Der grausame Gott

September 16th, 2015

In dieser ARTE-Dokumentation wird die Opfergeschichte Abrahams an Isaak reflektiert. Zwei Künstler werden poträtiert, die diese Geschichte vor dem Hintergrund der gewaltsamen Religionskriege interpretieren. Wenn Gott zu wörtlich genommen und in blindem Gehorsam vielleicht gar falsch verstanden wird – so der Grundgedanke dieser künstlerischen Deutung – opfern wir selbst unsere Kinder, unser Heiligstes … aber Gott greift Abraham rechtzeitig in den Arm.

Der Theologe Eugen Drewermann sieht die Geschichte auch im Lichte des Heilsgeschehens um Jesus: Jesus zeigt mit seinem Opfertod, dass nicht Gott es ist, der die Gewalt will, sondern dass es der Mensch ist, der in seinem Drang nach Macht alles opfert. Gott hindert Abraham – der ihm in blinden Gehorsam folgte – an der Ausführung seines Plans. Gott selbst aber opfert seinen einzigen Sohn den blutdürstigen und machtgierigen Menschen auf dass sie klug werden und erkennen, was sie in blinder Wut getan haben. Damit es die Menschen endlich lernen. Endlich erkennen, dass die zwischenmenschliche Gewalt nicht von Gott, sondern dem Menschen kommt.

Ich bin Christ

September 11th, 2015

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann rufe ich nicht „Ich führe ein ordentliches Leben“.
Ich flüstere leise „Ich war verloren,
jetzt bin ich wieder da und mir wurde verziehen“.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann sage ich das nicht mit Stolz.
Ich gebe zu, dass ich dahinstolpere
und dass ich Christus als Begeleiter brauche.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann versuche ich nicht, stark zu sein.
Ich zeige damit, dass ich schwach bin
und dass ich seine Kraft brauche um weiter zu kommen.

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Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann brüste ich mich nicht mit Erfolg.
Ich sage, dass ich Mist gebaut habe
und Gott brauche, um den Mist jetzt aufzuräumen.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
Dann tue ich nicht so als sei ich perfekt.
Meine Fehler sind ja überdeutlich sichtbar.
Aber Gott ist überzeugt, dass ich es wert bin.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann leide ich weiter Schmerzen.
Und ich habe einen Haufen Kummer.
Deshalb bete ich.

Wenn ich sage … „Ich bin Christ“,
dann bin ich nicht „heiliger“ als du.
Ich bin einfach ein Mensch,
der Gottes Segen hat, irgendwie.

Der Gotteswahn

September 7th, 2015

Vor fast zehn Jahren habe ich in einer großen Buchhandlung aus einer Laune heraus ein Buch erstanden, das mein Leben grundsätzlich verändern sollte: Richard Dawkins‘ „The god delusion“ (Der Gotteswahn).

Viel später sagte man mir, dass mein Weg zum Christentum äußerst ungewöhnlich verlaufen sei. Von der Indifferenz eines typischen ostdeutschen Atheisten, der von Gott bis zum 14. Lebensjahr nie etwas gehört hat, über den Antitheismus des Richard Dawkins oder Christopher Hitchens, bis hin zu Kirche, Bibel und dreieinigem Gott.

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Anders als die meisten hat mich dieses Buch, „The god delusion“, aber nicht nur erst zum Atheisten gemacht und mich in meinem Atheismus bestärkt, sondern es war mein Einstieg in eine intensive und bewußte Auseinandersetzung mit Religion überhaupt, die mich später zum Christen machte.

Dieses Buch öffnete mir die Augen, zunächst für den immensen Zündstoff, der weltanschaulichen Fragen innewohnt, später für die monströsen Verbrechen, die auf das Konto organisierter Religion gehen und zuletzt für den unglaublichen Reichtum an Weisheit, der vielen religiösen Schriften zugrundeliegt.

Ich hätte diesen Schatz nie heben können, ohne den Reiz der Auseinandersetzung, den dieses Thema und dieses Buch hervorriefen und -rufen.

Ich muss meinen Freunden nun auf verschiedene Weise erklären, wie ich eine solche Wandlung durchmachen konnte. Und es fällt mir schwer, weil ich ihnen lange mit meinen extrem antireligiösen Meinungen auf die Nerven ging. Viele haben das nicht verstanden, manche haben sich davon auch vom Antitheismus überzeugen lassen.

Ich habe mich sehr engagiert. Ich habe die sogenannte atheistische „Buskampagne“ für Deutschland mit initiiert und habe in Foren und Blogs und zusammen mit den Giordano-Bruno-Stiftung, Freidenkern und Brights im „richtigen Leben“ für die atheistische Sache gestritten. Aber ich habe auch viel gelesen und und viel zugehört und ich habe irrgendwann etwas verstanden.

