Lebenszeichen ­čĹú

August 13th, 2017

Am 24. Dezember 2016, um 22 Uhr erreichte mich eine Whatsapp einer Freundin. Meine ganze Familie sa├č nach dem Abendbrot am Heiligabend noch gem├╝tlich beisammen vor dem flackernden Kaminfeuer. Die Kinder spielten und die Gro├čen bl├Ątterten in ihren neu geschenkten B├╝chern, unterhielten sich leise oder spielten etwas. Da piepte mein Handy. Es war eine Nachricht von Kim. Sie war verzweifelt. Sie war allein. Wir hatten seit Jahren nicht gesprochen.

Ich kenne diese Freundin schon seit vielen Jahren. Sie war schon zur Zeit ihres Studiums Alkoholikerin. Trotzdem hat sie das Studium abgeschlossen und eine Weile als Lektorin gearbeitet. Sie ist eine begabte S├Ąngerin und Poetin. Mit einer wundervollen Stimme. Vor zwei Jahren nahm sich ihre Mutter vor ihren Augen das Leben. Stand auf, ├Âffnete das Fenster und sprang heraus. Kim gibt sich die Schuld an diesem Suizid. Am Heiligabend schrieb sie mir dann diese verzweifelte Whatsapp-Nachricht mit dem Bild eines Grabsteins. Der Grabstein ihrer Mutter.

Ich war verwirrt und erschrocken. Was schreibt man so einem Menschen, der nach Jahren der Funkstille pl├Âtzlich in gr├Â├čter Verzeiflung um Hilfe schreit. Ich war ├╝berfordert und auch ein wenig ver├Ąrgert. Warum schreibt sie mir gerade am Heiligabend eine so schreckliche Nachricht und macht mir meinen sch├Ânen Heiligabend kaputt?

Ich habe lange ├╝berlegt, ob ich ihr antworten soll. Und wenn, wie?

Und die einzige Antwort die ich hatte war eine wunderbare Predigt, die ich kurz zuvor geh├Ârt und die mich sehr ber├╝hrt hatte.

Kim war Atheistin. Sie ist – wie ich – ganz und gar ohne Kirche aufgewachsen. Aber so wie ich war sie schon immer auf der Suche. Studierte Philosophie und hatte sich eine Art pantheistisches Weltbild zurechtgezimmert. Und dann erz├Ąhlte ich ihr am Heiligabend von Jesus.

Das war schwer nachvollziehbar f├╝r sie. Sie bedankte sich h├Âflich aber verst├Ąndnislos. Aber ihr Schicksal besch├Ąftigte mich weiter. Und auch sie schrieb mir weiter und erz├Ąhlte mir ihre Geschichte. Und so erz├Ąhlte ich ihr auch meine. Dass ich ohne Jesus nicht hier s├Ą├če und ihr schreiben w├╝rde. Und dass ich jemanden gebraucht habe, der mir das erkl├Ąrt und ├╝bersetzt.

Und dann hatte ich eine Idee: Wie w├Ąre es, wenn ich ihr t├Ąglich ein Lebenszeichen ­čĹú von Gott in ihr einsamens, schuldbeladenes Leben schicke?

Und so habe ich das dann gemacht. Ein Vierteljahr lang habe ich ihr jeden Abend eine Whatsapp mit einem Lebenzeichen ­čĹú geschickt. Mal ein Lied. Mal eine Predigt. Mal ein sch├Ânes Bild oder ein guter Gedanke. Manchmal habe ich versucht, ihr meinen Glauben zu erkl├Ąren und Bibelworte in ihre Sprache zu ├╝bersetzen.

Und das Sch├Ânste daran war, dass diese kleinen Lebenszeichen mir selbst gut taten. Ich besch├Ąftigte mich noch intensiver mit meinen Glauben als sowieso schon. Und durch den Versuch, es ihr gut verst├Ąndlich und positiv zu machen, gewann ich selbst ganz neue Perspektiven.

Irgendwann h├Ârte sie auf, mir zu antworten. Es wurde still. In diese Stille hinein sandte ich die Lebenszeichen ­čĹú jeden Tag aufs Neue. Manchmal wurde mir das l├Ąstig, mir jeden Abend etwas auszudenken. Manchmal habe ich es nicht geschafft, vor um 10 noch eine Nachricht zu schicken. Aber fast immer klappte es. Irgendwann antwortete sie mir wieder und fragte nach.

Und dann kam die Nachricht, dass sie mal in einen Gottesdienst gegangen sei und es sehr sch├Ân fand. Sie berichtete mir von ihrem allerersten Abendmahl. Wie sie sah, dass die anderen eine Oblate bekamen und sie ihre in den Mund steckte, die anderen aber nicht. Als die anderen ihre aufbewahrte Oblate anschlie├čend in den Wein tauchten, bekam sie einen Schreck, was sollte sie machen? Aus dem Kelch zu trinken, aus dem kein anderer vor ihr getrunken hatte? Nein! Und so steckte sie ihren Finger in den Wein und leckte ihn ab.

Sie berichtete mir von ihren Gespr├Ąchen mit Freunden ├╝ber Gott. Und sie schickte mir ihre kleinen Ideen und Gedanken zum Thema.

Zu Ostern habe ich dann aufgeh├Ârt ihr t├Ąglich Nachrichten zu schreiben. Ich habe sie entlassen und ihr die Gelegenheit gegeben, nun einfach selbst nach Lebenszeichen ­čĹú von Gott zu suchen.

Und dann wurde es wieder still.

Im Juni schrieb sie mir dann eine Nachricht. Sie wolle sich – nach einer Taufvorbereitung – taufen lassen und ob ich zu ihrer Taufe k├Ąme. Ich habe gern zugesagt.

