Ein naturwissenschaftlicher Beweis Gottes mittels psychologischer Forschung dient jedoch nur der Befriedigung unserer Vernunft. Die Vernunft stellt Fragen nach Validität, nach Reliabilität, nach Objektivität. Die Vernunft sucht Gesetzmäßigkeiten des Seins. Die Vernunft abstrahiert und läßt sich nicht mit Hokuspokus abspeisen. Sie will Fakten statt Fiktionen.

Aber eine rein faktenorientierte Rede von Gott ist eine kalte Rede, die Gott nicht gerecht wird. Es ist eine Rede über das Hier und jetzt, über Stein und Bein über Fleisch und Blut im Rahmen unserer bloßen Vernunft. In der Rede von Gott, die überindividuelle Fakten beschreibt, fehlt ein wichtiger Aspekt: Individualität.

In der persönlichen Rede von Gott geht es nicht um Fakten. Es geht um einen möglichst authentischen Ausdruck dessen, wie man Gott erlebt. Hier bedarf es phantasievoller Beschreibungen und eines reichen Wortschatzes oder aber anderen kunstreichen Ausdrucks in Gesang oder Tanz, bildender Kunst oder Ritus.

Gottesausdruck finde ich zum Beispiel in der Beherrschung der Triebe des tierisch-zerstörerischen, des egoistisch-narzisstischen. Es ist im Grunde das was Schiller so beschrieb:

„Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung. Auch die Würde hat ihre verschiedenen Abstufungen und wird da, wo sie sich der Anmut und Schönheit nähert, zum Edeln, und wo sie an das Furchtbare grenzt, zur Hoheit. Der höchste Grad der Anmut ist das Bezaubernde, der höchste Grad der Würde ist Majestät.“

Friedrich Schiller, Über Anmut und Würde, 1793

Die Beherrschung der Triebe kann aber auch etwas tierisch-zerstörerisches, egoistisch-narzisstisches haben, da wo sie sich der Zwanghaftigkeit, dem bedingungslosen Gehorsam in einer Hoheit oder Majestät – wie z.B. in einem Kaiserkult – nähert.

Allein da, wo die Beherrschung – nicht die Leugnung und Unterdrückung – sondern die Lenkung der Triebe wie selbstverständlich möglich ist, da wo wir im Reinen mit uns und dem Kosmos sind, ohne Schuld und vollkommener Freiheit von Abhängigkeiten und Süchten begegnen wir in aller Tiefe Gott.

Eine solche Rede von Gott kann keine Objektivität beanspruchen. Sie ist weder überindividuell noch intraindividuell zeitlos gültig. Sie ist ein Ausdruck persönlicher Lebenserfahrung, die man teilen kann, die man intuitiv verstehen kann, die man nachfühlen kann oder nicht. Sie erschließt sich nicht durch Wissen oder fleißiges Lernen oder blinden Gehorsam sondern allein durch authentisches Dasein in der Zeit.

Ein solch authentisches Dasein in der Zeit bedarf jedoch außergewöhnlichen Mutes. Es bedeutet, dass man sich gegen den Zeitgeist stellen muss, gegen die Anforderungen seines Umfeldes, der Gesellschaft. Es bedeuet, dass man sich beschimpfen und verhöhnen lassen muss. Dass man entwertet wird, weil man an dem allgegewärtigen Kampf ums Überleben nicht teilhat.

Hier bedarf es eines starken Glaubens in die Richtigkeit dieser inneren Bewegungen. Diesen Glauben können die meisten nicht allein tragen. Sie schließen sich in Gemeinschaften zusammen, die sich dem Zeitgeist verweigern. Sie geben sich gegenseitig Mut und Kraft in ihrem Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung, gegen die Zerstörung der Familie und Vereinzelung, in der gemeinsamen Hoffnung, dieses Dasein in der Diaspora mit Gottvertrauen und Zusammenhalt zu bewältigen.

[Der psychologische Gottesbeweis]

Drüben in seinem Blog macht sich der Kollege Josef Bordat Gedanken, warum immer ein naturwissenschaftlicher Beweis für die Existenz Gottes verlangt wird. Er begründet dies mit der vorherrschenden Wissenschaftskultur des „Szientismus“.

