Viele Menschen beten, weil sie Angst vor Gott haben. Viele Menschen singen, gehen in den Gottesdienst, beteiligen sich an einer Gemeinde, missionieren und heilen – ja segnen sogar – aus Angst vor Gott.

Diese Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen und dann von Gott dafür bestraft zu werden. Diese Menschen versuchen dann auch ihre Furcht vor Gott anderen beizubringen.

Ich habe Menschen kennengelernt, die langweilige Gottesdienste veranstalten, schreckliche Lieder singen, beängstigende Bibelauslegungen vornehmen und sich geißeln, peinigen, martern aus Angst vor Gott.

Ich habe Menschen kennengelernt, die behaupten ernstlich, ein Christ ist nur jemand, der bestimmte Regeln befolgen müsse. Regeln aus dem Alten Testament und Regeln aus dem Neuen Testament oder selbst ausgedachte Regeln. Erst dann(!) seien die Menschen erlöst.

Es gibt Menschen, die meinen, dass man die Bibel richtig auslegen muss, um von dieser Angst vor Gott erlöst zu werden. Richtig auslegen bedeutet aber immer „in ihrem Sinne“ auslegen. Und diese Menschen diskutieren und reden und bringen Zitat um Zitat um zu beweisen, dass ihre Sicht der Dinge die richtige sei und sie deshalb keine Angst fürchten müßten … der andere aber schon.

Ich habe Menschen kennengelernt, die so große Angst vor Gott haben, dass sie sich ihm nur gebückt nähern. Sie sind so voller Furcht, dass sie sich extrem anspannen und sich in komplizierten Ritualen ergehen und sich bei Autoritäten rückversichern, dass sie alles richtig machen, nur um Gott nicht zu erzürnen.

Es gibt Menschen, die lieben Gott, aber sie haben so große Angst vor seiner Macht, dass sie sich ihm nur mit allerlei Schutzmechanismen nähern. Sie singen zum Beispiel besonders gekünstelt, weil sie hoffen, damit wertvoller zu erscheinen. Sie sprechen eine besonders aufgesetzte Sprache, die Würde simuliert, aber letztlich nur Anspannung und Angst verdecken soll. Diese Menschen gehen zu einem Gottesdienst, weil sie seine erlösende Macht spüren … aber sie nicht zulassen können, aus Angst sich vor den Menschen zu blamieren.

Jesus aber sagte: „Fürchte dich nicht! Sondern liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Alles andere, auch sein Leben und sein Sterben sind letztlich eine Auslegung dieser Worte.

Deshalb braucht es auch keine weiteren Voraussetzungen, zu Gott zu kommen und erlöst zu werden, als nur diese: Dass man sich ihm in Wahrhaftigkeit nähern will, dass die Sehnsucht nach seiner Liebe und der eigenen Liebe zu ihm spürt und ihr nachgeht. Nichts weiter.

Man muss die Bibel nicht auslegen können. Man muss keine langweiligen und komplizierten Kirchenlieder singen. Man muss keine Gottesdienste besuchen, man muss keine Regeln befolgend und keine Sätze auswendig lernen, um erlöst zu werden. Es gibt keine Grundvoraussetzungen als diese, dass man etwas von ihm ahnt, sich nach ihm sehnt und ihn überall sucht … dann wird man ihn finden.

Wenn aber der Glaube an Gott eine Pflicht aus Angst wird, dann hält man Gott auf Abstand. Dann stellt man nicht Gott, sondern sich selbst auf ein Podest. Dann betet man die eigenen Rituale an. Man verherrlicht die eigenen menschlichen Fähigkeiten, noch höher singen und noch gestelzter reden zu können, noch schöner und ausgefeilter musizieren, noch schönere, üppigere Feiern organisieren, noch grandiosere Kirchen bauen zu können.

Und dann greift die Kritik von Richard Dawkins, dass der Glaube zu „des Kaisers neuen Kleidern“ wird. Als Theologen Dawkins vorwarfen, dass er seine Religionskritik aus mangelnden philosophischen und theologischen Kenntnisse betrieb, antwortete PZMyers für ihn:

I have considered the impudent accusations of Mr Dawkins with exasperation at his lack of serious scholarship. He has apparently not read the detailed discourses of Count Roderigo of Seville on the exquisite and exotic leathers of the Emperor’s boots, nor does he give a moment’s consideration to Bellini’s masterwork, On the Luminescence of the Emperor’s Feathered Hat. We have entire schools dedicated to writing learned treatises on the beauty of the Emperor’s raiment, and every major newspaper runs a section dedicated to imperial fashion; Dawkins cavalierly dismisses them all. He even laughs at the highly popular and most persuasive arguments of his fellow countryman, Lord D. T. Mawkscribbler, who famously pointed out that the Emperor would not wear common cotton, nor uncomfortable polyester, but must, I say must, wear undergarments of the finest silk. Dawkins arrogantly ignores all these deep philosophical ponderings to crudely accuse the Emperor of nudity.[1]

Sie feiern sich selbst und ihre Feinsinnigkeit und Eloquenz … und dabei ist es mit Gott doch so wie in diesem Lied von Gerhard Schöne: