In einer Diskussion im dem Blog astrodicticum simplex geht es zur Zeit heiß her. Der Autor hatte ein Posting verfasst, in dem er darauf hinwies, dass sich der der Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe zum Atheismus bekannte. Daran schloss sich eine spannende Diskussion an, die – wie üblich in diesen Fragen – eskalierte und inzwischen rund 200 Kommentare produzierte. Ein paar kamen von mir. Sie führten dazu, dass mir “Jubel” über das DDR-System und “grobe Beleidigung” unterstellt und zwischenzeitlich sogar zu meiner Sperrung aufgefordert wurde.

Eine außerordentlich spannende Diskussion also.

Mein Einstiegskommentar ist ->hier zu finden und die untenstehenden Ausführungen sind nach ->diesem Kommentar anzusiedeln.

DER ATHEISMUS IST KEINE IDEOLOGIE.

Atheismus ist lediglich die bloße Abwesenheit des Glaubens an übernatürliche Männer und Frauen.

Erst wenn es in einer Gesellschaft zum Ausbruch von Theismus kommt, dann sind Atheisten gezwungen, sich mit diesem Theismus auseinanderzusetzen. Wenn der Theismus so erschreckende Ausmaße annimmt, wie zur Zeit weltweit, kann auch bei dem wohlmeinendsten Atheisten ein leichtes Bedrohungsgefühl aufkommen – vor allem, wenn man sich anschaut zu welchen handfesten Konsequenzen Theismus führen kann.

Hierzu möchte ich bitten, sich noch einmal diesen Kommentar und diesen durchzulesen.

Ich persönlich habe trotzdem dem Religiösen gegenüber kein gestörtes Verhältnis. Auch nicht, wenn ich in meinem Blog schreibe, dass …

„Ihr “Herrgott”, Ihr Führer, der in diesem “Gebot” einen Alleingültigkeitsanspruch vertritt, kein Stück anders ist als Adolf Hitler, Joseph Stalin, Pol Pot oder Mao.“

… dann schreibe ich das in dem Zusammenhang, dass die ersten beiden „Gebote“ der berühmten zehn der Bibel lauten:

“Du sollst keine fremden Götter neben mir haben. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation”

Dies ist ein totalitär-absolutistischer Anspruch, der kein Deut besser ist, als die menschenverachtende Ideologie der Nazis und der Bolschewisten. Und insofern vertritt die CDU, die sich dem sogenannten „christlichen Menschenbild“ verpflichtet sieht, eine totalitär-absolutistische Ethik.

Ich habe in meinem Blog auch geschrieben, dass ich – sollte ich mich hier irren – um Aufklärung bitte.

Die Unterstellung eines besinnungslosen und unbelehrbaren Religionshasses, der mir von einem Kommentator unterstellt wird, ist also nichts weiter als billige Propaganda.

Und dass prominente Atheisten den MfS-Vizechef Großmann als Referenten zur PDS in Lichtenberg einladen, ist ein Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes, das die Zwangskonvertierung aller Atheisten zum Theismus per flächendeckenden Religionsunterricht rechtfertigt.

Ein Kommentator ->schreibt:

Das Loben der in der DDR mit besonderem Eifer betriebenen “Aufklärung”, d.h. die in den Schulen stattfindende ideologisierte Hetze gegen die staatskritischen Kirchen ist jedoch in einem ganz anderen Kontext zu sehen, immerhin war diese “Aufklärung” ein Bestandteil des Repressionsapparats. Unter anderem dieser “Aufklärung” ist es immerhin zu verdanken, dass Jugendliche sich im Auftrag des MfS in Bausoldaten-Trupps und junge Gemeinden einschleusen ließen und dabei mithalfen, so machen Regimekritiker mundtot zu machen.

