Nur Sitzen

Juni 23rd, 2020

Wieder am Nullpunkt.

Nachdem ich mich, geradezu fanatisch, wieder in geistige Welten gestürzt habe, diesmal aller Spielarten des Religiösen, stehe ich erneut vor einem Scherbenhaufen. Religiös zu sein, mich religiös zu verhalten, in der Bibel zu lesen, zu beten, zum Gottesdienst zu gehen, in der Gemeinde engagiert zu sein, theologische Texte zu verschlingen usw., erschien mir als Erlösung; Erlösung vom Leiden an mir selbst und an der Welt; Erlösung von der Angst vor dem Existenzverlust, der Angst vor dem Verlust alles dessen, was ich liebe.

Und nicht nur das, es enthielt – in Form des “Wohlstandsevangeliums” – die Verheißung, wenn man Kraft und Geld spendet und leistet und sich immer besser an die Regeln hält, wird man künftig freier von Leid sein dürfen als andere. Wohlhabend, fokussiert, engagiert, angesehen, respektiert.

Versprachen die Texte, die Lieder, die Gebete, die ständige Beschäftigung mit Glaubensinhalten doch, dass man sich nicht mit sich selbst beschäftigen muss, sondern auf eine Art irdische Erlösung, ein religiöses Idyll, mit wohlgeratenen Kindern, einer erfolgreichen Berufstätigkeit und einer liebevollen Familie zustrebt. Ja, sie waren das Ziel, der Beschäftigung mit sich selbst und seiner eigenen, kleinen Welt und der ständigen Verlustangst auszuweichen.

Doch, wenn man einmal von dem Nektar der Versprechungen gekostet hat, will man immer mehr. Ja, braucht man immer mehr. Der Glaube wird zur Sucht. Kommt ein Leid, ein Schmerz auf, wenn man morgens erwacht, greift man zum Andachtsbuch. Belastet etwas am Tag, findet man Ablenkung im Gebet. Hält man die Stille bei der Hausarbeit nicht aus, hört man christlichen Pop. Man weicht ständig aus, stillt den Schrei der Seele nach Aufmerksamkeit mit Verheißungen auf später oder das Jenseits.

Und schlimmer noch: Geht man all diesen Beschäftigungen nicht nach, folgt die Strafe auf dem Fuße. Man fühlt sich schlecht, tatsächlich, weil man endlich merkt, dass wirklich, tatsächlich(!) etwas fehlt im eigenen Leben: vor allem Ruhe. Aber gedanklich völlig gefangen im Überzeugungssystem des Glaubens – was kann das anderes sein, als die Strafe Gottes, der einen für die mangelnde Beschäftigung mit sich züchtigt? Also läuft das Hamsterrad weiter. Aber zu der anfänglichen, unverstellten Freude kommt nun Angst dazu, davor, von all dem religiösen Brimborium abzulassen.

Dem Glauben wohnt der Hang zum Fanatismus inne. Das ist eine Binsenweisheit. Und so wie alles, was man ohne Maß betreibt, wird es damit zum Gift.

Hochmütig hatte ich vor 8 Jahren im Gespräch mit einer sehr glaubwürdigen Christin geprahlt, ich sei immun gegen diese Gefahr des “Gotteswahns”. Aber ich war es offenbar nicht. Und so raste ich mit Karacho in die Krise.

Jetzt sammle ich meine Einzelteile langsam wieder zusammen. Und ich gerate auf den Grund des religiösen Denkens, der Botschaft Jesu und der Sicht des Zen. So wie Carl-Friedrich von Weizsäcker schrieb:

“Nach einem alten Satz trennt uns der erste Schluck aus dem Becher der Erkenntnis von Gott, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott auf den, der ihn sucht.”

Auf dem Grund des Bechers liegt nichts als der “gesunde Menschenverstand”. Erhofft man, durch wie auch immer geartetes religiöses Handeln (Lesen, Beten, Singen, Denken) im Exzess Erleuchtung oder Befreiung zu erlangen, dann irrt man.

All diese Praktiken dienen im Grunde dazu, sich im Angesicht anderer Menschen immer angenehmer zu machen. Betreibt man sie jedoch exzessiv, wird man gestreßt, unleidlich und fordernd. Man wird zur Zumutung für Angehörige und Kollegen. Man treibt das Hamsterrad, in der Suche nach Selbsterlösung, immer weiter an. Und wird doch immer nur noch gestreßter. Man will dem Streß entfliehen, der einem soviel Angst und Ärger über und mit anderen bereitet, aber ehe man nicht wirklich aussteigt, aus diesem Hamsterrad, sondern nur noch mehr macht, um weniger machen zu dürfen, dreht sich das Rad immer verrückter.