Ich glaube, ich habe dann begonnen, das richtig zu verstehen, als ich wirklich mitgemacht habe. Als ich beim Gottesdienst einfach mal mit aufgestanden bin. Das war schon komisch genug. Und dann habe ich auch das „Herr, erhöre uns“ mitgebetet. Und ich habe mitgesungen. Ich habe das Vaterunser mitgesprochen und habe zuletzt auch das Abendmahl genießen dürfen. Ich habe gesehen, wie dabei die Herbstsonne durch die Scheiben der kleinen Kirche schien und ich fühlte mich dabei geborgen und richtig.

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Ich kannte dieses Gefühl schon. Ich hatte es früher manchmal, als ich als Kind in meinem Zimmer saß, es war dunkel und kalt draußen, drin war es warm und eine kleine Schreibtischlampe ließ ihr Licht auf ein kleines Bild scheinen. Ein weites Meer war darauf zu sehen und am Strand stand eine einsame Gestalt. Leise Musik lief im Hintergrund. Es war ein Gefühl der Geborgenheit im Großen und Ganzen. Und dieses Gefühl hatte ich wieder, als ich in einem kleinen Kirchlein im tchechischen Tabor, dem Hort der Hussiten, stand. Und wieder als ich einmal in einem Urlaub mit Freunden vor dem Essen betete und sang. Das kam mir fremd und komisch vor. Ein bißchen übertrieben und gewollt. Aber es hinterließ einen tiefen und bleibenden Eindruck.

Auch freundliche und verträgliche Menschen haben Eindruck auf mich gemacht. Menschen, die nicht Auge mit Auge vergalten, sondern unendlich zur Vergebung bereit waren. Mich beeindruckten Menschen, die anderen Menschen halfen, die mir in vielerlei Hinsicht unberührbar erschienen. Ich war beeindruckt von der Klugheit und von dem unermüdlichen Engagement für gute Dinge, die keine finanziellen Vorteile oder Machtgewinn oder Ruhm brachten. Ich war beeindruckt von dem stillen Glühen, der Wärme, die von manchen dieser Menschen ausging. Und mich beeindruckte die Gewaltlosigkeit, die keine Feigheit war. Denn sie blieben da und ertrugen den Hass und die Gewalt still. Ich sah Zuversicht im Angesicht des niederschmetternsten Hoffnungslosigkeit. Ich sah Vertrauen im Angesicht tiefsten Mißtrauens. Ich sah Liebe im Angesicht der kältesten Lieblosigkeit.

Und ich fragte mich, woher nahmen diese Menschen die Kraft, meinem Hass mit Geduld zu begegnen? Woher nahmen sie die Kraft, in dieser Welt, die zur Verzweiflung einlädt, nicht verzweifelt, sondern froh zu sein?

Dieses Beispiel trieb mich an. Ich wollte es wissen. Und ich sollte es wissen.

Wenn wir das Wort „Wahrheit“ hören, denken wir an die „objektive“ Wahrheit. Etwas, das man erforschen kann. Naturwissenschaftlich oder gar kriminalistisch. Wer ist der wahre Mörder? Hierbei geht es um Leben und Tod.

Und wenn der wahre Mörder gefunden ist, wird er erbarmungslos für seine Taten bestraft. Die Opfer haben schließlich ein Anrecht auf Sühne.

Naturwissenschaftliche Wahrheiten helfen uns, die Welt um uns herum zu verstehen und zu verändern, zu kontrollieren und oft auch zu manipulieren. Durch wissenschaftliche Forschung wissen wir zum Beispiel wie Wetterphänomene entstehen. Wir können das Wetter vorhersagen und – selten – inzwischen sogar beeinflussen. Gewollt oder – wie beim Klinmawandel – ungewollt.

Aber schon beim Klimawandel gibt es Streit. Was ist wahr? Haben die Warner recht – oder die Klimaskeptiker? Es wird also geforscht und und gesucht. Es gehen Millionen Euro in diese Forschung und Millionen Stunden Lebenszeit vieler tausender Menschen.

So ist es auch bei weltanschaulichen und theolgischen Diskussionen. Da streitet man sich stunden-, tage-,wochen-,jahre- ja lebenslang über die korrekte Übersetzung eines einzigen Bibelverses. Man kann ganze Bücher mit der Suche nach der wahren Bedeutung eines einzigen Wortes füllen.

Werden all diese Dinge dadurch wahrer? Und wie wichtig sind diese Wahrheiten und Erkenntnisse? Was bringt es, wenn wir wissen, wer recht hat?

Wir streiten über die „objektive“ Wahrheit weil wir Angst haben.

