Ich war ein klassischer A-theist. Ich bin nicht religiös erzogen worden, eher antireligiös-naturwissenschaftlich. Weltanschauliche Fragen spielten in meiner Kindheit und Jugend kaum eine Rolle. Es gab nicht einmal einen Ethik-Unterricht an meinem Gymnasium. Umso größer war meine Neugier. Ich wurde von den Bibliothekarinnen der örtlichen Bibliothek an ein kleines Regal mit philosophischen Schriften geführt, als ich mich für Weltanschauungsfragen zu interessieren begann.

Ich wollte immer wissen, wozu leben wir?

So las ich mit 15 Jahren Immanuel Kant – ohne auch nur ein Wort zu verstehen – und Schopenhauer mit dem gleichen Erfolg. Allein die Bücher Rousseaus und Nietzsches enthielten hier und da leichter Verständliches. Ich las wahllos jedes philosophische Buch, das mir in die Hände fiel, immer auf der Suche nach irgendeinem Anknüpfungspunkt, irgendeinem Verständnis. Ich verstand nichts. Ich versuchte es mit Machiavelli, mit Montaigne, mit Aristoteles, Cicero, Jaspers. Die Auswahl in den zwei Buchhandlungen des Ortes war so beschränkt wie die der Bibliothek. Ein Antiquariat versprach ein wenig Hilfe – und verschaffte mit die erste Schopenhauer-Gesamtausgabe. Mit dem gleichen Erfolg wie zuvor: Ich verstand nichts.

Aber ich erkannte, dass darin Tiefe lag, die sich mir „noch“ nicht erschloss, aber – bei fleißiger Lektüre und etwas Führung – einst erschließen werde. Und so suchte ich weiter. Erst der Besuch der Universitätsbibliothek und verschiedener philosophischer Seminare eröffnete mir die Welt der Philosophie, die mir durch meine Herkunft zunächst vollständig verschlossen war. Und da begann ich zu verstehen. Ich las Berkeley, Locke, Hume. Ich besuchte Seminare, die mir Kant erschlossen. Ich machte Bekanntschaft mit Russell und Wittgenstein. Und immer wieder Nietzsche.

Aber diese Erkenntnisse blieben kalt. So wie die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die ich Stück für Stück erwarb.

Ich dachte wenn ich weiß, wie die meisten Menschen leben, weiß ich auch wozu.

Aber den Naturwissenschaftlichen Erkennntnissen fehlte die Seele. Und das tut es noch. Die Naturwisschenschaften und Philosophie sind kaltherzige, seelenlose Wissenschaften. So wie Wissenschaft eben sein muss. Sie darf keine Rücksicht nehmen auf Befindlichkeiten und Bedürfnisse. Sie muss wägen, abrechnen, bewerten und sie muss zwischen wahr und unwahr entscheiden. Die Philosophie ist eine Ansammlung von Weltbildern, von großen philosophischen Würfen und Schulen. Aber von der „Wahrheit“ scheint sie so fern wie die Naturwissenschaften.

Die Wissenschaften haben die Aufgabe, das Prinzip hinter dem Einzellfall zu erkennen und zu beschreiben. Wissenschaften errechnen Wahrscheinlichkeiten, erheben statistische Durchschnitte, messen Nützlichkeit, fördern Pragmatismus und Effektivität und fragen nach der objektiven und logischen Wahrheit.

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Aber kann man in einem solchen allein auf Nützlichkeit – bei möglichst hoher Effizienz – ausgerichtetem Betrieb irgendwo Menschlichkeit entdecken? Findet sich in einer Forschergruppe Wärme und Herzlichkeit? Kann in einer solchen Atmosphäre ohne Gesang und gemeinsame Anerkenntnis und Verzeihung der menschlichen Fehlbarkeit und Bedürftigkeit (wie z.B. in einem offenen Gebet), statt beständiger Konkurrenz und Erfolgsdruck eine allgemeingültige Ethik entwickelt werden?

Ich kenne nun den Wissenschaftsbetrieb, ich weiß um die wesentlichen Philosophien und die Prinzipien naturwissenschaftlicher Forschung und ich blieb trotzdem leer. Ich stellte fest, dass ich noch etwas anderes suchte als bloße Erkenntnis.