Wenn ich hin und wieder ihr Whatsappprofil besuche, dann finde ich dort mal ein Kreuz oder einen Segen oder – gerade heute – ein Kirchenfenster.

Seit ich aufgeh├Ârt habe, ihr die kleinen Lebenszeichen ­čĹú von Gott zu schicken, fehlen sie mir. Und so habe ich beschlossen, wieder damit zu beginnen, welche an eine Freundin in Not zu schicken. Gleich heute.

Ich bin jetzt seit etwa 5 Jahren Christ. Vorher habe ich ├╝ber Gott gesprochen und seine Existenz meistens abgestritten. Jetzt wei├č ich, dass es Gott gibt und dass er mich liebt und dass ich nicht mehr sorgen muss, weil ich gerettet bin.

Aber darf ich eigentlich ├╝ber Gott sprechen? Wer legt das fest? Wer gibt mir die Autorit├Ąt? Ist das, was ich ├╝ber Gott sage, wahr? Ist es richtig? Oder ist es so falsch, dass es Menschen ins Ungl├╝ck f├╝hrt?

Menschen glauben Menschen, die m├Ąchtig sind.

Die Macht der M├Ąchtigen kommt meist daher, dass sie es geschafft haben, ├╝ber andere Menschen zu herrschen. Wer Menschen Befehle gibt, gilt als Autorit├Ąt. Je mehr Menschen, desto mehr Autorit├Ąt. Wer mehr besitzt, gilt als Autorit├Ąt. Je mehr Besitz, desto mehr Autorit├Ąt. Und je prachtvoller diese Dinge dargestellt werden, desto beeindruckter sind die Menschen.

Und so ist es auch, dass der, der ├╝ber mehr Menschen herrscht und den gr├Â├čten Besitz verwaltet, auch als Autorit├Ąt in Gottesfragen gilt. Die Kirchen verf├╝gen ├╝ber ein Milliardenverm├Âgen und haben hundertausende Angestellte. Ihre Macht manifestiert sich in pr├Ąchtigen Kirchenbauten und gar in Burgen und Pal├Ąsten. Ihnen wird klare Autorit├Ąt in Gottsfragen zugesprochen, denn sie bilden Pfarrer aus und verwalten der Ausbildung an Universti├Ąten und Hochschulen, die als absolute weltliche Autorit├Ąt gelten.

Das hei├čt, im Grunde darf nur berufen ├╝ber Gott sprechen, der eine mehrj├Ąhrige Ausbildung in einem kirchlichen Institut durchlaufen hat. Wie man nur einem Handwerker traut, der einen Meisterbrief hat, so traut man nur einem Pfarrer mit einem Universit├Ątsabschluss.

Nun verlieren die gro├čen Kirchen mehr und mehr an Besuchern und gleichzeitig gewinnen die Freikirchen zunehmend Gl├Ąubig hinzu. In Freikirchen haben Prediger das Wort, die in privaten theologischen Instituten ausgebildet wurden. Also letztlich ebenfalls eine gute Ausbildung mit Zertifikat haben.

Kann jemand ein guter oder sogar au├čergew├Âhnlicher Handwerker sein, wenn er keinen Meisterbrief hat?

Ganz sicher. Darf ich berufen ├╝ber Gott reden? Wer gibt mir diese Vollmacht? Und wer spricht sie mir ab?

Alle die, die mit meinem Gottesbild nicht einverstanden sind, weil es ihre Macht und ihre Selbstverst├Ąndlichkeiten gef├Ąhrdet, werden mir absprechen ├╝ber Gott zu reden. Menschen, die ihre Macht auf der Bibel oder anderen heiligen B├╝chern begr├╝nden, werden mir diese Macht absprechen. Im Grunde alle, die anderer Auffassung sind als ich.

Aber wie kann ich dann ├╝berhaupt noch mit Glaubw├╝rdigkeit von Gott reden? Wenn mir meine Lehre von M├Ąchtigen und Einflussreichen abgesprochen wird?

Wenn meine Rede von Gott heilt und nicht zerst├Ârt.

Dann – und nur dann – rede ich mit Vollmacht. Und jeder, dessen Reden ├╝ber Gott Seelen zerst├Ârt, hat Unrecht. Jeder, dessen Reden ├╝ber Gott Seelen rettet, hat Recht. Jeder, der mit der Autorit├Ąt weltlicher Macht und weltlichen Besitzes von Gott redet, redet ohne Vollmacht. Jeder, der ohne weltliche Macht und weltlichen Besitz von Gott redet und Menschen frei macht und heilt, redet einzig mit Vollmacht. Wer Ohren hat, der h├Âre.

Es ist ein beliebtes Hobby unter evangelikalen fundamentalistischen Christen, anderen, die nicht ihrer Meinung sind, H├Âllenstrafen anzudrohen. Meist geschieht das indirekt, indem Bibelstellen zitiert werden, um damit das bevorstehende Gerichtshandeln Gottes dem Betroffenen ganz klar vor Augen zu f├╝hren. Dies dient dann selbstverst├Ąndlich nicht der Verdammung, sondern der ganz und gar selbstlosen Warnung, vor den schrecklichen Folgen seiner H├Ąresie.

So wird anderen Angst und Schuld gemacht.

Wer bestimmte Zauberformeln nicht aufsagt oder bestimmten Bibelinterpretationen nicht zustimmt, wird mindestens angedroht, dass ihm der Himmel verwehrt wird und dass beim J├╝ngsten Gericht wohl mit der H├Âlle rechnen muss.

In manchen Gottesdiensten wird gar radikal abgerechnet mit der elenden S├╝ndhaftigkeit und Verlorenheit der Sch├Ąfchen, die allein ewige Verdammnis zur Folge haben wird.

