Hölle, Hölle, Hölle

August 13th, 2016

Dringt man tiefer in den christlichen Glauben ein, wird man unweigerlich mit der Hölle konfrontiert. Auch wenn die Vorstellung der „Ewigen Verdammnis“ aus den Sonntagsgottesdiensten in den evangelischen Landeskirchen keine Rolle mehr spielt … für fundamentalistische, bibeltreue, evangelikale Christen ist die Vorstellung des „Gerichts“ äußerst präsent. Die Angst vor der Höllenstrafe für die Sünden, der man nur durch den „wahren“ Glauben an Jesus Christus entrinnen kann, ist ein wichtiges Kriterium für die massiven Missionsbemühungen evanglikaler Christen.

Die Vorstellung, die wir mit der Hölle verbinden ist stark durch die mittelalterliche Bildsprache geprägt. Insbesondere Hieronymus Bosch, dessen wir an seinem 500sten Todestag, am 9. August gedachten, hat eindrucksvolle Visionen der Hölle gestaltet. Aber auch Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle ist eine der bekanntesten Darstellungen der möglichen Folgen, die eine Verurteilung für begangenen Sünden nach sich ziehen kann.

In der Weltliteratur ist es die Darstellung Dantes in seiner „Göttlichen Komödie“, die wohl den tiefsten Eindruck auf künstlerische Nachfolger hinterlassen hat.

Aber auch Hollywoodfilme, u.a. mit Robin Williams geben uns einen Eindruck davon, was uns nach dem Tod erwarten kann:

Aber all diese Darstellungen über die Jahrtausende sind eindrucksvolle Dichtungen und geniale Übertreibungen, entbehren aber jeder Grundlage im Neuen Testament.

Eher entstammen die Ideen für diese bildgewaltigen Darstellungen sogenannten Apokryphen. Das sind frühchristliche Schriften, die oft bekannten Autoren wie den Aposteln Petrus oder Paulus zugeschrieben werden, die es aber nicht in das Neue Testament geschafft haben.

Eine der bekanntesten und grausamsten Höllenvorstellungen ist die sogenannte „Petrus-Offenbarung“ aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, die von Kirchenvätern sogar teilweise dem Neuen Testamtent zugeordnet wurden. In dieser Schrift liest man von grausamen Foltermethoden für Sünder, Lästerer werden an ihren Zungen aufgehängt

Man bereitet ihnen ein nie verlöschendes Feuer. Ein anderer Strafort ist eine große mit brennendem Schlamm gefüllte Grube. Darin sind Menschen, welche die Gerechtigkeit verleugnet haben. Strafengel foltern sie und zünden das Feuer ihrer Strafe an.

Es ist eine schauerliche Vorstellung, die sich tief in unser kollektives Unbewußtes eingebrannt hat.

Bei all dem, was da geschildert wird, kann einem schon ein wenig gruseln, vor dem was da nach dem Tod kommen soll.

Aber was steht eigentlich in den 4 Evangelien über die Hölle?

Nichts.

Im griechischen Origninal gibt es den Begriff „Hölle“ gar nicht. An den Stellen, an denen in der deutschen Übersetzung Hölle steht, steht entweder „Hades“, „Tartaros“ oder „Gehenna„. Hades oder Tartaros sind aus der griechischen Mythologie bekannte Begriffe, die die Unterwelt beschreiben. Gehenna aber beschreibt einen realen Ort. Das vor Jesrusalem liegende Tal Ge-hinnom. In diesem Tal sollen Anhänger des Moloch-Kultes Kinder geopfert haben … später sei es eine reine Begräbnisstätte gewesen, in der Tote verbrannt oder in der Erde bestattet wurden.

Gehenna findet sich im griechischen Original in folgenden Versen:


Matthäus 5:22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig. (Im griechischen Original steht nichts von „Schuld“. Dort steht eigentlich „Wer aber sagt Du Narr kommt nach Gehinnom in das Feuer“ Zum Nachlesen: Griechisches Original)

geennan

Matthäus 5:29 Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

Matthäus 5:30 Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

Matthäus 10:28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

Matthäus 18:9 Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß du einäugig zum Leben eingehest, denn daß du zwei Augen habest und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Matthäus 23:15 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Wasser umziehet, daß ihr einen Judengenossen macht; und wenn er’s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr denn ihr seid!

Matthäus 23:33 Ihr Schlangen und Otterngezücht! wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?

Markus 9:43 So dich aber deine Hand ärgert, so haue sie ab! Es ist dir besser, daß du als ein Krüppel zum Leben eingehest, denn daß du zwei Hände habest und fahrest in die Hölle, in das ewige Feuer

Markus 9:45 Ärgert dich dein Fuß, so haue ihn ab. Es ist dir besser, daß du lahm zum Leben eingehest, denn daß du zwei Füße habest und werdest in die Hölle geworfen, in das ewige Feuer,

Markus 9:47 Ärgert dich dein Auge, so wirf’s von dir! Es ist dir besser, daß du einäugig in das Reich Gottes gehest, denn daß du zwei Augen habest und werdest in das höllische Feuer geworfen

Lukas 12:5 Ich will euch aber zeigen, vor welchem ihr euch fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, zu werfen in die Hölle. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch.

In Jesu Worten im Neuen Testament findet sich also als Strafe überwiegend die Verbringung nach Gehenna. Dieser Ort wird immer wieder vor allem bei Jeremia als der Ort benannt an dem die Israeliten dem Gott Baal oder Moloch opferten:

Jeremia 7:31 „Denn die Kinder Juda tun übel vor meinen Augen, spricht der HERR. Sie setzen ihre Greuel in das Haus, das nach meinem Namen genannt ist, daß sie es verunreinigen, und bauen die Altäre des Thopheth im Tal Ben-Hinnom, daß sie ihre Söhne und Töchter verbrennen, was ich nie geboten noch in den Sinn genommen habe.“

Jeremia 32: 35 „und haben die Höhen des Baal gebaut im Tal Ben-Hinnom, daß sie ihre Söhne und Töchter dem Moloch verbrennten, davon ich ihnen nichts befohlen habe und ist mir nie in den Sinn gekommen, daß sie solche Greuel tun sollten, damit sie Juda also zu Sünden brächten.“

So spricht nun der HERR: Gehe hin und kaufe dir einen irdenen Krug vom Töpfer, samt etlichen von den Ältesten des Volks und von den Ältesten der Priester, und gehe hinaus ins Tal Ben-Hinnom, das vor dem Ziegeltor liegt, und predige daselbst die Worte, die ich dir sage, und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr Könige Juda’s und Bürger zu Jerusalem! So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will ein solch Unglück über diese Stätte gehen lassen, daß, wer es hören wird, dem die Ohren klingen sollen, darum daß sie mich verlassen und diese Stätte einem fremden Gott gegeben haben und andern Göttern darin geräuchert haben, die weder sie noch ihre Väter noch die Könige Juda’s gekannt haben, und haben die Stätte voll unschuldigen Bluts gemacht 5 und haben dem Baal Höhen gebaut, ihre Kinder zu verbrennen, dem Baal zu Brandopfern, was ich ihnen weder geboten noch davon geredet habe, was auch in mein Herz nie gekommen ist. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, daß man diese Stätte nicht mehr Thopheth noch das Tal Ben-Hinnom, sondern Würgetal heißen wird. Und ich will den Gottesdienst Juda’s und Jerusalems an diesem Ort zerstören und will sie durchs Schwert fallen lassen vor ihren Feinden, unter der Hand derer, die nach ihrem Leben stehen, und will ihre Leichname den Vögeln des Himmels und den Tieren auf Erden zu fressen geben und will diese Stadt wüst machen und zum Spott, daß alle, die vorübergehen, werden sich verwundern über alle ihre Plage und ihrer spotten. Ich will sie lassen ihrer Söhne und Töchter Fleisch fressen, und einer soll des andern Fleisch fressen in der Not und Angst, damit sie ihre Feinde und die, so nach ihrem Leben stehen, bedrängen werden. Und du sollst den Krug zerbrechen vor den Männern, die mit dir gegangen sind, und sprich zu ihnen: So spricht der HERR Zebaoth: Eben wie man eines Töpfers Gefäß zerbricht, das nicht kann wieder ganz werden, so will ich dies Volk und diese Stadt auch zerbrechen; und sie sollen im Thopheth begraben werden, weil sonst kein Raum sein wird, zu begraben. So will ich mit dieser Stätte, spricht der HERR, und ihren Einwohnern umgehen, daß diese Stadt werden soll gleich wie das Thopheth. Dazu sollen ihre Häuser zu Jerusalem und die Häuser der Könige Juda’s ebenso unrein werden wie die Stätte Thopheth, ja, alle Häuser, wo sie auf den Dächern geräuchert haben allem Heer des Himmels und andern Göttern Trankopfer geopfert haben.

Wenn also Jesus von Gehenna, dem Tal des Moloch-Kults spricht, in das man kommt, wenn man bestimmte Regeln nicht beachtet, was meint er dann. Meint er eine Zeit nach dem leiblichen Tod?

Oder meint Jesus hier, dass wer nicht ihm nachfolgt, anderen Göttern folgen muss, die grausam und menschenverachtend sind, Göttern, die Kinderopfer fordern und diese werden, wie in der Prophezeihung des Jeremia, einst den Vögeln zum Fraß vorgeworfen werden.

Unsere Vorstellung von der „Hölle“ ist eine Jenseitsvorstellung. Es gilt als Strafe für begangene Sünden. Jesus selbst aber spricht nicht von Strafe für begangene Sünden nach dem Tod. Er spricht davon, dass man sich fürchten soll vor denen die Leib und Seele verderben in Gehenna, also in einem Todeskult. Dass man sicher lieber fernhalten sollte von denen, dass man sich eher sogar Glieder abtrennen solle, um nicht mit Leib UND Seele in Gehenna zu verderben.

Wie sollen die Schriftgelehrten und Pharisäer dem Todeskult entrinnen? Jesus warnt sie, die sich loben, dass sie hunderte Gesetze einzuhalten in der Lage sind. Sie hoffen mit der Einhaltung dieser Gesetze Gottes Zorn über ihre Sündhaftigkeit zu beschwichtigen. So wollen sie Krankheit, Schicksalsschläge und Verluste fernhalten. Der Tod galt letztlich als die gerechte Strafe für die von Adam ererbte Sündhaftigkeit. Aber wie lebt man, wenn man immer die Todesstrafe vor Augen hat? Wenn das Leben ein einziger Todestrakt ist, der nur zu einem Ziel führt, dem Tod?

Jesus spricht aber nicht nur von Gehenna, sondern auch vom Hades, in den die Toten kommen. In dem Gleichnis von Lazarus und dem Reichen Mann, muss der Reiche im Hades furchtbare Qualen im Feuer erleiden, während Lazarus in Abrahams Schoß liegt:

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Hier spricht Jesus mit Metaphern. Metaphern, von denen es eine in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat, der sprichwörtliche „Abrahams Schoß“. Jesus spricht von „Feuer“ und „Qualen“, die der Reiche im Hades zu erleiden habe.

Bedeutet das, dass den Menschen faktisch genau dieses Schicksal ereilt … in Abrahams Schoß oder in den Flammen? Abrahams Schoß wäre arg voll, wenn Jesus hier von tatsächlichen Ereignissen spräche. Es geht in diesem Gleichnis um eine Veranschaulichung dessen, was Lazarus und den Reichen im Tod (also eigentlich der Vorstellung vom Tod) erwarten. Für den Reichen ist der sicher bevorstehende Tod ein ungeheuerlicher Verlust. Für ihn ist es das größte denkbare Grauen. All das Gute und Schöne verlieren zu müssen, dass er im Leben genießen durfte. Die Angst vor dem Tod macht so sein Leben sauer. Ganz anders Lazarus. Was hat er zu verlieren. Doch nur seine jämmerliche Existenz und seine Geschwüre. Wie sehr sehnt er den Tod herbei, als Erlösung von den unerträglichen Leiden. Wie sehr muss ihm, der in Verachtung und Depression leben muss, der Tod als Erlösung und Hoffnung erscheinen. Endlich Ruhe! Endlich Frieden!

Die Unterscheidung zwischen Hades und Gehenna ist keine zufällige. Zehn Mal gibt es den Hades im Neuen Testament:

Matthäus 11: 23 Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden. Denn wenn in Sodom die Taten geschehen wären, die in dir geschehen sind, es stünde noch heutigen Tages.

Matthäus 16:18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben.

Lukas 10:15 Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden.

Lukas 16:23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

Apostelgeschichte 2:27 Denn du wirst mich nicht dem Tod überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe.

Apostelgeschichte 2:31 hat er’s vorausgesehen und von der Auferstehung des Christus gesagt: Er ist nicht dem Tod überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen.

Offenbarung 1:18 Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 6:8 Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit Schwert und Hunger und Pest und durch die wilden Tiere auf Erden.

Offenbarung 20:13 -14 Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl. Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl.

Der Hades gilt als das Totenreich. Dieser Ort ist nichts weiter als ein Aufenthaltsort. Das wird nirgendwo deutlicher als im letzten zitierten Abschnitt der Offenbarung: „Der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus“ und dann(!) wurden sie „gerichtet“. Und „Wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl“. Dieser „feurige Pfuhl“ ist jedoch nicht der Hades. Und dieser feurige Pfuhl befindet sich auch nicht im Hades, sondern Hades und Tod selbst werden in den Feuersee geworfen.

Die Gleichnisse des Hades als Reich des (bevorstehenden) Todes ist eine Warnung vor der Vergottung des Genusses, des materiellen Reichtums, des Glücks im Hier und Jetzt um den Tod zu vergessen. Die Warnung vor Gehenna, ist die Warnung vor dem Wahnsinn eines Todeskults in dem selbst Kinder geopfert werden um einen Gott zu beschwichtigen.

Was bedeutet das für uns?

Es gibt ein Lied von Gerhard Schöne mit dem Titel „Die zurückgelassenen Kinder“. Hier werden die Kinder der Suche nach dem Reichtum geopfert. Das ist die Hölle. Wenn die Eltern ihre Kinder verlieren und erst zu spät merken, dass sie selbst zurückgelassen sind.

Diese Eltern haben dem Gott Mammon ihre Kinder geopfert und haben sich selbst damit nach Gehinnom gebracht. Wären sie ihrem Herzen, ihrer Liebe gefolgt, wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass sie das Wichtigste übersehen.

Es gehört viel dazu, eines Tages zu verstehen, was wirklich zählt. Immer sind wir auf der Suche nach dem Eigentlichen und opfern dabei verschiedensten Göttern. Im Neuen Testament wird ein Gott beschworen, der keine „Opfer“ zur Beschwichtigung mehr braucht, sondern der sich selbst geopfert hat um uns ein für alle Mal zu zeigen, was als einziges wirklich zählt: Die Liebe.

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Literaturhinweise:

Dimitris J. Kyrtatas „The Origins of Christian Hell“ Numen: International Review for the History of Religions 56 (2009) 282–297

Chaim Milikowski „Which Gehenna? Retrebution and eschatology in the synoptic gospels and in early jewish texts“ New Testament Studies Vol. 34, 1988, pp. 238-249

Der Gesang des Zilpzalps

März 31st, 2016

Ich liege in meinem Bett. Ich habe die Augen geschlossen. Die Decke hüllt mich ein, es ist gemütlich, es ist warm.