Auch aus dem Wissen um das Wie ergab sich kein Wozu

Erkenntnis reiht uns ein in die Determinismen dieser Welt. Aus dem Wissen über das Wie oder das Sein folgt der Impuls, daraus auch das Wozu oder das Sollen abzuleiten. Aber das führt zu einer Entfremdung und inneren Ödnis. Wenn wir nur rational begründet handeln, jeden Schritt auf seine Nützlichkeit und langfristige Bedeutung abwägen, verdorren wir innerlich.

Und es bleibt die Frage, was ist das langfristige Ziel? Gesundheit? Langes Leben? Reichtum? Ruhm, Stärke, Macht, Unsterblichkeit? Survival of the fittest? Weitergabe des egoistischen Gens? Wozu? Wozu leben wir? Was ist das Ziel?

Aus dem Wissen um das Wie des Lebens, das sich wissenschaftlich erforschen, beschreiben und optimieren läßt, läßt sich eben doch kein objektives Wozu ableiten.

Das Wozu des Lebens ist eine persönliche, individuelle Aufgabe. Und es ist die schwerste, da sie sich gegen die Macht des Wie stellen muss. Auf dieser Suche nach dem Wozu eines jeden einzelnen Lebens können die zu Mythen geronnenen Erkenntnisse und Erfahrungen der Menschen aus den vielen Jahrhunderten und Jahrtausenden vor uns helfen.

Das Wozu muss sich vom Wie emanzipieren.

Ein zu „Gottes Willen“ gewordenes Selbst, eine innere Stimme, die die Stimme Gottes, eines liebevollen Vaters ist – nicht die eines gewissenlosen Herrschers – die kann uns helfen, gegen die Übermacht, die Versklavung durch die Umstände aufzubegehren.

In jedem Lebensbereich strebt man nach Optimierung, Verbesserung, Effizienz und Effektivität. Man muss schneller, größer, besser, stärker sein als andere, wenn man überleben will. Wenn man glücklich sein oder zumindest teilhaben will, muss man unglaubliche Opfer auf sich nehmen. Das Familien- und Privatleben muss optimiert werden. Stress hält Einzug, Angst, Depression, Burnout.

Weltanschauungen, die übersubjektive Gültigkeit für sich beanspruchen, seien sie nun religiös fundiert oder quasireligiös – wie die moderne Wissenschaftsreligiosität – fordern die Unterordnung unter ein kollektives Ideal. Sie behaupten, im Sinne aller zu wirken – tun dies aber nur im Dienst des Wohlergehens Einzelner, zeitweise besonders Starker, Mächtiger.

Die Botschaft Jesu richtet sich gegen diese Weltanschauung, die das eigene Fortkommen auf Kosten anderer in den Mittelpunkt des eigenen Daseins stellt. Aber es geht ihm auch nicht darum, dass man sein Selbst verleugnet, alles verschenkt und als Bettler unter Bettlern lebt, sondern es geht ihm darum, dass man die Angst verliert und den Mut aufbringt, der inneren Stimme, seiner Intuition zu vertrauen. Es geht ihm darum, dass man sich selbst zuhört und sich selbst vertraut – auch wenn „Das Wie“ laut schreit, dass das was man da wolle tief ins Unglück führt. Es geht ihm darum, dass man dem Schicksal, der Welt vertraut, auch wenn alles so aussieht, als müßte man nur kämpfen, kämpfen, kämpfen.

Dieses Vertrauen in Gültigkeit des eigenen Urteils auch wenn es fehlbar ist, kann wissenschaftliche Forschung und Erkenntnis nicht geben. Dieses Vertrauen muss erworben und entwickelt werden. Und hier kann eine religiöse Perspektive helfen. Jesus macht in seinen Worten Zusagen, die völlig unbegründet sind. Sie lassen sich nicht objektiv verifizieren. Es sind Zusagen, die sich allein auf die individuelle Glaubwürdigkeit stützen. Es ist eine radikale, eine revolutionäre Aussage, das autoritäre Wie einfach infrage zu stellen. Indem Jesus die „Pharisäer und Schriftgelehrten“ wieder und wieder bloßstellt und ihr Wissen um „DAS GESETZ“ angesichts von Anforderungen an die Mitmenschlichkeit für null und nichtig erklärt, macht er sich sehr unbeliebt. Wo bleibt da die Gerechtigkeit, wo bleibt da das Gemeinwohl, über das sie mit der Macht des Geldes wachen???

    Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern und sprach: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer.
    Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür krümmen. Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gern obenan bei Tisch und in den Synagogen und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.

6 Responses to “Wissenschaft vs. Religion: Ein Warum gegen das Wie”

  1. Nemesis Says:

    Grins, ich habe mich als Siebzehnjähriger auch an Kant verschluckt, Schopenhauer war da schon verständlicher (ich habe sowieso ein ausgeprägtes Interesse am Buddhismus). Ich bin damals (aufgrund eines äusserst seltsamen Erlebnisses), genau wie Du, einfach in die nächste Bibliothek marschiert und habe angefangen zu lesen und zu lesen. Du erwähnst Jaspers, kennst Du seine „Achsenzeit“- Hypothese?

    Dieses Vertrauen in Gültigkeit des eigenen Urteils auch wenn es fehlbar ist, kann wissenschaftliche Forschung und Erkenntnis nicht geben. Dieses Vertrauen muss erworben und entwickelt werden. Und hier kann eine religiöse Perspektive helfen.

    Es gibt so verdammt viel, was die Naturwissenschaft nicht geben kann. Das menschliche, alltägliche Leben selbst hat mit Wissenschaft kaum etwas zu tun. Es ist ein Unterschied, ob ich das Meer auf seine chemischen Bestandteile untersuche oder ob ich darin schwimme. Es ist ein Unterschied, Hunger und Durst anhand chemischer Botenstoffe im Gehirn zu analysieren oder Hunger und Durst zu erfahren. Es ist ein gewaltiger Unterschied, Leben im Labor zu untersuchen oder zu leben. Naturwissenschaft ist kalt, sagst Du. Ich denke, das liegt daran, dass die Naturwissenschaft meist so unendlich weit von unserer alltäglichen Erfahrungswelt entfernt ist. Seitdem der abendländische, westliche Mensch sich der Naturwissenschaft und der Technik bemächtigt hat, ist seine Verbindung zur Natur, sind seine natürlichen Instinkte („Intuition“) verloren gegangen und auch das Bewusstsein der unbedingten Abhängigkeit von der Natur ist dem modernen Menschen verloren gegangen.

    Könnte es nicht sein, dass die Seelenlosigkeit der modernen Maschinenwelt eine Folge des Verlusts der Verbindung zur Natur und als weitere Folge davon eben ein Verlust von „Spiritualität/Religion“ im weitesten Sinne ist? Und hat nicht sogar auch und gerade die Kirche zu jener Entfernung/Entfremdung von der Natur wesentlich beigetragen, indem sie die Natur für irgendwie ungöttlich, irgendwie niedrig, irgendwie schmutzig erklärte? Hat nicht die katholische Kirche im Verbund mit dem römischen Reich den wesentlichen Grundstein für das Verhältnis des modernen, abendländischen Menschen zur Natur gelegt? Die Natur wurde als unter dem Geist, unter Gott stehend dargestellt und schliesslich (ebenso wie die Frau und auch die Sexualität) verteufelt. Ausserdem waren Klöster und Forschung/Universitäten immer eng verbandelt, wenns auch immer mal Clinch zwischen der Kirche und der Wissenschaft gab. Ich denke, die „Vergeistigung“ der Kirche und die Kälte der Wissenschaft sind demselben Schoss entsprungen, beide sehen in der Natur bloss „Materie“ (platonischer Geist/Körper- Dualismus) . Der Gott des modernen Menschen ist ein technokratischer Zaubergott.

    Wie siehst Du Gott? Ist er Teil der Natur? Ist er die Natur? Oder ist er, wie der moderne Maschinen-Gott, losgelöst von allen natürlichen Notwendigkeiten und Zwängen, ausserhalb und völlig unabhängig von seiner eigenen Schöpfung? Und was bedeutet es in diesem Zusammenhang, dass „Gott Mensch (Individuum) geworden“ ist?

    Dein Zitat des Nazareners liest sich übrigens wie eine einzige Polemik gegen… zB die Kirche, oder? 🙂

  2. sapere Says:

    „Achsenzeit“ auch so ein Heurismus. 🙂

    Ich weiß nicht was Gott ist. Ich enthalte mich möglichst einer rationalen Definition. Ich selbst erlebe im Bezug auf diesen vieldeutigen Begriff aber sehr viel, das sich nicht sprachlich artikulieren läßt. Sagen wir es mal so: Ich bin froh, dass es hilfreiche Annäherungen an das Phänomen gibt. Zum Beispiel in der Gott-Mensch-Metapher im biblischen Jesus Christus.

