Die Bibel

Mai 7th, 2015

Ich hatte Muriel versprochen, dass ich erkläre, was ich früher nicht erkannt habe, und was ich jetzt wisse, was an der Bibel so fein sei.

Ich habe die Bibel früher gelesen wie einen Tatsachenbericht. Ich habe angenommen, dass da historisch nachweisbare Fakten eindeutig beschrieben werden. Oder dass es Leute gibt, die das wenigstens glauben und behaupten. Ich habe angenommen, der Schöpfungsbericht werde von den meisten Christen entweder wörtlich geglaubt oder gar nicht. Entweder man belächelt es – auch als Christ – was da steht und distanziert sich souverän … oder man glaubt allen Ernstes, dass es vor 4000 Jahren ein Paradies gegeben hat, aus dem unser aller Ururgroßeltern Adam und Eva vertrieben wurden.

Ich nahm an, dass Christen entweder glauben, dass Moses mit einem brennenden Dornbusch gesprochen hat … oder das sie annehmen, dass er schizophren gewesen sein muss.

Ich nahm an, dass Christen – und ja wohl auch Juden – entweder glauben, dass Moses wirklich und wahrhaftig das Meer geteilt hat und dass er von Gott die Gesetzestafeln dikitert bekommen habe … oder dass sie glauben, dass das halt im Alten Testament steht und nicht mehr wahr ist und ja jetzt sowieso das Evangelium gelte.

Ich nahm an, dass Christen endweder wirklich glauben, dass es eine Sintflut gegeben hat, dass Lot’s Weib zur Salzsäule erstarrte und dass in Sodom und Gomorrha der Teufel los war … oder dass sie es als ungültigen und unglaubwürdigen Mythos der dummen Vorfahren abtun.

Ich nahm an, dass Christen entweder ernsthaft und wirklich glauben, dass Jesus Kranke duch Handauflegen und Besprechung geheilt hat, dass sie glauben, dass er für „unsere Sünden“ gestorben und wahrhaftig auferstanden sei… oder das einfach als unglaubwürdig ignorieren. Ich habe das Konzept der Sünden nicht verstanden und das Konzept der Auferstehung schon gar nicht. Von Trinität und Transsubstantiation ganz zu schweigen.

Ich nahm an, als Christ muss man diesen unverständlichen Unfug entweder schlicht und einfach blind glauben und sich das wider jeden gesunden Menschenverstand einbleuen … oder man tut es als Folklore und Verrücktheiten von ein paar abgehobenen Klerikern ab.

Die meisten Christen können oft die einfachsten theologischen Selbstverständlichkeiten nicht verstehen und bezeichnen sie schlicht als unverständlich. Sie verweisen stattdessen auf das Vorbild Jesu und die Zehn Gebote. Vielleicht tausend Mal habe ich von Christen wie Atheisten schon gehört: Jaaaa, die Zehn Gebote. Wenn sich die Leute nur daran hielten, da wäre die Welt schon viel besser.

Ich habe im Neuen Testament bei Lukas gelesen, dass Jesus sagt: „Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde – bringt sie her und schlachtet sie vor meinen Augen ab!“

Der Religionsstifter des Christentums als brutaler Mörder? Wie ist das möglich? Wieso wird dieser Vers in keinem Gottesdienst verlesen? Wieso weiß das kein normnaler Christ. Da muss man doch was machen!

Die meisten Christen kannten den Vers nicht. Sie kannten das Gleichnis, waren aber von der Deutlichkeit überrascht und teilweise entsetzt. Sie distanzierten sich.

Und das ist ein Symptom für das Problem auf das man häufig im Staatschristentum trifft. Alle sprechen davon, alle identifizieren sich und sehen sich als legitime Vertreter … aber nur sehr sehr wenige haben auch nur den blassesten Schimmer.

Und so entstand der Eindruck, dass man all den unverständlichen Quark blind glauben muss, weil das ja die meisten tun … oder man kann sich zwar Christ nennen, weil sie so einen guten Ruf haben und Karriereoptionen ermöglichen. Aber wirklich und wahrhaftig steckt da keine Wahrheit drin.