Aber ich fühle mich unruhig. Ich habe Angst, ich fühle mich allein, große Verantwortung lastet auf mir. Wie soll ich das alles schaffen? Und meine Wünsche und Tagträume? Wie soll ich die jemals erreichen? Ich habe keine Kraft, das alles zu schaffen.

Und warum muss ich solche Gefühle haben? Warum muss ich mich traurig und überfordert fühlen, warum voller Angst den nächsten Tag erwarten?

Warum kann ich mich nicht immer hoffnungsvoll und stolz fühlen? All das, was ich erreicht habe, all das, was mir geschenkt wurde, ist soviel wert. Und anderen geht es soviel schlechter als mir. Warum ist mein Herz nicht still? Warum rasen mir Gedanken durch den Kopf und lassen mich nicht schlafen? Warum bin ich so unruhig, so wach, so voller Energie und doch gleichzeitig so müde?

Und wo ist Gott in dem allem?

Warum spüre ich seine Liebe nicht, warum nicht das Vertrauen, die Zuversicht. Wo ist mein Glaube denn nun?

Da ist der Zweifel.

Vielleicht gibt es ihn gar nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht gibt es ja nur meine Sorgen und mich und die da draußen, die fordern und abfällig reden, die unzufrieden sind mit mir und meiner Arbeit, meiner Person, meinem Dasein. Warum bin ich überhaupt da? Wozu? Für wen? Für was?

Bin ich hier, um Spuren zu hinterlassen? Soll das der Sinn meiner Existenz sein? Soll ich Steine aufeinanderschichten? Pyramiden bauen, die in 5000 Jahren noch stehen? Soll ich etwas Bleibendes schaffen? Oder soll ich Bücher schreiben? Bestseller? Sollen mir Statuen errichtet, Universitäten nach mir benannt werden? Oder soll ich viele Kinder haben und meine Gene so weit streuen wie irgend möglich? Damit etwas bleibt von mir? Oder soll ich das Leben einfach genießen? In vollen Zügen, ohne Rücksicht auf Verluste? Ich habe doch schließlich nur dieses eine Leben.

Warum ist mein Herz so unruhig? Warum kann ich nicht schlafen, bin voller unerfüllter Sehnsucht?

Vielleicht sollte ich mich lieber ablenken, mit Fernsehen oder Zeitungen oder Büchern. Sollte mich unterhalten lassen und erfreuen. Aber es befriedigt mich nicht und läßt mich ebenso leer zurück.

Oder Freunde treffen und mit ihnen reden. Ihnen mein Leid schildern. Aber ich will ihnen nicht auf den Geist gehen. Und sie haben ja doch keine Lösung. Vielleicht haben sie dann auch keine Lust mehr zu kommen, wenn ich ihnen andauernd etwas vorzujammern habe. Viel lieber habe ich fertige Lösungen und Ratschläge für andere.

Vor langer Zeit lebte in meinem Dorf ein wohlhabender Mann. Der hatte alles was man sich wünschen konnte. Ein großes Haus, ein gutgehendes Geschäft und eine große Familie. Er war angesehen und beliebt. Und er hatte sogar Zeit für einen Schwatz wenn man ihm im Dorf begegnete. Also alles andere als ein gehetzter Geschäftsmann. Aber man erzählte von ihm, dass er viel durchmachen mußte. Er hatte seine Eltern früh im Krieg verloren und war im Kinderheim aufgewachsen. Er konnte sich jedoch hocharbeiten und schaffte sogar die höhere Schule. Er eröffnete ein Geschäft das nicht lange gut ging und danach noch ein oder zwei, bis es endlich klappte und er erfolgreich war. Er arbeitete wohl viel. Seine erste Frau hatte er im Kindbett verloren. Auch das Kind starb hierbei. Und auch mit der zweiten Frau hatte er nicht soviel Glück. Sie war oft nachts in anderen Betten unterwegs. Und so lebte er dann lange allein. Bis er eine Frau fand, mit der er fünf weitere Kinder zeugte. Er soll selbst auch sehr krank gewesen sein. Krebs, erzählt man. Aber wenn man ihm begegnete – er war eine imposante Erscheinung, groß und massig, mit einem kräftigen Bart und lachenden Augen – hatte er meist einen lustigen Spruch oder eine gute Idee, worauf man im Dorf gerade achten solle, dass der Zilpzalp schon da sei und man hören solle oder dass die Frühblüher bereits wüchsen, dass eine Nachbarin gerade einen prächtigen Jungen zur Welt gebracht habe … oder dass er in die Stadt unterwegs sei und ob er etwas mitbringen solle.

Ich fand seine liebenswerte Art unglaublich beeindruckend und habe mich oft gefragt, wie er das macht, so erfolgreich zu sein, eine große Familie zu haben … gleichzeitig soviel durchgemacht und dann noch so gut gelaunt und optimistisch zu sein. Und ich fragte mich, ob er nicht auch solche Zeiten erlebte, wie ich, in denen er nachts im Bett liegt und kaum ein Auge zubekommt, weil ihn die Sorgen quälen und die Last der Welt auf seinen Schultern ruht und es ihm keiner dankt.

Und so habe ich ihn einmal gefragt, an irgendeinem Sommerabend. Als ich, unter der Dorflinde sitzend, den Kindern beim Spielen zusah und er vorbeikam. Er setzte sich zu mir und wir erzählten ein wenig und dann schwiegen wir. Und weil es so ein schöner lauer Abend war und es dann langsam dämmerte und die Kinder heimgerufen wurden, hatte ich den Mut ihn mal zu fragen, wie er das macht, trotz all der Niederlagen und Brüche, trotz der Lasten des Alltags immer so gut gelaunt zu sein und ob er nicht auch solche Phasen habe, in denen er nachts wachliege und was er dann täte.

Er überlegte eine Weile und dann sagte er „Doch, das kenne ich auch“.

Er sagte, er setze sich dann immer an seinen Schreibtisch, nehme sein Tagebuch zu Hand, schließe die Augen und warte, bis er etwas aufschreiben könne. Seine Ängste oder seine Befürchtungen. Und dann, wenn er sich alles von der Seele geschrieben habe, denke er sich eine Geschichte dazu aus. Eine, die ihn mit der Welt versöhne und dann überlege er, ob ihm ein Vers aus den Evangelien dazu einfalle. Johannes 16:20-22 zum Beispiel:

„Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln. Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. So seid auch ihr jetzt bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.“

Und dann würde er beten, sagte er. Auf Knien. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Und dann hat er es mir gezeigt. Er hat mich runter von der Bank auf die Knie gezogen und so knieten wir beide an diesem Sommerabend mitten auf dem Dorfplatz unter der Linde und er betete frei. Ich weiß nicht mehr was. Es war mir befremdlich, peinlich, komisch und gleichzeitig irgendwie vertraut. Aber lange hielt ich das kaum aus. Wenn uns jemand sieht. Ich kniete wie auf Kohlen.

Als er fertiggebetet hatte, stand er auf, zog mich hoch und nahm mich in den Arm. Das, mein Junge, sagte er, hilft mir dann, wenn ich nachts wachliege und nicht schlafen kann. Er zwinkerte mir zu, wünschte mir eine gute Nacht und ging Nachhause.

Der grausame Gott

September 16th, 2015

In dieser ARTE-Dokumentation wird die Opfergeschichte Abrahams an Isaak reflektiert. Zwei Künstler werden poträtiert, die diese Geschichte vor dem Hintergrund der gewaltsamen Religionskriege interpretieren. Wenn Gott zu wörtlich genommen und in blindem Gehorsam vielleicht gar falsch verstanden wird – so der Grundgedanke dieser künstlerischen Deutung – opfern wir selbst unsere Kinder, unser Heiligstes … aber Gott greift Abraham rechtzeitig in den Arm.