    So kann man sich besser austauschen … auch wenn es leider auch viele irreführende Mißverständnisse gibt.

    Das Matthäus-Evangelium Vers 23 ist ein Beispiel für die versuchte Klärung dieser Mißverständnisse. Aber Macht korrumpiert nun mal … absolute Macht korrumoert absolut.

  3. Nemesis Says:

    @sapere aude

    Mag sein, dass auch Jaspers‘ Achsenzeit ein Heurismus ist, wie Du es nennst, dennoch halte ich diesen Ansatz für recht erhellend. Übrigens nanntest Du ja auch Gott an anderer Stelle einen Heurismus…

    Wenn Du Dich jeglicher (rationaler) Definition Gottes enthälst, dann wird es natürlich schwierig, sich über „Ihn“ auszutauschen^^ Gott ist aus Deiner Sicht unbedingt männlich , nicht wahr?

    Du sprichst die „Gott-Mensch“- Metapher des Christus an… also ist Gott, so wie es im Neuen Testament gesagt wird, Mensch geworden, oder? Ich sehe es übrigens auch so, dass Matthäus, Vers 23 ein Versuch der Klärung ist… leider steht diese Klärung in der Kirche bis auf den heutigen Tag noch aus- und das, obwohl inzwischen schlappe 2000 Jahre vergangen sind 🙂

    Aber Macht korrumpiert nun mal … absolute Macht korrumpiert absolut.

    Ich denke, wie bereits an anderer Stelle gesagt, dass „Macht“ allgemein überschätzt wird, nach meiner Einschätzung ist es eher die Illusion der Macht, die korrumpiert. Hat der Mensch, haben gewisse Menschen Macht über die Natur? Ich wage es zu bezweifeln. Sie hätten gerne Macht über die Natur, aber es wird sich sehr bald zeigen, dass dies einer der grössten Irrümer der Menschheitsgeschichte ist und im Zuge dieser längst überfälligen Erkenntnis wird sich erweisen, dass auch die „Macht“ der sog. „Eliten“ über die Menschheit ein fataler Irrtum ist. Die sog. „Eliten“ sägen sich zZt mit erstaunlicher Verbissenheit und Ausdauer den Ast ab, auf dem sie sitzen, gegen die Natur jedoch haben sie nicht die geringste Chance… insofern braucht es eben keine Revolution, man muss sie einfach machen lassen, dann ergibt sich alles ganz von allein, so sicher, wie Wasser bergab fliesst 🙂

    Übrigens nochmal zu meiner Frage: Kann es sein, dass der moderne Mensch und insbesondere die sog. „Eliten“ die Verbindung zur Natur und das Bewusstsein der völligen Abhängigkeit von der Natur verloren haben? Ich denke, die Illusion der Macht über die Natur hat den modernen Menschen und insbesondere die sog. „Eliten“ zu einem grandiosen Grössenwahn verführt.

  4. sapere Says:

    Ja, eben 🙂 Die Achsenzeit ist ein Heurismus, so wie der Gottesbegriff ein Heurismus ist. Nicht perfekt und von Menschen erdacht, um das Unbeschreibliche irgendwie zu fassen … und doch mit vielen Mißverständnissen verbunden und in manchen Fällen absoluten Wahrheit gemacht.

    Und sich über Gott auszutauschen ist gar nicht so schwierig. Es gibt nichtrationale Wege in Kunst, Kultur, Begegnung, Musik, Gebet, Ritual … usw.

    Ist Gott Mensch geworden? Ja, schon immer gewesen. 🙂 Aber in der Person Jesu noch einmal überdeutlich gemacht. Gott = Jesus = jeder Mensch = Du = Ich. Das macht logisch natürlich keinen Sinn. Das ist eine Veranschaulichung, die verdeutlichen soll, dass Gott kein Fremder, kein herrschaftlicher Tyrann – wie im Alten Testament oder manchen anderen Mythen – ist, sondern unser Papa, der uns liebt und beschützt und der selbst leidet, wenn wir ihm wehtun.

    Gott als mitfühlendes, leidendes Wesen. Das Schicksal wird damit zum persönlichen Gegenüber, das man liebhaben kann und dem man begegnen, entgegenkommen kann, das uns nicht festlegt, nicht verdammt, sondern uns bittet, auffordert, motiviert.