Bordat schreibt:

    „Szientisten akzeptieren (als wahr, wertvoll, sinnhaltig, bedeutungsreich) nur das, was mit naturwissenschaftlichen Methoden nachgewiesen ist, allenfalls soll hinzukommen, was sich so nachweisen lässt. Sagen wir’s mal so: Da, wo ich glaube (im Sinne von “vertrauen auf Jemanden”, nämlich auf Jesus Christus), da glauben sie zu wissen (im Sinne von “vertrauen auf Etwas”, nämlich die Universalität der naturwissenschaftlichen Methode).“

Ich fürchte, hier liegt ein Mißverständnis vor. Als Naturwissenschaftler „glaubt“ man nicht an die naturwissenschaftliche Methode, man vertraut ihr nicht „blind“.

Naturwissenschaft ist schlicht eine Möglichkeit, Dinge zu zeigen, die für alle Menschen gelten.

Das ist bei Jesus Christus anders. Weltanschauungen gelten nicht für alle Menschen gleich. Menschen sind unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Lebensstile. Aber man kann sich mit anderen – ähnlichen – Menschen zusammenschließen. Trotzdem – oder gerade deshalb – gibt es immer Unterschiede zwischen Gruppen. Die Gruppe der Katholiken unterscheidet sich von der Gruppe der Protestanten. Die Gruppe der Christen von der der Muslime. Jede Gruppe hat ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen Codes und ihre eigenen Riten.

Gravitation dagegen existiert ohne Rücksicht auf Gesetze, Codes und Riten. Gravitation ist objektiv gültig. So wie auch der Ebola-Virus nicht nach Religion, Nationalität oder Hautfarbe fragt. Diese Dinge existieren unabhängig von subjektiven Erfahrungen und Empfindungen.

Wenn man also einen naturwissenschaftlichen Beweis für Gott verlangt, dann will man eigentlich wissen, was an diesem Gotteskonzept, das so vielschichtig ist, eigentlich für alle Menschen gültig sein könnte.

Und dieser Wunsch nach einem objektiv nachweisbaren Gott entspringt dem Wunsch nach einer verlässlichen Ethik.

Wenn man also nach einem objektiven Gott fragt, will man eigentlich wissen, ob man sich richtig verhält.

Wenn evangelische Christen behaupten, ihr Gott sei der einzig wahre und man müsse sich an seine Regeln halten, setzen Muslime oder Hinduisten oder Buddhisten oder Bahai oder Scientologen oder Zeugen Jehovas oder Neuapostoliker oder Katholiken oder oder oder dagegen, dass ihr Gott der einzig wahre sei und allein seine Gebote zu befolgen seien.

Der Wunsch nach einem objektiv naturwissenschaftlich nachweisbaren Gott entspringt also der Unübersichtlichkeit der religiösen Konzepte und dem Wunsch nach Verläßlichkeit und Lösung der vielfältigen religiös-ethischen Konflikte.

Wer könnte dies den Szientisten verdenken.

Aber wie löst man nun dieses Problem befriedigend für Szientisten und Religiöse Menschen?

Indem man man Gott naturwissenschaftlich beweist.

Wie das geht?

Gott ist – das wissen wir inzwischen – ein sehr vielschichtiges Konzept. An den Begriff „Gott“ knüpfen sich sehr viele unterschiedliche Bedeutungen. Aber es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Religionen. Und diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich naturwissenschaftlich erforschen.

Darüber hinaus läßt sich die Wirkung von Religion naturwissenschaftlich erforschen. Es läßt sich zeigen, dass Religion glücklich und unglücklich machen kann. Interessant für uns ist, naturwissenschaftlich herauszufinden, welche Religionsbestandteile uns persönlich zugute kommen und welche uns schaden. Wichtig wäre also für uns zu wissen, welche Weltanschauung uns glücklich machen kann – abhängig von unserer Kultur, unserer Sozialisation, unserem Intellekt, unserer Persönlichkeit.

Und es läßt sich naturwissenschaftlich prüfen, mit welchen Mitteln man Menschen diese Einsichten am besten vermitteln kann … und vermutlich wird sich dabei herausstellen, dass ein Mythos mit metaphorischen Geschichten und Gleichnissen, beispielhaften Personen und mit außergewöhnlicher Würdigung durch Riten, Normen und Heiligkeit besonders glaubwürdig erscheint. Und dass das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit und der eigenen Unwissenheit, die Bereitschaft zu Einsicht und Umkehr entscheidend für die Funktion einer Gruppe und damit das eigene Wohlbefinden ist.

Religion läßt sich mittels der Psychologie naturwissenschaftlich erforschen … und damit läßt sich Gott letztlich auch beweisen.

Es gibt (k)einen Gott

Mai 28th, 2015

Ich bin Atheist gewesen. Ich bin jetzt kein Atheist mehr. Diese Behauptung nehmen mir aber zwei Gruppen von Lesern nicht ab:

Die Antitheisten sagen, dass ich ja gar nicht an den richtigen echten biblischen Gott glaubte. Deshalb sei meine Konversion keine echte Konversion und folgerichtig: langweilig. Wenn ich mich zum orthodox-fundamentalistischen Christentum bekennen würde und wenn ich behauptete, dass ich Gott jetzt kennengelernt habe und dass Gott wirklich und wahrhaftig existiert, könnte man meine Position wenigstens diskutieren. Aber ein weichgespültes Psychochristentum – in dem Gott einfach ein Begriff ist – ist keiner weiteren Diskussion wert.

Die Hardcorchristen sagen, dass Gott nicht nur ein gleichnishafter Begriff ist, sondern wirklich und wahrhaftig als Person existiert. So wie Du und ich. Man könne das zwar nicht beweisen, aber Ameisen können ja Menschen auch nicht beweisen und jede Uhr braucht einen Uhrmacher. Da ist doch klar wir Kloßbrühe, dass es einen Gott gibt, der eine Person ist, die nur so kompliziert ist, dass wir ihn nicht richtig erkennen können. Klar, meine Frau ist auch so kompliziert, dass ich sie oft nicht richtig verstehe. Aber erkennen kann ich sie schon. Also meist.

Ich bin also – wenn es nach Antitheisten und Fundamentalisten geht – kein richtiger Christ. Ein richtiger Christ sagt, dass Gott wirklich und wahrhaftig existiert. Objektiv. Als Person. Und als Entität. Da sind sich Antitheisten und Fundamentalisten erstaunlich einig. Und dann hauen sie sich die immer gleichen Argumente um die Ohren.

Und die Diskussion nimmt kein Ende. Aber vielleicht muss das so sein.

Vielleicht muss diese endlose immer gleiche Diskussion sein. Weil jeder Mensch – oder wenigsten viele – in ihrem Leben diese Fragen haben. Und weil viele es zunächst mißverstehen.

Entweder ist man mit einen Kindergottesbild aufgewachsen, das differenziert werden muss. Oder man hatte gar keinen Gott. In jedem Fall braucht es die differenzierende Diskussion. Vielleicht kann sie, ja darf sie nie enden, diese Diskussion. Weil man dann – wenn man ein bißchen vernünftig ist – irgendwann merkt, dass beide Positionen auf ihre Weise richtig liegen.

Antitheisten haben Recht, wenn sie die Behauptung mancher Theisten kritisieren, dass Gott logisch oder naturwissenschaftlich beweisbar sei. Das ist er nicht. Gott folgt weder den Gesetzen der Logik, noch den Gesetzen der Natur.

Doch daraus zu schließen, dass Gott nicht existiert, ist wiederum etwas weit gefasst. Denn Gott existiert tatsächlich so, dass auch auch der härteste Hardcoreatheist es nicht leugnen kann: In den Köpfen und Herzen der Menschen. Gott ist also in jedem Fall zumindest ein Begriff. Ein Heurismus. Eine Idee.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Gott jetzt bewiesen sei. Aber auch nicht dass er widerlegt ist. Die Sache ist komplizierter.

Begriffe, Heurismen, Ideen beziehen sich auf Sachverhalte. Es sind menschliche Versuche, sehr schwer fassbare Ereignisse und Erlebnisse zu beschreiben. Ein Stein ist ein Stein. Der Reichstag ist der Reichstag. Was das bedeutet, ist nicht sehr schwer zu verstehen und sehr leicht zu zeigen. Aber was ein Paragraph ist oder ein Quant ist schon etwas schwerer zu erklären und zu verstehen. Häufig besteht da auch Uneinigkeit und nur vorläufiges Wissen.