Der Theologe Eugen Drewermann sieht die Geschichte auch im Lichte des Heilsgeschehens um Jesus: Jesus zeigt mit seinem Opfertod, dass nicht Gott es ist, der die Gewalt will, sondern dass es der Mensch ist, der in seinem Drang nach Macht alles opfert. Gott hindert Abraham – der ihm in blinden Gehorsam folgte – an der Ausführung seines Plans. Gott selbst aber opfert seinen einzigen Sohn den blutdürstigen und machtgierigen Menschen auf dass sie klug werden und erkennen, was sie in blinder Wut getan haben. Damit es die Menschen endlich lernen. Endlich erkennen, dass die zwischenmenschliche Gewalt nicht von Gott, sondern dem Menschen kommt.

Ich bin Christ

September 11th, 2015

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann rufe ich nicht „Ich führe ein ordentliches Leben“.
Ich flüstere leise „Ich war verloren,
jetzt bin ich wieder da und mir wurde verziehen“.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann sage ich das nicht mit Stolz.
Ich gebe zu, dass ich dahinstolpere
und dass ich Christus als Begeleiter brauche.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann versuche ich nicht, stark zu sein.
Ich zeige damit, dass ich schwach bin
und dass ich seine Kraft brauche um weiter zu kommen.

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Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann brüste ich mich nicht mit Erfolg.
Ich sage, dass ich Mist gebaut habe
und Gott brauche, um den Mist jetzt aufzuräumen.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
Dann tue ich nicht so als sei ich perfekt.
Meine Fehler sind ja überdeutlich sichtbar.
Aber Gott ist überzeugt, dass ich es wert bin.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann leide ich weiter Schmerzen.
Und ich habe einen Haufen Kummer.
Deshalb bete ich.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann bin ich nicht „heiliger“ als du.
Ich bin einfach ein Mensch,
der Gottes Segen hat, irgendwie.

Der Gotteswahn

September 7th, 2015

Vor fast zehn Jahren habe ich in einer großen Buchhandlung aus einer Laune heraus ein Buch erstanden, das mein Leben grundsätzlich verändern sollte: Richard Dawkins‘ „The god delusion“ (Der Gotteswahn).

Viel später sagte man mir, dass mein Weg zum Christentum äußerst ungewöhnlich verlaufen sei. Von der Indifferenz eines typischen ostdeutschen Atheisten, der von Gott bis zum 14. Lebensjahr nie etwas gehört hat, über den Antitheismus des Richard Dawkins oder Christopher Hitchens, bis hin zu Kirche, Bibel und dreieinigem Gott.

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Anders als die meisten hat mich dieses Buch, „The god delusion“, aber nicht nur erst zum Atheisten gemacht und mich in meinem Atheismus bestärkt, sondern es war mein Einstieg in eine intensive und bewußte Auseinandersetzung mit Religion überhaupt, die mich später zum Christen machte.

Dieses Buch öffnete mir die Augen, zunächst für den immensen Zündstoff, der weltanschaulichen Fragen innewohnt, später für die monströsen Verbrechen, die auf das Konto organisierter Religion gehen und zuletzt für den unglaublichen Reichtum an Weisheit, der vielen religiösen Schriften zugrundeliegt.

Ich hätte diesen Schatz nie heben können, ohne den Reiz der Auseinandersetzung, den dieses Thema und dieses Buch hervorriefen und -rufen.

Ich muss meinen Freunden nun auf verschiedene Weise erklären, wie ich eine solche Wandlung durchmachen konnte. Und es fällt mir schwer, weil ich ihnen lange mit meinen extrem antireligiösen Meinungen auf die Nerven ging. Viele haben das nicht verstanden, manche haben sich davon auch vom Antitheismus überzeugen lassen.

Ich habe mich sehr engagiert. Ich habe die sogenannte atheistische „Buskampagne“ für Deutschland mit initiiert und habe in Foren und Blogs und zusammen mit den Giordano-Bruno-Stiftung, Freidenkern und Brights im „richtigen Leben“ für die atheistische Sache gestritten. Aber ich habe auch viel gelesen und und viel zugehört und ich habe irrgendwann etwas verstanden.

Ich glaube, ich habe dann begonnen, das richtig zu verstehen, als ich wirklich mitgemacht habe. Als ich beim Gottesdienst einfach mal mit aufgestanden bin. Das war schon komisch genug. Und dann habe ich auch das „Herr, erhöre uns“ mitgebetet. Und ich habe mitgesungen. Ich habe das Vaterunser mitgesprochen und habe zuletzt auch das Abendmahl genießen dürfen. Ich habe gesehen, wie dabei die Herbstsonne durch die Scheiben der kleinen Kirche schien und ich fühlte mich dabei geborgen und richtig.

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Ich kannte dieses Gefühl schon. Ich hatte es früher manchmal, als ich als Kind in meinem Zimmer saß, es war dunkel und kalt draußen, drin war es warm und eine kleine Schreibtischlampe ließ ihr Licht auf ein kleines Bild scheinen. Ein weites Meer war darauf zu sehen und am Strand stand eine einsame Gestalt. Leise Musik lief im Hintergrund. Es war ein Gefühl der Geborgenheit im Großen und Ganzen. Und dieses Gefühl hatte ich wieder, als ich in einem kleinen Kirchlein im tchechischen Tabor, dem Hort der Hussiten, stand. Und wieder als ich einmal in einem Urlaub mit Freunden vor dem Essen betete und sang. Das kam mir fremd und komisch vor. Ein bißchen übertrieben und gewollt. Aber es hinterließ einen tiefen und bleibenden Eindruck.

Auch freundliche und verträgliche Menschen haben Eindruck auf mich gemacht. Menschen, die nicht Auge mit Auge vergalten, sondern unendlich zur Vergebung bereit waren. Mich beeindruckten Menschen, die anderen Menschen halfen, die mir in vielerlei Hinsicht unberührbar erschienen. Ich war beeindruckt von der Klugheit und von dem unermüdlichen Engagement für gute Dinge, die keine finanziellen Vorteile oder Machtgewinn oder Ruhm brachten. Ich war beeindruckt von dem stillen Glühen, der Wärme, die von manchen dieser Menschen ausging. Und mich beeindruckte die Gewaltlosigkeit, die keine Feigheit war. Denn sie blieben da und ertrugen den Hass und die Gewalt still. Ich sah Zuversicht im Angesicht des niederschmetternsten Hoffnungslosigkeit. Ich sah Vertrauen im Angesicht tiefsten Mißtrauens. Ich sah Liebe im Angesicht der kältesten Lieblosigkeit.

Und ich fragte mich, woher nahmen diese Menschen die Kraft, meinem Hass mit Geduld zu begegnen? Woher nahmen sie die Kraft, in dieser Welt, die zur Verzweiflung einlädt, nicht verzweifelt, sondern froh zu sein?

Dieses Beispiel trieb mich an. Ich wollte es wissen. Und ich sollte es wissen.

Wenn wir das Wort „Wahrheit“ hören, denken wir an die „objektive“ Wahrheit. Etwas, das man erforschen kann. Naturwissenschaftlich oder gar kriminalistisch. Wer ist der wahre Mörder? Hierbei geht es um Leben und Tod.

Und wenn der wahre Mörder gefunden ist, wird er erbarmungslos für seine Taten bestraft. Die Opfer haben schließlich ein Anrecht auf Sühne.