Albert Schweitzer hat dieses religiöse Leben und Arbeiten nahezu exzessiv betrieben. Als Kirchenmusiker und Theologe ist er zum Grund des Bechers vorgestoßen und hat erkannt, Gotteserkenntnis und Befreiung liegt nicht in exzessivster theologischer Erkennntnis oder religiöser Praxis, sondern in Menschlichkeit und der sprichwörtlichen “Ehrfurcht vor dem Leben”, also dem gegenüber, was uns an der Manifestation Gottes (was immer dieser Begriff auch bedeuten mag) wirklich zugänglich ist. Und das sind zuallererst wir selbst: Leben! Und unsere Mitmenschen, Tiere, Pflanzen, ja alles was ist, ist Teil dieses “Lebens”.

Ich habe aufgehört zu beten.

Ich lese nur noch sehr wenig.

All die Lieder, die mich so erhoben, sind mir zuwider geworden.

Ich sitze jetzt nur noch und schaue.

Auf meinen Atem.

Auf meine Gedanken.

Wie sie vorbeiziehen.

Auf die Vögel.

Die Sonne.

Die Wolken.

Und ich finde den Frieden, den ich so verzweifelt gesucht habe.

Indem ich einfach warte.

Kommt er zu mir.

Ich muss ihn nicht jagen.

Ich finde ihn nicht in der Arbeit.

Nicht in der Mühe.

Allein im Nichtstun und warten.

Mit dieser Kraft kann ich dann tun, was mir wirklich aufgetragen ist.

Klarer, echter, wahrer, kraftvoller und hoffnungsvoller als je zuvor.

Nur sitzen.

Ich muss nicht mal warten.

Er kommt.

Ist.

22 Responses to “Nur Sitzen”

  1. HerrStrudel Says:

    Nachdem ich dich als Atheisten kennengelernt hatte und von Deiner Argumentationsweise tief beeindruckt war, fand ich es doch sehr schmerzlich, dich so in die Religiösität abrutschen zu sehen.

    Ich finde Religion nicht per se schlecht, solange man das für sich im Privaten vollzieht. Aber spätestens wenn die Religion als universelle Verhaltensrichtlinie in den Himmel gelobt wird, der sich gefälligst auch alle anderen Menschen “unterwerfen” sollten, finde ich das gefährlich.

    Schön zu sehen, daß du dich wieder etwas gefangen hast. Ich wünsche dir alles Gute und vor Allem Frieden mit dir selbst.

  2. Nemesis Says:

    Hallo Sapere Aude,

    das hört sich gut an^^ Du hast eine sehr interessante, fruchtbare Entwicklung durchlaufen, vom (materialistischen) Anti- Religiösen zum Christen und schliesslich hin zum einfachen MENSCHEN, der einfach mal nur sitzt und schaut 🙂 … Und offenbar bist Du dabei nichtmal zum “Buddhisten” geworden (am Ende wäre wohl auch dies nur eine bequeme Schublade). Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man alle Schubladen hinter sich gelassen hat, gelangt man am Ende einfach zu sich selbst und damit zur wirklichen Ruhe, zum inneren Frieden jenseits aller Schubladen.

    Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute, LG,
    Nemesis

  3. sapere Says:

    Hey, Herr Strudel, schön, nach so langer Zeit wieder was von Dir zu lesen. 🙂
    Ich würd nicht sagen, dass ich in die “Religiosität abgerutscht” bin … Eher in den Exzess. Aber der regelmäßige Exzess gehört bei mir zum Inventar.

    Religiosität ist ja per se keine verpflichtende Verhaltensrichtlinie. Es sind eher Empfehlungen und Warnungen verbunden mit dem Versuch der Interpretation, der Deutung all dessen, was sich in dieser Welt ereignet. Das versuchen alle Menschen auf mehr oder weniger komplizierte Weise. Manche haben hier ein paar gute und funktionierende Tips, manche dort. Aber wie beim zu kurzen Tischtuch ist es immer zu kurz egal an welcher Ecke man zieht. Offenbar gibt es keine wirkliche Patentlösung. Immer nur Annäherungen. Das ist schwer auszuhalten. Aber das ist es wohl, worum es bei Religion im Grunde geht: Geduld und Spucke.

  4. sapere Says:

    Hey, Nemesis, auch von Dir habe ich lange nichts gehört. Schön, dass Du Dich meldest.

    Christina hat mir auch schon eine Mail geschrieben. Und wir sind ein wenig ins Plaudern gekommen. Ich habe versucht ihr klarzumachen, dass Glaube ganz haarscharf am Wahn vorbeischrammt und dass man da höllisch aufpassen muss. Aber das hat sie nicht beeindruckt.

