Nur Sitzen

Juni 23rd, 2020

Wieder am Nullpunkt.

Nachdem ich mich, geradezu fanatisch, wieder in geistige Welten gestürzt habe, diesmal aller Spielarten des Religiösen, stehe ich erneut vor einem Scherbenhaufen. Religiös zu sein, mich religiös zu verhalten, in der Bibel zu lesen, zu beten, zum Gottesdienst zu gehen, in der Gemeinde engagiert zu sein, theologische Texte zu verschlingen usw., erschien mir als Erlösung; Erlösung vom Leiden an mir selbst und an der Welt; Erlösung von der Angst vor dem Existenzverlust, der Angst vor dem Verlust alles dessen, was ich liebe.

Und nicht nur das, es enthielt – in Form des “Wohlstandsevangeliums” – die Verheißung, wenn man Kraft und Geld spendet und leistet und sich immer besser an die Regeln hält, wird man künftig freier von Leid sein dürfen als andere. Wohlhabend, fokussiert, engagiert, angesehen, respektiert.

Versprachen die Texte, die Lieder, die Gebete, die ständige Beschäftigung mit Glaubensinhalten doch, dass man sich nicht mit sich selbst beschäftigen muss, sondern auf eine Art irdische Erlösung, ein religiöses Idyll, mit wohlgeratenen Kindern, einer erfolgreichen Berufstätigkeit und einer liebevollen Familie zustrebt. Ja, sie waren das Ziel, der Beschäftigung mit sich selbst und seiner eigenen, kleinen Welt und der ständigen Verlustangst auszuweichen.

Doch, wenn man einmal von dem Nektar der Versprechungen gekostet hat, will man immer mehr. Ja, braucht man immer mehr. Der Glaube wird zur Sucht. Kommt ein Leid, ein Schmerz auf, wenn man morgens erwacht, greift man zum Andachtsbuch. Belastet etwas am Tag, findet man Ablenkung im Gebet. Hält man die Stille bei der Hausarbeit nicht aus, hört man christlichen Pop. Man weicht ständig aus, stillt den Schrei der Seele nach Aufmerksamkeit mit Verheißungen auf später oder das Jenseits.

Und schlimmer noch: Geht man all diesen Beschäftigungen nicht nach, folgt die Strafe auf dem Fuße. Man fühlt sich schlecht, tatsächlich, weil man endlich merkt, dass wirklich, tatsächlich(!) etwas fehlt im eigenen Leben: vor allem Ruhe. Aber gedanklich völlig gefangen im Überzeugungssystem des Glaubens – was kann das anderes sein, als die Strafe Gottes, der einen für die mangelnde Beschäftigung mit sich züchtigt? Also läuft das Hamsterrad weiter. Aber zu der anfänglichen, unverstellten Freude kommt nun Angst dazu, davor, von all dem religiösen Brimborium abzulassen.

Dem Glauben wohnt der Hang zum Fanatismus inne. Das ist eine Binsenweisheit. Und so wie alles, was man ohne Maß betreibt, wird es damit zum Gift.

Hochmütig hatte ich vor 8 Jahren im Gespräch mit einer sehr glaubwürdigen Christin geprahlt, ich sei immun gegen diese Gefahr des “Gotteswahns”. Aber ich war es offenbar nicht. Und so raste ich mit Karacho in die Krise.

Jetzt sammle ich meine Einzelteile langsam wieder zusammen. Und ich gerate auf den Grund des religiösen Denkens, der Botschaft Jesu und der Sicht des Zen. So wie Carl-Friedrich von Weizsäcker schrieb:

“Nach einem alten Satz trennt uns der erste Schluck aus dem Becher der Erkenntnis von Gott, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott auf den, der ihn sucht.”

Auf dem Grund des Bechers liegt nichts als der “gesunde Menschenverstand”. Erhofft man, durch wie auch immer geartetes religiöses Handeln (Lesen, Beten, Singen, Denken) im Exzess Erleuchtung oder Befreiung zu erlangen, dann irrt man.

All diese Praktiken dienen im Grunde dazu, sich im Angesicht anderer Menschen immer angenehmer zu machen. Betreibt man sie jedoch exzessiv, wird man gestreßt, unleidlich und fordernd. Man wird zur Zumutung für Angehörige und Kollegen. Man treibt das Hamsterrad, in der Suche nach Selbsterlösung, immer weiter an. Und wird doch immer nur noch gestreßter. Man will dem Streß entfliehen, der einem soviel Angst und Ärger über und mit anderen bereitet, aber ehe man nicht wirklich aussteigt, aus diesem Hamsterrad, sondern nur noch mehr macht, um weniger machen zu dürfen, dreht sich das Rad immer verrückter.

Albert Schweitzer hat dieses religiöse Leben und Arbeiten nahezu exzessiv betrieben. Als Kirchenmusiker und Theologe ist er zum Grund des Bechers vorgestoßen und hat erkannt, Gotteserkenntnis und Befreiung liegt nicht in exzessivster theologischer Erkennntnis oder religiöser Praxis, sondern in Menschlichkeit und der sprichwörtlichen “Ehrfurcht vor dem Leben”, also dem gegenüber, was uns an der Manifestation Gottes (was immer dieser Begriff auch bedeuten mag) wirklich zugänglich ist. Und das sind zuallererst wir selbst: Leben! Und unsere Mitmenschen, Tiere, Pflanzen, ja alles was ist, ist Teil dieses “Lebens”.

Ich habe aufgehört zu beten.

Ich lese nur noch sehr wenig.

All die Lieder, die mich so erhoben, sind mir zuwider geworden.

Ich sitze jetzt nur noch und schaue.

Auf meinen Atem.

Auf meine Gedanken.

Wie sie vorbeiziehen.

Auf die Vögel.

Die Sonne.

Die Wolken.

Und ich finde den Frieden, den ich so verzweifelt gesucht habe.

Indem ich einfach warte.

Kommt er zu mir.

Ich muss ihn nicht jagen.

Ich finde ihn nicht in der Arbeit.

Nicht in der Mühe.

Allein im Nichtstun und warten.

Mit dieser Kraft kann ich dann tun, was mir wirklich aufgetragen ist.

Klarer, echter, wahrer, kraftvoller und hoffnungsvoller als je zuvor.

Nur sitzen.

Ich muss nicht mal warten.

Er kommt.

Ist.

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