    Die Macht, die ich ansprach, ist die Macht des Menschen über den Menschen. Menschen haben nicht die gleiche Macht wie Gott (also das personifizierte leidensfähige Schicksal siehe oben). Natürlich stehen die Menschen nicht über den Gesetzen der Natur.

    Aber ich teile Deine resignative Botschaft, die Mächtigen einfach machen zu lassen, nicht. Sie sind in ihrer Macht – durch Gottes Macht – beschränkt. Aber Gott fordert uns auch – durch unser Gerechtigkeitsempfinden – auf, etwas dagegen zu unternehmen. Etwas Revolutionäres – damit meine ich keine vernichtende Gewalt, sondern lebendig machende Gewalt. Und wie das geht, steht in dem bekannten Büchlein …

  5. Nemesis Says:

    Ich begrüsse Deine vorgeschlagenen, nichtrationalen Wege (Kunst, Kultur, Begegnung etc), sich über Gott auszutauschen, wirklich sehr. Allerdings müssen wir noch die Brücke herausarbeiten, die auch die Atheisten bereit sind zu beschreiten. Du bist eine jener Ausnahmen, die nun beide Seiten kennen, sowohl Atheismus, als auch Theismus. Und solche Menschen, die beide Seiten kennengelernt haben, betrachte ich als ausgesprochen prädestiniert, diese Aufgabe zu lösen. Leider haben sich die Atheisten hier aus Deinem Blog offenbar davongeschlichen 🙂

    Ist Gott Mensch geworden? Ja, schon immer gewesen.  Aber in der Person Jesu noch einmal überdeutlich gemacht. Gott = Jesus = jeder Mensch = Du = Ich. Das macht logisch natürlich keinen Sinn. Das ist eine Veranschaulichung, die verdeutlichen soll, dass Gott kein Fremder, kein herrschaftlicher Tyrann – wie im Alten Testament oder manchen anderen Mythen – ist, sondern unser Papa, der uns liebt und beschützt und der selbst leidet, wenn wir ihm wehtun.

    Gott als mitfühlendes, leidendes Wesen. Das Schicksal wird damit zum persönlichen Gegenüber, das man liebhaben kann und dem man begegnen, entgegenkommen kann…

    Sehr schön, also ist Gott (und auch Lucifer/Satan!) eine zutiefst menschliche Daseinsdimension, kein technokratischer Zaubergott, der mit einer elektronischen Schalttafel rumläuft (Deus ex machina) und von oben herab die Geschicke der Welt leitet oder gar als allmächtiger, gefühlloser Demiurg Menschen in den Himmel oder in die Hölle schickt. Wir finden Gott im DU , (ganz im Sinne Martin Bubers) und insofern ist Gott eine äusserst personhafte, menschliche Angelegenheit.

    Was die von Dir angesprochene Revolution betrifft, so denke ich, dass die Revolution zunächst ganz und gar in uns selbst stattfinden muss (wir waren uns ja auch einig, dass man zuerst sich selbst verändern muss, um die Welt zu verändern). Und indem wir uns selbst revolutionieren, besteht auch eine gewisse Assicht, dass wir durch unser gelebtes Beispiel auch andere mit jener inneren Revolution inspirieren. Wie schwer das ist, brauche ich Dir sicher nicht zu sagen. Aber wir können es versuchen, jeden Tag. Wenn jeder einzelne Mensch sich selbst ändert, sich selbst revolutioniert, dann sind zwangsläufig eines Tages alle Menschen revolutioniert 🙂

    Wenn ich Dich recht verstehe, dann meintest Du mit „Revolution“ also keine blutige, politische Revolution, sondern eben jene innere, persönliche Revolution. Und da bin ich ganz bei Dir, jener Weg steht immer offen, für jeden Menschen überall auf dem Globus, egal, ob reich oder arm, mächtig oder ohnmächtig, yeah 🙂

  6. sapere Says:

    Ja, die für Atheisten ist meine Form der Religiosität nicht falsch genug. 🙂

    Gegen eine metaphorisch-relativistisch-psychologistische Haltung läßt sich so schlecht wettern, zumindest aus atheistischer Perspektive. Von christlichen Fundis bekomme ich im RL noch reichlich Gegenwind. Mit Fundamentalisten läßt sich eben einfach besser streiten. Das geht uns allen so. Das heißt aber nicht, dass Antitheisten hier nicht weiter mitlesen … 🙂

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