    Ich denke allerdings nicht, dass man nur bei sich selbst zur inneren Ruhe gelangt. Ich denke schon, dass es mehr gibt als mich, in dem ich Frieden finden kann und ich würde es durchaus als Gott bezeichnen, auch wenn ich mir nicht mehr so sicher bin, ob ich ihn wirklich verstehe. Aber das habe ich mir abgeschminkt. Ich versuche es jetzt vorläufig mit intellektueller Demut … und Liebe, Freude, Frieden. 🙂

  5. Nemesis Says:

    Zitat Herr Strudel:

    “… spätestens wenn die Religion als universelle Verhaltensrichtlinie in den Himmel gelobt wird, der sich gefälligst auch alle anderen Menschen “unterwerfen” sollten, finde ich das gefährlich.”

    Genauso sehe ich das auch und ich möchte noch hinzufügen, dass dies natürlich auch für den strikt (naturwissenschaftlich) materialistischen Ansatz ( etwa eines Richard Dawkins’) gilt. Um es mit Sapere Audes Worten zu sagen:

    ” Offenbar gibt es keine wirkliche Patentlösung. Immer nur Annäherungen.”

    So sehe ich das auch. Wir, als Menschen, umkreisen bzw umschreiben die Wirklichkeit, die doch immer unfassbar, ein Mysterium und eben damit lebendig bleibt. Die allumfassende Wirklichkeit ist weder nur theistisch, noch nur atheistisch, weder nur christlich, noch nur buddhistisch ect, die allumfassende Wirklichkeit ist unendlich viel mehr. Um es mit C. G. Jung zu sagen:

    ” Die wirklichen Geheimnisse kann man gar nicht verraten.

  6. sapere Says:

    @Nemesis thumbs up

  7. Nemesis Says:

    Hey Sapere Aude #4,

    schön, dass Du mich noch kennst 😉 Christina ist offenbar noch stark in ihrer christlichen Schublade verhaftet, sie braucht offenbar diese Schublade, um ihre Identität zu wahren. Eine ähnliche Haltung findet man bis zu einem gewissen Grad in allen Religionen (mir ist diese Haltung zB auch zum Teil bei den westlichen Buddhisten begegnet) und natürlich auch bei etlichen materialistischen Atheisten- das ist ein wesentlicher Grund, weshalb ich keiner Religionsgemeinschaft oder sonstigen Philosophie angehöre, I’m just fuzzy and I will stay fuzzy ;))

    ” Ich denke allerdings nicht, dass man nur bei sich selbst zur inneren Ruhe gelangt. Ich denke schon, dass es mehr gibt als mich, in dem ich Frieden finden kann und ich würde es durchaus als Gott bezeichnen, auch wenn ich mir nicht mehr so sicher bin, ob ich ihn wirklich verstehe.”

    Na ja, ich habe es halt so erfahren, dass ich persönlich dauerhafte Ruhe nur in mir selbst erfahren kann. Ich habe halt auch viele Menschen durch den Tod ect loslassen müssen, ich habe mich immer schon sehr auf mich selbst verlassen müssen und ganz bewusst viel allein gelebt. Ich persönlich gebrauche halt das Wort “Gott” nicht, denn ich sehe keinerlei Trennung zwischen mir und einem Gott irgendwo da draussen, in diesem Sinne betrachte ich meinen eigenen, innersten Kern (und den Kern ALLER Menschen) als identisch mit der höchsten Wirklichkeit. Aber ich respektiere natürlich die Tatsache, dass Du diese höchste Wirklichkeit als “Gott” bezeichnest.

  8. Nemesis Says:

    Ich möchte noch etwas hinzufügen- Zitat aus Deinem aktuellen Artikel:

    ” Wieder am Nullpunkt.”

    Herrlich^^ 😀 Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass genau dieser Nullpunkt ein exzellenter Ausgangspunkt hin zur höchsten Wirklichkeit ist. Die Buddhisten sprechen in diesem Zusammenhang von “Anfängergeist”, ungeprägt, frisch und unvoreingenommen/vorurteilslos wie ein neugeborenes Baby. Genau dieser Nullpunkt, dem Du ja nun schon öfter begegnet bist (wie vermutlich wir alle hin und wieder) ist meiner Ansicht nach die eigentliche Quelle der Kreativität und Lebendigkeit, an jenem Nullpunkt entfaltet sich “So- Sein”, “Tathagata”. Um in christlicher Sprache zu sprechen:

    ” Gott ist ein lauter Nichts,
    ihn rührt kein Nun noch Hier;
    je mehr du nach ihm greifst,
    je mehr entwird er dir.”

