Wie ist das Verhältnis der katholischen Bloggerseiten zu den atheistischen? Gibt es zwischen beiden Diskussionen oder Kämpfe?
(…) Das Problem ist, dass im Internet in sehr kurzer Zeit eine große Atheisten-Szene entstanden ist, in der ganz komische Standards herrschen. Darüber ließ sich einiges sagen.

Was halten Sie von den Kampagnen und deren Durchführung auf den atheistischen Seiten?

Das ist ein wahnsinnig komplexes Thema. Es spielen so viele Faktoren eine Rolle. Zum einen lässt sich ja überhaupt nicht mit Sicherheit sagen, wie viele der Atheisten, die momentan im Internet aktiv sind oder sich an bestimmten Kampagnen beteiligen, wirklich Atheisten sind und nicht einfach nur junge Leute mit einem ganzen Haufen legitimer Fragen, die einen hippen Trend wittern und probeweise mal aufspringen. Die Art und Weise, wie auf bestimmten Atheisten-Seiten argumentiert und operiert wird, legt jedenfalls die Vermutung nahe, dass da nur in den seltensten Fällen tatsächlich ein reifer, gewachsener Atheismus dahintersteckt. Man merkt das schnell, wenn man mal ein wenig herumliest. Auf der einen Seite findet man plötzlich nicht wenige Leute, die wissen, was eine „ignoratio elenchi“ oder eine „petitio principii“ ist und wie man einen gültigen Syllogismus bildet. Aber andererseits wird auf diesen Atheisten-Seiten zum Beispiel immer wieder die physische Unterscheidung zwischen „etwas“ und „nichts“ in einen Topf geworfen mit der metaphysischen Unterscheidung zwischen „Existenz“ und „Nicht-Existenz“. Wäre ich ganz böse, nähme ich einfach an, dass diese Themen auf Wikipedia noch nicht behandelt wurden. Zudem geht es auf den Atheisten-Seiten auch nicht immer um Gott, sondern darum, wie böse die Religionen sind. Und da wird mit einem Doppel-Standard operiert, den ich auch auf meinem Blog schon hin und wieder einmal beklagt habe: Passiert im Namen einer Religion etwas Übles, dann ist das die Schuld der Religion selbst, die ihrerseits übel ist. Passiert im Namen einer Religion Gutes, dann wird das entweder gleich ignoriert, oder es werden atemberaubende logische Salti vollzogen um zu demonstrieren, dass hier nur Individuen am Werk waren, die zufällig einmal nicht so handelten, wie ihre Religion es eigentlich von ihnen verlangt. Da der „neue“ Atheismus ja mittlerweile Züge trägt, die denen der Religionen nicht unähnlich sind (Hohepriester; dünnhäutige Gläubige, die auf jede Kritik reagieren wie auf ein Sakrileg; sich anbahnende Schismen zwischen diversen Wortführern und deren Anhängern) gehe ich einfach mal davon aus, dass sich in Zukunft auch so etwas entwickeln wird, wie der Cafeteria-Atheist oder der Atheist, der einfach aus seiner Kirche austritt.

Weiterlesen kann man das hier: http://amroemsten.blogspot.com/2010/04/das-interview.html

14 Responses to “Atheistenblogs aus der Sicht eines katholischen Bloggers”

  1. Tweets that mention sapere aude » Blog Archive » Atheistenblogs aus der Sicht eines katholischen Bloggers -- Topsy.com Says:

    […] This post was mentioned on Twitter by sapere aude, Thüringer Blogs. Thüringer Blogs said: Atheistenblogs aus der Sicht eines katholischen Bloggers: Wie ist das Verhältnis der katholischen Bloggerseiten zu… http://bit.ly/crhTW0 […]

  2. Stefan Says:

    “reifer,gewachsener Atheismus”. Wow.

    Also sind alle die Menschen, die kein Philosophiestudium als Grundlage ihres nicht-Glaubens vorweisen können wohl unreife, Modeatheisten.

