Liebe Leser

Januar 3rd, 2010

Ich möchte nur kurz erläutern, was der merkwürdige Blogeintrag vom 31. Dezember 2009 zu bedeuten hat. Ich schrieb:

Es gibt keinen Gott. Es gab nie einen und es wird auch nie einen geben.

Und das ist, nun ja, nichts Außergewöhnliches. Aber dieser Blogeintrag hat eine Geschichte, die regelmäßige Leser dieses Blogs kennen. Ich schrieb nämlich exakt ein Jahr vor diesem Blogeintrag bereits einen weiteren, mit folgendem Wortlaut:

Wir werden in diesem Jahr in diesem Blog ein ganz besonderes Novum wagen. Wir treten der illustren Schar der extraordinären deutschen Propheten bei. Wir werden für das Jahr 2009 eine außergewöhnliche Prophezeiung abgeben, die zu hundert Prozent garantiert – d.h. definitiv und absolut, ohne jeden Zweifel – zutreffend sein wird. Sie wurde in der Weltgeschichte schon oft versucht und oft für unmöglich erklärt. Am 31. 12. 2009 werden alle Menschen, die diesen Blogeintrag noch einmal lesen, feststellen können, dass es Prognosen gibt, die absolut und uneingeschränkt zuverlässig sind. So unglaublich zuverlässig, dass man buchstäblich sein gesamtes Leben auf diese Vorhersage einrichten kann. Diese Prophezeihung ist so unerhört, dass vor allem sensible Menschen seelisch und moralisch vorbereitet und spirituell gereinigt sein sollten, ehe sie sie lesen. Wegen ihres besonderen, ja sogar ideell hochexplosiven Charakters (für das Eintreffen dieser Prophezeihung sind Menschen bereit, ihr Leben zu opfern) werden wir diese besondere Vorhersage deshalb nur einmal ganz kurz ab Mitternacht, also am 1.1.2009, von 0.00 bis 1.00 Uhr hier an dieser Stelle veröffentlichen und dann wieder – für immer – am 31.12.2009, ab 23.59 Uhr, vor allem um Menschenleben nicht unnötig zu gefährden.

Die Aussage

Es gibt keinen „Gott“.

ist entweder wahr oder falsch. Der „Satz vom ausgeschlossenen Dritten“ läßt keinen anderen Wahrheitswert – z.B. „nicht entscheidbar“ (=Agnostischer Fehlschluss) zu. Allein, auch der „Satz vom ausgeschlossenen Dritten“ hat eine Ausnahme, nämlich bei Aussagen über die Zukunft.

Berühmt ist das von Aristoteles hier gewählte Beispiel der Seeschlacht. Wenn morgen eine Seeschlacht stattfinden wird, ist die Aussage, dass sie morgen stattfinden wird, schon jetzt wahr; wenn sie nicht stattfinden wird, gilt dies für die Aussage „Die Seeschlacht wird nicht stattfinden“. Da nur diese beiden Möglichkeiten bestehen, muss eine der beiden Aussagen schon jetzt der Wahrheit entsprechen und die gegenteilige nicht. Wenn aber dies der Fall ist, können wir nichts tun, was das Gegenteil des jetzt schon Zutreffenden herbeiführen würde. Daraus müsste sich, da dies für jedes künftige Ereignis gilt, ein strenger Determinismus ergeben. Aristoteles lehnt jedoch den Determinismus ab. Daher gibt er für kontingente Ereignisse der Zukunft (lateinisch contingentia futura) den Satz vom ausgeschlossenen Dritten auf.

Aussagen über die Vergangenheit lassen sich aber Wahrheitswerte zuordnen. Wenn also in der Vergangenheit ein Satz über die Zukunft gemacht wurde, der sich als zutreffend erwies, kann diesem Satz der Wahrheitswert „wahr“ zugeordnet werden.

Macht man also die Aussage:

Es gibt keinen „Gott“.

Und ordnet man dem Wort „Gott“ die bekannten theistischen Bedeutungen zu, so kann man sagen, die Aussage ist wahr. Dem Einwand eines theistischen Agnostikers, diese Aussage unterliege nicht dem „Satz vom ausgeschlossenen Dritten“ und sei deshalb nicht entscheidbar, weil man nichts über die mögliche Existenz zukünftiger „Götter“ sagen könne, kann man einerseits mit dem Hinweis auf die angeblich gegenwärtig(!) stattfindende Existenz des „Gottes“ und andererseits mit der bereits mindestens einmal korrekt als wahr gezeigten Aussage über die zukünftige Existenz eines „Gottes“ widerlegen.

Um es mit dem Seeschlachtbeispiel zu sagen: Der Aussage „Eine Seeschlacht findet statt“ kann man einen Wahrheitswert zuordnen. Ist dies eine Aussage über die Zukunft gewesen und konnte dieser Aussage zum Zeitpunkt ihrer Aufstellung noch kein Wahrheitswert zugeordnet werden, so kann ihr spätestens nach Ablauf eines festgelegten Zeitraums in der Zukunft ein entsprechender Wahrheitswert zugeordnet werden – nämlich spätestens, wenn mindestens ein solches Ereignis eintritt – oder nach Ablauf einer bestimmten Frist nicht eingetreten ist.

Da aber von einem „Gott“ behauptet wird, er existiere permanent und nicht erst in einer unbestimmten Zukunft, muss der Aussage

Es gibt keinen „Gott“.

ein Wahrheitswert zugeordnet werden können. Nämlich der Wahrheitswert:

WAHR.