Aber da hatte ich weit gefehlt.
ath
Ich ließ die Bibel liegen und dachte mir, dass das ja alles schön und gut sei, aber es gäbe da noch etwas, das mich bewegte und das war der Lebensstil wirklich überzeugter Christen. Diese Klarheit, Ruhe, Freundlichkeit, Geduld, Beharrlichkeit imponierte mir. Das gemeinsame Singen und Beten, das gemeinsame Arbeiten und füreinander einstehen gefiel mir. Die Bereitschaft zum Gespräch und zur Auseinandersetzung tat mir wohl und ich dachte, vielleicht kann man all das Gute ja auch lernen, ohne den Humbug stumpf glauben zu müssen.

Ich besuchte die Gottesdienste eines sehr klugen Pfarrers und wollte mir abgucken, was diese Christen machten und wieso es wirkte und ich machte einfach mit. Und ich hörte die Predigten und die Gebete und sang die Lieder. Ich stand auf und setzte mich hin. Sonntag für Sonntag und Predigt für Predigt wurde mir mehr und mehr klar, dass ICH gemeint bin. Von Mal zu Mal gingen mir die Augen mehr und mehr auf. Hier ging es um MEIN LEBEN. Das war ich, den der Pfarrer da vorn auf der Kanzel ansprach. Und mir wurde klar, dass die Worte der Bibel Gleichnisse(!) für unser Leben im Hier und Jetzt sind. Dass sie nicht wie Tatsachenberichte, nicht wie Erlebnisse fremder Menschen zu lesen sind, sondern als Beschreibung MEINES EIGENEN LEBENS.

Diese Erfahrung gipfelte in einem Gottesdienst in meiner kleinen Dorfkirche. Hier wurde in der Predigt von dem „Eunuchen der Kandake“ gesprochen. Einem Mann, der alles hatte. Einem Mann, der reich und sehr einflussreich war. Einem Mann, der seinem Beruf alles geopfert hatte, sogar die Möglichkeit, Kinder zu zeugen. Dieser Mann hatte sich auf den Weg nach Jerusalem in den Tempel gemacht, um dieses Buch, die Bibel, von dem alle sprachen, zu verstehen, aber auch im Tempel wurde es ihm nicht klar und so klug wie zuvor reiste er ab.

Auf seinem Weg begegnete er Philippus, der von Gott gesandt war. Und Philippus fragt den Eunuchen, der in der Bibel las, ob er denn verstehe was er da lese und der Eunuch sagte, dass er niemanden habe, der ihm das sagen könne. Und da erklärte Philippus ihm die Bibelstelle und macht ihn mit dem Evangelium vertraut … und ich war wie vom Donner gerührt. DAS WAR ES.

Ich hatte einen guten Job, ich verdiente gut aber ich hatte mich entfremdet. Hatte keine Zeit mehr für andere Dinge. Ich gehörte allein meiner Arbeit. Und ich las die Bibel. Ich versuchte das Christentum zu verstehen aber ich verstand es einfach nicht. Ich las und dachte nach. Ich fragte mich und andere, Berufene. Aber da kam nichts. Keine Resonanz. Und dann traf ich meinen Philippus. Und der erklärte mir, wie das, was da steht, zu deuten ist und mir gingen die Augen auf und das Herz über. Ich hatte verstanden, dass das Geheimnis des Glaubens groß ist. Und dass man viel über den Glauben wissen kann, ohne im Glauben zu stehen. Dass man sich als Glaubender bezeichnen kann, ohne einer zu sein. Und ich verstand, dass Glauben eine Gnade ist. Eine, die man sich nicht erarbeiten kann, sondern die gewährt wird, wenn es an der Zeit ist.

Und bei mir war es höchste Zeit …

13 Responses to “Die Bibel”

  1. Muriel Says:

    Du hast das ja teilweise explizit für mich geschrieben, deshalb fühle ich mich irgendwie verpflichtet, es nicht einfach zu ignorieren.
    Aber es fällt mir schon schwer, was Ernsthaftes dazu zu schreiben. Also. Äh. Danke für den Versuch. Ich gehe davon aus, dass dieser Post schon auch für andere ist, und vielleicht können die ja was damit anfangen.
    Ich kann es nicht. Wir können einander nicht helfen, fürchte ich.
    Aber das war ja zu erwarten.