Naturwissenschaftliche Wahrheiten helfen uns, die Welt um uns herum zu verstehen und zu verändern, zu kontrollieren und oft auch zu manipulieren. Durch wissenschaftliche Forschung wissen wir zum Beispiel wie Wetterphänomene entstehen. Wir können das Wetter vorhersagen und – selten – inzwischen sogar beeinflussen. Gewollt oder – wie beim Klinmawandel – ungewollt.

Aber schon beim Klimawandel gibt es Streit. Was ist wahr? Haben die Warner recht – oder die Klimaskeptiker? Es wird also geforscht und und gesucht. Es gehen Millionen Euro in diese Forschung und Millionen Stunden Lebenszeit vieler tausender Menschen.

So ist es auch bei weltanschaulichen und theolgischen Diskussionen. Da streitet man sich stunden-, tage-,wochen-,jahre- ja lebenslang über die korrekte Übersetzung eines einzigen Bibelverses. Man kann ganze Bücher mit der Suche nach der wahren Bedeutung eines einzigen Wortes füllen.

Werden all diese Dinge dadurch wahrer? Und wie wichtig sind diese Wahrheiten und Erkenntnisse? Was bringt es, wenn wir wissen, wer recht hat?

Wir streiten über die „objektive“ Wahrheit weil wir Angst haben.

Wir haben Angst, das falsche Leben zu leben. Was, wenn der Klimawandel Schwindel ist? Was wenn es zu der Bibelübersetzung, die ich seit Jahrzehnten kenne, noch hundert andere Vatianten gibt, die etwas ganz anderes bedeuten? Ist es möglich, dass ich mein Leben dann auf Sand baue? Auf eine Illusion?

Wir suchen die Wahrheit mit aller uns zur Verfügung stehenden Kraft, wir investieren viel Geld und viel Zeit in die Wahrheitsfindung. Wir wollen die physikalische, die historische, die kriminalistische, die philosophische Wahrheit wissen, weil wir richtig leben wollen. Wir wollen glücklich sein und dieses Glück mit anderen Menschen teilen.

Doch oft haben andere Menschen ganz andere Wahrheiten als wir. Sie erscheinen verblendet. Sie wollen nicht verstehen. Und so stecken wir unendlich viel Energie darein, diese Menschen von der Wahrheit, die wir erkannt haben zu überzeugen. Sie davon zu überzeugen, dass die anderen irren. Denn wenn ich irre, habe ich in den letzten Jahren meine Zeit verschwendet und verschwende sie vielleicht in den nächsten Jahren weiter. Es steht unglaublich viel auf dem Spiel.

Die anderen müssen also irren. Und durch Belehrung mit vielen Worten und vielen guten und wohlbegründeteten Argumenten kann ich sie von der Richtigkeit meiner Argumente überzeugen.

Und ich kann auch viel Geld in die Verbreitung meiner Argumente stecken. Je mehr Geld ich habe, desto mehr Menschen kann ich dafür bezahlen, meine Wahrheit zu verbreiten. Ich kann Zeitungen und Fernsehsender kaufen, die Tag und Nacht meine Wahrheit verbreiten. Ich kann Lehrstühle an Universitäten stiften, die zu meiner Wahrheit forschen. Ich kann all meine Macht dazu einsetzen, dass meine Warheit unter die Menschen kommt und alle Menschen meine Wahrheit glauben müssen.

Doch was, wenn ich plöztlich, nach all diesem Aufwand, den ich getrieben habe, all der Lebenszeit, die ich investiert habe, all das Geld all die Kraft, die Mühe, wenn ich dann plötzlich feststelle, dass ich mich geirrt habe?

Was dann ?

Mache ich einfach weiter? Das System läuft. Es muss weitergehen. Der Druck ist riesig. Ich habe jahrelang Überzeugungsarbeit geleistet. Habe andere mit viel Aufwand überzeugt und plötzlich weiß ich, das ist alles nicht wahr?!

Ich beginne, mich zu fragen, was Wahrheit ist. Und ich stelle fest, dass Wahrheit nichts ist, was man hat, sondern etwas, das man sucht. Sein Leben lang. Jeder von uns. Und all unsere erbitterten Diskussionen, wessen Wahrheit jetzt die wahre ist, sind nichts anderes als Liebeserklärungen an den anderen, an uns und an Gott.

Warum gebe ich mir Mühe, einen anderen zu überzeugen? Auch weil ich will, dass er nicht zuschanden geht. Neben allen egoistischen Motiven gibt es die Liebe zum anderen. Eine unbezähmbare Kraft. Mein Diskussionspartner ist wie Robinsons Freitag auf einer einsamen Insel. Er nervt, aber ich will nicht, dass er zuschanden geht, weil ich ihn brauche, wie die Nahrung und Luft zum Atmen und er mich.

Und so tritt hinter der angeblichen objektiven Wahrheit – über die wir uns ewig streiten – eine andere Wahrheit hervor.

Da werden die teuren Maschinen im Krankenhaus abgestellt, die eine todkranke Frau künstlich am Leben erhalten. Da nimmt jemand das Fahrrad, statt des Autos. Da legt jemand in der Straßenbahn sein Samrtphone zu Seite und hilft jemandem beim Einsteigen. Da geht eine zu einem ehemaligen SS-Aufseher, der mit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und nicht mehr sprechen kann und wäscht ihn. Da schließt ein Meteorologe sein Büro jeden Tag ein bißchen früher ab und geht nachhause zu seiner Frau uns seiner kleinen Tochter, er wird deshalb keine Professur erhalten.

Da treffen sich Menschen in einem großen und schönen Haus und machen weihevolle Gesten, stehen auf, setzen sich und erzählen Geschichten, sprechen Gedichte und Zauberprüche, laufen in langen Gewändern und singen und murmeln etwas, das alle singen und murmeln, trinken aus einem Gefäß, essen, in Kreis stehend, gemeinsam kleine Dinge, geben einander ein Zeichen des Friedens und lassen sich segnen.

Das ist eine anderen Wahrheit als die „objektive“ Wahrheit. Aber ich glaube, diese ist die Größere.

Religion ist Psychotherapie

August 5th, 2015

Yoga hat sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Und auch in der Psychotherapie spielen fernöstliche Praktiken neuerdings eine ganz wesentliche Rolle. Die sogenannte „Verhaltenstherapie“ wird – als eine von drei Therapiemethoden – auch von den Krankenkassen finanziert. Die Krankenkassen tun dies, weil empirisch nachgewiesen werden konnte, das Verhaltenstherapie wirksam ist. In vielen Fällen wirksamer als Medikamente.

Im Rahmen der Forschung zur Verhaltenstherapie wird auch weiter an wirksamen Methoden zur Behandlung psychischer Störungen geforscht. Neuester Gegenstand dieser Forschung sind vor allem fernöstliche Meditationstechniken, die somit Einzug auf allen Ebenen der Gesellschaft haben.

Einer der bedeutensten Vertreter der sogenannten „3. Welle der Verhaltenstherapie“ Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor des MIT, wurde kürzlich sogar zum Treffen des Weltwirtschaftforums nach Davos eingeladen, um einen Vortrag zum Thema Mindfulnes, zu deutsch: „Achtsamkeit“, zu halten.

Die FAZ schreibt:

    „Seit 36 Jahren leitet der promovierte Molekularbiologe Meditationskurse, er hat eine Klinik und ein Achtsamkeitszentrum aufgebaut. Dort wird Kranken und Ausgebrannten geholfen, chronische Schmerzen zu ertragen, Krebs zu bekämpfen, Stress und Burnout zu vermeiden. Auf der ganzen Welt lernen Millionen von Menschen nach der von ihm entwickelten Methode, der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR).“

MBSR ist wirksam. Aber auch andere Techniken gehören zu dieser 3. Welle der Verhaltenstherapie. So geht es hier nicht nur um Atem- und Achtsamkeitstechniken, sondern auch um einen ganzen philosophisch-weltanschaulichen Überbau. Ethik und Werte halten Einzug in die Psychotherapie. Die sogenannte Akzeptanz- und Commitment-Therapie beinhaltet auch die Behandlung von grundlegenden Wertefragen um Lebensziele des Patienten zu ermitteln und von problematischen Verdrängungs- und Betäubungsritualen (z.B. Drogen- oder Mediensucht) wegzukommen.

    Bei den Problemen, die den Patienten belasten, wird zwischen „sauberem“ und „schmutzigem Leid“ unterschieden. Schmutziges Leid entsteht durch den Versuch, mit Hilfe verschiedener Strategien (Rückzug, Flucht, Betäubung, Argumentieren, übertriebenes Sicherheitsverhalten, spannungsreduzierende Rituale etc.) unangenehme innere Erlebnisse zu vermeiden („experiential avoidance“). Die angewandten Strategien haben nicht nur den Nachteil, dass sie nicht oder nur zeitlich begrenzt funktionieren, sondern auch mit erheblichen negativen Konsequenzen für die Lebensführung des Patienten verbunden sind.

Die Therapie besteht hauptsächlich darin, den Patienten darin zu unterstützen, seine dysfunktionalen Kontrollversuche abzubauen, indem er seine Bereitschaft erhöht, auch unangenehme Empfindungen zu akzeptieren und zu erleben.

Die evangelikale Nachrichtenagentur IDEA ist unzufrieden:

    „Die Übergänge zu hinduistischen und buddhistischen Lehrinhalten seien jedoch im Zusammenhang mit erlebnisorientierter spiritueller Suche oder Selbsterfahrungsangeboten fließend. Yogalehrer hielten in der Regel an der Überzeugung fest, das die Yoga-Übungen nicht von der Geisteswelt der hinduistisch-buddhistischen Religionen zu trennen seien. Eigentliches Ziel von Yoga sei Erlösung und das Einswerden mit dem Göttlichen. Der Yoga-Meister Swami Krishnananda (1922-2001) formulierte es so: „Yoga verspricht Vollkommenheit. Yoga verspricht frei von allem Elend andauernde Glückseligkeit.“
    Der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW/Berlin) zufolge gilt es, den Inhalt des jeweiligen Yoga-Angebots zu prüfen: „Christliche Mystik wird sich in all ihren Übungen auf die Sammlung und Ausrichtung auf das Heilswerk Gottes in Jesus Christus konzentrieren.“ Sie werde sich nicht auf Formen einlassen können, „die eine auf methodischem Wege zu erreichende Vollkommenheit verheißen“. Dies gelte insbesondere dann, wenn solche Verheißungen mit Tendenzen zur psychischen und finanziellen Abhängigkeit von der Person eines Lehrers oder Gurus verbunden seien.“

Methoden und Meditationspraktiken um sich völlig von Leid zu befreien? Nein.

Im Kern handelt es sich bei Achtsamkeit und Commitment um eine grundlegende Praxis, die auch und vor allem im christlichen Kontext vermittelt wird.

Am Beispiel Jesu wird gezeigt, dass unser Leid zum Leben dazugehört und dass es unsere Aufgabe ist, auch das Leid (letztlich auch den Tod) als Bestandteil des uns geschenkten, kostbaren Lebens anzunehmen, statt ihm (Leid und Tod) entfliehen zu wollen. Da alle Flucht – wie man sie an vielen Beispielen in den Gleichnissen Jesu findet (Reicher Kornbauer, anvertraute Pfunde, barmherziger Samariter usw.) – letztlich in die Verdammnis (emotionale Verzweiflung) führt.

Man kann das alltägliche (aber auch das nichtalltägliche) Leid nur annehmen, wenn man Werte und Ziele hat, die über die reine Vermeidung von Leid hinausgehen. Es geht um die Klärung dessen, was zählt. Es geht um „Das Eigentliche“.

In der Religion wird diese Frage für die Gläubigen beantwortet. Aber so, dass sie ihm die Freiheit läßt, seinen eigenen Weg zu finden. Aber es gibt auch ewige Wahrheiten. Zu denen gehört, dass psychische Probleme immer Beziehungsprobleme sind. Sind Beziehungsprobleme gelöst, sind auch die psychischen Probleme gelöst.
Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen die anderen. Wir brauchen sie, um uns an ihnen zu reiben. Im Guten wie im Bösen.

Und Jesus wußte, dass Beziehungsprobleme nur zu lösen sind, wenn wir Geduld üben und liebevoll sind, wenn wir vergeben können und anderen all das zukommen lassen, was wir uns für uns selbst wünschen.

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Gegenstand dieses Blogs ist es, religiöse Sprache für Atheisten verständlich zu machen. Zu erklären, warum sich ganz normale Menschen manchmal anhören wie verstrahlt. Da ist die Rede von Jesus, dessen Freund man sei. Oder man hört sogar ein „Ich liebe Jesus“. Viele wissen ganz genau, was Gott ist und was er von ihnen und der Welt will.

Völlig verrückt, denkt der naturwissenschaftlich geschulte Geist … aber wenn’s glücklich macht. Viele andere sind wirklich verärgert und verzweifelt. So ein Wahnsinn wird staatlich finanziert?

Der gnadenlose Satiriker Jan Böhmermann ist stinkig:

Und Religion ist letztlich auch bekannt für ihre Neigung monströse Verbrechen zu rechtfertigen oder gar anzustacheln. Wie haben die Neuen Atheisten in einer Kampagne deutlich gemacht:

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Religion ist also gefährlich, sagt diese Zuspitzung. Religion – als Gotteswahn – führt letztlich zu Wahnsinnstaten, die Verzweifelte oder Größenwahnsinnige begehen, weil sie sich als Schild und Schwert Gottes wähnen. Also warum sprechen die Menschen dann überhaupt noch von einem Gott? Und warum sollte man diese unerschöpfliche Quelle der Gewalt noch verständlich machen?

Also, was soll der ganze Kram? Warum sollte man das Ganze noch dulden, wenn es so vernichtende Konsequenzen hat.
Hat nicht Karl Marx schon ganz zu recht darauf hingewiesen, dass Religion letztlich nichts anderes ist als Volksverdummung:

    „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

Die Idee des Priesterbetrugs steht im Raum. Dient Religion also nur der Unterdrückung eines Volkes? Hat sie den Zweck Macht, Reichtum und Ansehen von Priestern, Politikern, Mächtigen und Reichen zu stützen?

Tatsächlich gibt es Formen von Religiosität, die genau das tun. Religiosität, die dazu dient, den Status quo zu erhalten und den frommen Bürger in seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit weiter einzusperren. Die Schriftgelehrten und Philister, die Jesus im Israel vor 2000 Jahren schon ansprach, gibt es noch heute – aber auch vor 200 Jahren.