Mit Gott ist das ähnlich. Gott ist sogar noch näher an einem psychischen Phänomen als das Quantenphänomen. Quanten lassen sich nämlich naturwissenschaftlich erforschen und ihr Verhalten läßt sich vorhersagen. Und trotzdem bleiben sie in Ihrer Natur letztendlich für uns unbegreiflich, weil uns die Kategorien fehlen. Mit Gott ist das ähnlich aber eben noch anders. Gott läßt sich ausschließlich durch Reflektion und Meditation, durch Gebet und Ritus, durch Fest und Gesang erahnen(!), mehr nicht.

Wenn ich also sage, Gott sei ein Begriff, dann sage ich nicht, dass dieser Begriff leer ist. Der Begriff beschreibt etwas. Was das ist, ist sehr sehr vielschichtig und mit ein paar Worten nicht beschrieben … aber annäherungsweise mit einem Gefühl: Liebe.

Es kehrt Ruhe ein. Die Zahl der Kommentare läßt nach, die Diskussionen versiegen. Mit einem ehemaligen Atheisten, der sich zum Glauben bekennt, ist die Diskussion nur dann spannend, wenn er zum Fundamentalismus übertritt, zu einem Fundamentalismus, den man als Atheist ja bekämpft.

Windelweiches Alltagschristentum ohne Hardlinerthesen und Höllenstrafendrohungen läßt sich nicht so schön angreifen. Eigentlich läßt es sich gar nicht angreifen. Die liberal-religiöse Haltung glitscht durch die Finger, die endlich ein kontroverses Argument zu fassen kriegen wollen.

Nein, ein lediglich metaphorischer Glaube ist kein lohnendes Feindbild.

Man ist sich ja einig in den Grundfragen: Übernatürliche gasförmige Wirbeltiere gibt es nicht. Gott ist eine Projektion. Religion ist Psychokram. Also wozu noch diskutieren?

Nun ja, der Furor der Neuen Atheisten richtet sich gegen den Glauben per se. Er greift die Religiosität in toto an. Schlecht ist der Glauben, weil er Menschen zur Unmenschlichkeit führt. Dass aber ausschließlich fundamentalistische Gläubige in der Riege der Terroristen und Terrorismusbefürworter zu finden sind, wird in dieser Diskussion unterschlagen.

Der Angriff der Neuen Atheisten, Dawkins, Dennet, Hitchens und Harris galt den fundamentalistischen Monstrositäten, nicht den positiven Aspekten liberal-aufgeklärten Christentums. Sie lasen die Bibel wörtlich, so wie Fundamentalisten es tun und sie zogen daraus ihr demagogisches Potential, so wie das heute die Demonstranten der Pegida tun, wenn sie ihre Forderung nach Abschaffung des Islam mit Terror und Krieg im Nahen Osten begründen – ohne psychosoziale Bedingungen zu berücksichtigen.

Die Argumentation der Neuen Atheisten ist tatsächlich abenteuerlich: Gott exisitert nicht – oder ist extrem unwahrscheinlich. God – the failed hypothesis. Also kann man schließen, dass jede Form von Religiosität von Übel ist, da sie einerseits zu Mord und Totschlag auffordert oder – wenn man das Geschriebene nicht wortwörtlich als historische Geschichtsschreibung oder totalitäres Gesetzbuch akzeptiert – wenigstens eine völlig unrealistische Weltinterpretation liefert.

Mein Irrtum – als ehemaliger Neuer Atheist – ist der Irrtum aller Atheisten. Gott ist nicht die Karikatur, die fundamentalistische Christen und fundamentalistische Atheisten aus ihm machen wollen. Aber nur die Karikatur läßt sich wahlweise als Strohmann angreifen oder als Goldenes Kalb verehren.

Damon Linker hat das in „THE WEEK“ exakt ebenso beschrieben


„The faith that the New Atheists set out to mock, refute, and dispel was invariably the least impressive, least informed, least sophisticated, most easily dismissed form of the world’s great religious traditions. If faith for you is believing in the most scripturally literalistic, doctrinally fundamentalist, ahistorical, credulous, theologically illiterate variant of devotion, well, then Harris-Dawkins-Hitchens probably rocked your world. But as any reader with even a cursory religious education discovered by about page 3 of any of their books, the not-great God of the New Atheists was nothing more than a big old Straw Man in the Sky.“

Es ist eine mühevolle Aufgabe, diesen beiden Seiten wieder und wieder zu vermitteln, dass dieser „Gott des Gemetzels“ nicht der Gott des Evangeliums ist. Die Autoren des Neuen Testaments richteten sich vehement gegen diese Vereinfachungen.

