Der Gesang des Zilpzalps

März 31st, 2016

Ich liege in meinem Bett. Ich habe die Augen geschlossen. Die Decke hüllt mich ein, es ist gemütlich, es ist warm.

Aber ich fühle mich unruhig. Ich habe Angst, ich fühle mich allein, große Verantwortung lastet auf mir. Wie soll ich das alles schaffen? Und meine Wünsche und Tagträume? Wie soll ich die jemals erreichen? Ich habe keine Kraft, das alles zu schaffen.

Und warum muss ich solche Gefühle haben? Warum muss ich mich traurig und überfordert fühlen, warum voller Angst den nächsten Tag erwarten?

Warum kann ich mich nicht immer hoffnungsvoll und stolz fühlen? All das, was ich erreicht habe, all das, was mir geschenkt wurde, ist soviel wert. Und anderen geht es soviel schlechter als mir. Warum ist mein Herz nicht still? Warum rasen mir Gedanken durch den Kopf und lassen mich nicht schlafen? Warum bin ich so unruhig, so wach, so voller Energie und doch gleichzeitig so müde?

Und wo ist Gott in dem allem?

Warum spüre ich seine Liebe nicht, warum nicht das Vertrauen, die Zuversicht. Wo ist mein Glaube denn nun?

Da ist der Zweifel.

Vielleicht gibt es ihn gar nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht gibt es ja nur meine Sorgen und mich und die da draußen, die fordern und abfällig reden, die unzufrieden sind mit mir und meiner Arbeit, meiner Person, meinem Dasein. Warum bin ich überhaupt da? Wozu? Für wen? Für was?

Bin ich hier, um Spuren zu hinterlassen? Soll das der Sinn meiner Existenz sein? Soll ich Steine aufeinanderschichten? Pyramiden bauen, die in 5000 Jahren noch stehen? Soll ich etwas Bleibendes schaffen? Oder soll ich Bücher schreiben? Bestseller? Sollen mir Statuen errichtet, Universitäten nach mir benannt werden? Oder soll ich viele Kinder haben und meine Gene so weit streuen wie irgend möglich? Damit etwas bleibt von mir? Oder soll ich das Leben einfach genießen? In vollen Zügen, ohne Rücksicht auf Verluste? Ich habe doch schließlich nur dieses eine Leben.

Warum ist mein Herz so unruhig? Warum kann ich nicht schlafen, bin voller unerfüllter Sehnsucht?

Vielleicht sollte ich mich lieber ablenken, mit Fernsehen oder Zeitungen oder Büchern. Sollte mich unterhalten lassen und erfreuen. Aber es befriedigt mich nicht und läßt mich ebenso leer zurück.

Oder Freunde treffen und mit ihnen reden. Ihnen mein Leid schildern. Aber ich will ihnen nicht auf den Geist gehen. Und sie haben ja doch keine Lösung. Vielleicht haben sie dann auch keine Lust mehr zu kommen, wenn ich ihnen andauernd etwas vorzujammern habe. Viel lieber habe ich fertige Lösungen und Ratschläge für andere.

Vor langer Zeit lebte in meinem Dorf ein wohlhabender Mann. Der hatte alles was man sich wünschen konnte. Ein großes Haus, ein gutgehendes Geschäft und eine große Familie. Er war angesehen und beliebt. Und er hatte sogar Zeit für einen Schwatz wenn man ihm im Dorf begegnete. Also alles andere als ein gehetzter Geschäftsmann. Aber man erzählte von ihm, dass er viel durchmachen mußte. Er hatte seine Eltern früh im Krieg verloren und war im Kinderheim aufgewachsen. Er konnte sich jedoch hocharbeiten und schaffte sogar die höhere Schule. Er eröffnete ein Geschäft das nicht lange gut ging und danach noch ein oder zwei, bis es endlich klappte und er erfolgreich war. Er arbeitete wohl viel. Seine erste Frau hatte er im Kindbett verloren. Auch das Kind starb hierbei. Und auch mit der zweiten Frau hatte er nicht soviel Glück. Sie war oft nachts in anderen Betten unterwegs. Und so lebte er dann lange allein. Bis er eine Frau fand, mit der er fünf weitere Kinder zeugte. Er soll selbst auch sehr krank gewesen sein. Krebs, erzählt man. Aber wenn man ihm begegnete – er war eine imposante Erscheinung, groß und massig, mit einem kräftigen Bart und lachenden Augen – hatte er meist einen lustigen Spruch oder eine gute Idee, worauf man im Dorf gerade achten solle, dass der Zilpzalp schon da sei und man hören solle oder dass die Frühblüher bereits wüchsen, dass eine Nachbarin gerade einen prächtigen Jungen zur Welt gebracht habe … oder dass er in die Stadt unterwegs sei und ob er etwas mitbringen solle.

Ich fand seine liebenswerte Art unglaublich beeindruckend und habe mich oft gefragt, wie er das macht, so erfolgreich zu sein, eine große Familie zu haben … gleichzeitig soviel durchgemacht und dann noch so gut gelaunt und optimistisch zu sein. Und ich fragte mich, ob er nicht auch solche Zeiten erlebte, wie ich, in denen er nachts im Bett liegt und kaum ein Auge zubekommt, weil ihn die Sorgen quälen und die Last der Welt auf seinen Schultern ruht und es ihm keiner dankt.

Und so habe ich ihn einmal gefragt, an irgendeinem Sommerabend. Als ich, unter der Dorflinde sitzend, den Kindern beim Spielen zusah und er vorbeikam. Er setzte sich zu mir und wir erzählten ein wenig und dann schwiegen wir. Und weil es so ein schöner lauer Abend war und es dann langsam dämmerte und die Kinder heimgerufen wurden, hatte ich den Mut ihn mal zu fragen, wie er das macht, trotz all der Niederlagen und Brüche, trotz der Lasten des Alltags immer so gut gelaunt zu sein und ob er nicht auch solche Phasen habe, in denen er nachts wachliege und was er dann täte.

Er überlegte eine Weile und dann sagte er „Doch, das kenne ich auch“.

Er sagte, er setze sich dann immer an seinen Schreibtisch, nehme sein Tagebuch zu Hand, schließe die Augen und warte, bis er etwas aufschreiben könne. Seine Ängste oder seine Befürchtungen. Und dann, wenn er sich alles von der Seele geschrieben habe, denke er sich eine Geschichte dazu aus. Eine, die ihn mit der Welt versöhne und dann überlege er, ob ihm ein Vers aus den Evangelien dazu einfalle. Johannes 16:20-22 zum Beispiel:

„Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln. Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. So seid auch ihr jetzt bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.“

Und dann würde er beten, sagte er. Auf Knien. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Und dann hat er es mir gezeigt. Er hat mich runter von der Bank auf die Knie gezogen und so knieten wir beide an diesem Sommerabend mitten auf dem Dorfplatz unter der Linde und er betete frei. Ich weiß nicht mehr was. Es war mir befremdlich, peinlich, komisch und gleichzeitig irgendwie vertraut. Aber lange hielt ich das kaum aus. Wenn uns jemand sieht. Ich kniete wie auf Kohlen.

Als er fertiggebetet hatte, stand er auf, zog mich hoch und nahm mich in den Arm. Das, mein Junge, sagte er, hilft mir dann, wenn ich nachts wachliege und nicht schlafen kann. Er zwinkerte mir zu, wünschte mir eine gute Nacht und ging Nachhause.