Es gibt (k)einen Gott

Mai 28th, 2015

Ich bin Atheist gewesen. Ich bin jetzt kein Atheist mehr. Diese Behauptung nehmen mir aber zwei Gruppen von Lesern nicht ab:

Die Antitheisten sagen, dass ich ja gar nicht an den richtigen echten biblischen Gott glaubte. Deshalb sei meine Konversion keine echte Konversion und folgerichtig: langweilig. Wenn ich mich zum orthodox-fundamentalistischen Christentum bekennen würde und wenn ich behauptete, dass ich Gott jetzt kennengelernt habe und dass Gott wirklich und wahrhaftig existiert, könnte man meine Position wenigstens diskutieren. Aber ein weichgespültes Psychochristentum – in dem Gott einfach ein Begriff ist – ist keiner weiteren Diskussion wert.

Die Hardcorchristen sagen, dass Gott nicht nur ein gleichnishafter Begriff ist, sondern wirklich und wahrhaftig als Person existiert. So wie Du und ich. Man könne das zwar nicht beweisen, aber Ameisen können ja Menschen auch nicht beweisen und jede Uhr braucht einen Uhrmacher. Da ist doch klar wir Kloßbrühe, dass es einen Gott gibt, der eine Person ist, die nur so kompliziert ist, dass wir ihn nicht richtig erkennen können. Klar, meine Frau ist auch so kompliziert, dass ich sie oft nicht richtig verstehe. Aber erkennen kann ich sie schon. Also meist.

Ich bin also – wenn es nach Antitheisten und Fundamentalisten geht – kein richtiger Christ. Ein richtiger Christ sagt, dass Gott wirklich und wahrhaftig existiert. Objektiv. Als Person. Und als Entität. Da sind sich Antitheisten und Fundamentalisten erstaunlich einig. Und dann hauen sie sich die immer gleichen Argumente um die Ohren.

Und die Diskussion nimmt kein Ende. Aber vielleicht muss das so sein.

Vielleicht muss diese endlose immer gleiche Diskussion sein. Weil jeder Mensch – oder wenigsten viele – in ihrem Leben diese Fragen haben. Und weil viele es zunächst mißverstehen.

Entweder ist man mit einen Kindergottesbild aufgewachsen, das differenziert werden muss. Oder man hatte gar keinen Gott. In jedem Fall braucht es die differenzierende Diskussion. Vielleicht kann sie, ja darf sie nie enden, diese Diskussion. Weil man dann – wenn man ein bißchen vernünftig ist – irgendwann merkt, dass beide Positionen auf ihre Weise richtig liegen.

Antitheisten haben Recht, wenn sie die Behauptung mancher Theisten kritisieren, dass Gott logisch oder naturwissenschaftlich beweisbar sei. Das ist er nicht. Gott folgt weder den Gesetzen der Logik, noch den Gesetzen der Natur.

Doch daraus zu schließen, dass Gott nicht existiert, ist wiederum etwas weit gefasst. Denn Gott existiert tatsächlich so, dass auch auch der härteste Hardcoreatheist es nicht leugnen kann: In den Köpfen und Herzen der Menschen. Gott ist also in jedem Fall zumindest ein Begriff. Ein Heurismus. Eine Idee.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Gott jetzt bewiesen sei. Aber auch nicht dass er widerlegt ist. Die Sache ist komplizierter.

Begriffe, Heurismen, Ideen beziehen sich auf Sachverhalte. Es sind menschliche Versuche, sehr schwer fassbare Ereignisse und Erlebnisse zu beschreiben. Ein Stein ist ein Stein. Der Reichstag ist der Reichstag. Was das bedeutet, ist nicht sehr schwer zu verstehen und sehr leicht zu zeigen. Aber was ein Paragraph ist oder ein Quant ist schon etwas schwerer zu erklären und zu verstehen. Häufig besteht da auch Uneinigkeit und nur vorläufiges Wissen.

Mit Gott ist das ähnlich. Gott ist sogar noch näher an einem psychischen Phänomen als das Quantenphänomen. Quanten lassen sich nämlich naturwissenschaftlich erforschen und ihr Verhalten läßt sich vorhersagen. Und trotzdem bleiben sie in Ihrer Natur letztendlich für uns unbegreiflich, weil uns die Kategorien fehlen. Mit Gott ist das ähnlich aber eben noch anders. Gott läßt sich ausschließlich durch Reflektion und Meditation, durch Gebet und Ritus, durch Fest und Gesang erahnen(!), mehr nicht.

