Endlich

August 9th, 2010

religionfree

Der Film “Holy Wars” wirft einen Blick hinter die Kulissen eines 1400 Jahre alten Konfliktes zwischen Islam und Christentum. Der Film folgt einem radikalen christlichen Missionar und einem radikalen muslimischen Konvertiten. Beide glauben an den apokalyptischen Endkampf nach dem die jeweils eigene Religion ultimativ die Welt beherrschen wird.

http://holywars.tv/

Das evangelikale “Medienmagazin Pro” ist sich sicher:

“Je wichtiger Religion im Leben eines Menschen ist, desto zufriedener ist er. Menschen, in deren Leben der Glaube im Laufe der Zeit an Bedeutung verliert, sind im Durchschnitt unzufriedener. Zu diesem Ergebnis ist eine internationale Forschergruppe gekommen und belegt erstmals: Glück ist keine Glückssache.”

Und tatsächlich hat die “internationale Forschergruppe” im Journal of Positive Psychology eine Studie veröffentlicht, die ganz klar zeigt: Wer öfter in die Kirche geht und deshalb meint, Religion sei wichtig für ihn, wird zufriedener. Und das zeigen die Forscher sogar im Rahmen von Längsschnittdaten. Solche Daten sind besonders aussagekräftig, weil sie – im Idealfall – kausale Schlüsse zulassen. Also sowas wie “Religion macht glücklich”. Und Bruce Headey, Juergen Schupp, Ingrid Tucci und Gert G. Wagner nehmen für ihre Studie den Idealfall an. Sie haben nämlich die Daten des German Socio-Economic Panel Survey (SOEP) analysiert. Für den wurde in einem Fragebogen u.a. folgende Fragen gestellt:

1. Wie zufrieden sind sie mit ihrem Leben (1 = total unzufrieden – 10 = total zufrieden)
2. Wie wichtig ist Religion in ihrem Leben (1= Komplett unwichtig 4 = Sehr wichtig)
3. Wie oft besuchen sie die Kirche oder unternehmen andere religiöse Aktivitäten (1= Mindestens einmal die Woche 4 = Nie)

Und die Zusammenhänge sind erstaunlich. Denn die “Wichtigkeit von Religion” und “Religiöse Aktivität” weisen einen signifikanten Zusammenhang auf. Und nicht nur das, beide weisen außerdem einen signifikanten Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit auf. Und damit noch nicht genug: Je stärker die religiösen Aktivitäten über die Jahre zunahmen, desto zufriedener fühlten sich die Leute – und je mehr sie abnahmen, desto unzufriedener waren sie.

Nun könnte man annehmen, dass den Forschern sofort einfällt, wie diese aufregenden Effekte zu erklären wären. Ist es aber nicht. Sie argumentieren verkürzt kausal: Religiosität verursacht Lebenszufriedenheit.

Dabei weiß doch jedes Kind, dass vor allem soziale Aktivität und Eingebundenheit glücklich und zufrieden machen. Einsamkeit macht dagegen traurig. Aber scheinbar kommen Bruce Headey, Juergen Schupp, Ingrid Tucci und Gert G. Wagner nicht auf diese wenig originelle Idee.

atheisten

Adam Okulicz-Kozaryn von der Harvard University war da ein paar Schritte weiter. In seiner Studie “Religiosity and life satisfaction across nations.” in der er die Daten des World Values Survey analysierte, stellte er fest, dass die Beziehung zwischen Religion und Lebenszufriedenheit zunächst grundsätzlich bimodal ist. Religiöse Menschen scheinen nämlich entweder besonders zufrieden oder besonders unzufrieden zu sein. Religionsformen, die soziale Aktivität fördern, sagen außerdem hohe Lebenszufriedenheit vorher. Menschen haben ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Religion befriedigt das nicht selten. Auf der anderen Seite sagen Religionsformen, die keine sozialen Aktivitäten beinhalten, keinerlei höhere Lebenszufriedenheit vorher. Die Wirkung von Religiosität ist darüber hinaus natürlich stark kontextabhängig. Religiöse Menschen sind in religiösen Ländern zufriedener. Adam Okulicz-Kozaryn schlußfolgert:

“Mit anderen Worten, nicht Religiosität per se macht die Menschen glücklich, sondern das soziale Netz das sie anbietet.

Sowas steht natürlich nicht im “Medienmagazin Pro”. Das wäre dann doch wohl zu differenziert. Und würde bedeuten, dass Atheisten nicht weniger glücklich sind als Theisten. Undenkbar.

Literaturhinweise:

Headey, B., Schupp, J., Tucci, I., & Wagner, G. (2010). Authentic happiness theory supported by impact of religion on life satisfaction: A longitudinal analysis with data for Germany. The Journal of Positive Psychology, 5(1), 73-82.

