Ist die Bibel = Gott?

Juni 11th, 2017

Christliche Fundamentalisten streiten noch heute über die Bedeutung der Bibel. Ist die Bibel der einzige zuverlässige Stellvertreter Gottes auf Erden? Oder kann man Gott auch direkt und unvermittelt durch Bibel ohne alle menschliche Autoritäten nahekommen? Vor 500 Jahren, im Zuge der aufbrechenden Reformation, begann diese Diskussion bereits. Und wir können aus damaligen Erkenntnissen noch heute viel lernen.

Im Zuge der Reformation traten plötzlich Prediger hervor, die – wie Luther – das Papstkirchentum ablehnten aber, noch einen Schritt weiter gingen, sie stellten sogar weltliche Macht infrage. Soweit wollte Luther nie gehen, profitierte er doch in erheblichem Maße von den Fürsten und ihren Gütern und ihrer Macht. Da wo Luther eine sogenannte Zwei-Reiche-Lehre installierte, die für sich genommen durchaus ein Fortschritt zur bisher betriebenen Einheit von Kirche und Staat war, ging dies manchen nicht weit genug.

Volksprediger wie Andreas Bodenstein genannt Karlstadt waren der Ansicht, dass man Gott nicht nahekäme, wenn man besitzend sei und dass man allen Götzendienst – auch den des Mammons und der Macht – beseitigen müsse. Karlstadt war der Doktorvater Luthers. Luther wurde später sein erbitterter Gegner und vertrieb ihn aus Thüringen. Denn Karlstadt war ihm zu schwärmerisch, forderte er doch, dass man sich aller Äußerlichkeiten entledigte und Gott direkt, ohne Vermittlung durch Bibel oder Autoritäten nahekommen könnte.

Luther machte sich über Karlstadt in seiner bekannten Schrift: „Wider die himmlischen Propheten“ lustig:

Was Luther hier als offenbaren Blödsinn abtut, ist der Kern einer mystischen Kontemplationspraxis, die sich auch in anderen Kulturen wiederfindet und bis heute unter dem vieldeutigen Begriff „Achtsamkeit“ firmiert. Die sogenannte Achtsamkeit ist heute eine der besterforschten psychotherapeutischen Maßnahmen, die jede Art psychischer Störungen und Süchte behandeln hilft.

Haben die „himmlischen Propheten“ der Reformationszeit etwa eine wirksame Psychotechnik entdeckt? Für Karlstadt geht es selbstverständlich um mehr. Es geht darum, dass die Heilige Schrift überhaupt erst lesbar ist, wenn man einen entsprechenden Geist mitbringt. Der bloße Buchstabe ist nichts. Und so stellt er in seiner Schrift über die „Gelassenheit“ fest:

Unterschied zwischen Gelassenheit und Ungelassenheit:

Ich wähnte ein guter Christ zu sein, weil ich tiefe und schöne Sprüche aus Jeremia klaubte und sie zur Disputation, Lektion Predigt oder anderen Reden uns Schreibereien behielt. Das sollte Gott über die Maßen wohl gefallen. Aber als ich mich recht besann und bedachte, fand ich, dass ich weder Gott erkannt, noch das höchste Gut als Gut liebte. Ich sah den geschaffenen Buchstaben, den ich erkannte und liebte, in dem ich ruhte und der mein Gott war und merkte nicht, dass Gott durch Jeremia gesprochen hatte:

„Die mein Gesetz halten, die erkennen mich nicht und haben auch nicht nach mir gefragt.“ (Jeremia 2).

Sieh da, wie kann einer das Gesetz Gottes behandeln und halten und Gott weder erkennen, noch nach ihm fragen? Den Buchstaben erkennt einer wohl oder hat Lust in ihm, aber Gott erkennt er nicht. Wenn einer mit Liebe und Lust im Buchstaben steht, dann die Feinde der Gottessöhne, die von Gott getrieben werden, nicht vom Buchstaben.

Ja, diese Weisheit ist vermaledeit und es ist keine göttliche, sondern eine menschliche Weisheit über welche Gott spricht:

„Weh denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug“ (Jesaja 5)

Was ist diese Weisheit anderes als eine Weisheit in Menschenaugen, wenn die Schrift und andere Kreaturen (aus welchen wir Gott erkennen und lieben sollten) zu unserer Lust beitragen und wenn wir etwas vor einem anderen wissen wollen, als leider viele Laien jetzt die Schrift fassen und lernen, dass sie in Zeichen wohl leben und reden, etwas vor einem anderen wissen, ist das nicht Weisheit in unseren Augen, frag Dein Herz und antworte mir! Ist das nicht eine verfluchte Weisheit? Lies Jesaja, Paulus und Christus und merk, dass du nicht Gott suchst, sondern dich. Dann mußt Du in dein Herz hören dass Christus zu einem gleichen Fall sprach:

Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.

