Am morgigen Sonntag sind Bundestagswahlen. Voraussichtlich wird dann erneut eine Partei die Regierungsgeschäfte übernehmen, die bereits in den letzten vier Jahren (und Jahrzehnte davor) explizit und ungeniert religiöse Politik gemacht hat. Im Grundsatzprogramm der Christlich Demokratischen Union steht u.a.:

„Das christliche Verständnis vom Menschen gibt uns die ethische Grundlage für verantwortliche Politik … Unsere Politik beruht auf dem christlichen Verständnis vom Menschen und seiner Verantwortung vor Gott … Wir verstehen den Menschen als Teil der Schöpfung … Das christliche Menschenbild leitet uns auch in Zukunft … Nach christlichem Verständnis sind Mensch, Natur und Umwelt Schöpfung Gottes … Wir bekennen uns zur Präambel des Grundgesetzes und damit zu unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen. Das Grundgesetz beruht auf Werten, die christlichen Ursprungs sind … Christliche Symbole müssen im öffentlichen Raum sichtbar
bleiben.“

Auch Politiker anderer Parteien vertreten ausdrücklich die Ansicht, dass Christen sich bewußt in die Politik einbringen sollten. Selbst prominente Politiker der Partei Die Linke tragen ihre religiösen Vorstellungen ungehindert in die Politik:


Der Christ Bodo Ramelow

Es ist an der Zeit, dass dem ein konsequentes Gegengewicht gegenübergestellt wird. Die Gründung einer explizit atheistischen Partei ist in Deutschland überfällig. Einer atheistischen Partei, die die Welt- und Wertvorstellungen von Atheisten, ihre politischen Überzeugungen und ihre Hoffnungen für eine friedliche, gerechte, lebenswerte und unzerstörte Welt in der politischen Öffentlichkeit vertritt, notwendigen inhaltlichen Auseinandersetzungen ein repräsentatives Forum gibt und die Kräfte der deutschen Atheisten bündelt.

Im gesellschaftlichen Bereich bekennender Atheisten gibt es sehr unterschiedliche Meinungen über Krieg und Frieden, Gerechtigkeit und Streben nach Glück, Umweltschutz und Wachstum. Aber es gibt unveräußerliche Grundpositionen. Diese zu diskutieren, festzulegen und nach Außen zu vertreten, dazu dazu sollte eine Partei deutscher Atheisten dienen.

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16 Responses to “Gründung einer deutschen Atheisten-Partei”

  1. Nic Says:

    Mein Freund,

    schau Dir doch mal bitte an, was die Piraten im Parteiprogramm zu stehen haben: die strikte Trennung von Kirche und Staat…
    Es gibt die Partei, die Du suchst bereits 🙂

  2. sapere Says:

    Ich kann im Parteiprogramm der Piratenpartei zu diesem Thema nichts finden. Hast Du eventuell einen Link?

    Im Übrigen geht bei der Gründung einer Atheistenpartei nicht nur um eine Trennung von Kirche und Staat, denn die gibt es in Deutschland bereits (im Gegensatz z.B. zu Großbritannien), sondern eben um die Gründung einer Partei von Atheisten.

    Das hat den einfachen Sinn, der Christenparteien und Christenpolitik ein Gegengewicht gegenüberzustellen und sich der Diskussion auch auf politischer Ebene zu öffnen.

    Das Primat der Politik einer Atheistenpartei ist in dem Fall nicht der ungehinderte Zugang zu Datenquellen, oder irgend ein anderes Nebenthema, sondern die Vertretung explizit atheistischer Politik, die für Bürger wählbar ist und damit auch sichtbare gesellschaftliche Akzeptanz erhält.

  3. Nic Says:

    Piratenlinks:
    http://wiki.piratenpartei.de/Bundestagswahl_2009/Wahlprogramm#Bildung_als_individueller_Prozess
    und auch in meinem Blog hab ich mich damit auseinandergesetzt:
    http://nicsbloghaus.org/index.php?/archives/868-Die-Piraten-und-der-Atheismus.html

    Innerhalb der Piraten gibt es eine AG zu diesem Thema – richtig los geht es aber erst nach der Wahl.

  4. sapere Says:

    Auch da kann ich nichts zur Trennung von Staat und Religion finden.