Doch Jesus selbst verbot solche Drohungen. In Lukas 9:52-56 lesen wir:

Es begab sich aber, als sich die Tage seines Heimgangs erf├╝llten und er sein Angesicht nach Jerusalem richtete, um dorthin zu reisen, sandte er Boten vor sich her. Diese kamen auf ihrer Reise in ein Samariterdorf und wollten ihm die Herberge bereiten. Aber man nahm ihn nicht auf, weil Jerusalem sein Reiseziel war. Als aber das seine J├╝nger Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: Herr, willst du, so wollen wir sagen, da├č Feuer vom Himmel herabfalle und sie verzehre, wie auch Elia getan hat! Er aber wandte sich und tadelte sie und sprach: Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Denn des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erretten. Und sie zogen in ein anderes Dorf.

Und in Johannes 12:47 sagt er:

Und wenn jemand meine Worte h├Ârt und nicht h├Ąlt, so richte ich ihn nicht; denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern damit ich die Welt rette.

Jesus warnt, aber er droht nicht, wenn seinen Worten kein Glauben geschenkt wird. Was ist nun der Unterschied zwischen einer Warnung und einer Drohung?

Eine Warnung geschieht in voller Liebe und ist f├╝r den Gewarnten auch als Warnung sp├╝rbar, weil er auf eine Gefahr aufmerksam gemacht wird, die er durch die Warnung selbst pl├Âtzlich sehen kann.

Eine Drohung dagegen ist eine Erpressung, die eine anderen mit den Mitteln der Angst oder der Schuld zu einer Handlung ohne jede Einsicht zwingen soll. Allein die Angst vor den Folgen l├Ą├čt den Betroffenen dem Befehl folgen.

Das entscheidende Kriterium an dem man Warnung und Drohung unterscheiden kann, ist also das Gef├╝hl. F├╝hlt man sich bedroht und ver├Ąngstigt, ist die Botschaft eine Erpressung und dient allein der Befriedigung des Erpressers.

F├╝hlt man sich jedoch erleichtert und erleuchtet, so handelt es sich um eine berechtigte Warnung, die einem hilft, den rechten Weg zu gehen.

Jesus wies die „Donners├Âhne“ Jakobus und Johannes scharf zurecht. Die Seelen der Menschen mit Drohungen zu richten und zu zerst├Âren war nicht sein Anliegen, sondern sie zu erretten. Jesus ist ein Heiler und Retter, kein Despot und Erpresser.

Eine besonders sch├Âne Fu├čnote stellt in diesem Zusammenhang die Tatsache dar, dass die entscheidenden Worte aus Lukas 9:56 in vielen Bibelversionen nicht zu finden sind.

F├╝r mich z├Ąhlen diese Worte aber zu den wichtigsten ├╝berhaupt. Denn es zeigt, neben der Aufforderung „F├╝rchtet euch nicht“ und dem H├Âchsten Gebot, Gott und die anderen wie sich selbst zu lieben, in welchem Licht alles in der Bibel gelesen werden muss: Als Heilung, nicht als Strafandrohung.

Judenmission

Juli 3rd, 2017

Ist die Bibel = Gott?

Juni 11th, 2017

Christliche Fundamentalisten streiten noch heute ├╝ber die Bedeutung der Bibel. Ist die Bibel der einzige zuverl├Ąssige Stellvertreter Gottes auf Erden? Oder kann man Gott auch direkt und unvermittelt durch Bibel ohne alle menschliche Autorit├Ąten nahekommen? Vor 500 Jahren, im Zuge der aufbrechenden Reformation, begann diese Diskussion bereits. Und wir k├Ânnen aus damaligen Erkenntnissen noch heute viel lernen.

Im Zuge der Reformation traten pl├Âtzlich Prediger hervor, die – wie Luther – das Papstkirchentum ablehnten aber, noch einen Schritt weiter gingen, sie stellten sogar weltliche Macht infrage. Soweit wollte Luther nie gehen, profitierte er doch in erheblichem Ma├če von den F├╝rsten und ihren G├╝tern und ihrer Macht. Da wo Luther eine sogenannte Zwei-Reiche-Lehre installierte, die f├╝r sich genommen durchaus ein Fortschritt zur bisher betriebenen Einheit von Kirche und Staat war, ging dies manchen nicht weit genug.

Volksprediger wie Andreas Bodenstein genannt Karlstadt waren der Ansicht, dass man Gott nicht nahek├Ąme, wenn man besitzend sei und dass man allen G├Âtzendienst – auch den des Mammons und der Macht – beseitigen m├╝sse. Karlstadt war der Doktorvater Luthers. Luther wurde sp├Ąter sein erbitterter Gegner und vertrieb ihn aus Th├╝ringen. Denn Karlstadt war ihm zu schw├Ąrmerisch, forderte er doch, dass man sich aller ├äu├čerlichkeiten entledigte und Gott direkt, ohne Vermittlung durch Bibel oder Autorit├Ąten nahekommen k├Ânnte.

Luther machte sich ├╝ber Karlstadt in seiner bekannten Schrift: „Wider die himmlischen Propheten“ lustig:

Was Luther hier als offenbaren Bl├Âdsinn abtut, ist der Kern einer mystischen Kontemplationspraxis, die sich auch in anderen Kulturen wiederfindet und bis heute unter dem vieldeutigen Begriff „Achtsamkeit“ firmiert. Die sogenannte Achtsamkeit ist heute eine der besterforschten psychotherapeutischen Ma├čnahmen, die jede Art psychischer St├Ârungen und S├╝chte behandeln hilft.