Wenn ich also sage, Gott sei ein Begriff, dann sage ich nicht, dass dieser Begriff leer ist. Der Begriff beschreibt etwas. Was das ist, ist sehr sehr vielschichtig und mit ein paar Worten nicht beschrieben … aber annäherungsweise mit einem Gefühl: Liebe.

10 Responses to “Es gibt (k)einen Gott”

  1. Nemesis Says:

    @sapere aude

    Tja, wenn ich Deinen Beitrag so lese, dann muss ich wohl zu dem Schluss kommen, dass “Gott” eben tatsächlich sowas ist, wie die Liebe, die soviel Weite beinhaltet, dass sie sich die Freiheit nimmt, einfach beides, Theisten und (Anti-) Atheisten zu umfassen.

  2. Nemesis Says:

    öhm, verdammte Begrifflichkeiten, solte natürlich heissen: (Anti-) Theisten und Theisten oder wie auch immer, mpff… ich kam damit noch nie so richtig klar, mit diesen verdammten Begrifflichkeiten… weisst schon, was ich meine… ich scheiss auf diese Begrifflichkeiten, damit Ihrs wisst 😛

  3. Christina Says:

    Wie wäre es mit einem neuen Experiment: Besuch einer evangelikalen/freikirchlichen Gemeinde in deiner Stadt? Sagen wir mal 1 Jahr lang. 😉

  4. sapere Says:

    Christina, warum?

  5. Christina Says:

    Warum? Nun, wenn du gewisse Ansichten schon einmal geändert hast, könnte das auch ein zweites Mal passieren. 🙂

  6. sapere Says:

    Oh ja, das ist möglich. Ich besuche – unter anderem – auch einen evangelikalen Hauskreis. Ich denke, das tut’s auch, oder? 🙂

  7. Christina Says:

    Einen evangelikalen Hauskreis? Aha. Warum gehst du Sonntags dann eigentlich nicht in deren Gemeinde – würde sich doch anbieten – sondern in die EKD, wenn ich mal fragen darf?

  8. sapere Says:

    Weil mich die EKD-Gottesdienste nicht mit Manichäismus belästigen. Denn je evangelikaler die Position, desto mehr Schuld und Gehorsam treten in den Vordergrund des Gottesdienstes.

    Aus der eigentlich “frohen Botschaft” wird so ein totalitäres Instrument des Gruppendrucks – der die Gemeinde gegen die schlimme Außenwelt abschottet und die Mitglieder unter der Knute des jeweiligen Predigers und des Gemeindevorstandes bringt.

    In einem Hauskreis kann ich frei sprechen und meine Gedanken, Zweifel und Hoffnungen zum Ausdruck bringen. Im evangelikalen Gottesdienst wird mir mit der Wucht der schieren Masse und der Autorität des Kanzelinhabers die Kehle zugeschnürt. Ich ziehe das Gespräch in kleiner Runde vor, in der ich mich gesehen und wahrgenommen fühle.

    Ich sehe mich im Zwiespalt zwischen anregender inspirierter Verkündigung … und meiner eigenen Inspiration. Denn ich erlebe Gott anders, als es mir im fundamentalistischen Gottesdienst und Geistesleben vermittelt wird.

  9. Christina Says:

    Man wird doch alt wie eine Kuh….und lernt immer noch dazu – Manichäismus – mußte ich erst mal nach googeln. 😀

    Was die Gnosis und diesen Manichäismus angeht – beides zwei völlige Irrlehren. Kenne keine freikirchliche Gemeinschaft, die sowas glaubt.

    Der Liberalismus der ev. Kirche ist allerdings auch eine Irrlehre. 😉

  10. sapere Says:

    Ich meinte das mit dem Manichäismus auch eher im übertragenen Sinne. Schwarz-weiß-gut-böse-Denken, Gehorsam und Unterwerfung, Schuld und Sühne. Das kann ich nicht nachvollziehen. Das finde ich zerstörerisch. Für manche Menschen mag das auch – in einem bestimmten Abschnitt ihres Lebens – der richtige Ansatz sein. In meinen Ohren und in meinem Herzen klingt es falsch, mißtönend.

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