Wir haben Angst, das falsche Leben zu leben. Was, wenn der Klimawandel Schwindel ist? Was wenn es zu der Bibelübersetzung, die ich seit Jahrzehnten kenne, noch hundert andere Vatianten gibt, die etwas ganz anderes bedeuten? Ist es möglich, dass ich mein Leben dann auf Sand baue? Auf eine Illusion?

Wir suchen die Wahrheit mit aller uns zur Verfügung stehenden Kraft, wir investieren viel Geld und viel Zeit in die Wahrheitsfindung. Wir wollen die physikalische, die historische, die kriminalistische, die philosophische Wahrheit wissen, weil wir richtig leben wollen. Wir wollen glücklich sein und dieses Glück mit anderen Menschen teilen.

Doch oft haben andere Menschen ganz andere Wahrheiten als wir. Sie erscheinen verblendet. Sie wollen nicht verstehen. Und so stecken wir unendlich viel Energie darein, diese Menschen von der Wahrheit, die wir erkannt haben zu überzeugen. Sie davon zu überzeugen, dass die anderen irren. Denn wenn ich irre, habe ich in den letzten Jahren meine Zeit verschwendet und verschwende sie vielleicht in den nächsten Jahren weiter. Es steht unglaublich viel auf dem Spiel.

Die anderen müssen also irren. Und durch Belehrung mit vielen Worten und vielen guten und wohlbegründeteten Argumenten kann ich sie von der Richtigkeit meiner Argumente überzeugen.

Und ich kann auch viel Geld in die Verbreitung meiner Argumente stecken. Je mehr Geld ich habe, desto mehr Menschen kann ich dafür bezahlen, meine Wahrheit zu verbreiten. Ich kann Zeitungen und Fernsehsender kaufen, die Tag und Nacht meine Wahrheit verbreiten. Ich kann Lehrstühle an Universitäten stiften, die zu meiner Wahrheit forschen. Ich kann all meine Macht dazu einsetzen, dass meine Warheit unter die Menschen kommt und alle Menschen meine Wahrheit glauben müssen.

Doch was, wenn ich plöztlich, nach all diesem Aufwand, den ich getrieben habe, all der Lebenszeit, die ich investiert habe, all das Geld all die Kraft, die Mühe, wenn ich dann plötzlich feststelle, dass ich mich geirrt habe?

Was dann ?

Mache ich einfach weiter? Das System läuft. Es muss weitergehen. Der Druck ist riesig. Ich habe jahrelang Überzeugungsarbeit geleistet. Habe andere mit viel Aufwand überzeugt und plötzlich weiß ich, das ist alles nicht wahr?!

Ich beginne, mich zu fragen, was Wahrheit ist. Und ich stelle fest, dass Wahrheit nichts ist, was man hat, sondern etwas, das man sucht. Sein Leben lang. Jeder von uns. Und all unsere erbitterten Diskussionen, wessen Wahrheit jetzt die wahre ist, sind nichts anderes als Liebeserklärungen an den anderen, an uns und an Gott.

Warum gebe ich mir Mühe, einen anderen zu überzeugen? Auch weil ich will, dass er nicht zuschanden geht. Neben allen egoistischen Motiven gibt es die Liebe zum anderen. Eine unbezähmbare Kraft. Mein Diskussionspartner ist wie Robinsons Freitag auf einer einsamen Insel. Er nervt, aber ich will nicht, dass er zuschanden geht, weil ich ihn brauche, wie die Nahrung und Luft zum Atmen und er mich.

Und so tritt hinter der angeblichen objektiven Wahrheit – über die wir uns ewig streiten – eine andere Wahrheit hervor.

Da werden die teuren Maschinen im Krankenhaus abgestellt, die eine todkranke Frau künstlich am Leben erhalten. Da nimmt jemand das Fahrrad, statt des Autos. Da legt jemand in der Straßenbahn sein Samrtphone zu Seite und hilft jemandem beim Einsteigen. Da geht eine zu einem ehemaligen SS-Aufseher, der mit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und nicht mehr sprechen kann und wäscht ihn. Da schließt ein Meteorologe sein Büro jeden Tag ein bißchen früher ab und geht nachhause zu seiner Frau uns seiner kleinen Tochter, er wird deshalb keine Professur erhalten.

Da treffen sich Menschen in einem großen und schönen Haus und machen weihevolle Gesten, stehen auf, setzen sich und erzählen Geschichten, sprechen Gedichte und Zauberprüche, laufen in langen Gewändern und singen und murmeln etwas, das alle singen und murmeln, trinken aus einem Gefäß, essen, in Kreis stehend, gemeinsam kleine Dinge, geben einander ein Zeichen des Friedens und lassen sich segnen.

Das ist eine anderen Wahrheit als die „objektive“ Wahrheit. Aber ich glaube, diese ist die Größere.