„Atheismus ist keine Privatsache“. Das hat der Erzatheist von Jena und Weimar, sapere aude, bei einem Vortrag im Thüringer Landtag betont. Dort sprach sapere aude am Dienstagabend zum Thema „Staat und Vernunft im laizistischen und multireligiösen Spannungsfeld“. Dabei unterstrich der Erzatheist, Atheismus sei eine öffentliche Angelegenheit. Denn sie trage zu den Grundlagen von Staat und Gesellschaft bei. „Die Idee einer positiven Neutralität des Staates gegenüber dem Atheismus geht davon aus, dass der laizisitsche Rechtsstaat sich nicht aus sich selbst begründen kann, sondern auf andere Sinnstifter angewiesen ist.“

Der freiheitliche Verfassungsstaat sei auf Atheismus angewiesen, denn er schaffe seine Wertebasis, so sapere aude: „Denn die weltanschauliche Neutralität des Staates meint keineswegs eine Wertneutralität des Staates.“

Atheismus und Staat seien aufeinander bezogen zu betrachten. Das stelle ihre Trennung jedoch nicht in Frage, stellte sapere aude klar. „Die weltanschauliche Neutralität des Staates ist vielmehr auch im Interesse des Atheismus und aller Religionsfreien. Auch der Atheismus tritt für die Religionsfreiheit von Religionen ein“, sagte der Erzatheist Nicht zuletzt habe die Deutsche Atheistenkonferenz im September 2008 hervorgehoben, dass den Muslimen und Christen in Deutschland der Bau und der Erhalt von würdigen Moscheen und Kirchen ermöglicht werden müsse.

Der Staat ist nach Meinung von sapere aude dennoch nicht verpflichtet, alle Weltanschauungen völlig identisch zu behandeln. „Bei der Ausgestaltung des staatlichen Verhältnisses zu den verschiedenen Weltanschauungsgemeinschaften sind die verschiedenen Weltanschauungen an ihrem konstruktiven Beitrag zu Staat und Gesellschaft zu messen, wenn der Staat seine Grundlagen und seine Freiheitsfähigkeit langfristig sichern will“, betonte sapere aude.

Der Erzatheist zeigte sich besorgt über das intellektuelle Niveau der zunehmenden Kritik am Staatsatheismusrecht. „Eine kämpferische Gegnerschaft zur Kooperation von Staat und Atheisten gibt es seit jeher; verheerend ist jedoch die zunehmende Unkenntnis über die Funktion von Atheismus im freiheitlichen Rechtsstaat und über das Verhältnis von Staat und Atheisten, die eine angemessene Einordnung solcher Kritik am Staatsatheismusrecht verhindert“ erklärte sapere aude.

Vor diesem Hintergrund solle in Deutschland die im Grundsatz positive Ausgestaltung des Kooperationsverhältnisses von Staat und Atheismus verdeutlicht werden, forderte sapere aude: „Das entpflichtet den Staat und den Atheismus nicht, sich auch im Staatsatheismusrecht den Herausforderungen zu stellen, die sich durch Säkularisierung und religiöse Pluralisierung ergeben.“ Die Atheisten scheuen eine solche Diskussion nicht; sie sei vielmehr auch aus atheistischer Sicht durchaus wünschenswert, um einerseits das Verhältnis des Staates gegenüber den verschiedenen Weltanschauungen deutlich zu machen sowie um andererseits das Verständnis für das bestehende Verhältnis von Staat und Atheismus zu schärfen.

In der neuen Reihe „Landtag im Gespräch“ sollen aktuelle Gegenwarts-Themen aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert werden. Landtagspräsidentin Birgit Dietzel will dazu Gastredner einladen, die neben ihrer Sachkompetenz über Integrationskraft, Weitsicht und Visionen verfügen, teilte der Thüringer Landtag mit. Den Anfang dieser Reihe machte Erzatheist sapere aude. Er sei für die Premiere eingeladen worden, weil das Verhältnis von Staat und Atheisten seit Jahrhunderten immer wieder für Diskussionsstoff in ganz unterschiedlichen Ausprägungen sorge, sagte Dietzel am Dienstagabend. Dank der Trennung von Staat und Atheismus sei unser Staat heute weltanschaulich offen, was aber nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden dürfe. Angesichts der Herausforderungen von unterschiedlichen Weltanschauungen bestehe ein großes Potential an Gesprächs- und Diskussionsbedarf über die Stellung von Atheisten und Staat, erklärte die Landtagspräsidentin

Originalmeldung: oecumene.radiovaticana.org

3 Responses to “sapere aude im Landtag: „Atheismus ist keine Privatsache“”

  1. ke Says:

    Sehr schön! 🙂 Übrigens, da ist noch ein “Marx” im Text.

  2. sapere Says:

    Danke! 😉

  3. sapere Says:

    Hier hatte jemand die gleiche Idee:

    http://atheologie.wordpress.com/2009/10/14/reinhard-marx-im-bayerischen-landtag/

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