Novalis schrieb:

    Philister leben nur ein Alltagsleben. Das Hauptmittel scheint ihr einziger Zweck zu sein. Sie tun das alles, um des irdischen Lebens willen; wie es scheint und nach ihren eignen Äußerungen scheinen muß. Poesie mischen sie nur zur Notdurft unter, weil sie nun einmal an eine gewisse Unterbrechung ihres täglichen Laufs gewöhnt sind. In der Regel erfolgt diese Unterbrechung alle sieben Tage, und könnte ein poetisches Septanfieber heißen. Sonntags ruht die Arbeit, sie leben ein bißchen besser als gewöhnlich und dieser Sonntagsrausch endigt sich mit einem etwas tiefern Schlafe als sonst; daher auch Montags alles noch einen raschern Gang hat. Ihre parties de plaisir müssen konventionell, gewöhnlich, modisch sein, aber auch ihr Vergnügen verarbeiten sie, wie alles, mühsam und förmlich. Den höchsten Grad seines poetischen Daseins erreicht der Philister bei einer Reise, Hochzeit, Kindtaufe, und in der Kirche. Hier werden seine kühnsten Wünsche befriedigt, und oft übertroffen.
    Ihre sogenannte Religion wirkt bloß wie ein Opiat: reizend, betäubend, Schmerzen aus Schwäche stillend. Ihre Früh- und Abendgebete sind ihnen, wie Frühstück und Abendbrot, notwendig. Sie können’s nicht mehr lassen. Der derbe Philister stellt sich die Freuden des Himmels unter dem Bilde einer Kirmeß, einer Hochzeit, einer Reise oder eines Balls vor: der sublimierte macht aus dem Himmel eine prächtige Kirche mit schöner Musik, vielem Gepränge, mit Stühlen für das gemeine Volk parterre, und Kapellen und Emporkirchen für die Vornehmern.

Also verzichten wir doch einfach auf diesen Wahnsinn. Reicht es nicht, wenn wir Naturwissenschaft und Vernunft haben? Eine rational-pragmatisch-utilitaristische Ethik kann doch die meisten Menschen glücklich machen, oder?

Der gleiche Autor, der oben die Religion der Philister anprangert, klagte jedoch schon vor 200 Jahren über diese Profanisierung der Weltsicht als Folge der Aufklärung:

    „Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählich in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr – der Religionshaß dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Not oben an und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die, vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller, und eigentlich ein echtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei.“

Sollte eine rationale Interpretation und das naturwissenschaftliche Verständnis der Welt nicht reichen? Wozu braucht es Enthusiasmus? Wozu Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit? Sind wir nicht alle einfach Nackte Affen?

Novalis wirbt stattdessen für eine Romantisierung der Welt:

    „Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. “

Romantisierung der Welt also. Damit ist wohl nicht die mühevolle Aufhübschung einer aufgetakelten Dirne, wie in dem Bild von Otto Dix gemeint.

pm

Es geht um eine Idee(!) Es geht nicht darum, dass man dem Endlichen noch mehr Endliches hinzufügt und es damit aufzuwerten glaubt, wie eine barocke Kirche mit überbordendem Tand, Schmuck und vergoldeten Putten. Es geht darum, dass man sieht, dass auch eine grotesk geschminkte Prostituierte ein Mensch mit einem Seelenleben ist, mit Ängsten und Trauer, Hoffnungen und Träumen, mit einer Geschichte und einer Zukunft. Das ihr Dasein, in einem größeren Gesamtzusammenhang steht, als ihrer lächerlichen Erscheinung zu einem ganz bestimmten Punkt in der Zeit.

In dem Projekt der Romantisierung geht es darum, zu verstehen, dass wir trotz beeindruckender Präsenz unserer Endlichkeit – die uns selten so klar vor Augen steht wie in dem Bild „Puffmutter“ und anderen Bildern von Otto Dix und den Vertretern des Realismus – dass wir uns in der Betrachtung anderer und der Welt im Allgemeinen eben nicht allein auf diesen einen Moment, der hier – scheinbar für alle Zeit fesgehalten wurde – beschränken.

Es geht darum, dass wir – gemäß dem berühmten Diktum von Antoine de Saint-Exupéry – „mit dem Herzen“ sehen. Dass ein Mensch ein wertvolles Geschenk ist, auch wenn er zur Zeit nicht alle unsere Erwartungen an Ästhetik erfüllt.

Vielleicht war die Puffmutter mal eine schöne Frau. Vielleicht hat sie liebevoll auf ein scheues Kind oder einen sehnsüchtigen Freier geschaut. Hat jemandem sanften Trost gespendet und einem anderen unendliche Hoffnung geschenkt. Sicher hat sie in ihrem Leben viel falsch gemacht. Aber wenn wir mit den Augen des erbarmungslosen Richters auf einen Menschen herabblicken, wenn wir ihn nach seinem vergänglichen Fleisch und seinem vertrocknenden Blut und allein nach seinem Sündenregister beurteilen, nehmen wir uns selbst die einzigartige Möglichkeit, auch die bezaubernde Schönheit dieser und anderer Menschen zu sehen.

Was sind wir? Sind wir unsere äußere Hülle. Sind wir unsere Karriere oder unsere Verluste? Sind wir unsere vergänglichen Sorgen und Ängste. Sind wir unsere Sünden. Oder sind wir mehr? Sind wir Teil eines großen Ganzen sind wir Endliches oder Teil eines Unendlichen?

Diese Sprache, diese Ideen haben den Klang des Versponnenen, des Verrückten, des Idealistischen. Es klingt verstrahlt, was hier steht. Völlig abgespaced. Es ist die Sprache, die den Sinn macht. Und es ist die Sprache, die ein Gefühl erzeugt.

Wenn ein Naturwissenschaftler den ganzen Tag über Theorien und Formeln, über Kritik und Gegenkritik brütet, dann läßt das diesen Menschen nicht unbeeindruckt. Seine Welt wird zu einer Welt der Formeln und der Theorien, der Kritik und Gegenkritik. Er denkt und spricht formelhaft. Und er fühlt … nichts.

Der Liedermacher Gerhard Schöne hat ein wunderbares Lied geschrieben, das das hier oben beschriebene zusammenfasst:

Wo ist der unendliche Ozean, Mama?
Den all jene Wale und Haifische sahen, Mama.
Du schwimmst ja schon drinnen, kleine Sardine,
Dummerchen, du.
Quatsch, das ist Wasser – salzig dazu.

Ach, gibt es ihn wirklich den Himmel, den blauen, Mama?
Den all jene Adler und Zugvögel schauen, Mama.
Du fliegst ja schon drinnen, niedliche Biene,
Dummerchen, du.
Quatsch, das ist Luft nur – farblos dazu.

Wo ist Gott zu finden, wo kann ich ihn sehen, Mama?
Um den alle streiten, und doch nicht verstehen, Mama.
Er umfließt die Sardine, trägt dort die Biene,
dich hüllt er ein.
Er will in dir wohnen – ich laß ihn rein.

Das Lied kann man sich auf der Webseite der Buschfunk-Verlages anhören. Linke Spalte: MP3-Player starten. Scrollen.

Die Rede von Gott ist eine poetische, eine gefühlvolle, eine mythische, eine metaphorische. Es ist eine Sprache, die das Herz öffnet und den Geist befreit. Deshalb hören sich Christen so verstrahlt an. Wenn sie sagen, sie lieben Jesus, dann ist das ein Ausdruck ihres Gefühls, nicht eines pragmatischen Affiliationsakts, der sich sozialpsychologisch vermessen läßt. Sprache läßt sich intuitiv erfassen. An ihrer Sprache erkennen Menschen einander. Sprache bezeichnet nicht nur, Sprache verbindet, Sprache trennt.

Achten wir auf unsere Worte. Denn die Dinge werden zu den Worten mit denen wir sie bezeichnen.

Die Rede von Gott

Juni 4th, 2015

Wie kann man es überhaupt wagen, noch von Gott zu reden?

Wie kann man einem Atheisten gegenüber rechtfertigen, dass man von einem Gott spricht, wenn dieser Begriff zur Rechtfertigung größter Verbrechen der Menschheit herangezogen wurden? Wenn der Heilige Bernhard von Clairvaux, einer der großen Kirchenlehrer schreibt: „Ein Ritter Christi, sage ich, tötet mit gutem Gewissen“ und wenn er von der „Ausrottung“ der „Unruhestifter“ in der Stadt Gottes spricht, kann man dann noch guten Gewissens von Gott reden?