    Dass in Schulen und Univeritäten nur objektives Wissen vermittelt werden sollte, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

    Die Piratenpartei ist nun mal keine atheistische Partei.

    Es geht aber um die Gründung einer Partei, die sich ganz klar zum Atheismus und Skeptizismus bekennt – so wie die CDU das mit dem Christentum tut.

  5. MPhil Says:

    Ich habe mich damit – schon allein an der Uni im Fach politische Philosophie – lange und tiefgehend auseinandergesetzt. Meines Erachtens ist eine Atheistenpartei auch eine schlechte Idee, weil übergreifende Weltanschauungen in der Politik keinen Platz haben sollten.

    Eine laizistisch-sekuläre Partei wäre vollkommen i.O., aber weltanschauliche Politik hat den unüberwindbaren Nachteil, dass sie nicht vor Leuten anderer Weltanschauungen legitimiert werden kann, wenn die Politik sich eben selbst aus einer Weltanschauung legitimiert.

    Deshalb sollten im Rahmen der Politik nur Begründungen auftreten (und gelten), die auf Weltanschauungs-unabhängigen Gründen basieren. Das hat m.E. der politische Philosoph John Rawls sehr gut dargestellt.

    Ich würde es auch für sinnvoller halten, sich evtl. in der Piratenpartei für Laizismus und aufklärerische Bildungspolitik einzusetzen. So vermeidet man auch noch mehr Zersplitterung.

  6. sapere Says:

    Richtig, übergreifende Weltanschauungen sollten sich aus der Politik fernhalten.

    Fakt ist, in Deutschland gibt es eine christliche Partei. Diese Partei stellt seit Jahrzehnten den Regierungschef. Deshalb bedarf es eines Gegengewichts.

    Die Arbeit der Atheistenpartei ist erledigt, wenn Religiöses in der Politik nicht mehr zu finden ist.

    Dann sollte sich die Atheistenpartei selbst auflösen. Bis dahin – und das wird wohl der Sankt Nimmerleinstag sein – braucht es eine politische Initiative von Atheisten.

    Du schreibst:

    “weltanschauliche Politik hat den unüberwindbaren Nachteil, dass sie nicht vor Leuten anderer Weltanschauungen legitimiert werden kann, wenn die Politik sich eben selbst aus einer Weltanschauung legitimiert.”

    Das scheint für die CDU nicht zu gelten.

    Du schreibst weiter:

    “Deshalb sollten im Rahmen der Politik nur Begründungen auftreten (und gelten), die auf Weltanschauungs-unabhängigen Gründen basieren.”

    Das wäre in einer Atheisten-Partei der Fall. Atheismus ist keine Weltanschauung. Atheismus ist der vernünftige Normalfall. 🙂

    Aus dem Atheismsu läßt sich nichts ableiten. Das ist auch gar nicht nötig. Es geht nur darum, dass Atheisten ein Gesicht bekommen und nicht nur die größte deutsche Minderheit nach den Frauen sind.

    Die Piratenpartei ist unwählbar, und das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist ihr Alter, ein weiterer ihre politischen Schwerpunkte.

    Eine Partei, die das Internet zu ihrer wichtigsten Aufgabe macht, hat keine Ahnung von den wirklich wichtigen Dingen.

  7. Tom Says:

    Prinzipiell finde ich die Idee sehr interessant, ich würde mich allerdings mehr auf den Humanismus berufen, als explizit auf den Atheismus. Was mich nämlich an den christlichen Parteien oder allgemein am Christentum stört ist dieser moralische “Hoheitsanspruch”, also die Behauptung, Moral und Ethik könnten nur aus dem Christentum entwachsen. Dem ist nämlich eindeutig nicht so. Wir leben in Deutschland in erster Linie keine christlichen, sondern humanistische Werte. Alles, was bei uns christlich ist, ist doch mittlerweile mehr oder weniger nur noch Tradition. Die wenigsten feiern z.B. Weihnachten, weil sie wirklich religiös sind, sondern weil man halt Weihnachten einfach feiert.

    Ich würde also lieber eine humanistische Partei in Deutschland sehen, die eben explizit humanistische Politik – ganz deutlich aber auch ohne jeden Bezug zu Religionen – betreibt.

  8. sapere Says:

    Tom, das Problem dabei ist, dass es bereits eine Humanistische Partei gibt, die nicht so besonders positiv beleumundet ist.

    Eine Berufung auf den Humanismus ist also nur in Grenzen hilfreich.

    Darüber hinaus ist der Humanismus ebenfalls mit bestimmten festgelegten absoluten Wertvorstellungen verbunden – “Der Mensch als das Maß der Dinge”.

    Der Atheismus trifft keine Wertaussagen. Als Atheist ist man sich nur im Klaren, dass es keine absoluten Werte gibt, sondern dass diese immer eine Sache der Verhandlung von Individuen ist.

    Und ja, Du hast Recht. Traditionen und Feierlichkeiten und ähnliche Dinge gelten heute für alle gleich. Ganz egal, ob ihnen klar ist, dass es keine Götter gibt oder nicht. Eine Atheistenpartei würde sich in meiner Vorstellung jednefalls auch für die Fortführung von Kultur und Tradition einsetzen – aber auch dazu beitragen, dass sich Kultur und Tradition weiterentwickeln können und nicht erstarren.

    Eine Atheistenpartei soll, wie oben bereits gesagt, ein Gegengewicht zu der großen christlichen Partei bilden und zeigen, dass Atheisten respektable Bürger der deutschen Zivilgesellschaft sind und zu politischer Auseinandersetzung fähig.

  9. MPhil Says:

    @sapere:

    “Das scheint für die CDU nicht zu gelten.”

    Na ja doch, tut es – es interessiert nur kaum jemanden. Es geht ja nicht darum, ob Leute die Politik gut finden oder nicht, nur dass weltanschauliche Begründungen eben nur aus der jeweiligen Weltanschauung heraus Gültigkeit haben können, also legitimiert sind. Leute, die diese Weltanschauung nicht teilen können immernoch die Beschlüsse gut finden, nur können eben weltanschauliche Begründungen vor ihnen nicht gelten.

    re: “Atheismus ist keine Weltanschauung.”

    Naja – die Reine Abwesenheit von einem Glauben an Gottheiten nicht, aber der Atheismus, der um die Gottesvorstellungen und Religionen weiß, und diese ablehnt, beinhaltet mehr – Säkularismus, Laizismus etc. – ein solcher Atheismus hat definitiv Weltanschaulichen Charakter. Er ist etwas anderes als der non-theismus eines Kleinkindes, dass noch nichts von Göttern und Religionen gehört hat.

    re: “Fakt ist, in Deutschland gibt es eine christliche Partei. Diese Partei stellt seit Jahrzehnten den Regierungschef. Deshalb bedarf es eines Gegengewichts.”

    Atheismus kann kein Gegengewicht dazu bilden – es geht ja nicht darum, dass gewisse Leute an Gott glauben, sondern um die Verquickung von Religion und Politik. Das Gegengewicht dazu ist eine laizistisch-säkulare Bestrebung, keine primär atheistische.

    Das hat zwei Hauptvorteile: 1. Die Atheisten, die auch Laizisten sind (also die meisten) haben eine Vertretung, aber auch die Laizisten, die nicht Atheisten sind können eine solche Partei wählen.
    2. Eine solche Partei ist nicht Weltanschaulich gebunden (an einen wie oben dargelegten weltanschaulichen Atheismus)

    re: Piratenpartei

    Ich sehe nicht, warum das Alter einer Partei an sich schon ein Grund gegen Ihre Wählbarkeit sein sollte.

    Weiterhin zeigt das Parteiprogramm, dass es den Leuten um weit mehr als das Internet geht.

    Letztlich sind die Piraten auch dabei, Stellung zu anderen Ressorts zu beziehen – und da scheint mir, ist Vernünftiges zu erwarten.

    Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht ein paar Texte zu Gesellschafts- und Bildungspolitik an die Parteispitze schreibe und dann anfrage, ob die mich nicht dafür gebrauchen könnten.

    Nachdem die Grünen schon längst ihre Laizistischen Bestrebungen und Bestrebungen zu einer rechtlichen Verankerung einer tatsächlichen (also einer genauso negativen wie postiven) Religionsfreiheit verwässert oder gar aufgegeben haben, und weil sie ohne Ahnung von der Wissenschaft aus einer Art quasi-religiösen Verherrlichung des ‘Natürlichen’ (ohne Ahnung zu haben, was Natur ist oder bedeutet) Technologie und Forschung ablehnen sind die für mich unwählbar.

    Linke geht gar nicht, so populistisch und naiv-sozialistisch wie die sind. SPD ist bei mir wegen Kirchenpolitik und Sicherheitspolitik unten durch, CDU/CSU geht schonmal gar nicht… daher bleibt für mich die Linke – und ich denke die wäre ein guter Platz für Laizisten, auch um deren Programm zu prägen.

  10. MPhil Says:

    Aaaarrrg – im letzten Absatz muss es natürlich “die Piratenpartei” statt “die linke” heißen. Peinlicher Fehler. *schüttel*

  11. sapere Says:

    Siehste 😉 Du wirst wahrscheinlich dann doch Die Linke wählen …

    MPhil, es ist doch so wie Du schreibst, “die wäre ein guter Platz für Laizisten, auch um deren Programm zu prägen.”. Eine 3 Jahre alte Partei mit 9000 Mitgliedern (zum Vergleich, die Grünen haben 47.000, die Linke 75.968) und Null Aussagen zur Aussen-, Wirtschafts- Umwelt und Sozialpolitik ist ist sehr leicht zu “prägen” und zwar nicht nur durch Dich. Eine solche Spaß-Partei ist unwählbar.

    Eine Stimme für die Piraten ist eine verschenkte Stimme, die den Grünen gegeben vielleicht das Zünglein an der Waage gegen eine erneute große Koalition (der absolute Horror) sein könnte.

  12. frösi Says:

    isch wär dabei….

    und als zentrale einen von diesen ausgemusterten sakralbauten…. schade das zeitz nicht geklappt hat… aber die gelegenheit kommt wieder….

  13. Till Says:

    No way – es gibt bereits genügend Kleinstparteien (inkl. der Piraten). Lieber in die großen Parteien reingehen (Grüne sind da relativ fortschrittlich) und da für Freiheit von Religion kämpfen!

  14. sapere Says:

    Irrtum, Till, bei den Grünen ist z.B. eine BAG Atheisten unmöglich. Nix mit fortschrittlich.

    Bei einer Atheistenpartei geht es darum, dass man als Atheist politisch Verantwortung übernimmt und zeigt, dass wir da sind.

    Innerhalb etablierter Parteien gibt es immer sehr starke religiöse Kräfte, die einen klaren und offenen Atheismus verhindern wollen.

    Und das Schlimmste: Selbst Atheisten selbst wagen es nicht, sich innerhalb der Partei zu ihrem Atheismus zu bekennen – auch wenn es z.B. bei den Grünen eine BAG ChristInnen gibt. Eine BAG AtheistInnen wird selbst von Atheisten abgelehnt. Mit der Begründung, man wolle niemanden vor den Kopf stoßen.

    Dasselbe passiert Dir in anderen Parteien. Atheisten gelten als Spielverderber und niemand will Christen ihr Spielzeug wegnehmen. Es ist geradezu absurd. Die CDU – eine religiöse Partei – regiert das Land und Atheisten wollen “niemandem ihren Glauben aufzwingen”. Was für ein Irrsinn. Wir sind schon wirklich gut erzogen von der christlichen Mehrheit im Land, die die Rolle der verfolgten Minderheit hervorragend beherrscht 🙂

    Es gibt Atheisten und sie haben das Recht, sich offen dazu zu bekennen. Auch als politische Partei.

  15. Marco Says:

    Da kann ich nur zu einem schon bestehenden “Club” einladen: Der Giordano-Bruno-Stiftung.
    Einfach mal hier schauen: http://www.giordano-bruno-stiftung.de/

    Das Motto “Aufgeklärter Humanismus” paßt sehr gut zu diesem Blog würde ich meinen 😉

    Gruß!

  16. sapere aude » Blog Archive » Humanistische Partei Deutschlands? Says:

    […] jemand Gedanken über eine Atheistenpartei gemacht. Ich hatte diesen Vorschlag bereits einmal in die Runde geworfen und er fiel auf – wie soll man sagen – nicht so extrem fruchtbaren Boden. Kein Wunder. […]

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