  3. sapere Says:

    Ja, was glaubst du denn, denkst Du Atheismus bedeutet, einfach anzuerkennen, dass es keine “Götter” gibt?

    Nein, ein “reifer Atheist” im Sinne dieses Katholiken ist man wohlmöglich erst, wenn man nicht ein Philosophie- sondern ein Theologiestudium vorweisen kann.

    Wie schrieb Dakwins einst so schön allegorisch in seinem “Gotteswahn” über die “Wissenschaft” von “Des Kaisers neue Kleider”:

    “Dieser Dawkins hat offensichtlich den detaillierten Bericht des Grafen Rodrigo von Sevilla über die exquisite und exotische Beschaffenheit des Leders der Schuhe unseres geliebten Kaisers nicht gelesen, noch hat er auch nur einen Moment Aufmerksamkeit an Bellinis Meisterwerk „Über die Lumineszenz des gefederten Hutes des Kaisers“ verschwendet. Wir haben ganze Schulen, die ganz und gar dem gelehrten Schrifttum über die Schönheit der Kleider unseres geliebten Kaisers gewidmet sind, und jede größere Zeitung hat eine Abteilung, die einzig und allein der kaiserlichen Gewandung Achtung schenkt.

    Dawkins ignoriert diese philosophischen Erwägungen hochmütigst, um den Kaiser ungehobelterweise der bloßen Nacktheit zu zeihen.

    Bis dass dieser Dawkins nicht in den Boutiquen von Paris und Mailand in die Lehre gegangen ist, bis dass er nicht den Unterschied zwischen einem gerüschten Volant und einem gebauschten Pantalon kennt, sollten wir alle großzügig annehmen, dass er sich nicht wider den Geschmack des Kaisers geäußert hat. Sein Wissen im Bereich der Biologie könnte ihm zwar die Fähigkeit verleihen, herumschwingende Genitalien zu identifizieren, wenn er welche sieht, aber es verleiht im natürlich in keinster Weise die Fähigkeit der angemessenen Würdigung idealisierter Stoffe, wie der unseres geliebten Kaisers”

  4. Joerg Says:

    Ne, es ist noch etwas anderes, diese Leute können sich einfach nicht vorstellen dass man kein religiös, als unverrückbar-vorgestelltes Haus aufweisen kann.

  5. alipius Says:

    Hmm… angesichts der bisherigen Kommentare drängt sich mir ganz stark so ein “quod erat demonstrandum”-Gefühl auf.

    Der erste Kommentar ist schlicht ein Null-Schluß, da ich ja – wenn man den Kontext beachtet – weder sage, daß es überhaupt keinen reifen, gewachsenen Atheismus gibt, noch behaupte ich, daß ein Philosophie- oder Theologie Vorausstzung für einen solchen sind (wobei ein Philosophiestudium sicherlich hilfreich ist).

    Der zweite Kommentar operiert auch mit Vermutungen (“… wohlmöglich [sic!] erst…”) und wechselt dann einfach die Kategorien indem er die Debatte verlagert von einem Gott, dessen Nicht-Existenz nicht bewiesen ist, zu einem Kaiser, dessen Nacktheit allen offen vor Augen steht, auch wenn sie nicht wagen, sie anzusprechen.

    Also etwas mehr Mühe solltet Ihr Euch schon geben.

  6. sapere Says:

    alipius, zunächst Dank für die sprachliche Korrektur! Ein Fehler, der mir als Fehler gar nicht bewußt war.

    Zum ersten Einwand (Der erste Kommentar ist schlicht ein Null-Schluß …):

    Stefan behauptet auch nicht, dass Du sagst, dass es “überhaupt keinen reifen, gewachsenen Atheismus” gäbe, sondern überdehnt Dein Argument lediglich ironisch.

    Die Ironie (griechisch εἰρωνεία eironeía, wörtlich „Verstellung, Vortäuschung“) ist eine Äußerung, die – häufig unausgesprochene – Erwartungen aufdeckt, indem zum Schein das Gegenteil behauptet wird.

    Leider erschließt sich Ironie natürlich nur intuitiv-intersubjektiv und nicht logisch. Pech für Dich.

    Zum zweiten Einwand (Der zweite Kommentar operiert auch mit Vermutungen …):

    Es handelt sich – anders als von Dir angenommen – nicht um einen unzulässigen Kategorienwechsel, sondern um eine Allegorie. Und zwar eine mehr als passende.

    Den Beweis der Nichtexistenz von Nichtexistentem zu fordern, sollte als unter dem Niveau eines (möglicherweise) philosophisch-wissenschaftstheoretisch vorgebildeten Menschen zu erkennen sein.

    Also, etwas mehr Mühe solltest Du Dir schon geben.

    Anfangen könntest Du z.B. mit einer nachvollziehbaren Definition der Kombination der Buchstaben g,t und o zu dem bisher bedeutungslosen Wort “Gott”.

  7. skydaddy Says:

    Nur der Korrektheit halber: Die oben zitierte “Antwort eines Höflings” stammt nicht von Dawkins selbst, sondern m.W. von PZ Myers. Dawkins hat sie aber in den späteren Auflagen des “Gotteswahns” unter Hinweis auf PZ abgedruckt.

  8. sapere Says:

    Vielen Dank! Hier das Original von PZ himself:

    http://scienceblogs.com/pharyngula/2006/12/the_courtiers_reply.php

  9. alipius Says:

    sapere,

    hier mal ein paar Synonyme des Wortes “also” (mit dem Stefan seinen Kommentar begann): daher, darum, deswegen, folglich, deshalb, somit, resultierend, aus diesem Grund…; und gleich noch ein paar für das Wort “wohl”: mutmaßlich, vermutlich, wahrscheinlich, anscheinend, eigentlich, augenscheinlich… Du kriegst die grobe Richtung mit.

    Es ist richtig, daß Ironie vorliegt, wenn Stefan seine Aussage etwa so formuliert: “Klar! Denn alle die Menschen, die kein Philosophiestudium als Grundlage ihres Nicht-Glaubens vorweisen können sind unreife Modeatheisten”. Ein ganz anderes Bild entsteht durch das “also” und das “wohl”, welche eben nicht zum Schein irgendein Gegenteil behaupten, sondern (siehe die Synonyme) resultierend aus meinen Aussagen mutmaßen, daß ich diese Meinung vertrete.

    Zum zweiten Einwand: Ich habe lediglich erwähnt, daß die Nichtexistenz Gottes nicht bewiesen werden kann; ich habe mit keinem Wort einen Beweis für die Nichtexistenz einer Nichtexistenz gefordert.

    Aber zum eigentlichen Thema bzw zu des Kaisers neuen Kleidern: Ein eitler Kaiser und seine etwas depperten Höflinge lassen sich aufschwatzen, daß der Kaiser großartige Kleider trägt, die aber nur entsprechend gebildete Leute sehen können. Die Leute sehen die Kleider nicht, sie reagieren trotzdem entzückt, weil sie nicht als Dubele enttarnt werden wollen. Sie können die Kleider auch nicht sehen, da sie nicht da sind. Ein Kleiner Bub, unbefangen und unschmeichlerisch, sagt, was alle denken: Aber der Kaiser hat ja gar nichts an! Denn dieser Bub sah und sprach. Er gab einfach in Worten wieder, was er sah, was sich seinen Sinnen bot.

    Es stellt sich die Frage: Wo ist die für eine gültige Allegorie notwendige Ähnlichkeitsbeziehung zwischen dem nackten Kaiser und Gott, wenn der Eine gesehen wird und der Andere nicht? All die Millionen von Seiten, die Theologen im Laufe der Jahrhunderte über Gott verfaßten, wurden ja nicht geschrieben, nachdem sie Gott bei Kaffee und Kuchen interviewt hatten. Diesen Männern stand genau das zur Verfügung, was Dawkins heute auch nutzt: Ihre Sinne und ihr Verstand. Hinzu kommt bei Ihnen dann noch der Glaube, bei Dawkins der Unglaube.

    Also ich kann hier beim besten Willen keine passende oder gültige Allegorie erkennen.

    Ich glaube nicht, daß ich Gott nachvollziehbar definieren kann. Das Beste, was ich momentan anbieten kann ist, zu schreiben was Gott für mich ist und wie ich ihn daher persönlich für mich definiere. Dann ersetze ich das “Ich” durch “Du”, nicht als Zwangsmaßnahme, sondern um zu illustrieren, was Gott für Dich “sein könnte”. Ob das nachvollziehbar ist, laß ich erst einmal dahingestellt. Aber wenn es dich interessiert und wenn du willst, okay, dann schreibe ich gerne ein paar Zeilen dazu.

  10. Stefan Says:

    Zu deiner Interpretation meines Kommentars: Du liegst richtig. Genau das war die Nachricht, die ich aus deinem Artikel heraus gelesen habe.

    Möglich, dass Du etwas anderes meinstest – aber s.o.

    Ich finde es auch immer interessant, wenn Atheist immer mit “Glaubt, dass es keinen Gott gibt” gleich gesetzt wird. Denn eigentlich sagt es nur aus: “Glaubt nicht an Gott” also besser gesagt: “Ist von der Gotteshypothese nicht überzeugt”.

    Darin steckt nicht zwangsläufig die Aussage, dass eine (wie auch immer geartete) Gottesexistenz ausgeschlossen ist.

    Auch aus diesem Grund bin ich zu der o.g. Interpreation deines Beitrags gekommen.

  11. sapere Says:

    Punkt 1:

    Was doch so eine Blogkommentardiskussion an erleuchtenden Erkenntnissen zutage fördert. Es ist offenbar so, dass Stefan mutmaßt, dass Du die Sicht vertrittst, dass Atheisten ohne Philosophiestudium unreife Modeatheisten seien. Ich sehe nicht, wo Stefan behauptet, dass Du behauptest, dass es keinen “reifen, gewachsenen Atheismus” gäbe. Dafür, dass Du von der Existenz eines solchen Paradoxons ausgehst, sprich ja, dass Du sein Gegenteil beklagst.

    Aber an Deinem Kommentar sieht man, dass Du das mit der Ironie immer noch nicht verstanden hast.

    Der Begriff des “reifen Atheismus” ist in sich absurd.

    Menschen sind geborene Atheisten. Zum Theisten im christlichen Sinne wird man durch Indoktrination. Dass man der christlichen Ideologie argumentativ nur begegnen kann, wenn man diese auch studiert hat – so wie jeder anderen menschenverachtenden Ideologie, wie z.B. dem Kommunismus oder Nationalsozialismus – ist ebenso einleuchtend. Man könnte also – wenn überhaupt – nur einen “reifen, gewachsenen Antikatholizismus” o.ä. entwickeln. Atheismus ist die “default”-Einstellung.

    Wenn also ein Atheist Dein Argument vom “reifen Atheismus” umkehrt und überdehnt entspricht das dem GEGENTEIL seiner eigenen Sicht.

    Punkt 2:

    Du schreibst:

    “Ich habe lediglich erwähnt, daß die Nichtexistenz Gottes nicht bewiesen werden kann; ich habe mit keinem Wort einen Beweis für die Nichtexistenz einer Nichtexistenz gefordert.”

    Natürlich hast Du das. Wenn es existent wäre, wäre seine Exisenz bereits evident. Nur zur Information: Wenn Du von der Existenz eines XYZ ausgehst, dann solltest Du das zeigen können. Es gibt nämlich nichts, das mit absoulter Sicherheit existiert und dessen Existenz nicht nachgewiesen werden kann – oder hättest Du Gegenbeispiele?

    Andererseits dürfte ja wohl klar sein, dass man die Nichtexistenz eines Objekts ABC nicht beweisen kann, da es ja nicht existiert.

    Wenn Du also behauptest Dein “Gott”-Dingens existiere, dann bist DU in der Beweispflicht, nicht ich. Denn auch Du könntest die Nichtexistenz eines nichtexistenten Objektes nicht beweisen, die Existenz eines existierenden MUSS sich dagegen immer beweisen lassen – wenn Du darüber irgendwie sinnvoll sprechen willst.

    Punkt 3:

    Du hast die Geschichte fast komplett erfasst – mit einem entscheidenden Fehler: “Gott” ist in der Geschichte nicht der Kaiser, sondern die Kleider!

    Lies die Geschichte noch einmal unter diesem Aspekt. Geht Dir nun ein Licht auf?

    Die Millionen von Seiten wurden von Millionen von Theologen über die Eigenschaften und Taten eines nichtexistenten Wesens verfasst.

    Der Junge in der Geschichte vom Kaiser, ist in diesem Fall Atheist.Er sieht keine Kleider wo auch keine sind. Anders als die Höflinge des Kaisers.

    Was Deine “persönliche Beziehung” zu diesem “Gott” angeht:

    Es mag wichtig für Dich sein, Liebe zu empfinden, Dich um Menschenrechte zu bemühen und allen Menschen Freiheit zu wünschen. Vielleicht liest Du manchmal eine Sherlock-Holmes-Geschichte oder ein Märchen der Gebrüder Grimm. Und ich kann das als Mitmensch vielleicht alles nachvollziehen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass es sich bei diesen Phänomenen um rein menschliche Wahrnehmungen und rein kognitive und intersubjetive Konstrukte handelt. Ohne Menschen gibt es keine Menschenrechte, keine Liebe, keine Freiheit, keinen Sherlock Holmes und kein Märchen.

    Dein “Gott” ist ein ebensolches Konstrukt. Es befindet sich nur in Deinem Kopf. Du schreibst “ihm” Eigenschaften zu und kommunizierst mit “ihm”. Dabei führst Du in Wahrheit Selbstgespräche in denen Du Dich eigentlich nur selbst bestätigen kannst.

    Tatsächlich ist die “persönlich Beziehung” mit einem angeblichen “höchsten Wesen” der Gipfel des Egozentrismus. Glaubt man doch, die eigenen Gedanken als Inspirationen eines “Gottes” identifizieren zu können und legitimiert damit die absurdesten Dinge.

    Hast Du darüber mal nachgedacht? Hältst Du es für möglich, dass es genau so ist?

  12. alipius Says:

    Ich gehe jetzt mal – um es knapp zu halten – nur auf den dritten Punkt ein, weil ich nicht noch weiter in die Tiefen eines Rabulismus absinken will, in dem vermutet wird, wer was gesagt hat oder gesagt haben will und das dann als Kriterium herangezogen wird, um zu untersuchen, ob jemand Ironie versteht.

    Ich habe anfangs auch gedacht “Woah! Die wollen doch wohl nicht sagen, daß hier die Kleider für Gott stehen?”, hab das aber dann gleich wieder verworfen. Jetzt wird Gott in dieser Geschichte also tatsächlich doch von den Kleidern dargestellt?

    Wie sehr auch immer Du “wissen” magst, daß Gott nicht existiert, Du kannst als “Allegorie” in einer Debatte nicht ein Szenario wählen, in der von vorneherein der Standpunkt der Gegenseite überhaupt nicht gegeben ist. Jeder, der “Des Kaisers neue Kleider” liest, weiß, daß diese Kleider nicht existieren. Jeder der Höflinge sieht, daß diese Kleider nicht existieren, tut aber so, als seien sie da. Von den Leuten, die sich heute um die Frage nach Gott balgen, “weiß” nur ein Teil, daß Gott nicht existiert. Die “Allegorie” startet also bereits unter falschen Voraussetzungen, indem sie das Wissen dieses Teils als etwas darstellt, das von allen Beteiligten zwangsläufg auch so gesehen werden muß. Es ist zwar ein hilfreicher Trick, die Realität des Glaubens und der Religion von vorneherein auszublenden; hilfreich ist es in einer solchen Debatte nicht.

    Ich erkläre auch gerne, warum: Hier wird, wie schon vom mir im Interview beklagt, ein großer Fehler gemacht: Die physische Unterscheidung zwischen „etwas“ und „nichts“ (im Sinne von “Keine solche Sache”; hier: Kleider) wird in einen Topf geworfen mit der metaphysischen Unterscheidung zwischen „Existenz“ und „Nicht-Existenz“.

    Und, nein, ich halte es nicht für möglich, daß es genau so ist. Es ist natürlich eine Erfahrung, die Du noch nicht gemacht hast, aber ich verspreche Dir: Wenn Gott dich innerlich berührt, dann spielt sich da etwas ab auf einer Ebene, die weit jenseits von Sherlock-Holmes-Stories, Menschenrechts-Romantik, Reefer-Rausch, Liebesempfindungen oder dem Konjuktiv liegt.

  13. Max Headroom Says:

    @alipius
    Kleine Frage: Es gibt ja “Modeatheisten”, die wegen fehlender philosophisch/theologischer Ausbildung einen nicht “passgerechten” Atheismus vertreten. Darf ich dann davon ausgehen, dass sogenannte “Nichtraucher” einen Non-Raucherismus ebenfalls nicht “passgerecht” ausüben, weil ihnen mangels Nikotinzufuhr oder gar der biologischen Fachausbildung als Mediziner keine Kompetenz zugerechnet werden darf ? 😉
    Bin ich nun glücklich, weil ich ein “Cafeteria-Atheist” bin ? Ein unreifer Nonphilosoph ? Ein “nichtverstehender” Ex-Christ ? Ein “nicht von Gott berührter” Mensch ?
    Was soll ich bloß dazu sagen… 😉 .

    Es ist völlig irrelevant, ob man nun etwas in ein Topf wirft oder nicht. Die Gottheit, dieses Konstrukt mit der ihr zugewiesenen Eigenschaften (Liebe, Gerechtigkeit, Väterlichkeit, …) bleibt solange ein gedankliches Konstrukt – mitsammt allen “gefühlten Erfahrungen” – wie es andere Gestalten in der Fantasie ebenfalls sind. Ich bezweifle sehr stark, dass eine Übernatürlichkeit durch “intensive Gefühle” auf unsere Welt wirken kann oder darf. Oder will man die Theodizee ausklammern, weil sie dann greifen würde ? 😉 .

    Die Einbildung dieser Gottheit (oder anderer Gottheiten) sind einzing und allein das Produkt der Geistesleistung der gläubigen Person. Und es ist schön, wenn mehrere Gläubige gemeinsam über “ihr” Fantasiewesen reden. Andere “glauben” nicht an ihr Wesen. Sie erkennen die Nacktheit des … nein. Das ist ja kein passendes Argument, weil man einen (nicht)existenten Stoff keinesfalls mit einer (nicht)existenten übernatürlichen Entität verwechseln sollte. Einem Wesen, der alle Fähigkeiten bei weitem übertrifft, aber “irgendwie doch nicht” in unserer Welt erkenn- oder gar messbar ist 😉 . Oder soll ich nun einen Unterschied zwischen “Nicht-Existenz” und “Existenz” machen, weil man immer noch nicht die Behauptung belegen kann, dass eine Gottheit existiert ? Wahrlich amüsant 🙂 . Für mich bleiben Gottheiten weiterhin “Non-Existent”, solange man sie nicht nachweisen kann. Und für einen Nachweis benötige ich überprüfbare Werte, keine “intensive Gefühle”, die man bei der Meditation / Gebet / Trance erleben kann. Die lassen sich nämlich auf natürliche Prozesse zurückführen und sind bei weitem kein Beleg einer (gar denkenden und mitfühlenden) Supernatürlichkeit 🙂

  14. sapere Says:

    Da hast Du Recht, alipius, erheblich interessanter als die Diskussion, was Stefan wohl gemeint haben könnte, ist tatsächlich die Frage worum es sich bei Deinem ominösen “Gott” handeln soll.

    Und Du siehst das ganz richtig. Die Atheisten wollen sagen, dass es sich bei aller “Theologie” einerseits um substanzlose Kaffeesatzleserei handelt, die andererseits sehr stark von menschlichen Bedürfnissen nach Gehorsam und Konformität geprägt ist.

    So legen die monotheistischen Religionen sehr großen Wert auf Unterordnung und bis hin zum Kadavergehorsam, der daurch natürlich die Wahrheit gern unterdrückt und verschweigt.

    Und eben das ist in dem Märchen sehr gut dargestellt.

    Es ist doch so, jeder halbwegs vernünftige und sensible Mensch sieht und begreift, dass mit den theologischen Konzepten von “Göttern” etwas nicht stimmen kann. Auch Du weißt, das es darin keine harmonische Konsistenz gibt. Es gibt eklatante Widersprüche.

    Man versucht dann, sich diese irgendwie zurechtzubiegen und kreativ zu erklären. Das ändert nur leider nichts an der Tatsache, dass es keine Götter gibt.

    Da man mit theologischem Hokuspokus aber noch immer Geld verdienen kann, schweigt man lieber still.

    Insofern wird in dem Märchen also nichts “ausgeblendet”, sondern der Sachverhalt angemessen abgebildet.

    Die “Realität des Glaubens” ist eine Illusion. Genau so wie jede andere optische, akustische oder taktile Halluzination und anschließende kognitive Fehlinterpreation der illusionären Daten.

    Du siehst als Theist etwas, wo faktisch nichts ist. Denn es ist weg, wenn Du weg bist.

    Deine subjektive “Erfahrung” legitimiert in keiner Weise die objektive Existenz eines wie auch immer gearteten Objekts. Du kannst Dir sicher sein, dass Du irrst.

    Und um noch einmal Deine scheinbar so klare Unterscheidung zwischen Physik und Metaphysik aufzugreifen: Du hast doch sicher schon mal einen Blick in Immanuel Kants Transzendentale Analytik geworfen.

    Ich empfehle Dir zur Anwendung des metaphysischen Existenzbegriffs auf LEERE BEGRIFFE wie z.B. den Begriff “Gott” Immanuel Kants Meditationen über die Unterscheidungen des Nichts.

    „Nichts“ ist demnach zu betrachten als

    1. Leerer Begriff ohne Gegenstand (ens rationis – gedachtes etwas)

    2. Leerer Gegenstand eines Begriffs (nihil privativum – subjektives nichts)

    3. Leere Anschauung ohne Gegenstand (ens imaginarium – Fiktion)

    4. Leerer Gegenstand ohne Begriff (nihil negativum – Abwesenheit des Nichts)

    „Man siehet, daß das Gedankending (n.1) von dem Unding (n4) dadurch unterschieden werde, dass jenes nicht unter die Möglichkeiten gezählet werden darf, weil es bloß Erdichtung (obzwar nicht widersprechende) ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt ist, indem der Begriff sogar sich selbst aufhebt. Beide sind aber leere Begriffe. Dagegen sind das nihil privativum (n.2) und ens imaginarium (n.3) leere data zu Begriffen. Wenn das Licht nicht den Sinnen gegeben worden, so kann man auch keine Finsternis, und wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen worden, keinen Raum vorstellen. Die Negation sowohl, als die bloße Form der Anschauung, sind, ohne ein Reales, keine Objekte.“

    (Immanuel Kant “Kritik der reinen Vernunft” Transzendentale Analytik)

    Dein “Gott” ist also – als bloßes Objekt Deiner persönlichen Anschauung – nichts anderes als ein leerer Begriff. Ein Begriff, der sich zwar selbst in manchen Fällen (je nach Definition) nicht mal selbst widerspricht (oft genug tut er es, z.B. im Allmachtsbegriff) – der aber auch nichts bezeichnet.

    D.h. im Umkehrschluss:

    Gott = Nichts

Leave a Reply