  2. gkrmbl Says:

    @Muriel, ich denke, ein bisschen Geduld solltest Du schon aufbringen; ich verstehe das so, dass das die Einleitung war, und bin sehr gespannt auf die kommenden Posts mit den tatsächlichen Erkenntnissen, um die es geht – das verspricht, interessant zu werden!

  3. sapere Says:

    Vielen Dank, Muriel, für die offenen Worte.

    Vielleicht ja später. Ich hab’s auch lange nicht kapiert. 🙂

  4. Muriel Says:

    @sapere: Es ist glaubich wirklich nicht so, dass ich was nicht kapiere… Aber das gehört ja oft zu den Symptomen, insofern verstehe ich durchaus, dass du mir das nicht abnimmst.

  5. sapere Says:

    Das hab ich jetzt wiederum nicht kapiert …

    Welche „Symptome“ meinst Du? Und wessen?

    Heißt das, Du hast kapiert was ich meine aber Du findest es trotzdem Quatsch?

  6. Muriel Says:

    @sapere: Ich wollte sagen, dass es ja häufig ein Symptom fehlender Einsicht ist, dass man glaubt, man hätte doch genug davon. Aber besonders kryptisch kommt mir dein Text nicht vor, eher … bedenklich platt.
    Einerseits tue ich mich schwer, dir abzukaufen, dass du früher so gedacht hast. Andererseits kenne ich ja dein Blog von früher ein kleines bisschen, deswegen will ich es gar nicht ausschließen.
    Wie andererseits ist es aber eigentlich auch egal, denn ob du deine Leserinnen nun verschaukelst oder wirklich so tickst, ist hier für mich nichts zu holen. Ich wünsch dir alles Gute und würde mich dann wohl allmählich verabschieden. Du hast ja noch genug interessierte Kommentierende, wenn ich das richtig überblicke.
    @gkrmbl: Ich habe einen Hut, der mir ein bisschen zu klein ist, und frage mich gerade, ob ich ihn wohl mit ein bisschen geeignetem Kondiment runterbekäme, falls ich eine eventuelle Wette verlöre.

  7. sapere Says:

    Du bleibst so vage. Das macht mich so neugierig, was denn nun an meiner Erklärung so platt und langweilig ist. 🙂

    Aber ich respektiere, dass Dir die Lust fehlt, das weiter auszuführen.

    Ich für meinen Teil bin ehrlich. Warum sollte ich meine Leser verschaukeln? Dazu fehlte mir die Energie.

    Vielleicht schaust Du ja hier und da mal wieder vorbei …

  8. sapere Says:

    Das mit dem Hut habe ich auch nicht verstanden … 🙂

  9. Nemesis Says:

    @sapere aude

    Wenn ich Deine Kommentare bis 2010 mit denen nach Deiner Wandlung vergleiche, dann erscheinst Du weicher, nicht mehr so übermässig selbstsicher, offener, verletzlicher, angreifbarer(?), sensibler. Ich empfinde diese Wandlung als positiv. Ich persönlich lege unterm Strich mehr Gewicht auf den Charakter, das Wesen eines Menschen, als auf sein Weltbild. Ich bin zwar kein Christ, aber trotzdem freue ich mich für Dich.

    Was die Interpretation der Bibel betrifft: Ich denke, jeder Mensch liest ein bischen etwas anderes aus den religiösen Werken der Menschheit heraus, so, wie jeder zB ein Gedicht unterschiedlich interpretiert. Die Bibel und andere religiöse Schriften sind wie Spiegel, und so sagst Du hier ja auch selbst, dass Du <Dein Leben, Dich selbst in der Bibel entdeckt hast. Wichtig finde ich, dass man auch über den Horizont der eigenen Religion/Konfession hinausblickt und den eigenen Horizont erweitert. Als ich in der Schule war, wurden vom Pfarrer im Religionsunterricht alle anderen Religionen herabgewürdigt und in kürzester Zeit schlicht als dumm, minderwertig, unterentwickelt, als Irrtümer abgehakt.