1. In den Schulen der DDR gab es keine systematische ideologisierte Hetze gegen Religion
Sollte das entgegen all mein Wissen doch der Fall gewesen sein, hätte ich dafür gern zweifelsfreie Belege

2. Es gab Hetze gegen Regimekritiker und es gab gezielte Unterwanderung, das betraf auch die Kirchen. Die DDR war eine Diktatur und die Verfolgung organisierter Andersdenkender und Parallelgesellschaften gehört zum üblichen Repertoire von Diktaturen. (Für gewohnheitsmäßige Mißversteher meiner Kommentare füge ich an: Das rechtfertigt dieses Vorgehen in keinster Weise, es war menschenverachtend und grundfalsch)

3. In den Schulen der DDR und auch außerschulisch gab einen hervorragenden naturwissenschaftlichen Unterricht. Außerdem wurden die Schüler über die Religion als Instrument der Machtausübung aufgeklärt. Ich weiß das noch aus eigener Erfahrung.

Der Kommentator ->schreibt weiter:

Jede Partei vertritt irgendwelche Werte – ich kann auch ehrlich gesagt nicht erkennen, was daran verkehrt sein soll. Das “absolut gültig” stört mich allerdings gewaltig, denn einerseits ändern sich die Positionen so gut wie aller Parteien mitunter deutlich, andererseits besteht im demokratischen Mehrparteiensystem immer die Notwendigkeit von Kompromissen und Verhandlungen. Einen Anspruch, “absolut gültige Werte zu vertreten” kann sich allein schon aus pragmatischen Gründen gar keine Partei leisten.

1.Man muß einen Unterschied zwischen den ethischen Grundwerten von Parteien und ihren politischen Positionen machen. Die CDU beruft sich explizit und nicht verhandelbar auf das sogenannte „christliche Menschen- und Gottesbild“. Dieses Menschen- und Gottesbild ist ein unmenschliches und totalitäres. Die politischen Positionen einer Partei sind dagegen natürlich so wandelbar wie ihre Repräsentanten.

2. Die menschenverachtenden Teile der Bibel mögen nicht die Richtschnur für jeden einzelnen Christen bilden. Aber Gewalt- und Unterdrückungsliebhaber finden darin willkommene Bestätigung ihrer krankesten Phantasien.

3. Dass sich die CDU „christlichen Werten“ verpflichtet fühlt, steht nicht „irgendwo“ in ihrem Parteiprogramm. Es ist die Basis ihrer politischen Positionen – z.B. auch zur Stammzelldebatte, zur Abtreibung, zum Religionsunterricht, zur Patientenverfügung, zu Kriegseinsätzen, zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, zur Inneren Sicherheit und nicht zuletzt zur Umweltpolitik.

Der Kommentator ->schreibt außerdem

Wirklich traurig, wie viele sprachliche Dreckkübel alleine in diesem Thread über religiös denkenden Menschen ausgekippt werden. Ich hoffe, dass die hier solches Schreibenden nicht gleichzeitig zu denen gehören, die immer so laut protestieren, wenn ein Herr Mixa oder sonst ein Vertreter der Kirche den Atheismus angreift.

Man beachte bitte die Argumentationslinie dieses Kommentars: Es wird behauptet, es würden „Dreckkübel“ über „religiös denkende Menschen“ ausgekippt.

1. Wird hier kein einziger religiös denkender Mensch erwähnt. Es werden Fakten über bestimmte Religionsformen – nämlich den Monotheismus – aufgezählt und entsprechend belegt. Nämlich, dass sie menschenverachtende, verdummende Ideologien mit totalitär-absolutistischen ethischen Ansprüchen und Hang zum seelischen Kindesmißbrauch sind.

a) ->Menschenverachtung
b) ->Verdummung
c) ->Totalitärer Absolutismus
d) ->Seelischer Kindesmißbrauch

2. Wenn um den Atheismus geht, sind es plötzlich keine „atheistisch denkenden Menschen“ über die rhetorische „Dreckkübel ausgeschüttet“ werden mehr, sondern „der Atheismus“, der von Herrn Mixa lediglich „angegriffen“ wird.

3. Ich stelle den Theismus mit Argumenten in Frage ohne einzelne Theisten persönlich zu beleidigen. Wenn Theisten der Meinung sind, Kreationismus sei keine Verdummung und Schwulenhetze nicht menschenverachtend, dann hätte ich dafür gern eine Erklärung.

Georg Hoffmann schreibt:

Und noch billiger, ist es die Methoden eine Unrechtstaats zu bejubeln, weil gerade mal (der eigenen Meinung nach) die Richtigen erwischt wurden.