Denn gerade gegen diese einseitigen Bilder Gottes richtet sich die differenzierende Botschaft Jesu. Gott läßt sich nicht in Worte fassen und nicht begreifen. Gott läßt sich nur empfinden. Und diese Kraft spürt man – auch als Atheist – wenn man sich auf religiöse Praxis einläßt.

Ich hatte in einem früheren Posting geschrieben, dass ich erst allmählich erkannt habe, dass man die Bibel nicht nur wörtlich lesen kann, sondern dass die Texte unterschiedliche Interpretationsebenen haben können. Muriel und ke konnten das nicht verstehen. Ungläubig fragte ke:

    War dir in all den 3½ Jahren, die du dich hier im Blog intensiv mit Religion beschäftigt hast, etwa nicht aufgefallen, dass man religiöse Texte nicht als Tatsachenbeschreibungen lesen muss? O_O

Und Muriel schrieb sarkastisch:

    Ohja, das muss hart sein, wenn man religiöse Texte nicht versteht. Glückwunsch zu dem Erfolg!

Ja. Ich habe die Texte der Bibel nur als historische Tatsachenbeschreibung und als sich auf den Tatsachen gründende moralische Imperative gelesen. Dass es noch andere Textebenen gibt, hat sich mir erst durch den Besuch von Gottesdiensten erschlossen.

Im Grunde funktioniert die Botschaft der Bibel wie unsere alltägliche Kommunikation auf verschiedenen Ebenen. Jeder der gebildeteren Leser kennt sicher das sogenannte Vier-Seiten-Modell der Kommunikation. Hier wird gesagt, dass mit jeder Aussage, die Menschen zu anderen Menschen machen immer vier Botschaften verbunden sind: Eine einfache Sachbotschaft, eine Beziehungsbotschaft, eine Selbstauskunft und ein Appell.

Am Beispiel von Schulz von Thun zitiert nach Wikipedia:

Um Kommunikation zu beschreiben, die durch Missverständigung auf den verschiedenen Ebenen gestört wird, beschreibt Schulz von Thun als Beispiel die folgende Situation: Ein Mann und eine Frau sitzen beim Abendessen. Der Mann sieht Kapern in der Soße und fragt: „Was ist das Grüne in der Soße?“ Er meint damit auf den verschiedenen Ebenen:

Sachebene: Da ist was Grünes.
Selbstoffenbarung: Ich weiß nicht, was es ist.
Beziehung: Du wirst es wissen.
Appell: Sag mir, was es ist!

Die Frau versteht den Mann auf den verschiedenen Ebenen folgendermaßen:

Sachebene: Da ist was Grünes.
Selbstoffenbarung: Mir schmeckt das nicht.
Beziehung: Du bist eine miese Köchin!
Appell: Lass nächstes Mal das Grüne weg!

Die Frau antwortet gereizt: „Mein Gott, wenn es dir hier nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen gehen!“

In etwa nach demselben Prinzip funktioniert die biblische Botschaft. Es gibt einen sogenannten „Vierfachen Schriftsinn“.

Bibelstellen lassen sich demnach nicht nur buchstäblich als konkrete historische Aussagen verstehen, sondern können auch als allegorische Aussagen über die Glaubenswirklichkeit, moralisch als Handlungsanweisung für den Glaubenden oder anagogisch als Ausdruck der Hoffnung gelesen werden.

Literalsinn = wörtliche, geschichtliche Auslegung
Typologischer Sinn (Interpretation „im Glauben“) = dogmatisch-theologische Auslegung
Tropologischer Sinn (Interpretation „in Liebe“) = gegenwärtige Wirklichkeit einer Einzelseele
Anagogischer Sinn (Interpretation „in Hoffnung“) = endzeitlich-eschatologische Auslegung

Kombiniert mit dem Vier-Seiten-Modell sieht das so aus:

bible

Sachebene = Literalsinn: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Typologischer Sinn = Beziehung: Moses hat uns Gottes Gesetz gegeben. Aber Gott ist mehr. Ich bin mehr. Du bist mir mehr.
Tropologischer Sinn = Appell: Mach Dich mit mir auf den Weg zur Wahrheit und zum Leben!
Anagogischer Sinn = Selbstoffenbarung: Ich kann – und werde – Dich erlösen.