Was Karlstadt hier feststellt, ist dass die Einsicht und Erkenntnis dem Buchstaben selbst voraus gehen. Nur wer den christlichen Geist in sich trägt, kann auch den Sinn der Worte und Gedanken erschließen. Auch ohne den Geist Gottes kann man selbstverständlich Worte, Sätze, Verse aus der Bibel entnehmen und miteinander abwägen und in Beziehung setzen und Vers gegen Vers ausspielen. Ein Spiel, das derjenige gewinnt, der mehr Verse, verblüffend für den Gegenüber aus dem Gedächtnis abrufen und in die Disputation einführen kann.

Aber es steckt eine Eitelkeit in dieser Bibelkenntnis. Die Eitelkeit, die Bibel besser zu kennen als jeder andere und sich mit diesem Fleiß in die Nähe Gottes zu rücken.

In seiner Schrift von der „Gelassenheit“ stellt Karlstadt aber fest, dass man auch von dieser Eitelkeit lassen sollte, so wie man von allen anderen Eitelkeiten – wie Besitz, Macht, Schönheit, Klugheit – lassen sollte, um Gott wirklich nahe kommen zu können. Die Voraussetzung für die Möglichkeit Gott hereinzulassen, ist die innere Leere und Befreiung von aller weltlichen Ablenkung. Wenn der Geist mit Sorgen und Ängsten beschäftigt ist, wenn er nach Dingen giert und sich in irdischen Träumen verliert, kann Gott keine Wohnung finden. Wenn der Geist mit einer erbitterten Diskussion um den richtigen Bibelvers beschäftigt ist, kann Gott keine Wohnung finden.

Davon sprach Karlstadt, wenn er von der Langeweile sprach. Es ist für die meisten Menschen sehr sehr schwer, sich der Langeweile auszusetzen. Wer schafft es schon, länger als 10 Minuten einfach zu sitzen, ohne seinen Geist mit irgendetwas zu beschäftigen. Sitzt man länger kommen viele Gedanken und Gefühle, die oft sehr unangenehm sind und die man am liebsten vermeiden möchte. Und viele tun das, durch Gebet oder Bibelstudium. Kommen Angst und Not auf, wird schnell zur Bibel gegriffen.

Aber schafft man es die Schwelle der Angst und der Not zu überwinden und in einen Zustand echter Gelassenheit zu geraten, der Freiheit von aller Eitelkeit und Angst, kann Gott Wohnung nehmen und zu uns sprechen. Und die Erkenntnis die man in diesem Zustand erlangt, findet man dann auch in der Bibel bestätigt. Verschlüsselt zwar … aber nie ist das Gefühl stärker, dass dann Gott auch im Wort zu einem spricht.

Was Karlstadt verstand, verstehen wir auch heute:

Der Spiritualismus der Reformationszeit ist die Charismatik der Neuzeit. Biblische Rationalisten kämpfen heute mit dem Buchstaben des Gesetzes gegen die Gefühlsduselei der pfingstlerischen Spiritualisten, weil sie all diese Emotionalität nicht verstehen und meist beängstigend finden.

Gott ist aber nicht im Buchstaben und im cleveren Umgang mit biblischen Zitaten zu finden. Er ist nämlich schon da. In Dir. Und Du mußt dich ihm nur öffnen und ihm zuhören und dann findest seine Stimme auch in der Bibel.

Warum?

Juni 3rd, 2017

Die bedeutenste Frage, die ich mir eigentlich täglich stelle ist:

„Bin ich überhaupt wertvoll?“

Und ich versuche mir diese Frage zu beantworten, indem ich auf die Blicke der Menschen achte, denen ich begegne. Schauen sie sie mich an oder schauen sie an mir vorbei? Oder schauen sie vielleicht sogar angeekelt weg. Warum schaut diese schöne Frau nicht zurück? Und warum starrt mich diese häßliche alte Frau stattdessen so an? Wenn mich keine der schönen Frauen, denen ich auf der Straße begegne, angeschaut hat, bin ich dann wohl unattraktiv und somit wahrscheinlich wertlos.

Und wie ist es mit der Kollegin, die ich etwas frage und die mich in scharfem Ton zurechtweist, dass ich das doch schon längst erledigt haben müßte. Ich schäme mich und habe Angst, dass ich meinen Job verliere und dann bin ich arbeitslos und somit wahrscheinlich wertlos.

Oder der Freund, dem ich seit Wochen SMS schreibe, dass ich mich gern mit ihm treffen will. Aber er antwortet und sporadisch und unmotiviert. Bin ich so uninteressant und somit wahrscheinlich wertlos?

Oder wenn mir auffällt, dass ich den ganzen Tag schon wieder mit völlig sinnlosen Dingen verbracht habe und mich ärgere, dass ich wieder keine Arbeit richtig geschafft habe, damit bin ich wohl faul und somit wertlos.

Oder wenn mir mein Vater sagt, dass ich mich falsch ernähre und viel zuwenig Sport mache und doch dieses und jenes tun sollte, damit ich mehr auf mich achte und gesund bleibe, dann bin ich wohl unsportlich und unfit und somit wahrscheinlich wertlos.