Okulicz-Kozaryn, A. (2010). Religiosity and life satisfaction across nations. Mental Health, Religion & Culture, 13(2), 155-169.

Yahweh’s Amazing Miracle

August 6th, 2010

Sehr schön auch die Reaktion eines Youtubers:


“you reflected upon god with your understanding of the human mind.. what u see and what u know only constraints you within yourself as we all have limited knowledge… to view god as an individual equal to us will conclude in distorted perception.. ur knowledge so far is a fragment of an illusion or truth .. a small fragment only tells of you .. if god is complete and your reflecting upon him with ur fragment obviously ur understanding of him will be very linear and distorted.”

Nonstampcollector antwortete darauf folgendermaßen:

Would you agree that god cannot be represented in the pages of a book written by humans? And that to base one’s world view around such a book is misguided?

In seinem Text „Ewigkeit“ über „die unheilbar an Geisteskrankheit, an Krebs oder Aussatz Leidenden, die selbst ihre Erlösung wünschen“, „neugeborene Kinder mit Defekten“ und „Mißgeburten“ schrieb er: „Eine kleine Dosis Morphium oder Cyankali würde nicht nur diese bedauernswerten Geschöpfe selbst, sondern auch ihre Angehörigen von der Last eines langjährigen, wertlosen und qualvollen Daseins befreien.“

haeckel

How to be alone

August 3rd, 2010

via derangierte einsichten

Agnostiker

August 2nd, 2010

“Aber Du benutzt die selbe Taktik, um zu versuchen, Dich mir überlegen zu fühlen!” “Sorry, dieser Vorwurf erlischt nach einmaliger Nutzung pro Gespräch.”

Mehr bei xkcd.com

Marginaler Vulgäratheismus

August 1st, 2010

Der “Neue Atheismus” ist en vogue. Christliche Akademien und Bildungsreinrichtungen beschäftigen sich intensiv mit den Herausforderungen des neuen und überraschend erfolgreichen politischen Antitheismus. Der Facettenreichtum der Reaktionen ist jedoch bisher beschränkt auf eigentlich zwei Gruppen von Atheismuskritikern. Wohlgemerkt: Kritikern! Der Kritik des Neoatheismus werden keine Antworten auf die drängenden Fragen nach der realen Existenz von “Göttern” und der Rechtfertigung theistischer Religionen gegeben – stattdessen wird wird einfach zurückkritisiert.

I. Der Flügel der eher akademisch-theologischen Provenienz macht in den Werken und im Wirken der prominentesten Vertreter der modernen Religionskritik vor allem banalen Vulgäratheismus ohne Neuigkeitswert aus. Für sie sind Dawkins, Dennett, Harris und Hitchens lediglich fachfremde Clowns, deren roher Religionshass den Ansprüchen einer wahrhaftigen intellektuellen Auseinandersetzung nicht genügt. Ihre Argumente werden als alt und – wegen ihres angeblichen Hetzcharakters – als nicht satisfaktionsfähig abgetan. Stattdessen wendet man sich mit hochgezogener Augenbraue ab und lieber lammfrommen, publizistisch deutlich weniger einflussreichen und vor allem unkritischen Publikationen aus dem Spektrum der nichtreligiösen Autoren zu, die Religion als gesellschaftliche Notwendigkeit zumindest anerkennen – wobei sie sich selbst mit dem abgenutzten habermasschen Aperçu “religiös unmusikalisch” zu sein, dem uneingeschränkt herrschenden Monotheismus unterwerfen. Von Theologen anerkannte Autoren sind deshalb ausschließlich Philosophen, wie Assmann, Sloterdijk oder eben Habermas.

Im Rahmen dieser hochnäsigen Abqualifizierung des Neuen Atheismus als doch nur religionsähnliche Propaganda ohne echte philosophische Tiefe und Breite argumentiert z.B. Prof. Dr. Klaus Müller, seines Zeichens Münsterscher Professor für Philosophische Grundfragen der Theologie. Im März 2010 hielt er im Domforum Köln einen Vortrag zum Thema Neuer Atheismus? Alte Klischees, aggressive Töne, heilsame Provokationen. Das Domradio hat diesen Vortrag aufgezeichnet und bietet ihn im Rahmen der Sendung “Kopfhörer” auf seiner Webeseite als Podcast zum Nachhören an.

In diesem Vortrag widmet Klaus Müller den Inhalten der Religionskritik von Dawkins, Dennett, Harris und Hitchens keine Zeile. Die Namen der prominenten Neuen Atheisten dienen lediglich als Popanz an dem er seine Abscheu gegenüber dem medial und publizistisch zuhöchst erfolgreichen Neuen Atheismus abarbeitet – um sich anschließend hauptsächlich der jüngsten Publikation des Publizisten Peter Sloterdijk, “Du mußt dein Leben ändern”, zu widmen.