Man kann diese Ebenen natürlich – wie im Vier-Seiten-Modell – auch mißverstehen:

Sachebene = Literalsinn: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Anagogischer Sinn = Selbstoffenbarung: Ich bin ein größenwahnsinniger Wanderprediger und halte mich für die Antwort auf alle Fragen.
Typologischer Sinn = Beziehung: Du bist mein armes Opfer.
Tropologischer Sinn = Appell: Verehre mich, damit ich berühmt werde und eine jahrtausende währende, weltumspannende Religion gründen kann.

Und in diesem Kontext wird wichtig, welche Beziehung wir zu der biblischen Figur des Jesus haben. Es wird wichtig, wie seine Geschichte verlaufen ist. Ist er mächtig, hochbetagt, reich und allgemein verehrt und gewürdigt gestorben, wie es einem erfolgreichen Religionsgründer zukommt – oder ist er elendiglich an einem Holzbalken genagelt verreckt? Sagt er uns, dass wir nur wenn wir schön, reich und berühmt sind, glücklich sein werden und verspricht er uns den Weg dahin? Oder verspricht er etwas anderes …

Ich war ein klassischer A-theist. Ich bin nicht religiös erzogen worden, eher antireligiös-naturwissenschaftlich. Weltanschauliche Fragen spielten in meiner Kindheit und Jugend kaum eine Rolle. Es gab nicht einmal einen Ethik-Unterricht an meinem Gymnasium. Umso größer war meine Neugier. Ich wurde von den Bibliothekarinnen der örtlichen Bibliothek an ein kleines Regal mit philosophischen Schriften geführt, als ich mich für Weltanschauungsfragen zu interessieren begann.

Ich wollte immer wissen, wozu leben wir?
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Sam Harris wollte Noam Chomsky zu einer Debatte zwingen. Noam Chomsky hatte nämlich öffentlich behaupet, Harris sei ein „religiöser Fundamentalist„:

Sam Harris, der als einer der „Vier apokalyptischen Reiter“ des Neuen Atheismus gilt und der gegen die Religiosität im Allgemeinen und den muslimischen Fundamentalismus im Besonderen zu Felde zieht, wollte das nicht auf sich sitzen lassen und forderte Chomsky zur Debatte.

Chomsky hatte keine Lust. Er begründete das in einer Email. Sam Harris reichte das nicht. Er schrieb zurück und warf Chomsky dabei allerlei vor – unter anderem die Unterstützung muslimischer Fundamentalisten. Aus diesen Vorwürfen speiste sich dann eine längere Diskussion.

Den Mailverkehr (->Link) hat Sam Harris dann veröffentlicht, um die Öffentlichkeit entscheiden zu lassen, wer hier der Arsch ist. Und die Öffentlichkeit ist sich einig: Harris ist ein Idiot.

Er hatte nämlich behauptet, entscheidend für die Bewertung eines Verbrechens sei allein das Motiv des Täters und nicht die Zahl der Opfer. So seien die Anschläge vom 11.September ein monströses Verbrechen, das heftigste Gegenwehr rechtfertige, da die Motive der „gottesvergifteten Soziopathen“ die falschen gewesen seien.

Die Bombardierung einer Medikamentenfabrik im Sudan durch die Clinton-Regierung im Jahr 1998, mit hunderttausenden Opfern, sei jedoch gerechtfertigt dadurch, dass Clinton in bester Absicht gehandelt habe … schreibt Sam Harris von einem Schreibtisch in den USA aus.

Die außenpolitische Naivität von Sam Harris ist herzerfrischend – aber zeigt auch, wie weit er von grundlegensten Einsichten in ethische Fragestellungen entfernt ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Sam Harris mit intellektuellen Riesen anlegt und kläglich scheitert. In seinem Buch „The Moral Landscape: How Science Can Determine Human Values“ versucht er zum Beispiel nachzuweisen, dass „Humes Gesetz“ nicht gilt und dass man keinem „Naturalistische Fehlschluss“ unterliegt, wenn man aus dem Sein ein Sollen ableiten will indem man naturwisschenschaftliche Forschung zur Grundlage ethischer Aussagen macht.