Niemand hat hier die „Methoden“ eines Unrechtsstaats „bejubelt“. Wie bereits oben geschrieben, wurden wir in der Schule über Religionen als Macht- und Repressionsinstrument aufgeklärt und darüber, dass es keine Götter, Geister und Dämonen gibt. Das ist ein Fakt, kein Jubel.

Jörg Friedrich ->schreibt

1. Die Gefahr, besteht immer, dass der Gottesglaube durch einen anderen Götzen ersetzt wird. Das war auch der Grund für den “Atheismus” in der DDR (und letztlich ja auch das Ziel dieses Atheismus).

Die „wenn-Religion- weg-ist-kommt-Aberglaube“-Theorie ist falsch. Aberglaube findet sich vor allem bei religiösen Menschen:

Jeffrey Rudski konnte in einer Studie, die im Journal of General Psychology veröffentlicht wurde, zeigen, dass Menschen, die an einen Gott glaubten auch Geister, Telepathie, Geistheilung, Kommunikation mit Verstorbenen, Reinkarnation und Telekinese für möglich hielten. Kia Aarnio hat in ihrer Dissertation zum Thema “Paranormal, superstitious, magical, and religious beliefs” mit 3000 Teilnehmern zeigen können, dass “the more paranormal beliefs one had, the more religious beliefs one had”. (Aarnio, K. (2007). “Paranormal, superstitious, magical, and religious beliefs”. Doctoral Dissertation. University of Helsinki. – Rudski, J. (2003). What does a “superstitious” person believe? Impressions of participants. The Journal of General Psychology, 130, 431-445.)

Jörg Friedrich schreibt weiter:

2. Gerade wenn man von der DDR und den Kirchen spricht, muss man die positiver Rolle der Kirchen 1989 erwähnen. Ohne die Kirchen, die den Bürgerbewegungen die Infrastruktur gegeben haben, und ohne den lutherischen Mut (hier stehe ich, ich kann nicht anders) hätte es keine friedliche Revolution gegeben.

Die friedliche Revolution hätte es sehr wohl auch ohne die Kirchen gegeben. Die Kirchen waren keine notwendige Voraussetzung für den Mauerfall, sie waren lediglich recht hilfreich. Die meisten und vor allem die einflussreichsten Oppostionsgruppen, wie das Neue Forum, hielten sich explizit und bewußt frei von kirchlichem Einfluss.

Und zum Selbstverbrennungspfarrer Oskar Brüsewitz ist vielleicht noch ->diese Information von Interesse.

Georg Hoffmann ->schreibt:

Schlaegt ein Moslem/Katholik/Protestant einen Moslem/Katholik/Protestant tot, ist es religioeser Wahn, Schlaegt ein Atheist einen Moslem/Katholik/Protestant tot, ist es Selbstverteidigung. Ich glaube, du hast nicht nur hervorragenden naturwissenschaftlichen Unterricht in der DDR genosssen, du hast auch bei der materialistischen Dialektik fein aufgepasst.

Georg Hoffmann, ich hätte gern einen einzigen nachgewiesenen Fall, in dem ein Atheist einen Theisten „totgeschlagen“ hat, weil er Atheist war.

Der Atheismus ist keine Ideologie, die sich zum Totschlagen eignet. Auch nicht in „Notwehr“. Und selbst wenn sich ein Atheist von einem Theisten bedroht fühlt, erschlägt er den Theisten nicht weil der kein Atheist ist, sondern weil der Theist der jeweiligen sonstigen Ideologie des Atheisten nicht angehört, die der Atheist noch vertritt, also kein Kommunist oder Stalinist ist oder der Chuch’e-Ideologie nicht angehören möchte.

Und zuletzt ->schreibt Georg Hoffmann

Wenn also der Atheismus die Welt retten soll, den neuen Menschen schaffen und Freibier fuer alle besorgen soll

Genau das ist das Mißverständis. Der Atheismus ist eben keine „neue“ Utopie von einer paradiesischen kommenden Welt. Der Atheismus ist keine Ideologie mit positivistischem Gehalt. