Liebe Leser

Oktober 28th, 2010

Der Autor dieses Blogs, den Sie unter dem Namen „sapere aude“ kennen, ist tot. Er starb unerwartet in der Nacht vom vergangenen Sonntag zum Montag.

Dieses Blog wird deshalb nicht weitergeführt. Bitte sehen Sie von Nachfragen zu seiner Identität und seinen Todesumständen ab!

Nachtrag

Herzlichen Dank für die überwältigende Anteilnahme!

In vielen Diskussionen mit Christen stelle ich fest, dass diese der Überzeugung sind, Atheisten seien kalte, emotionslose Technokraten und pragmatische Materialisten, die außerdem als unverbesserliche Nihilisten jede Hoffnung aufgegeben haben und der Welt und ihren Mitlebewesen keinerlei Bedeutung beimessen und sie stattdessen entweder als nützliche oder unnütze Objekte betrachten und entsprechend behandeln.

Atheisten gelten als abgeklärt, rücksichtslos und manipulativ. Mitgefühl, Kreativität oder soziale Kompetenzen werden ihnen ab- oder nur in Ausnahmefällen zugesprochen. Und tatsächlich, unter Atheisten gibt es solche Exemplare – so wie es sie unter Nichtatheisten natürlich auch gibt.

Das Erschreckende aber ist, dass Atheisten dieses stereotype Bild von sich in manchen Fällen sogar bewußt kultivieren und manchmal sanktionieren. Zeigt sich ein Atheist als allzu verträumt und versponnen, emotional oder optimistisch, muss er mit hochgezogenen Augenbrauen rechnen.

Noch viel merkwürdiger ist allerdings die Reaktion von Christen auf die Verwendung lebensphilosophischen Vokabulars durch Atheisten. Begriffe wie Liebe und Vergebung oder Mißgunst, Stolz und Hass, Trauer und Einsamkeit scheinen durch Religionen monopolisiert zu sein. Reagieren doch Theisten nicht selten mit großem Erstaunen auf die Verwendung solcher Begriffe und unterstellen dem atheistischen Autor heimliche Religiosität.

Ein Mittel, sich eine unangenehme und gefährliche Weltanschauung vom Leib zu halten, ist die Dehumanisierung ihrer Vertreter. Atheisten wird die Emotionalität und Empfindsamkeit, sowie eine selbstlose und opferbereite Moral und Ethik schlicht abgesprochen. Begriffe wie Vertrauen, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit gelten als unvereinbar mit dem Atheismus. Christen wissen dabei am besten, was man als Atheist sein muss und was nicht – ein mitfühlender oder sentimentaler Mensch jedenfalls nicht.

Kann man dem Christen aber glaubhaft machen, dass man Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe praktiziert, wird man für das Christentum zwangsvereinnahmt. Die Ursache für die Wertschätzung solcher Einstellungen wird in einer christlichen Erziehung oder wenigstens einer grundsätzlich christlich-abendländischen Kultur vermutet – selbst wenn man im atheistischsten Flecken der Erde aufwuchs.

Deshalb will ich es hier ein für alle Mal sagen: Ich bin hoffnungslos sentimental, emotional und sterbe vor Mitgefühl. Ich habe (soweit ich mich bewußt erinnern kann) noch nie einen Menschen oder Tier geschlagen und so vielen es ging geholfen. Ich bin der Überzeugung, dass die Welt und das Leben sinnvoll sind und ich lebe in Hoffnung auf alles, was kommt. Ich empfinde Liebe und Vertrauen und bin bereit zur Vergebung – was mir leicht fällt, weil ich ein schlechtes Gedächtnis habe. Ich halte Schwachheit und Armut für eine Tugend und sehne den Tag herbei, an dem jede Art von Herrschaft abgeschafft ist.

Und ich bin Atheist. Mindestens in der dritten Generation. Ich bin in einem atheistischen Land aufgewachsen und habe bis zu meinem 14. Lebensjahr noch nie von einem „Gott“ gehört. Danach habe ich diese Hypothese über viele Jahre intensiv überdacht … und – bis auf weiteres – verworfen.

Ich bin Skeptiker – auch mir und meinen Überzeugungen gegenüber. Und ich bin unendlich neugierig. Ich diskutiere mit Christen, weil ich nicht verstehen kann, wie man einer totalitären Ideologie anhängen muss, wenn all das, was man am Christentum so richtig und wichtig findet, auch zu haben ist, ohne gleichzeitig die häßliche Kröte „selbstwidersprüchliche Absurdität, totalitärer Personenkult und Mitverantwortung für 2000 Jahre monströse Gewalt“ schlucken zu müssen.

Wer kennt es nicht, das oft wiederholte Wort des Märtyrertheologen Bonhoeffer:

knut

Knut Dahl behauptet, dass Bonhoeffer nicht scherzte, als er sich das einfallen ließ. Und meint, diesen Spruch sinnvoll erklären zu können. Ich bin gespannt.

UPDATE

Knut zieht es vor, den Schwanz einzuziehen. Er begründet das, indem er sich mit Jesus und mich mit dem Teufel vergleicht. Warum bin ich nicht überrascht?

knut2

Exactly

Oktober 8th, 2010