Haben die „himmlischen Propheten“ der Reformationszeit etwa eine wirksame Psychotechnik entdeckt? F├╝r Karlstadt geht es selbstverst├Ąndlich um mehr. Es geht darum, dass die Heilige Schrift ├╝berhaupt erst lesbar ist, wenn man einen entsprechenden Geist mitbringt. Der blo├če Buchstabe ist nichts. Und so stellt er in seiner Schrift ├╝ber die „Gelassenheit“ fest:

Unterschied zwischen Gelassenheit und Ungelassenheit:

Ich w├Ąhnte ein guter Christ zu sein, weil ich tiefe und sch├Âne Spr├╝che aus Jeremia klaubte und sie zur Disputation, Lektion Predigt oder anderen Reden uns Schreibereien behielt. Das sollte Gott ├╝ber die Ma├čen wohl gefallen. Aber als ich mich recht besann und bedachte, fand ich, dass ich weder Gott erkannt, noch das h├Âchste Gut als Gut liebte. Ich sah den geschaffenen Buchstaben, den ich erkannte und liebte, in dem ich ruhte und der mein Gott war und merkte nicht, dass Gott durch Jeremia gesprochen hatte:

„Die mein Gesetz halten, die erkennen mich nicht und haben auch nicht nach mir gefragt.“ (Jeremia 2).

Sieh da, wie kann einer das Gesetz Gottes behandeln und halten und Gott weder erkennen, noch nach ihm fragen? Den Buchstaben erkennt einer wohl oder hat Lust in ihm, aber Gott erkennt er nicht. Wenn einer mit Liebe und Lust im Buchstaben steht, dann die Feinde der Gottess├Âhne, die von Gott getrieben werden, nicht vom Buchstaben.

Ja, diese Weisheit ist vermaledeit und es ist keine g├Âttliche, sondern eine menschliche Weisheit ├╝ber welche Gott spricht:

„Weh denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst f├╝r klug“ (Jesaja 5)

Was ist diese Weisheit anderes als eine Weisheit in Menschenaugen, wenn die Schrift und andere Kreaturen (aus welchen wir Gott erkennen und lieben sollten) zu unserer Lust beitragen und wenn wir etwas vor einem anderen wissen wollen, als leider viele Laien jetzt die Schrift fassen und lernen, dass sie in Zeichen wohl leben und reden, etwas vor einem anderen wissen, ist das nicht Weisheit in unseren Augen, frag Dein Herz und antworte mir! Ist das nicht eine verfluchte Weisheit? Lies Jesaja, Paulus und Christus und merk, dass du nicht Gott suchst, sondern dich. Dann mu├čt Du in dein Herz h├Âren dass Christus zu einem gleichen Fall sprach:

Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.

Was Karlstadt hier feststellt, ist dass die Einsicht und Erkenntnis dem Buchstaben selbst voraus gehen. Nur wer den christlichen Geist in sich tr├Ągt, kann auch den Sinn der Worte und Gedanken erschlie├čen. Auch ohne den Geist Gottes kann man selbstverst├Ąndlich Worte, S├Ątze, Verse aus der Bibel entnehmen und miteinander abw├Ągen und in Beziehung setzen und Vers gegen Vers ausspielen. Ein Spiel, das derjenige gewinnt, der mehr Verse, verbl├╝ffend f├╝r den Gegen├╝ber aus dem Ged├Ąchtnis abrufen und in die Disputation einf├╝hren kann.

Aber es steckt eine Eitelkeit in dieser Bibelkenntnis. Die Eitelkeit, die Bibel besser zu kennen als jeder andere und sich mit diesem Flei├č in die N├Ąhe Gottes zu r├╝cken.

In seiner Schrift von der „Gelassenheit“ stellt Karlstadt aber fest, dass man auch von dieser Eitelkeit lassen sollte, so wie man von allen anderen Eitelkeiten – wie Besitz, Macht, Sch├Ânheit, Klugheit – lassen sollte, um Gott wirklich nahe kommen zu k├Ânnen. Die Voraussetzung f├╝r die M├Âglichkeit Gott hereinzulassen, ist die innere Leere und Befreiung von aller weltlichen Ablenkung. Wenn der Geist mit Sorgen und ├ängsten besch├Ąftigt ist, wenn er nach Dingen giert und sich in irdischen Tr├Ąumen verliert, kann Gott keine Wohnung finden. Wenn der Geist mit einer erbitterten Diskussion um den richtigen Bibelvers besch├Ąftigt ist, kann Gott keine Wohnung finden.

Davon sprach Karlstadt, wenn er von der Langeweile sprach. Es ist f├╝r die meisten Menschen sehr sehr schwer, sich der Langeweile auszusetzen. Wer schafft es schon, l├Ąnger als 10 Minuten einfach zu sitzen, ohne seinen Geist mit irgendetwas zu besch├Ąftigen. Sitzt man l├Ąnger kommen viele Gedanken und Gef├╝hle, die oft sehr unangenehm sind und die man am liebsten vermeiden m├Âchte. Und viele tun das, durch Gebet oder Bibelstudium. Kommen Angst und Not auf, wird schnell zur Bibel gegriffen.

Aber schafft man es die Schwelle der Angst und der Not zu ├╝berwinden und in einen Zustand echter Gelassenheit zu geraten, der Freiheit von aller Eitelkeit und Angst, kann Gott Wohnung nehmen und zu uns sprechen. Und die Erkenntnis die man in diesem Zustand erlangt, findet man dann auch in der Bibel best├Ątigt. Verschl├╝sselt zwar … aber nie ist das Gef├╝hl st├Ąrker, dass dann Gott auch im Wort zu einem spricht.

Was Karlstadt verstand, verstehen wir auch heute:

Der Spiritualismus der Reformationszeit ist die Charismatik der Neuzeit. Biblische Rationalisten k├Ąmpfen heute mit dem Buchstaben des Gesetzes gegen die Gef├╝hlsduselei der pfingstlerischen Spiritualisten, weil sie all diese Emotionalit├Ąt nicht verstehen und meist be├Ąngstigend finden.