Viele Menschen werden, sind und bleiben Atheisten – oder sogar Antitheisten – weil sie nicht akezptieren können, dass Gott uns leiden läßt. Ein Gott, der derartiges Leid in unserem Leben und in dieser Welt zuläßt, kann kein guter Gott sein … oder er existiert schlicht nicht.
Epikur soll dieses Problem in folgende Worte gefasst haben:

    Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
    Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
    Oder er kann es und will es nicht:
    Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
    Oder er will es nicht und kann es nicht:
    Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
    Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
    Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

Es gibt verschiedene Lösungs- und Klärungsversuche dieses Problems. Man kann sich diesbezüglich bei Wikipedia einlesen. Ich persönlich ziehe folgende Lösung vor:
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Die Bibel

Mai 7th, 2015

Ich hatte Muriel versprochen, dass ich erkläre, was ich früher nicht erkannt habe, und was ich jetzt wisse, was an der Bibel so fein sei.

Ich habe die Bibel früher gelesen wie einen Tatsachenbericht. Ich habe angenommen, dass da historisch nachweisbare Fakten eindeutig beschrieben werden. Oder dass es Leute gibt, die das wenigstens glauben und behaupten. Ich habe angenommen, der Schöpfungsbericht werde von den meisten Christen entweder wörtlich geglaubt oder gar nicht. Entweder man belächelt es – auch als Christ – was da steht und distanziert sich souverän … oder man glaubt allen Ernstes, dass es vor 4000 Jahren ein Paradies gegeben hat, aus dem unser aller Ururgroßeltern Adam und Eva vertrieben wurden.

Ich nahm an, dass Christen entweder glauben, dass Moses mit einem brennenden Dornbusch gesprochen hat … oder das sie annehmen, dass er schizophren gewesen sein muss.

Ich nahm an, dass Christen – und ja wohl auch Juden – entweder glauben, dass Moses wirklich und wahrhaftig das Meer geteilt hat und dass er von Gott die Gesetzestafeln dikitert bekommen habe … oder dass sie glauben, dass das halt im Alten Testament steht und nicht mehr wahr ist und ja jetzt sowieso das Evangelium gelte.

Ich nahm an, dass Christen endweder wirklich glauben, dass es eine Sintflut gegeben hat, dass Lot’s Weib zur Salzsäule erstarrte und dass in Sodom und Gomorrha der Teufel los war … oder dass sie es als ungültigen und unglaubwürdigen Mythos der dummen Vorfahren abtun.

Ich nahm an, dass Christen entweder ernsthaft und wirklich glauben, dass Jesus Kranke duch Handauflegen und Besprechung geheilt hat, dass sie glauben, dass er für „unsere Sünden“ gestorben und wahrhaftig auferstanden sei… oder das einfach als unglaubwürdig ignorieren. Ich habe das Konzept der Sünden nicht verstanden und das Konzept der Auferstehung schon gar nicht. Von Trinität und Transsubstantiation ganz zu schweigen.

Ich nahm an, als Christ muss man diesen unverständlichen Unfug entweder schlicht und einfach blind glauben und sich das wider jeden gesunden Menschenverstand einbleuen … oder man tut es als Folklore und Verrücktheiten von ein paar abgehobenen Klerikern ab.

Die meisten Christen können oft die einfachsten theologischen Selbstverständlichkeiten nicht verstehen und bezeichnen sie schlicht als unverständlich. Sie verweisen stattdessen auf das Vorbild Jesu und die Zehn Gebote. Vielleicht tausend Mal habe ich von Christen wie Atheisten schon gehört: Jaaaa, die Zehn Gebote. Wenn sich die Leute nur daran hielten, da wäre die Welt schon viel besser.

Ich habe im Neuen Testament bei Lukas gelesen, dass Jesus sagt: „Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde – bringt sie her und schlachtet sie vor meinen Augen ab!“

Der Religionsstifter des Christentums als brutaler Mörder? Wie ist das möglich? Wieso wird dieser Vers in keinem Gottesdienst verlesen? Wieso weiß das kein normnaler Christ. Da muss man doch was machen!

Die meisten Christen kannten den Vers nicht. Sie kannten das Gleichnis, waren aber von der Deutlichkeit überrascht und teilweise entsetzt. Sie distanzierten sich.

Und das ist ein Symptom für das Problem auf das man häufig im Staatschristentum trifft. Alle sprechen davon, alle identifizieren sich und sehen sich als legitime Vertreter … aber nur sehr sehr wenige haben auch nur den blassesten Schimmer.

Und so entstand der Eindruck, dass man all den unverständlichen Quark blind glauben muss, weil das ja die meisten tun … oder man kann sich zwar Christ nennen, weil sie so einen guten Ruf haben und Karriereoptionen ermöglichen. Aber wirklich und wahrhaftig steckt da keine Wahrheit drin.