    – Angelus Silesius

    In (zen-) buddhistischer Sprache:

    ” Sunyata

    O’ blank page, why do thou tempt me so
    To compose an ode to those lost and forgotten poets,
    Perched in eternity, gloriously grazing the plain of time (which is forever) :
    Are you ashamed of your nakedness?

    Be not ashamed, but embrace your naked face!
    For your emptiness is the essence of all poems ever written–
    The embodiment of all sentiment and compassion!”

    – Shijin Taigu

    Wie dem auch sei, ich freue mich mal wieder aus ehrlichem Herzen für Dich (genauso, wie ich mich für Dich gefreut hatte, als ich Dir hier auf Deinem Blog das erste Mal nach Deiner christlichen Wiederauferstehung bzw der überwindung des materialistischen Atheismus vor einigen Jahren geschrieben hatte) 😉

  9. Nemesis Says:

    @Sapere Aude

    Hehe, ich weiss, ich quatsche schon wieder zuviel 😀 Aber dennoch möchte ich sagen, dass ich es sehr inspirierend finde, dass Du Dich, neben der christlichen Lehre, nun auch mit dem Zen- Buddhismus beschäftigst. Der Ansatz des Zen ist ja ein ganz eigener Weg, der darauf abzielt, Gelerntes, Konditionierungen ect, ja eigentlich alle Lehren zu überwinden und zur direkten Erfahrung vorzudringen. Ein meiner Ansicht nach hervorragender Zen- Lehrer, der christliche Mystik und Zen ganz ungezwungen verbindet, ist Zensho Kopp, den ich gerne an dieser Stelle vorstellen möchte:

    https://www.tao-chan.de/zen-meister-zensho.html

    “Zen-Meister Zensho W. Kopp “Rückkehr zu dir selbst”
    https://youtu.be/ZWgU5fTBMMU

    _()_

  10. Nemesis Says:

    In diesem Vortrag zeigt Zensho Kopp die wesentliche Gemeinsamkeit zwischen Zen und christlicher Mystik (und allen anderen grossen Religionen) auf:

    https://www.youtube.com/watch?v=lD6Uu_gI0Wo

  11. sapere Says:

    Dieser Zensho Kopp sieht aus und spricht wie ein Alkoholiker und ist mir eher unsympathisch. Ich hoffe, Du verzeihst, dass ich Deiner Empfehlung nicht folgen möchte. (^_^)

  12. sapere Says:

    Im Übrigen würde ich nicht sagen, dass ich mich mit Zen-Buddhismus beschäftige. Ich beschäftige mich mit Kontemplation. Also keiner Lehre, sondern einer Praxis. Dafür benötige ich keine Lehre. Ich muss es einfach tun. ¯\_(ツ)_/¯

  13. Nemesis Says:

    Na ja, entscheidend ist das, was er sagt. Anfangs war ich etwas von den längeren Pausen während seines Vortragens irritiert, aber inzwischen empfinde ich die Pausen als sehr angenehm, da man so mehr Zeit hat, das Gesagte aufzunehmen. Es könnte sogar sein, dass Wolfgang Kopp nichtmal eine offizielle/traditionelle Legitimation hat, als Zen- “Meister” aufzutreten, aber das tangiert mich nur peripher.

    ” Im Übrigen würde ich nicht sagen, dass ich mich mit Zen-Buddhismus beschäftige. Ich beschäftige mich mit Kontemplation. Also keiner Lehre, sondern einer Praxis. Dafür benötige ich keine Lehre. Ich muss es einfach tun.”

    Ah, OK, ich hatte aufgrund des von Dir in Deinem Artikels verlinkten vermutet, Du würdest Dich mit Zen- Buddhismus beschäftigen 😉

    Ich möchte noch kurz etwas zur allgemeinen Legitimation, die höchste Wirklichkeit (“Gott” oder wie immer man es bezeichnen mag) zu lehren:

    Wir alle leben in bzw aus der höchsten Wirklichkeit, egal, ob Christ oder Buddhist, Theist oder Atheist, niemand hat ein Patent auf die Wirklichkeit, weder irgendein Priester, noch irgendein Lehrer oder “Meister” (Du sagtest ja auch selbst weiter oben, es gäbe eben kein Patentrezept). Mein Atem ist mein Atem, ich brauche niemanden, der mir zeigt, wie ich zu atmen habe. Mein Leben ist mein Leben, ich brauche niemanden, keinen “Meister” und keinen Lehrer (oder irgendeine bestimmte Religon/Philosopie), der mir sagt, wie ich zu leben habe. Die Wirklichkeit ist jedem Menschen aus sich heraus, aus seinem eigenen Sein heraus, zugänglich, denn die höchste Wirklichkeit ist Teil des innersten Wesens aller Menschen. So, wie Du es ja auch selbst sagst:

    ” Ich beschäftige mich mit Kontemplation. Also keiner Lehre, sondern einer Praxis. Dafür benötige ich keine Lehre. Ich muss es einfach tun.”

