Am heutigen 9. November 2009, zwanzig Jahre nach der Wende, hört man in vielen öffentlichen Reden von Menschen, die damals nicht dabei waren, viele große Worte. Gern und oft taucht in diesen Predigten von Vertretern der Bundesregierung und der Kirchen in letzter Zeit ein Satz auf, der die damalige Lage besonders beeindruckend wiedergeben soll:

“Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und auf Gebete.”

Bischof Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, hat ihn →zitiert. Heute, im großen Gedenkgottesdienst in der Gethsemane-Kirche zu Berlin. Ein “Leipziger Einsatzleiter” soll diesen Satz gesagt haben.

Doch hier irrt Huber.

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Und er bleibt nicht der einzige. Und natürlich wird dieser Satz allen möglichen Repräsentanten des DDR-Staatsapparates in den Mund geschoben. Stasi-Chef Mielke →soll ihn gesagt haben. Oder er soll – nur ganz nebulös – “von staatlicher Seite” bzw. von →”einem Menschen aus dem ZK der SED” kommen.

Dagegen ist der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee →überzeugt:

Die Öffnung der Grenze ist der Höhepunkt neben dem 9. Oktober. „Wir haben mit allem gerechnet“, sagte der Stasioffizier „außer mit Kerzen und Gebeten. Wir waren auf alles vorbereitet, außer auf Kerzen und Gebete.“ Das ist der entscheidende Punkt.

Dass dieser Satz von einem Leipziger Polizisten oder Stasioffizier stammt, ist allerdings eine Erfindung des Schriftstellers Erich Loest. Erich Loest läßt in seinem Roman „Nikolaikirche“ drei Stasioffiziere über das reden, was im Herbst 1989 geschehen ist, und er läßt einen der drei sagen: „Auf alles waren wir vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“. Der Roman “Nikolaikirche” wurde inzwischen auch verfilmt und so hat es dieses Zitat wohl unauslöschlich in die Köpfe der Menschen geschafft.

Der Theologe und Politiker Richard Schröder (SPD) →sagte dazu bei einer Rede am 26. Oktober diesen Jahres:

“Horst Sindermann (SED), damals Volkskammerpräsident, hat später gesagt: „Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Erich Loest hat dieses Wort in seinem Buch Nikolaikirche in dichterischer Freiheit dem Leipziger Polizeichef in den Mund gelegt. Es stammt aber von Sindermann. Er gehörte zu den wenigen Politbüromitgliedern mit Abitur.”

Horst Sindermann also. Die Bundeskanzlerin hat diese Version ebenso →kolportiert, wie das →Kirchenamt der EKD. Sogar eine →offizielle Broschüre der Bundesregierung wartet mit einer Zuschreibung dieses ominösen Satzes an Horst Sindermann auf.

Aber auch Horst Sindermann hat diese Worte vermutlich nie gesagt. Sindermann äußerte sich nur noch einmal öffentlich nach seinem Sturz in einem →Interview mit dem SPIEGEL. Darin finden sich die nun so oft zitierten Worte nicht. Stattdessen sagte Sindermann:

“Mir kommt es darauf an, ganz klar zu sagen: Wir sind vom Volk davongejagt worden, nicht von einer “Konterrevolution”. Wir würden uns doch lächerlich machen, wenn wir Bärbel Bohley, Pfarrer Eppelmann und andere zu “Konterrevolutionären” erklären wollten. Der gewaltfreie Aufstand paßte nicht in unsere Theorie. Wir haben ihn nicht erwartet, und er hat uns wehrlos gemacht.

Kein Wort von Kerzen, keins von “Gebeten”. Stattdessen der gewaltfreie Aufstand ganz normaler Menschen, überwiegend Atheisten.

Das Zitat von den “Kerzen und Gebeten” ist nichts anderes als eine wohlfeile Legende im Dienste der Reinwaschungsbemühungen von Kirchen und christlichen Parteien im Kampf um die Deutungshoheit über die kurze Phase eines politischen Aufbruchs in der Zeit von 1989 bis zum 3. Oktober 1990.

4 Responses to ““Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete””

  1. Jan-Niklas Runge Says:

    Echt lächerlich. Wie singt schon die Band No Respect “candlelights won’t scare no one.”. Aber wir kennen das ja von der Kirche und ihren Zombies. :/

  2. Apologet Says:

    Danke für den Hinweis, dass das Zitat nicht authentisch ist.

    Ich habe darum meinen Blogeintrag zurückgezogen, weil die Apologie des Evangeliums sich selbstverständlich nur auf authentische Aussagen stützen darf.

    Das Evangelium selbst stützt sich sowieso nur auf die Verkündigung der Propheten und Apostel – also auf die Bibel.

    In diesem Sinn auf eine weitere faire Debatte.

  3. sapere Says:

    Lieber Apologet,

    Du meinst es offenbar ernst. Das respektiere ich. Wenn Du Dich allerdings in der Apologie des Evangeliums nur auf authentische Aussagen stützen darfst, dann bekommst Du mit der Bibel einige Probleme. Die Bibel ist über die Jahrtausende mehrfach verändert und umgeschrieben worden.

    Vielleicht hilft Dir das hier weiter:

    http://www.bibelzitate.de/wsidb.html

    http://www.bibelzitate.de/fidb.html

    Solltest Du des Englischen mächtig sein, empfielt sich diese Seite:

    http://www.skepticsannotatedbible.com/

    Ein wichtiges Buch zum Thema ist übrigens:

    http://is.gd/4RVOo

    Alles Gute!

  4. THÜRINGER BLOGZENTRALE » Blog Archive » Legendenbildung: Die Kirche und die Revolution 1989 Says:

    […] von dem Politbüromitglied, das dieses Einknicken vor Kerzen und Gebeten zugegeben haben soll, →ist eine Legende. Eine Legende, die sich rasend schnell verbreitet. Dabei ist gerade den damals wichtigsten […]

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