Sloterdijk rettet den Monotheismus in seiner Schrift, indem er ihn als bloßes Streben nach Verwollkommnung – wie jedes andere Üben auch – karikiert. Das gefällt Klaus Müller, bestätigt es doch seine Überzeugung vom unerreichbaren Ideal seiner Ideologie.

II. Die zweite Gruppe umtriebiger Atheismuskritiker ist natürlich vor allem unter Religionspublizisten- und journalisten zu finden. Sie scheuen die direkte Konfrontation mit den Argumenten der Neuen Atheisten nicht, sie erklären jedoch deren Religionskritik ihrerseits ebenfalls kurzerhand zur Religion, um sich anschließend genüßlich den angeblich unverrückbaren Glaubensgewißheiten der “fundamentalistischen Darwinisten” und deren schrecklichen Folgen in den kommunistischen Regimen des 20. Jahrhunderts zu widmen. Indem sie den Atheismus ihrerseits zur Religion erklären, wird er zu einem vermeintlich leichten Ziel. Weiß doch jeder, welch mörderische Folgen Theokratien in den letzten Jahrtausenden hatten und auch heute noch weiterhin haben. Dass sich Atheismus zur Religion verhält wie eine Glatze zu einem Haarschnitt, ist diesen Religionspublizisten nicht beizubringen. Zu eingängig ist die Behauptung Atheismus hätte einen religiösen Charakter.

Neben den üblichen Verdächtigen, die zu Allem und Jedem etwas zu sagen haben und die sich auch nicht scheuen, das öffentlich zu tun, gehören in diesem Fall der evangelische Theologe Dr. Richard Schröder und der katholische Psychiater Dr. Manfred Lütz. Beide haben sich ausgiebig zu den Autoren des Neuen Atheismus geäußert und gehen sogar scheinbar auf einige Argumente ein – jedoch nur auf die, die es ermöglichen, die Position des Neuen Atheismus durch Dekontextualisierung maximal ad absurdum zu führen. Damit bieten sie den journalistischen Leichtgewichten Reinhard Bingener, Dr. Benno Kirsch und Dr. Alexander Kissler den geeigneten Hintergrund, ihrerseits deftige Breitseiten gegen den Neuen Atheismus zu schießen.

Alexander Kissler ist in seiner vernichtenden Kritik des Neuen Atheismus naturgemäß weniger differenziert und damit auch weniger zimperlich als seine akademischen Kollegen. Er erlaubt sich gern eine möglichst drastische Überzeichnung atheistisch-humanistischer Alternativen zu den ethischen Geboten etablierter Monotheismen. Bei Kissler sind die Neuen Atheisten scheinbar eine Art respekt- und gefühllose Monster, die die Tötung von Kindern und Lebensunlustigen zur Selbstverständlichkeit machen wollen.

Auch Kissler hat zu seinen Thesen über die “Neoatheisten” einen Vortrag gehalten, der vom Domradio dokumentiert wurde. Unter dem Titel Galle, Gift und Gotteswahn. Der Neue Atheismus auf dem Vormarsch schwadronierte Kissler im April 2010 im Erzbischöflichen Priesterseminar zu Köln über die unverschämten Neoatheisten.

Kissler, ganz Katholik, greift sich dabei einzelne Beispiele atheistischer “Frechheiten” heraus, um sie vor seinem Publikum genüßlich auszustellen: Seht her, so roh und ungeschlacht sind sie, die Neoatheisten. Behaupten sie doch in einem Kinderbuch(!) “Wer Gott kennt, dem fehlt etwas” und zwar im Oberstübchen. Dass diesem Satz, gesprochen von einem Schweinchen und einem Igel, die allseits bekannte These vorausging “Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas”, weshalb sich Schwein und Igel überhaupt erst auf den Weg machten, um nach Indizien für diese steile These zu suchen, unterschlägt Kissler. Das aber ist die ganz Crux der Geschichte, die so erst Sinn macht. Atheisten sind permanent konfrontiert mit der Behauptung, dass Atheismus ein Mangel sei. Ein Mangel an Empfindsamkeit, ethischer und spiritueller. Dieser Frechheit begegnen Schweinchen und Igel ihrerseits mit einer Frechheit – die prompt zur allseitigen Empörung bei den scheinbar Empfindsameren führt.