    So ist es 🙂

  14. Nemesis Says:

    Korrektur meines letzten Kommentars:

    “… ich hatte aufgrund des von Dir in Deinem Artikels verlinkten vermutet…”

    sollte heissen:

    “… ich hatte aufgrund des von Dir in Deinem Artikel verlinkten Videos vermutet…”

  15. sapere Says:

    Mh, ich habe das Video verlinkt, weil es sehr schön demonstriert, worum es bei der Kontemplation geht. Dass das nun zufällig ein Buddhist als Buddhist präsentiert, ist nicht beabsichtigt. Es geht mir eher ums Prinzip. Aber natürlich regen die kulturell-symbolischen Wahrnehmungsinhalte (also die Robe und das asiatisch gehaltene Mobiliar, dass er selbst Asiate ist und was er sagt) die Phantasie entsprechend an. Aber im Grunde geht es um universelle Wahrheiten. Ob die nun von einem asiatischen Mann in Robe und an Beispielen von buddhistischen Lehrmeistern oder an Beispielen von biblischen Gleichnissen geschieht, ist da im Grunde wurscht.

    Ich habe aber tatsächlich ein wenig in die Zen-buddhistische Lehre hineingelesen. War mir dann aber zu langweilig, weil alles schon – und besser – bei Jesus gelesen. 🙂 Nur Laotses Tao te king war noch mal eine krasse Lektüre. Jedem Christen dringend ans Herz gelegt!

    Du schreibst:

    “Ich möchte noch kurz etwas zur allgemeinen Legitimation, die höchste Wirklichkeit (“Gott” oder wie immer man es bezeichnen mag) zu lehren:”

    Ähm, heißt das, Du siehst Dich als Lehrer, Rabbi, Meister? (^_^)

  16. Nemesis Says:

    @Sapere Aude, #15

    Yep, es war nur meine Phantasie mit mir durchgegangen bezüglich des von Dir verlinkten Videos 😀

    ” Aber im Grunde geht es um universelle Wahrheiten. Ob die nun von einem asiatischen Mann in Robe und an Beispielen von buddhistischen Lehrmeistern oder an Beispielen von biblischen Gleichnissen geschieht, ist da im Grunde wurscht.”

    Mir geht es ja auch um universelle Wahrheiten, eben um die schlichte Wirklichkeit, die nunmal unzweifelhaft in allen Menschen und Dingen west, egal ob in Buddha, Jesus oder in irgendeinem beliebigen, atheistischen Max Mustermann. Und daher sagte ich ja auch mehrfach in diesem Thread, dass ich keine Lehrer, “Meister”, Priester ect brauche, welche mir diese universellen Wahrheiten vermitteln, ich trage sie in mir selbst, so, wie jeder Mensch. Eigentlich sage ich das ja schon seit meinen ersten Kommentaren auf Deinem Blog 🙂

    Allerdings, es gibt schon auch Unterschiede zwischen dem Zen bzw dem Buddhismus und dem Christentum. Der Buddhismus erkennt zB keinen persönlichen Schöpfergott an, das Christentum jedoch sehr wohl. Ganz allgemein betrachten die östlichen Religionen etwa den Buddha letztlich als innersten Kern des eigenen, inneren Wesens, des eigenen Daseins, dieser Kern liegt nicht ausserhalb ihrerselbst in einem “Himmel da oben” oÄ. Und so ist es auch im östlichen sog. “Hinduismus” (eigentlich Dvaita, Advaita, Dvaidadvaita usw), auch dort spiegelt das bunte Pantheon die innere, eigene Wirklichkeit wider, in diesem Sinne erschaffen wir (nach östlicher Auffassung) die Götter nach unserem Antlitz und nicht etwa umgekehrt. Das ist ein klarer Unterschied zwischen Christentum und östlicher Religion.