Gott ist aber nicht im Buchstaben und im cleveren Umgang mit biblischen Zitaten zu finden. Er ist n├Ąmlich schon da. In Dir. Und Du mu├čt dich ihm nur ├Âffnen und ihm zuh├Âren und dann findest seine Stimme auch in der Bibel.

Warum?

Juni 3rd, 2017

Die bedeutenste Frage, die ich mir eigentlich t├Ąglich stelle ist:

„Bin ich ├╝berhaupt wertvoll?“

Und ich versuche mir diese Frage zu beantworten, indem ich auf die Blicke der Menschen achte, denen ich begegne. Schauen sie sie mich an oder schauen sie an mir vorbei? Oder schauen sie vielleicht sogar angeekelt weg. Warum schaut diese sch├Âne Frau nicht zur├╝ck? Und warum starrt mich diese h├Ą├čliche alte Frau stattdessen so an? Wenn mich keine der sch├Ânen Frauen, denen ich auf der Stra├če begegne, angeschaut hat, bin ich dann wohl unattraktiv und somit wahrscheinlich wertlos.

Und wie ist es mit der Kollegin, die ich etwas frage und die mich in scharfem Ton zurechtweist, dass ich das doch schon l├Ąngst erledigt haben m├╝├čte. Ich sch├Ąme mich und habe Angst, dass ich meinen Job verliere und dann bin ich arbeitslos und somit wahrscheinlich wertlos.

Oder der Freund, dem ich seit Wochen SMS schreibe, dass ich mich gern mit ihm treffen will. Aber er antwortet und sporadisch und unmotiviert. Bin ich so uninteressant und somit wahrscheinlich wertlos?

Oder wenn mir auff├Ąllt, dass ich den ganzen Tag schon wieder mit v├Âllig sinnlosen Dingen verbracht habe und mich ├Ąrgere, dass ich wieder keine Arbeit richtig geschafft habe, damit bin ich wohl faul und somit wertlos.

Oder wenn mir mein Vater sagt, dass ich mich falsch ern├Ąhre und viel zuwenig Sport mache und doch dieses und jenes tun sollte, damit ich mehr auf mich achte und gesund bleibe, dann bin ich wohl unsportlich und unfit und somit wahrscheinlich wertlos.

Oder wenn mir bewu├čt wird, dass ich bald sterben werde und nichts au├čergew├Âhnliches geleistet habe, kein Haus gebaut, kein Buch geschrieben, keine bedeutende Entdeckung gemacht, in keinem Geschichtsbuch verewigt bin, vielen Menschen Kummer und nur wenigen ein wenig Freude aber eigentlich nie genug geleistet habe, dann bin ich wohl nur ein ganz gew├Âhnlicher, langweiliger, uninteressanter, unattraktiver, dummer Mensch voller Fehler, der somit einfach nur wertlos ist und deshalb auch keine Aufmerksamkeit und kein Interesse verdient.

Nur manchmal, wenn mir ein Mensch sagt, dass er k├╝rzlich an mich gedacht hat, bl├╝he ich auf. Denkt da jemand an mich, selbst wenn ich nicht da bin?

Oder wenn mich eine h├╝bsche Frau doch etwas l├Ąnger als ├╝blich anschaut, dass ich mich pl├Âtzlich gen├Âtigt f├╝hle, wegzuschauen, dann bin ich etwa ansehnlich?

Oder wenn mir etwas gelingt und ein Mensch sich mit mir freut, bin ich etwa hilfreich?

Aber das sind nur kurze Momente, die nicht lange vorhalten. Welcher Mensch interessiert sich denn noch f├╝r mich, wenn ich l├Ąngst tot bin? Welche Frau schaut mich an, wenn ich nackt und m├╝de vor ihr sitze? Welcher Mensch freut sich mit mir, wenn mir im Stillen etwas gelingt noch nach Wochen?

Ich bin einsam. Und dass andere mich schimpfen, mich auf meine Schw├Ąchen hinweisen, mich ingorieren kr├Ąnkt mich noch zus├Ątzlich. Wie kann ich die Aufmerksamkeit, das Interesse, die Neugier, die ich doch so dringend ben├Âtige wieder bekommen?

Indem ich Sport mache? Indem ich noch flei├čiger bin als andere? Indem ich mir nichts bieten lasse und dem anderen meine Dominanz zeige, damit er zu mir aufschaut und mich bewundert? Was muss ich tun? Bundeskanzler werden? Oder Alexander, Napoleon, ein Pharao werden? Oder der Messias? Was muss ich tun, damit ich die Liebe bekomme, die ich brauche? Was muss ich tun, damit mir die Aufmerksamkeit der ganzen Welt sicher ist? Eine Atombombe z├╝nden? Das w├╝rde sicher in den Zeitungen und dann in den Geschichtsb├╝chern stehen. Dann h├Ątte ich Aufmerksamkeit … aber sicher keine Liebe. W├Ąre ich wertvoll? Zumindest w├Ąre ich relevant … aber f├╝r den Rest der Weltgeschichte w├Ąre ich immer der verr├╝ckte sapere aude.

Muss ich also werden wie Gandhi oder Mutter Theresa oder Nelson Mandela? Und wenn ich das geworden bin, bin ich dann wertvoll? Oder bin ich selbst dann wertlos, weil ich unendlich viele Feinde und Neider habe.

Aber daf├╝r m├╝├čte ich unglaublich viel arbeiten und wahnsinnig viel opfern. Und ein solches Ziel liegt weit in der Zukunft. Wahrscheinlich werde ich auch nie ein ber├╝hmter Heiliger. Und was dann?

Wenn ich dann sterbe, frage ich mich: War ich ├╝berhaupt wertvoll?