Und auch mit dem überwiegend atheistischen Ostdeutschland hat Kissler seine Freude. In seinem Buch “Der aufgeklärte Gott – Wie Religion zur Vernunft kam” stellte Kissler einst fest:

“Natürlich kann man auch umgekehrt fragen, ob es nicht einem ganzen Land (Anm.: wie der DDR) zum Verhängnis geraten kann, wenn die nachfolgende Generation ganz glaubenslos heranwächst. Oft füllen die emotionale Lücke im Seelenhaushalt und den Leerraum im Kopf dann leider nicht die Bücher der Humanisten, tritt kein Seneca oder Epikur an die Stelle der Bibel, sondern dumpfester Egoismus. Wer daran zweifelt, der besuche des Nachts eine tschechische oder russische oder ostdeutsche Kleinstadt und frage eine tumbe Jugend, wer denn nun ihr Nächster sei.”

Dem könnte man nun entgegensetzen,

“Natürlich kann man auch umgekehrt fragen, ob es nicht einem ganzen Land (Anm.: wie der BRD) zum Verhängnis geraten kann, wenn die nachfolgende Generation ganz glaubensfest heranwächst. Oft füllen die emotionale Lücke im Seelenhaushalt und den Leerraum im Kopf dann leider nicht die Bücher der christlichen Humanisten, extrahiert man keinen Erasmus oder Bonhöffer aus der Bibel, sondern dumpfesten Fundamentalismus. Wer daran zweifelt, der besuche des Nachts eine amerikanische oder polnische oder bayerische Kleinstadt und frage eine tumbe Jugend, wer denn nun ihr Nächster sei.”

Und auch die Jugendweihe hat es Kissler angetan. Mit vielen Worten wird da das Beispiel eines Jungen aus Dresden dargestellt, der in einer Werbebroschüre für die Jugendweihe zitiert wird damit, dass Atheismus super sei, weil man sich da aussuchen könne, was einem Spaß macht. Diesem Zitat folgt – wie so oft in Kisslers Vortrag – beredtes Schweigen auf die Absurditäten des Neoatheismus.

Doch im Grunde geht es Kissler in seinem Vortrag um die politische Agenda des Neuen Atheismus, der die Religion zur Privatsache erklären will. Und so endet Kissler nicht, ohne zu erwähnen, dass das öffentliche Bekenntnis zum Christentum viele Menschen auf der Welt das Leben kostet. Was Kissler hier nun nicht erwähnt, ist, dass das Bekennentnis zum Atheismus in manchen theokratischen Ländern auf dieser Welt den sofortigen Tod zur Folge hat – in überwiegend säkularen Staaten haben Theisten derlei nicht mehr zu befürchten. Und bitte, ersparen wir uns an dieser Stelle die Aufrechnung der Opferzahl!

Insgesamt kann man konstatieren, dass Antworten der Theisten auf die kritischen Fragen der Neoatheisten, zur Rechtfertigung des Theismus angesichts jüngster naturwissenschaftlicher, bibelhistorischer und neurophilosophischer Erkenntnisse ausbleiben. Die Theisten tun stattdessen das, worauf sie sich am besten verstehen, sie stellen die Tradition, die intellektuelle Kreativität und die Autorität des Atheismus infrage. Da wird darauf herumgeritten, dass der Theismus eine mehr als 2000-jährige Tradition hat, während der Atheismus erst im vorletzten Jahrhundert sein Haupt erhob. Da wird die Ideenlosigkeit des Neoatheismus und die Unkennntnis theologischer Tradition gescholten und selbstverständlich wird die Größe religionskritischer Organisationen thematisiert und man stellt fest, dass Atheisten ihre Versammlungen “in einer Telefonzelle” abhalten könnten, da sie es nicht schaffen, sich vergleichsweise straff zu organisieren, wie die Theisten. Dass die Autoren des Neoatheismus als Nichttheologen ihrer Aufgabe in den Augen der Theisten a priori nicht gewachsen sind, versteht sich von selbst.

Tradition, Inspiration und Autorität, das sind die Kategorien durch die sich der Theismus ausschließlich definiert. Dass es Fakten gibt, Fakten, die dem Theismus unzweideutig widersprechen und denen sich Tradition, Inspiration und Autorität beugen müssen, wird in der Kritik der modernen Religionskritik stillschweigend ignoriert.

Sie fordern bedingungs- und kritiklosen Respekt ihrer Ansichten und erklären ihre Ignoranz zur Tugend, weil sie kein Argument haben.

Die Aufgabe des Neuen Atheismus ist es, die schiere Nacktheit des grausamen Kaisers Theismus schonunglos zu benennen – auch wenn Theisten nicht müde werden zu behaupten, man sei lediglich blind für die Schönheit seiner Staffage … und auch wenn man sich dann einen billigen Pornographen schimpfen lassen muss.

gal