Aber da hatte ich weit gefehlt.
ath
Ich ließ die Bibel liegen und dachte mir, dass das ja alles schön und gut sei, aber es gäbe da noch etwas, das mich bewegte und das war der Lebensstil wirklich überzeugter Christen. Diese Klarheit, Ruhe, Freundlichkeit, Geduld, Beharrlichkeit imponierte mir. Das gemeinsame Singen und Beten, das gemeinsame Arbeiten und füreinander einstehen gefiel mir. Die Bereitschaft zum Gespräch und zur Auseinandersetzung tat mir wohl und ich dachte, vielleicht kann man all das Gute ja auch lernen, ohne den Humbug stumpf glauben zu müssen.

Ich besuchte die Gottesdienste eines sehr klugen Pfarrers und wollte mir abgucken, was diese Christen machten und wieso es wirkte und ich machte einfach mit. Und ich hörte die Predigten und die Gebete und sang die Lieder. Ich stand auf und setzte mich hin. Sonntag für Sonntag und Predigt für Predigt wurde mir mehr und mehr klar, dass ICH gemeint bin. Von Mal zu Mal gingen mir die Augen mehr und mehr auf. Hier ging es um MEIN LEBEN. Das war ich, den der Pfarrer da vorn auf der Kanzel ansprach. Und mir wurde klar, dass die Worte der Bibel Gleichnisse(!) für unser Leben im Hier und Jetzt sind. Dass sie nicht wie Tatsachenberichte, nicht wie Erlebnisse fremder Menschen zu lesen sind, sondern als Beschreibung MEINES EIGENEN LEBENS.

Diese Erfahrung gipfelte in einem Gottesdienst in meiner kleinen Dorfkirche. Hier wurde in der Predigt von dem „Eunuchen der Kandake“ gesprochen. Einem Mann, der alles hatte. Einem Mann, der reich und sehr einflussreich war. Einem Mann, der seinem Beruf alles geopfert hatte, sogar die Möglichkeit, Kinder zu zeugen. Dieser Mann hatte sich auf den Weg nach Jerusalem in den Tempel gemacht, um dieses Buch, die Bibel, von dem alle sprachen, zu verstehen, aber auch im Tempel wurde es ihm nicht klar und so klug wie zuvor reiste er ab.

Auf seinem Weg begegnete er Philippus, der von Gott gesandt war. Und Philippus fragt den Eunuchen, der in der Bibel las, ob er denn verstehe was er da lese und der Eunuch sagte, dass er niemanden habe, der ihm das sagen könne. Und da erklärte Philippus ihm die Bibelstelle und macht ihn mit dem Evangelium vertraut … und ich war wie vom Donner gerührt. DAS WAR ES.

Ich hatte einen guten Job, ich verdiente gut aber ich hatte mich entfremdet. Hatte keine Zeit mehr für andere Dinge. Ich gehörte allein meiner Arbeit. Und ich las die Bibel. Ich versuchte das Christentum zu verstehen aber ich verstand es einfach nicht. Ich las und dachte nach. Ich fragte mich und andere, Berufene. Aber da kam nichts. Keine Resonanz. Und dann traf ich meinen Philippus. Und der erklärte mir, wie das, was da steht, zu deuten ist und mir gingen die Augen auf und das Herz über. Ich hatte verstanden, dass das Geheimnis des Glaubens groß ist. Und dass man viel über den Glauben wissen kann, ohne im Glauben zu stehen. Dass man sich als Glaubender bezeichnen kann, ohne einer zu sein. Und ich verstand, dass Glauben eine Gnade ist. Eine, die man sich nicht erarbeiten kann, sondern die gewährt wird, wenn es an der Zeit ist.

Und bei mir war es höchste Zeit …

Ungerechtigkeit

Mai 1st, 2015

Ich habe mir gestern, zur Feier des Tages, den Film „Kingsman“ angeschaut. Das ist eine spannende und lustige Agentenkomödie. Ein Film, der durchgehend unterhält und nicht langweilig wird. Es gibt ein paar Seitenhiebe auf das Genre und ein paar neue Ideen, aber im Grunde ist das ein solide gemachter Unterhaltungsfilm mit einer Prise Verschwörungstheorie. Read the rest of this entry »