Brauche ich dann nicht noch eine pomp├Âse Beerdigung mit einem Requiem und einem auff├Ąlligen Grabstein? Dass Friedhofsbesucher stehen bleiben und fragen, wer das wohl war? Dass selbst nach 1000 Jahren der Grabstein noch an mich erinnert?

War ich dann wertvoll?

Weil ich Spuren hinterlassen habe. Weil die Menschen ├╝ber mich sprechen. Weil ich in B├╝chern stehe und Feiern zu meinen Ehren abgehalten werden. Bin ich dann wertvoll?

Und was ist dann mit all denen, die nicht so wertvoll waren wie ich? Ist das gerecht?

Bin ich wertvoll, wenn ich sch├Ân bin und klug und und mutig und reich und begabt und diszipliniert und kompetent und belesen und gebildet und eloquent und durchsetzungsstark und beliebt und gesund und beachtet und gelobt und unvergessen … oder bin ich wertvoll, wenn ich anderen sage, dass sie uneingeschr├Ąnkt wertvoll sind? Nicht aufgrund ihrer Eigenschaften und F├Ąhigkeiten, sondern einfach weil sie da sind, egal wie sie sind auch wenn sie mir zeigen, dass sie mich wertlos finden, mich beschimpfen, bespucken, mich schlagen, treten, foltern, t├Âten? Ihnen trotzdem sagen, dass sie wertvoll sind und dass ich wertvoll bin und dass ihr Tun daran nichts ├Ąndert?

Und wenn ich Dir sage, dass Du wertvoll bist ohne etwas daf├╝r zu leisten, was tust Du? Was f├╝hlst Du? Langeweile? Ignorierst Du es? Wendest Du Dich desinteressiert ab? Denkst Du „talk is cheap“? Oder glaubst Du mir das? Und wenn Du das einem anderen Menschen sagst, was denkst Du wie er reagiert und wie es diesem Menschen dann geht?


Bin ich wertvoll? Interessiert sich jemand f├╝r mich? Und warum?

Diese Worte fielen exakt genau so heute Vormittag in einem Gottesdienst einer kleinen ├Ârtlichen Pfingstgemeinde.

Und damit keine Mi├čverst├Ąndnisse aufkommen: Der Pastor meinte k├Ârperliche Z├╝chtigung. Also das Schlagen von Kindern. Aus Liebe. Und nachdem er – gefl├╝stert – von einem Gemeindevorstandsmitglied auf die Schwierigkeit solcher ├äu├čerungen hingewiesen wurde, pr├Ązisierte er seine Aussagen nach dem Gottesdienst noch einmal: Er wolle nicht mi├čverstanden werden, was wegen seiner US-amerikanischen Herkunft ja leicht passiere, er meinte „Spanking“.

Wikipedia erkl├Ąrt Spanking folgenderma├čen:

„Spanking [╦łsp├Ž┼ők╔¬┼ő] (engl. f├╝r hauen, verhauen) bezeichnet das Schlagen auf das bekleidete oder entbl├Â├čte Ges├Ą├č; im weiteren Sinne auch auf benachbarte K├Ârperteile wie die Oberschenkel, den R├╝cken oder ├Ąu├čere Geschlechtsorgane. Die Schl├Ąge erfolgen mit der flachen Hand oder mit einem Gegenstand, etwa Rohrstock, Peitsche, Birkenrute, Teppichklopfer, Haarb├╝rste, Paddle, Martinet, Tawse, Ochsenziemer oder ├Ąhnliche.“

Betrieben wird diese – in Deutschland – verbotene K├Âperstrafe systematisch auch von einer Sekte, die sich „Zw├Âlf St├Ąmme“ nennt:

Diese Praxis also erkl├Ąrte der Pastor f├╝r w├╝nschens- und empfehlenswert unter Berufung auf Hebr├Ąer 12:4-6:

Denn ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden in den K├Ąmpfen wider die S├╝nde und habt bereits vergessen des Trostes, der zu euch redet als zu Kindern: „Mein Sohn, achte nicht gering die Z├╝chtigung des HERRN und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der HERR liebhat, den z├╝chtigt er; und st├Ąupt einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt.“

Liest man jedoch im griechischen Original des Verses, so steht da nichts von „Schlagen“ oder „K├Ârperstrafe“. Es steht dort ¤Ç╬▒╬╣╬┤╬Á¤Ź╬Á╬╣ (paideuei) was nicht als „k├Ârperliche Z├╝chtigung“, sondern mit „Erziehung“ und „Disziplinierung“ ├╝bersetzt wird. Und insofern macht das auch vollkommenen Sinn.

Der Gottesdienst stand jedoch urspr├╝nglich unter einem anderen Motto: Johannes 15: 1-2

Ich bin der rechte Weinstock, und mein Vater der Weing├Ąrtner. Eine jeglich Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jegliche, die da Frucht bringt, wird er reinigen, da├č sie mehr Frucht bringe.

In einem langen Vortrag versuchte der Pastor dann nachzuweisen, dass das „Wegnehmen“, nicht so gemeint sei, dass diese Rebe nicht mehr am Weinstock verbleiben d├╝rfe, sondern dass sie vom Boden aufgehoben, gewaschen und am Gestell des Weinstocks neu befestigt w├╝rde.

Dem Pastor muss man leider entgegenhalten, dass der Prozess der Reinigung nur f├╝r fruchtbringende Reben beschrieben wird. Reben, die keine Frucht bringen aber werden – ganz klar – von Gott weggenommen.

Das l├Ą├čt sich nicht wegreden. Gott nimmt fruchtlose Reben weg.

