Ein naturwissenschaftlicher Beweis Gottes mittels psychologischer Forschung dient jedoch nur der Befriedigung unserer Vernunft. Die Vernunft stellt Fragen nach Validität, nach Reliabilität, nach Objektivität. Die Vernunft sucht Gesetzmäßigkeiten des Seins. Die Vernunft abstrahiert und läßt sich nicht mit Hokuspokus abspeisen. Sie will Fakten statt Fiktionen.

Aber eine rein faktenorientierte Rede von Gott ist eine kalte Rede, die Gott nicht gerecht wird. Es ist eine Rede über das Hier und jetzt, über Stein und Bein über Fleisch und Blut im Rahmen unserer bloßen Vernunft. In der Rede von Gott, die überindividuelle Fakten beschreibt, fehlt ein wichtiger Aspekt: Individualität.

In der persönlichen Rede von Gott geht es nicht um Fakten. Es geht um einen möglichst authentischen Ausdruck dessen, wie man Gott erlebt. Hier bedarf es phantasievoller Beschreibungen und eines reichen Wortschatzes oder aber anderen kunstreichen Ausdrucks in Gesang oder Tanz, bildender Kunst oder Ritus.

Gottesausdruck finde ich zum Beispiel in der Beherrschung der Triebe des tierisch-zerstörerischen, des egoistisch-narzisstischen. Es ist im Grunde das was Schiller so beschrieb:

“Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung. Auch die Würde hat ihre verschiedenen Abstufungen und wird da, wo sie sich der Anmut und Schönheit nähert, zum Edeln, und wo sie an das Furchtbare grenzt, zur Hoheit. Der höchste Grad der Anmut ist das Bezaubernde, der höchste Grad der Würde ist Majestät.”

Friedrich Schiller, Über Anmut und Würde, 1793

Die Beherrschung der Triebe kann aber auch etwas tierisch-zerstörerisches, egoistisch-narzisstisches haben, da wo sie sich der Zwanghaftigkeit, dem bedingungslosen Gehorsam in einer Hoheit oder Majestät – wie z.B. in einem Kaiserkult – nähert.

Allein da, wo die Beherrschung – nicht die Leugnung und Unterdrückung – sondern die Lenkung der Triebe wie selbstverständlich möglich ist, da wo wir im Reinen mit uns und dem Kosmos sind, ohne Schuld und vollkommener Freiheit von Abhängigkeiten und Süchten begegnen wir in aller Tiefe Gott.

Eine solche Rede von Gott kann keine Objektivität beanspruchen. Sie ist weder überindividuell noch intraindividuell zeitlos gültig. Sie ist ein Ausdruck persönlicher Lebenserfahrung, die man teilen kann, die man intuitiv verstehen kann, die man nachfühlen kann oder nicht. Sie erschließt sich nicht durch Wissen oder fleißiges Lernen oder blinden Gehorsam sondern allein durch authentisches Dasein in der Zeit.

Ein solch authentisches Dasein in der Zeit bedarf jedoch außergewöhnlichen Mutes. Es bedeutet, dass man sich gegen den Zeitgeist stellen muss, gegen die Anforderungen seines Umfeldes, der Gesellschaft. Es bedeuet, dass man sich beschimpfen und verhöhnen lassen muss. Dass man entwertet wird, weil man an dem allgegewärtigen Kampf ums Überleben nicht teilhat.

Hier bedarf es eines starken Glaubens in die Richtigkeit dieser inneren Bewegungen. Diesen Glauben können die meisten nicht allein tragen. Sie schließen sich in Gemeinschaften zusammen, die sich dem Zeitgeist verweigern. Sie geben sich gegenseitig Mut und Kraft in ihrem Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung, gegen die Zerstörung der Familie und Vereinzelung, in der gemeinsamen Hoffnung, dieses Dasein in der Diaspora mit Gottvertrauen und Zusammenhalt zu bewältigen.

One Response to “Objektive und subjektive Rede von Gott”

  1. Stefan Kunze Says:

    Ziemlich gut. Ziemlich überzeugend.

    “Allein da, wo die Beherrschung – nicht die Leugnung und Unterdrückung – sondern die Lenkung der Triebe wie selbstverständlich möglich ist, da wo wir im Reinen mit uns und dem Kosmos sind, ohne Schuld und vollkommener Freiheit von Abhängigkeiten und Süchten begegnen wir in aller Tiefe Gott.”

    Die Begegnung mit Gott = die Begegnung mit der Liebe. Und wenn Liebe wirksam wird, befreit sie – von und zu allem Möglichen, auch zu Würde, also zur (freiwilligen) Beherrschung schädlicher, zerstörender Triebe. Ebenso befreit sie total dadurch, daß selbst ein häufiges Scheitern an der Beherrschung der Triebe immer wieder geheilt werden kann ( = Vergebung).

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