    ” Du schreibst:

    “Ich möchte noch kurz etwas zur allgemeinen Legitimation, die höchste Wirklichkeit (“Gott” oder wie immer man es bezeichnen mag) zu lehren:”

    Ähm, heißt das, Du siehst Dich als Lehrer, Rabbi, Meister? (^_^)”

    Öhm, so enstehen Missverständnisse 😀 Eigentlich sollte der von Dir zitierte Satze lauten:

    ” Ich möchte noch kurz etwas zur allgemeinen Legitimation, die höchste Wirklichkeit (“Gott” oder wie immer man es bezeichnen mag) zu lehren, sagen:”

    Sorry, das “sagen” war gestern in Eile verloren gegangen. Und dann sagte ich ja weiters, dass ich eben KEINEN Meister, Lehrer, Priester ect anerkenne, wenn es um die Wirklichkeit geht, die in mir selbst und allen Menschen liegt. Also weshalb sollte ich dann ausgerechnet mir selbst diese Legitimation anmassen? 😀 Ich betrachte alle Religionen als Krücken, also als Behelfsmittel, bestenfalls als Fahrzeuge, Werkzeuge, Mittel zum Zweck. Und ich finde in allen Religionen gewisse Aspekte, die ich kritisiere. Etwa die straffe, patriarchale Hierarchie in allen grossen Religionen. Sämtliche Weltreligionen wurden von Männern erschaffen und dementsprechend sind sie allesamt stark patriarchal geprägt. Mir persönlich ist das suspekt. Der historische Buddha etwa war ganz klar ein Chauvinist, ein Frauenverächter. Es gibt auch Dinge, die ich an den sog “Vier Evangelien” kritisiere, zB die stark antisemitischen Untertöne darin. Jesus polemisiert immer nur gegen die jüdischen Gemeinden, während er die römischen Zöllner usw stets verteidigt. Die Figur des Jesus ist stärker römisch, als jüdisch geprägt und das ist auch kein Wunder, wurden doch die sog. “Vier Evangelien” im Auftrag des römischen Empires von römischen Schriftgelehrten geschrieben. Nach intensiver Beschäftigung mit der Historie des Christentums bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Jesus eine Erfindung der Römer gegen die damaligen, jüdischen Aufstände ist. Ich könnte das an dieser Stelle noch reichlich detaillierter ausführen, aber ich will hier nicht den Eindruck erwecken, ich wolle Dich vom Christentum abbringen 😉 Übrigens ist auch die historische Existenz Siddharta Gautama Buddhas keinesfalls 100% belegt, es gibt auch diesbezüglich keine eindeutigen, historischen Beweise 😉

    Im Zen gibt es die Allegorie des Fingers, der auf den Mond zeigt. Der Finger repräsentiert den Lehrer, “Meister” oÄ bzw die Lehre und der Mond repräsentiert die Wirklichkeit. Sehr viele Menschen bleiben am Finger hängen, statt die höchste Wirklichkeit in sich selbst zu verwirklichen.

  17. Nemesis Says:

    @Sapere Aude

    Vermutlich hat Du Dich auch schonmal mit sog. “Nahtoderfahrungen” beschäftigt. Wie denkst Du allgemein darüber und wie erklärst Du Dir die Tatsache, dass jene Nahtoderfahrungen überwiegend stark vom jeweiligen kulturellen Kontext abhängen? In der Regel wird ein Buddhist uU in der Nahtoderfahrung dem Buddha bzw buddhistischen Inhalten begegnen, während ein Christ im Gegensatz dazu in der Regel eher dem christlichen Gott und/oder Jesus bzw chritlichen Inhalten begegnen wird usw. Wie erklärst Du Dir diese Tatsache? Gibt es diverse religiöse Wirklichkeiten oder irrt der Buddhist bzw der Christ in seiner etwaigen Nahtoderfahrung? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die höchste Wirklichkeit mannigfaltig in unserer Wahrnehmung in Erscheinung tritt, da eben die höchste Wirklichkeit leztlich weder nur christlich, noch nur buddhistisch bzw weder nur theistisch, noch nur atheistisch usw geprägt ist- also ganz so, wie ich bereits vor Jahren auf Deinem Blog sagte:

    Es gibt viele Lampen, aber nur ein Licht?

  18. sapere Says:

    Nahtoderfahrungen sind Erlebnisse des menschlichen Bewußtseins. Sie ereignen sich in einem körperlichen Ausnahmezustand. Körperliche Ausnahmezustände führen nicht selten zu psychotischem Erleben. Das bedeutet, dass die ungeheure Menge an Stress, die der Körper ausschüttet die Gefühle, die die Person erlebt ins Extrem steigert. Gefühle wiederum lösen – das weiß man aus psychologischer Forschung – Gedanken/Phantasien aus.

    Wenn Menschen nun Nahtodphantasien (denn so würde ich sie eher nennen) haben, dann haben sie diese vor dem Hintergrund ihrer kulturellen Wahrnehmungserfahrungen. Ein solcher Mensch “sieht” also Buddha, oder ein helles Licht oder Jesus oder eine Blumenwiese oder einen Tunnel oder ein Gebirge oder eine Stadt oder eine Gosse oder einen Folterkeller oder oder oder … je nachdem, was die Person im Moment des nahenden Todes fühlt.