Mag sein, dass der Pastor bereits ahnte, dass sich dieser Vers auf ihn beziehen k├Ânnte. Denn seitdem er die Gemeinde leitet – und das ist bereits seit 10 Jahren – ist sie nicht nennenswert gewachsen.

Aber was ist mit „Wegnehmen“ gemeint? Es ist die Entfernung einer fruchtlosen Rebe vom Weinstock (Jesus) des Vaters gemeint, damit fruchtbringende Reben nachwachsen k├Ânnen.

Was mit fruchtlosen, verdorrten Reben geschieht, sagt Jesus auch:

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und m├╝ssen brennen.

Ich f├╝rchte, ein Pastor, der seiner Gemeinde zum Schlagen ihrer Kinder mit Gegenst├Ąnden r├Ąt, braucht nichts dringender als Jesus wirklich kennenzulernen.

Aber wer macht ihm das klar?

Viele Menschen beten, weil sie Angst vor Gott haben. Viele Menschen singen, gehen in den Gottesdienst, beteiligen sich an einer Gemeinde, missionieren und heilen – ja segnen sogar – aus Angst vor Gott.

Diese Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen und dann von Gott daf├╝r bestraft zu werden. Diese Menschen versuchen dann auch ihre Furcht vor Gott anderen beizubringen.

Ich habe Menschen kennengelernt, die langweilige Gottesdienste veranstalten, schreckliche Lieder singen, be├Ąngstigende Bibelauslegungen vornehmen und sich gei├čeln, peinigen, martern aus Angst vor Gott.

Ich habe Menschen kennengelernt, die behaupten ernstlich, ein Christ ist nur jemand, der bestimmte Regeln befolgen m├╝sse. Regeln aus dem Alten Testament und Regeln aus dem Neuen Testament oder selbst ausgedachte Regeln. Erst dann(!) seien die Menschen erl├Âst.

Es gibt Menschen, die meinen, dass man die Bibel richtig auslegen muss, um von dieser Angst vor Gott erl├Âst zu werden. Richtig auslegen bedeutet aber immer „in ihrem Sinne“ auslegen. Und diese Menschen diskutieren und reden und bringen Zitat um Zitat um zu beweisen, dass ihre Sicht der Dinge die richtige sei und sie deshalb keine Angst f├╝rchten m├╝├čten … der andere aber schon.

Ich habe Menschen kennengelernt, die so gro├če Angst vor Gott haben, dass sie sich ihm nur geb├╝ckt n├Ąhern. Sie sind so voller Furcht, dass sie sich extrem anspannen und sich in komplizierten Ritualen ergehen und sich bei Autorit├Ąten r├╝ckversichern, dass sie alles richtig machen, nur um Gott nicht zu erz├╝rnen.

Es gibt Menschen, die lieben Gott, aber sie haben so gro├če Angst vor seiner Macht, dass sie sich ihm nur mit allerlei Schutzmechanismen n├Ąhern. Sie singen zum Beispiel besonders gek├╝nstelt, weil sie hoffen, damit wertvoller zu erscheinen. Sie sprechen eine besonders aufgesetzte Sprache, die W├╝rde simuliert, aber letztlich nur Anspannung und Angst verdecken soll. Diese Menschen gehen zu einem Gottesdienst, weil sie seine erl├Âsende Macht sp├╝ren … aber sie nicht zulassen k├Ânnen, aus Angst sich vor den Menschen zu blamieren.

Jesus aber sagte: „F├╝rchte dich nicht! Sondern liebe Gott und deinen N├Ąchsten wie dich selbst!“ Alles andere, auch sein Leben und sein Sterben sind letztlich eine Auslegung dieser Worte.

Deshalb braucht es auch keine weiteren Voraussetzungen, zu Gott zu kommen und erl├Âst zu werden, als nur diese: Dass man sich ihm in Wahrhaftigkeit n├Ąhern will, dass die Sehnsucht nach seiner Liebe und der eigenen Liebe zu ihm sp├╝rt und ihr nachgeht. Nichts weiter.

Man muss die Bibel nicht auslegen k├Ânnen. Man muss keine langweiligen und komplizierten Kirchenlieder singen. Man muss keine Gottesdienste besuchen, man muss keine Regeln befolgend und keine S├Ątze auswendig lernen, um erl├Âst zu werden. Es gibt keine Grundvoraussetzungen als diese, dass man etwas von ihm ahnt, sich nach ihm sehnt und ihn ├╝berall sucht … dann wird man ihn finden.

Wenn aber der Glaube an Gott eine Pflicht aus Angst wird, dann h├Ąlt man Gott auf Abstand. Dann stellt man nicht Gott, sondern sich selbst auf ein Podest. Dann betet man die eigenen Rituale an. Man verherrlicht die eigenen menschlichen F├Ąhigkeiten, noch h├Âher singen und noch gestelzter reden zu k├Ânnen, noch sch├Âner und ausgefeilter musizieren, noch sch├Ânere, ├╝ppigere Feiern organisieren, noch grandiosere Kirchen bauen zu k├Ânnen.

Und dann greift die Kritik von Richard Dawkins, dass der Glaube zu „des Kaisers neuen Kleidern“ wird. Als Theologen Dawkins vorwarfen, dass er seine Religionskritik aus mangelnden philosophischen und theologischen Kenntnisse betrieb, antwortete PZMyers f├╝r ihn:

I have considered the impudent accusations of Mr Dawkins with exasperation at his lack of serious scholarship. He has apparently not read the detailed discourses of Count Roderigo of Seville on the exquisite and exotic leathers of the EmperorÔÇÖs boots, nor does he give a momentÔÇÖs consideration to BelliniÔÇÖs masterwork, On the Luminescence of the EmperorÔÇÖs Feathered Hat. We have entire schools dedicated to writing learned treatises on the beauty of the EmperorÔÇÖs raiment, and every major newspaper runs a section dedicated to imperial fashion; Dawkins cavalierly dismisses them all. He even laughs at the highly popular and most persuasive arguments of his fellow countryman, Lord D. T. Mawkscribbler, who famously pointed out that the Emperor would not wear common cotton, nor uncomfortable polyester, but must, I say must, wear undergarments of the finest silk. Dawkins arrogantly ignores all these deep philosophical ponderings to crudely accuse the Emperor of nudity.[1]

Sie feiern sich selbst und ihre Feinsinnigkeit und Eloquenz … und dabei ist es mit Gott doch so wie in diesem Lied von Gerhard Sch├Âne:

Was ist Wahrheit?

April 25th, 2017

Wahrheit ist das, was Macht ├╝ber Dich hat.

Die meisten Menschen fragen sich was wahr ist. Was ist die Wahrheit? Die objektive Wahrheit?

Und als L├Âsung werden solche Dinge wie Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung oder gerichtliche Urteile angef├╝hrt. Gravitation gilt als objektiv wahr oder die Klimaerw├Ąrmung oder dass die Erde eine Kugel ist und sich um die Sonne dreht.

All das sind Wahrheiten. Aber es k├Ânnte auch anders sein. Die Sonne k├Ânnte sich um die Erde drehen. Die Erde k├Ânnte eine Scheibe sein. Die Klmaerw├Ąrmung k├Ânnte eine Fiktion sein und Gravitation … nun ja … Gravitation hat Macht ├╝ber uns.

Aber hat die Kugelform der Erde oder die Tatsache, dass sie ihre Bahn um die Sonne dreht und nicht umgekehrt Macht ├╝ber uns? Im Grund ist es uns in unserem Leben meist egal, ob nun Sonne sich um die Erde dreht oder umgekehrt und ob sich das Klima erw├Ąrmt oder nicht. Erst wenn es unser Leben unmittelbar beeinflusst wird es wirklich relevant. Und dann wird es pl├Âtzlich wichtig, was gilt.

Wichtig werden Erkenntisse erst, wenn sie Macht in unserem Leben entfalten. Und dann wird wahr f├╝r uns, was sich als unseren Erwartungen entsprechend bew├Ąhrt. Das kann auch falsch sein. Das hei├čt, man kann sein Leben lang f├╝r wahr halten, dass man das leibliche Kind seiner Eltern ist, obwohl man adoptiert wurde. Man kann f├╝r wahr halten, dass die Sonne sich um die Erde dreht und eine Scheibe ist. So wie das die Menschen in den letzten 4 bis 5000 Jahren glaubten. Diese Erkenntisse entfalten Macht in unserem Leben, wenn sie wichtig, wenn sie f├╝r unser Leben existentiell(!) werden.

Warum ist es wichtig, ob der Holocaust so stattgefunden hat, wie es in den Geschichtsb├╝chern steht? Weil es Menschen gibt, denen dies wichtig ist. Und anderen Menschen ist es wichtig, dieses Tabu infrage zu stellen. Sie tun das beide, weil die Antwort auf diese Frage ungeheure Macht entfaltet. Deshalb wird mit allen Mitteln daf├╝r gesorgt, dass Menschen bestimmte Antworten auf diese Fragen „glauben“ auch wenn sie es selbst nie pr├╝fen k├Ânnen. Es werden Gerichtsprozesse gef├╝hrt und es werden Filme gedreht, um diese Wahrheiten glaubw├╝rdig zu machen.

So wird mit filmischen Finessen – zum Beispiel durch die Auswahl der Schauspieler – deutlich gemacht, welche Perspektive akzeptabel – und damit wahr – ist und welche nicht.

F├╝r die meisten Menschen spielt diese Frage keine wirkliche Rolle. F├╝r manche eine ganz wesentliche. Die Antwort auf diese Frage r├╝hrt an den Kern ihrer Existenz. Die Antwort auf diese Frage bestimmt ihr ganzes Leben. Sie richten ihr ganzes Sinnen und Trachten nach der Antwort auf diese Frage aus. Deshalb darf die „Wahrheit“, die man einmal erkannt hat, die einem einmal vermittelt wurde, nicht unwahr sein. Deshalb wird Wahrheit auch konstruiert und mit viel Energie auch gegen massivste Widerst├Ąnde aufrecht erhalten.

Aber das kann auch unwahr sein. Man kann im Laufe seines Lebens merken, dass alles was man glaubte, wovon man ├╝berzeugt war, was einem von ├╝berall her vermittelt wurde, eine einzige riesige L├╝ge war. Vielleicht nicht mal eine willentliche oder wissentliche L├╝ge, aber trotzdem eine L├╝ge. Und von diesem Zeitpunkt an ist es nicht mehr g├╝ltig. Die Wahrheit – die bis dahin galt – hat keine Macht mehr. Und dann ├╝bernimmt eine andere Wahrheit die Rolle, die die vorherige Wahrheit einnahm.

Ob ein Lichtquant eine Welle oder ein Teilchen ist, ist keine Frage die zur Zeit beantwortet werden kann. Ob es einen Gott gibt, darauf gibt es auch keine unbezweifelbare Antwort. Die Antwort auf diese Frage ist irrelevant, bis sie wichtig f├╝r uns wird. Und wenn sie wichtig wird, brauchen wir eine Antwort, weil die Antwort – egal wie sie ausf├Ąllt – Macht ├╝ber uns aus├╝bt.

Wie gro├č diese Macht ist, sp├╝rt man in seinen Leben tagt├Ąglich. Lebt man mit Gott oder ohne ihn.

Denn Wahrheit ist das, was Macht ├╝ber Dich hat.

Und es ist allein Deine Entscheidung, wem Du Macht ├╝ber Dein Leben einr├Ąumst.