Oder wenn mir bewußt wird, dass ich bald sterben werde und nichts außergewöhnliches geleistet habe, kein Haus gebaut, kein Buch geschrieben, keine bedeutende Entdeckung gemacht, in keinem Geschichtsbuch verewigt bin, vielen Menschen Kummer und nur wenigen ein wenig Freude aber eigentlich nie genug geleistet habe, dann bin ich wohl nur ein ganz gewöhnlicher, langweiliger, uninteressanter, unattraktiver, dummer Mensch voller Fehler, der somit einfach nur wertlos ist und deshalb auch keine Aufmerksamkeit und kein Interesse verdient.

Nur manchmal, wenn mir ein Mensch sagt, dass er kürzlich an mich gedacht hat, blühe ich auf. Denkt da jemand an mich, selbst wenn ich nicht da bin?

Oder wenn mich eine hübsche Frau doch etwas länger als üblich anschaut, dass ich mich plötzlich genötigt fühle, wegzuschauen, dann bin ich etwa ansehnlich?

Oder wenn mir etwas gelingt und ein Mensch sich mit mir freut, bin ich etwa hilfreich?

Aber das sind nur kurze Momente, die nicht lange vorhalten. Welcher Mensch interessiert sich denn noch für mich, wenn ich längst tot bin? Welche Frau schaut mich an, wenn ich nackt und müde vor ihr sitze? Welcher Mensch freut sich mit mir, wenn mir im Stillen etwas gelingt noch nach Wochen?

Ich bin einsam. Und dass andere mich schimpfen, mich auf meine Schwächen hinweisen, mich ingorieren kränkt mich noch zusätzlich. Wie kann ich die Aufmerksamkeit, das Interesse, die Neugier, die ich doch so dringend benötige wieder bekommen?

Indem ich Sport mache? Indem ich noch fleißiger bin als andere? Indem ich mir nichts bieten lasse und dem anderen meine Dominanz zeige, damit er zu mir aufschaut und mich bewundert? Was muss ich tun? Bundeskanzler werden? Oder Alexander, Napoleon, ein Pharao werden? Oder der Messias? Was muss ich tun, damit ich die Liebe bekomme, die ich brauche? Was muss ich tun, damit mir die Aufmerksamkeit der ganzen Welt sicher ist? Eine Atombombe zünden? Das würde sicher in den Zeitungen und dann in den Geschichtsbüchern stehen. Dann hätte ich Aufmerksamkeit … aber sicher keine Liebe. Wäre ich wertvoll? Zumindest wäre ich relevant … aber für den Rest der Weltgeschichte wäre ich immer der verrückte sapere aude.

Muss ich also werden wie Gandhi oder Mutter Theresa oder Nelson Mandela? Und wenn ich das geworden bin, bin ich dann wertvoll? Oder bin ich selbst dann wertlos, weil ich unendlich viele Feinde und Neider habe.

Aber dafür müßte ich unglaublich viel arbeiten und wahnsinnig viel opfern. Und ein solches Ziel liegt weit in der Zukunft. Wahrscheinlich werde ich auch nie ein berühmter Heiliger. Und was dann?

Wenn ich dann sterbe, frage ich mich: War ich überhaupt wertvoll?

Brauche ich dann nicht noch eine pompöse Beerdigung mit einem Requiem und einem auffälligen Grabstein? Dass Friedhofsbesucher stehen bleiben und fragen, wer das wohl war? Dass selbst nach 1000 Jahren der Grabstein noch an mich erinnert?

War ich dann wertvoll?

Weil ich Spuren hinterlassen habe. Weil die Menschen über mich sprechen. Weil ich in Büchern stehe und Feiern zu meinen Ehren abgehalten werden. Bin ich dann wertvoll?

Und was ist dann mit all denen, die nicht so wertvoll waren wie ich? Ist das gerecht?

Bin ich wertvoll, wenn ich schön bin und klug und und mutig und reich und begabt und diszipliniert und kompetent und belesen und gebildet und eloquent und durchsetzungsstark und beliebt und gesund und beachtet und gelobt und unvergessen … oder bin ich wertvoll, wenn ich anderen sage, dass sie uneingeschränkt wertvoll sind? Nicht aufgrund ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten, sondern einfach weil sie da sind, egal wie sie sind auch wenn sie mir zeigen, dass sie mich wertlos finden, mich beschimpfen, bespucken, mich schlagen, treten, foltern, töten? Ihnen trotzdem sagen, dass sie wertvoll sind und dass ich wertvoll bin und dass ihr Tun daran nichts ändert?

Und wenn ich Dir sage, dass Du wertvoll bist ohne etwas dafür zu leisten, was tust Du? Was fühlst Du? Langeweile? Ignorierst Du es? Wendest Du Dich desinteressiert ab? Denkst Du „talk is cheap“? Oder glaubst Du mir das? Und wenn Du das einem anderen Menschen sagst, was denkst Du wie er reagiert und wie es diesem Menschen dann geht?


Bin ich wertvoll? Interessiert sich jemand für mich? Und warum?