    Die Gefühle (Angst, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung, Erleichterung, Ruhe, Gelassenheit etc.) sind universell. Die damit verbundenen Bilder sind dagegen kulturell geprägt.

    Dass manche bei Nahtoderfahrungen also Buddha oder Christus sehen, heißt nicht, dass diese faktisch “erscheinen” und “da” sind. Es heißt, diese Menschen durchlaufen einen außergewöhnlichen Bewußtseinszustand, der ihnen intensive Träume verschaffen kann.

  19. Nemesis Says:

    @Sapere Aude

    Ich stimme mit Deinen Ausführungen zu Nahtoderfahrungen überein 🙂 Wobei ich anmerken möchte, dass Nahtoderfahrungen nicht etwa nur eine Phantasieträume darstellen, sondern tatsächlich eine Bewusstseinserfahrung, welche über das gewöhnliche Alltagsbewusstsein weit hinausgeht (weshalb derlei Erfahrungen bei den Menschen äusserst intensive, weittragende Konsequenzen für das gesamte weitere Leben haben (es gibt übrigens ja auch materialistische Atheisten, denen in einer Nahtoderfahrung plötzlich vollkommen unerwartet Jesus oder der liebe Gott erschien, hehe). Aber ich möchte nochmal meine Frage stellen:

    Es gibt viele Lampen, aber nur ein Licht?

    Wenn Du mit meiner Festellung übereinstimmst, dass die höchste Wirklichkeit weder nur buddhistisch, noch nur christlich, weder nur theistisch, noch nur atheistisch usw ist, dann wirst Du meine Frage vermutlich bejahen oder?

  20. Nemesis Says:

    Korrektur meines letzten Kommentars:

    “… dass Nahtoderfahrungen nicht etwa nur eine Phantasieträume darstellen…”

    sollte heissen:

    “… dass Nahtoderfahrungen nicht etwa nur reine Phantasieträume darstellen…”

  21. sapere Says:

    Die Intensität von subjektiven Erfahrungen macht sie nicht zu objektiveren Ereignissen. 🙂

    Alles, was sich nicht faktisch ereignet und nicht prinzipiell intersubjektiv ähnlich wahrgenommen und beschrieben werden kann, ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein subjektiver Traum. Ich möchte das auch nicht weiter ausführen und diskutieren. Ich denke, es ist klar, was ich meine.

    Die Personen befinden sich bei Nahtoderfahrungen meist liegend an einem Ort (Krankenhaus, Unfallort) der von den Anwesenden ziemlich gleich beschrieben wird. Die einzige Person, die ein anderes Raumerlebnis hat, ist der dem Tode Nahe.

    Diese, wie Du es beschreibst, “über das gewöhnliche Alltagsbewusstsein weit hinausgehende Erfahrungen, die äusserst intensive, weittragende Konsequenzen für das gesamte weitere Leben haben können”, entstehen selbstverständlich aufgrund dieses faktisch außergewöhnlich lebensbedrohlichen Ereignisses. Dass der Betroffene außergewöhnliche Phantasien hat, ist im Ausnahmezustand des Organismus, dessen Teil auch unser Hirn ist, das in einen ebensolchen Ausnahmezustand versetzt wird, nicht ungewöhnlich.

    Allerdings sollte man die erlebten Phantasien nicht mit realen Ereignissen verwechseln, die auch Konsequenzen für andere Menschen haben und nicht nur für einen selbst.

    Zu Deiner Frage: Die “höchste Wirklichkeit” ist ein für mich leerer Begriff, der nur mit theologischem Geschwafel gefüllt werden kann. Ich denke, fühle, erlebe, dass es Kräfte gibt, die meine Verstandeskraft überschreiten. Ich beschäftige mich nicht mit ihnen und versuche künftig seltener zu behaupten, ich hätte sie verstanden. 🙂

    Ich möchte nur noch versuchen einfach ein guter Mensch zu sein. Für mich und für andere. Und ich will quasitehologisches, pseudointellektuelles, machtgeiles, schuld- und schamerzeugendes Geschwafel künftig möglichst vermeiden und lieber die Kunst sprechen lassen:

  22. Nemesis Says:

    Nu ja, Nahtoderfahrungen hin oder her, ich selbst hatte noch nie eine Nahtoderfahrung im gebräuchlichen Sinne, ich erfahre bereits seit meiner frühen Kindheit das ganze Leben als Nahtoderfahrung, hehe. Aber ich habe mich halt sehr intensiv mit den Berichten anderer Menschen, die eine solche Erfahrung hatten, befasst und ich finde das sehr spannend und ich deute die Tatsache, dass die Leute in diesen Erfahrungen eben sehr unterschiedliche Dinge sehen und erleben, eben dahingehend, dass “der liebe Gott, Buddha, der heilige Geist” usw eben nicht irgendwo da draussen “im Himmel” oder im “Nirvana” oÄ sind, sondern eben in uns 😉

    Und was die “höchste Wirklichkeit betrifft, Zitat:

    ” Die “höchste Wirklichkeit” ist ein für mich leerer Begriff, der nur mit theologischem Geschwafel gefüllt werden kann. Ich denke, fühle, erlebe, dass es Kräfte gibt, die meine Verstandeskraft überschreiten. Ich beschäftige mich nicht mit ihnen und versuche künftig seltener zu behaupten, ich hätte sie verstanden. 🙂”

    Das trifft es nach meiner Aufassung schon sehr gut^^ Doch bitte halt ein, werter Sapere Aude, hehe, ich wusste doch noch garnicht, dass Du den gesamten theologischen Scheiss bereits über Bord geworfen hast^^ Du sprichst nun fast wie ein Zennie, wenn Du Dich auch nicht mit Zen “beschäftigst”, wie Du weiter oben sagtest, hehe. So mancher Zen-“Meister” (meine Meinung über “Meister” hatte ich ja schon mitgeteilt) hätte mir für meine Bemerkung, ich fände es sehr inspirierend, dass Du Dich jetzt “mit Zen beschäftigst” sowieso eins mit dem Keisaku verpasst 😀 Von daher war Deine Antwort darauf absolut passend :))

    Ich finde, Du hast eine sehr inspirierende Entwicklung durchgemacht, yep, mich inspiriert Dein Werdegang (das sagte ich glaube ich schon öfter 😉 ). Und ich finde auch das von Dir verlinkte Lied schön. Ich lebe schon mein ganzes Leben lang im Regen (wenn auch Regen zZt ziemlich knapp in Deutschland ist, hehe, aber das ist wieder ein ganz anderes Thema). Und ich lebe ebenso schon mein ganzes Leben lang im Feuer. Nur mit dem “versuche, gut zu sein” (repetitive Zeile aus dem Lied) hatte ich es nie so 8) Ich weiss nicht, ob ich das schon erzählt hatte, ich bin im sozialen Brennpunkt auf der Strasse aufgewachsen und das hat mich sehr geprägt, dort waren sowohl Regen-, als auch Feuertaufe gratis. Ich versuche nicht, gut zu sein, ich habe immer auf meine Instinkte und auf mein Herz gehört. Aber ich versuche, ehrlich zu sein und ich versuche, Dich und andere Leute zu verstehen. Ich sehe es so:

    Es gibt Diebe und Heuchler und Mörder und Betrüger und Lügner und Vergewaltiger usw. Aber ich betrachte diese Leute nicht als “böse”, sondern als toxisch. Eine schwarze Mamba zB kann einen Menschen mit einem Biss töten. Ist eine solche Mamba “böse”, wenn sie einen Menschen tötet? Nein, denn in der Natur (= Regen, Feuer usw^^) gibt es kein “gut” und kein “böse”, in der Natur hat alles, was da kreucht und fleucht seinen Platz, die Natur be- oder verurteilt niemanden. Und genauso betrachte ich die obengenannten Kandidaten, sie sind in meinen Augen nicht “böse”, sondern toxisch und insofern gehe ich solchen Leuten aus dem Weg. Ich sehe die Sache also praktisch, weniger christlich-moralisch (“gut” und “böse” sind halt sehr stark christlich aufgeladen). Zitat:

    ” Und ich will quasitehologisches, pseudointellektuelles, machtgeiles, schuld- und schamerzeugendes Geschwafel künftig möglichst vermeiden und lieber die Kunst sprechen lassen:”

    Wow, ich hatte es, wie schon oben gesagt, echt noch nicht realisiert, dass Du Dich schon so unverschämt freigemacht hast^^ Dem schliesse ich mich an und lasse die Kunst sprechen:

    ” So viele Dinge liegen aufgerissen
    von raschen Händen, die sich auf der Suche
    nach dir verspäteten: sie wollen wissen.

    Und manchmal in einem alten Buche
    ein unbegreiflich Dunkles angestrichen.
    Da warst du einst. Wo bist du hin entwichen?

    Hielt einer dich, so hast du ihn zerbrochen,
    sein Herz blieb offen, und du warst nicht drin;
    hat je ein Redender zu dir gesprochen,
    so war es atemlos: Wo gehst du hin?

    Auch mir geschahs. Nur daß ich dich nicht frage.
    Ich diene nur und dränge mich um nichts.
    Ich halte, wartend, meines Angesichts
    williges Schauen in den Wind der Tage
    und klage den Nächten nicht …
    (da ich sie wissen seh).”

    R. M. Rilke

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