblendet. Diese andere Seite habe ich kennengelernt, indem ich mit religiösen Menschen gesprochen, gegessen, gesungen, gebetet, gelacht und gelebt habe.

Und da habe ich verstanden, dass mir der Schlüssel zum Verständnis religiöser Texte fehlte. Als ich diesen Schlüssel aber – nach langem Kampf – in den Händen hielt, eröffnete er mir eine Welt von unschätzbarem Reichtum. Von dieser Erfahrung bin ich so überwältigt, dass ich das gern teilen möchte. Deshalb habe ich mich entschlossen, zurückzukehren.

Nada Te Turbe

April 15th, 2015

Ich muss gestehen, dass ich erschrocken war, als all die Nachrufe und freundlichen Elogen eintrafen. Ich wollte das nicht und hatte nicht damit gerechnet. Ich wollte klarmachen, dass der sapere aude, der dieses Blog betrieb, nun nicht mehr existiert. Ich wollte Lebewohl sagen und klarmachen, dass der Geist, der dieses und andere Blogs und Foren des WWW unter dem Namen sapere aude heimsuchte nun nicht mehr ist. Er war gestorben. Sapere aude, der Religionsverächter und Antitheist war tot. Und er bleibt tot.

Was hätte ich tun sollen, als ich die unerwarteten Nachrufe überall – hier und in religionskritischen Blogs und Foren – las? Ich wußte es nicht. Ich wollte das Blog einfach nur beenden. Aus einem tiefen und plötzlichen Bedürfnis heraus. Bei den Kommentaren zu meinem Tod fühlte ich soviel Unterschiedliches, von Scham über Reue bis hin zu Dankbarkeit für diese Erfahrung. Wer darf schon zu Lebzeiten so teils liebevolle Würdigungen lesen? Ich war überwältigt, sprachlos und gelähmt.

Ich entschied, lautlos im Erdboden zu verschwinden.

Und ich nehme an, so mancher wird jetzt denken, dass ich gefälligst auch dort bleiben solle. Menschen derart zu täuschen ist – auch wenn es nicht in bösartiger Täuschungsabsicht geschah – nicht fair.

Es tut mir leid. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich nicht besser handeln konnte.

Ich könnte nun den Rest meines Lebens vor Scham schweigen. Aber meine Geschichte hat einen erstaunlichen Epilog. Und den möchte ich Euch nicht vorenthalten, um vielleicht dem ein oder anderen, der sich doch ein wenig freut, dass ich wieder da bin, zu erklären, warum ich sterben mußte.

Ich bin wieder da.

April 14th, 2015

Liebe Leser

October 28th, 2010

Der Autor dieses Blogs, den Sie unter dem Namen “sapere aude” kennen, ist tot. Er starb unerwartet in der Nacht vom vergangenen Sonntag zum Montag.

Dieses Blog wird deshalb nicht weitergeführt. Bitte sehen Sie von Nachfragen zu seiner Identität und seinen Todesumständen ab!

Nachtrag

Herzlichen Dank für die überwältigende Anteilnahme!

In vielen Diskussionen mit Christen stelle ich fest, dass diese der Überzeugung sind, Atheisten seien kalte, emotionslose Technokraten und pragmatische Materialisten, die außerdem als unverbesserliche Nihilisten jede Hoffnung aufgegeben haben und der Welt und ihren Mitlebewesen keinerlei Bedeutung beimessen und sie stattdessen entweder als nützliche oder unnütze Objekte betrachten und entsprechend behandeln.

Atheisten gelten als abgeklärt, rücksichtslos und manipulativ. Mitgefühl, Kreativität oder soziale Kompetenzen werden ihnen ab- oder nur in Ausnahmefällen zugesprochen. Und tatsächlich, unter Atheisten gibt es solche Exemplare – so wie es sie unter Nichtatheisten natürlich auch gibt.

