Religion ist Psychotherapie

August 5th, 2015

Yoga hat sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Und auch in der Psychotherapie spielen fernöstliche Praktiken neuerdings eine ganz wesentliche Rolle. Die sogenannte „Verhaltenstherapie“ wird – als eine von drei Therapiemethoden – auch von den Krankenkassen finanziert. Die Krankenkassen tun dies, weil empirisch nachgewiesen werden konnte, das Verhaltenstherapie wirksam ist. In vielen Fällen wirksamer als Medikamente.

Im Rahmen der Forschung zur Verhaltenstherapie wird auch weiter an wirksamen Methoden zur Behandlung psychischer Störungen geforscht. Neuester Gegenstand dieser Forschung sind vor allem fernöstliche Meditationstechniken, die somit Einzug auf allen Ebenen der Gesellschaft haben.

Einer der bedeutensten Vertreter der sogenannten „3. Welle der Verhaltenstherapie“ Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor des MIT, wurde kürzlich sogar zum Treffen des Weltwirtschaftforums nach Davos eingeladen, um einen Vortrag zum Thema Mindfulnes, zu deutsch: „Achtsamkeit“, zu halten.

Die FAZ schreibt:

    „Seit 36 Jahren leitet der promovierte Molekularbiologe Meditationskurse, er hat eine Klinik und ein Achtsamkeitszentrum aufgebaut. Dort wird Kranken und Ausgebrannten geholfen, chronische Schmerzen zu ertragen, Krebs zu bekämpfen, Stress und Burnout zu vermeiden. Auf der ganzen Welt lernen Millionen von Menschen nach der von ihm entwickelten Methode, der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR).“

MBSR ist wirksam. Aber auch andere Techniken gehören zu dieser 3. Welle der Verhaltenstherapie. So geht es hier nicht nur um Atem- und Achtsamkeitstechniken, sondern auch um einen ganzen philosophisch-weltanschaulichen Überbau. Ethik und Werte halten Einzug in die Psychotherapie. Die sogenannte Akzeptanz- und Commitment-Therapie beinhaltet auch die Behandlung von grundlegenden Wertefragen um Lebensziele des Patienten zu ermitteln und von problematischen Verdrängungs- und Betäubungsritualen (z.B. Drogen- oder Mediensucht) wegzukommen.

    Bei den Problemen, die den Patienten belasten, wird zwischen „sauberem“ und „schmutzigem Leid“ unterschieden. Schmutziges Leid entsteht durch den Versuch, mit Hilfe verschiedener Strategien (Rückzug, Flucht, Betäubung, Argumentieren, übertriebenes Sicherheitsverhalten, spannungsreduzierende Rituale etc.) unangenehme innere Erlebnisse zu vermeiden („experiential avoidance“). Die angewandten Strategien haben nicht nur den Nachteil, dass sie nicht oder nur zeitlich begrenzt funktionieren, sondern auch mit erheblichen negativen Konsequenzen für die Lebensführung des Patienten verbunden sind.

Die Therapie besteht hauptsächlich darin, den Patienten darin zu unterstützen, seine dysfunktionalen Kontrollversuche abzubauen, indem er seine Bereitschaft erhöht, auch unangenehme Empfindungen zu akzeptieren und zu erleben.

Die evangelikale Nachrichtenagentur IDEA ist unzufrieden:

    „Die Übergänge zu hinduistischen und buddhistischen Lehrinhalten seien jedoch im Zusammenhang mit erlebnisorientierter spiritueller Suche oder Selbsterfahrungsangeboten fließend. Yogalehrer hielten in der Regel an der Überzeugung fest, das die Yoga-Übungen nicht von der Geisteswelt der hinduistisch-buddhistischen Religionen zu trennen seien. Eigentliches Ziel von Yoga sei Erlösung und das Einswerden mit dem Göttlichen. Der Yoga-Meister Swami Krishnananda (1922-2001) formulierte es so: „Yoga verspricht Vollkommenheit. Yoga verspricht frei von allem Elend andauernde Glückseligkeit.“
    Der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW/Berlin) zufolge gilt es, den Inhalt des jeweiligen Yoga-Angebots zu prüfen: „Christliche Mystik wird sich in all ihren Übungen auf die Sammlung und Ausrichtung auf das Heilswerk Gottes in Jesus Christus konzentrieren.“ Sie werde sich nicht auf Formen einlassen können, „die eine auf methodischem Wege zu erreichende Vollkommenheit verheißen“. Dies gelte insbesondere dann, wenn solche Verheißungen mit Tendenzen zur psychischen und finanziellen Abhängigkeit von der Person eines Lehrers oder Gurus verbunden seien.“

Methoden und Meditationspraktiken um sich völlig von Leid zu befreien? Nein.

Im Kern handelt es sich bei Achtsamkeit und Commitment um eine grundlegende Praxis, die auch und vor allem im christlichen Kontext vermittelt wird.

Am Beispiel Jesu wird gezeigt, dass unser Leid zum Leben dazugehört und dass es unsere Aufgabe ist, auch das Leid (letztlich auch den Tod) als Bestandteil des uns geschenkten, kostbaren Lebens anzunehmen, statt ihm (Leid und Tod) entfliehen zu wollen. Da alle Flucht – wie man sie an vielen Beispielen in den Gleichnissen Jesu findet (Reicher Kornbauer, anvertraute Pfunde, barmherziger Samariter usw.) – letztlich in die Verdammnis (emotionale Verzweiflung) führt.

Man kann das alltägliche (aber auch das nichtalltägliche) Leid nur annehmen, wenn man Werte und Ziele hat, die über die reine Vermeidung von Leid hinausgehen. Es geht um die Klärung dessen, was zählt. Es geht um „Das Eigentliche“.

In der Religion wird diese Frage für die Gläubigen beantwortet. Aber so, dass sie ihm die Freiheit läßt, seinen eigenen Weg zu finden. Aber es gibt auch ewige Wahrheiten. Zu denen gehört, dass psychische Probleme immer Beziehungsprobleme sind. Sind Beziehungsprobleme gelöst, sind auch die psychischen Probleme gelöst.
Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen die anderen. Wir brauchen sie, um uns an ihnen zu reiben. Im Guten wie im Bösen.

Und Jesus wußte, dass Beziehungsprobleme nur zu lösen sind, wenn wir Geduld üben und liebevoll sind, wenn wir vergeben können und anderen all das zukommen lassen, was wir uns für uns selbst wünschen.