    Ohne Kunst gäbe es keine Religion/Spiritualiät, ohne Religion/Spiritualiät gäbe es keine Kunst. Musik ist voller Religion/Spiritualität, auch Malerei, auch ein grosser Teil der Literatur etc. Auch der Schlaf und der Traum gehören unbedingt in diesen Bereich. Ein Mensch, dem man Schlaf und Traum entzieht, wird wahnsinnig. Ohne Kunst und Religion/Spiritualität würde der Mensch endgültig wahnsinnig werden.

  10. gkrmbl Says:

    @Muriel: Oh. Du könntest recht haben. Mein Fehler.

  11. sapere Says:

    Lieber gkrmbl, lieber Muriel, ich finde es äußerst erfreulich, dass ihr Euch so glänzend versteht. Aber ich wäre schon sehr neugierig, was es mit Eurer rätselhaften Kommunikation auf sich hat.

    Könntet Ihr uns ggf. aufklären?

  12. Hermann Aichele Says:

    Ich will mal nur auf eine Sache hinweisen: Die früheren Alternativen (entweder-oder) führten ja wirklich in eine Sackgasse, schnitten vielschichtige Deutungsmöglichkeiten ab. Machten gegenseitiges Verstehen unmöglich. Ist doch klar, dass unheimlich viel in der Bibel symbolisch gemeint ist. Und zu deiner Erfahrung passt schön ein pietistisches Bonmot: „was nicht per du geht, geht perdu“. (Habe grade nachgesucht, scheint von JohABengel zu sein).

    Schon klar. Doch nun redest du über den Glauben im Grunde mit demselben Entweder-Oder – man hat ihn oder hat ihn nicht, bzw: es hat einen, ist eben absolute Gnade. Ich muss gestehen: Da wird es mir zu absolut, zu steil: „Vogel, friss oder stirb“. Ich vermute, diese Haltung zu kennen, war jedenfalls schon nahe dran. Besonders nach bestimmten Gruppenerfahrungen! Und es gibt unter Christen eine beachtliche Tradition, auf die man sich für dieses steile Entweder-Oder berufen kann.
    Inzwischen hinterfragte ich manche Gruppenerfahrung und und vermute, auf diese Weise eine größere Bandbreite des Lebens – Glaubens, Liebens, Hoffens… – entdeckt zu haben. Kannst ja sagen, also weiß der Hermann zwar viel, vielerlei über den Glauben, steht aber nicht im Glauben. Mag sein, durchaus. Mir wird es jedenfalls bei dieser Absolutheit eng, unterstelle einen gewissen Tunnelblick, der doch niemand gut tun kann.

  13. sapere Says:

    Herrmann, danke für den Hinweis, dass das nach Absolutismus klingt … und das soll es in der Tat gar nicht. Ich denke, dass Glauben eine Gnade ist, ja, aber keine, die jemanden ausschließt nach dem Motto „Friss oder stirb“.

    Ich glaube diese prinzipielle Gnade ist die Default-Einstellung. Nun kann es sein, dass man erst einmal einen gewissen Weg gehen muss, um glauben zu können, aber dieser Weg gehört auch dazu. Es gibt Zeiten, in denen wir nicht glauben können. Und diese Zeiten haben ihre Legitimation genau so wie die des hoffnungsvollen Vertrauens auf Gott. Glauben ist doch keine Selbstverständlichkeit. Oder besser: Er wird erst durch die kritisch-skeptische Auseinandersetzung das was er ist.

    Wie in der Parabel von David Foster Wallace:

      Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: »Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?« Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: »Was zum Teufel ist Wasser?«

    Wir schwimmen im Wasser der Gnade Gottes. Wir sind uns dieser Gnade zunächst gar nicht, später nur selten bewußt. Aber erst, wenn unser Glaube auf die Probe gestellt wird, erwerben wir ihn wirklich. Ob, wann und wie das geschieht, liegt in Gottes Hand. In seiner Hand sind wir aber immer auch, wenn wir (noch oder mal wieder) nicht glauben (können und müssen).

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