Das Erschreckende aber ist, dass Atheisten dieses stereotype Bild von sich in manchen Fällen sogar bewußt kultivieren und manchmal sanktionieren. Zeigt sich ein Atheist als allzu verträumt und versponnen, emotional oder optimistisch, muss er mit hochgezogenen Augenbrauen rechnen.

Noch viel merkwürdiger ist allerdings die Reaktion von Christen auf die Verwendung lebensphilosophischen Vokabulars durch Atheisten. Begriffe wie Liebe und Vergebung oder Mißgunst, Stolz und Hass, Trauer und Einsamkeit scheinen durch Religionen monopolisiert zu sein. Reagieren doch Theisten nicht selten mit großem Erstaunen auf die Verwendung solcher Begriffe und unterstellen dem atheistischen Autor heimliche Religiosität.

Ein Mittel, sich eine unangenehme und gefährliche Weltanschauung vom Leib zu halten, ist die Dehumanisierung ihrer Vertreter. Atheisten wird die Emotionalität und Empfindsamkeit, sowie eine selbstlose und opferbereite Moral und Ethik schlicht abgesprochen. Begriffe wie Vertrauen, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit gelten als unvereinbar mit dem Atheismus. Christen wissen dabei am besten, was man als Atheist sein muss und was nicht – ein mitfühlender oder sentimentaler Mensch jedenfalls nicht.

Kann man dem Christen aber glaubhaft machen, dass man Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe praktiziert, wird man für das Christentum zwangsvereinnahmt. Die Ursache für die Wertschätzung solcher Einstellungen wird in einer christlichen Erziehung oder wenigstens einer grundsätzlich christlich-abendländischen Kultur vermutet – selbst wenn man im atheistischsten Flecken der Erde aufwuchs.

Deshalb will ich es hier ein für alle Mal sagen: Ich bin hoffnungslos sentimental, emotional und sterbe vor Mitgefühl. Ich habe (soweit ich mich bewußt erinnern kann) noch nie einen Menschen oder Tier geschlagen und so vielen es ging geholfen. Ich bin der Überzeugung, dass die Welt und das Leben sinnvoll sind und ich lebe in Hoffnung auf alles, was kommt. Ich empfinde Liebe und Vertrauen und bin bereit zur Vergebung – was mir leicht fällt, weil ich ein schlechtes Gedächtnis habe. Ich halte Schwachheit und Armut für eine Tugend und sehne den Tag herbei, an dem jede Art von Herrschaft abgeschafft ist.

Und ich bin Atheist. Mindestens in der dritten Generation. Ich bin in einem atheistischen Land aufgewachsen und habe bis zu meinem 14. Lebensjahr noch nie von einem “Gott” gehört. Danach habe ich diese Hypothese über viele Jahre intensiv überdacht … und – bis auf weiteres – verworfen.

Ich bin Skeptiker – auch mir und meinen Überzeugungen gegenüber. Und ich bin unendlich neugierig. Ich diskutiere mit Christen, weil ich nicht verstehen kann, wie man einer totalitären Ideologie anhängen muss, wenn all das, was man am Christentum so richtig und wichtig findet, auch zu haben ist, ohne gleichzeitig die häßliche Kröte “selbstwidersprüchliche Absurdität, totalitärer Personenkult und Mitverantwortung für 2000 Jahre monströse Gewalt” schlucken zu müssen.

Wer kennt es nicht, das oft wiederholte Wort des Märtyrertheologen Bonhoeffer:

knut

Knut Dahl behauptet, dass Bonhoeffer nicht scherzte, als er sich das einfallen ließ. Und meint, diesen Spruch sinnvoll erklären zu können. Ich bin gespannt.

UPDATE

Knut zieht es vor, den Schwanz einzuziehen. Er begründet das, indem er sich mit Jesus und mich mit dem Teufel vergleicht. Warum bin ich nicht überrascht?

knut2

Exactly

October 8th, 2010