Wenn der größte Verbrecher der Geschichte, Adolf Hitler, die Gnade des „allmächtigen Gottes“ erbittet, um erfolgreich für Deutschland zu kämpfen? Wenn auf den Koppelschlössern der Wehrmacht „Gott mit uns“ steht.

Wie ist die Rede von Gott angesichts unglaublicher Monstrositäten die im Namen oder mit der Billigung der Katholischen Kirche begangen werden noch möglich? Die Mafia als Finanziers von Reliquienschreinen und Heiligenprozessionen, von Kirchen und Kapellen. Erst in diesem Jahr hat Papst Franziskus alle Mafiosi exkommuniziert. Aber die Verflechtung von geistlicher und verbrecherischer Macht scheint unzerstörbar.

Wie kann man da noch von Gott reden?

Wie von Gott reden, wenn er im Alten Testament – aus der Sicht von Richard Dawkins – eigentlich so beschrieben wird:

    “The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.”

Und was kann man Nietzsche antworten wenn er schreibt:

    „Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt, – ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen… Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die Eine große innerlichste Verdorbenheit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist, – ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit […].“

    „Man nennt das Christenthum die Religion des Mitleidens. – Das Mitleiden steht im Gegensatz zu den tonischen Affekten, welche die Energie des Lebensgefühls erhöhn: es wirkt depressiv. Man verliert Kraft, wenn man mitleidet […] Das Mitleiden kreuzt im Ganzen Großen das Gesetz der Entwicklung, welches das Gesetz der Selektion ist. Es hält, was zum Untergange reif ist, es wehrt sich zu Gunsten der Enterbten und Verurteilten des Lebens, es gibt durch die Fülle des Missratnen aller Art, das es im Leben festhält, dem Leben selbst einen düsteren und fragwürdigen Aspekt.“

    „Die Schwachen und Missratnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“

Wie kann man angesicht dieser vernichtenden Kritik immer noch von Gott sprechen? Christlich von Gott sprechen?

Man kann es, weil die Sprache der Menschen, die ich oben zitiert habe, die Sprache des Hasses ist. Es ist die Sprache der Wut, die eigentlich Verzweiflung ist, die dem größten Leid entspringt: Dem Leid, sich nicht geliebt zu fühlen.

Diese Sprache entlarvt sich selbst. Sie spricht nicht von Gott, sie spricht aus Angst und furchtbarer Not. Im Versuch, der Endlichkeit des Daseins und der eigenen Leidensfähigkeit zu entrinnen. Sie leidet an ihrer Leidensfähigkeit.

Dass diese Leidensfähigkeit ein Geschenk ist, das es auch ermöglicht, weise zu werden und weniger zu leiden, sehen sie nicht. Sie wollen ihr Leid allen anderen aufzwingen. „MÖGEN SIE IN IHRER EIGENEN SCHEISSE VERRECKEN“ schreit es aus ihnen heraus.

Und so schreit es auch aus uns heraus. Wir sind nicht frei von diesem Hass, diesem Gefühl der Ungerechtigkeit, des Neides und der Mißgunst. Auch wir wünschten manchmal, die anderen, die so glücklich und zufrieden scheinen, die so ein sicheres und aufregendes Leben führen, sollten spüren wie es sich anfühlt, nicht mehr weiter zu wissen, völlig verzweifelt zu sein, am Ende. Wenn ich schon untergehen muss, will ich wenigstens alle anderen mit mir reißen.

Das ist auch die Logik der verzweifelten Amokläufers von Aurora, der in einem Kino zwölf Menschen erschoß. 10 Jahre plante er die Tat und begründete sie schließlich mit seiner Verzweiflung angesichts so vieler persönlicher Verluste und Tiefschläge, deren Ursache er in seiner psychischen Erkrankung fand. Wozu also noch leben? Und wenn er selbst sterben muss, warum sollte es überhaupt noch Leben geben?

„Life ist death“ schreibt er, also „Why should life exist? What is the purpose of living?“

Gewaltausübung und Kriminalität sind Ausdruck der Verzweiflung, der ohnmächtigen Wut angesichts der Zumutungen des Daseins. Wir wollen uns selbst schützen – aber wir müssen doch sterben. Wir können dem Tod nicht entgehen. Das zu wissen, ist ein schreckliches Schicksal und viele Menschen verfallen tatsächlich in eine verzweifelte Suche nach einem Ausweg. Sie betäuben sich und suchen soviel wie möglich aus diesem Leben herauszuholen. Sie machen vergängliche Dinge und Erlebnisse zu ihrem Gott. Und dann stellt sich die Erkenntnis ein, das alles vergänglich ist. Also wozu noch leben? Wozu?

Weil es etwas gibt, das nicht vergehen kann. Etwas das bleibt wenn alles was geformte Materie ist vergangen ist, das was der Materie ihre Form gibt, das was hinter Physik und Chemie steht, das was die Materie so bewegt, dass sie sich letztlich zu liebesfähigen Menschen gefügt hat.

Das ist es was „eigentlich“ ist. Das war, bevor wir da waren und das wird da sein, wenn wir die Erde längst verlassen haben. Was das sein soll kann niemand ermessen. Jedes Wort, das es beschreiben soll ist falsch. Es kann nur klägliche Versuche geben, dieses Ewige zu umschreiben was immer ist und was in der Bibel als יהוה geschrieben wird.

Diesem יהוה wird viel Böses zugeschrieben. All das Leid, das Menschen erleben und das sie verstehen wollen. Warum leiden wir? Weil wir leben. Wozu dann leben? Weil Leben nicht nur Leidensfähigkeit bedeutet. Warum man leiden muss haben die Alten so verstanden, dass das Leid eine Strafe Gottes ist. So erschien Gott letztlich wie der egoistische Megalomane, den Dawkins kritisiert.

Dieses schreckliche Bild von Gott hat Jesus, haben seine Jünger, haben seine Nachfolger neu gerahmt. Gott ist nicht der ferne Gewalttäter, der die Menschen nach Belieben für ihre Sünde belohnt und bestraft … und letztlich die Gesetzestreuen etwas weniger. Nein, Gott ist wie wir. Er ist in uns er ist die Prinzipien die uns leiten. Er zeigt uns Gut und Böse. Und er zeigt uns, dass das Leid und der Tod keine Strafe sind, sondern Notwendigkeiten, die im Weltmaßstab, im Maßstab des Universums und es ganzen Rests einem uns im großen und ganzen unbekannten Plan folgen.

Im Detail geht es aber offenbar um Liebe. Das spüren wir intuitiv. Wenn wir glücklich sind, wenn es uns gut geht, wenn wir bezaubert sind und hingerissen, wenn wir schweben und tanzen, dann geht es um die Liebe – nicht nur die romantische aber auch. Diese Liebe ist da. Die ist in dieser Welt. Auf die sollen wir uns konzentrieren und ausrichten. Nicht auf das Böse, nicht auf die Verhinderung des Bösen durch das Böse. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12:21).

Das ist eine andere Rede von Gott, die Jesus und seine Jünger da im Neuen Testament versuchen. Es ist eine Rede, die die Menschen anspricht und anrührt, aufwühlt und antreibt. Das ist der Heilige Geist, von dem alle reden.

Diese vieldeutige Rede von Gott ist heute vielen nicht mehr verständlich. Sie wollen Gott anfassen können und vermessen. Sie wollen ihn vorhersagen und falsifizieren. Sie wollen Gott in der Weltgeschichte finden, in der historischen Wahrheit und in der chemisch-physikalischen Wirklichkeit. Wie vermittelt man in dieser Welt eine verständliche Rede von Gott?

Das geht nur, wenn man ganz neu von Gott spricht, wenn man ihn neu sucht, wenn man die Sprache des Hier und Jetzt kennt. Spricht man anders von Gott, so wird Gott ein anderer. Es ist an der Zeit.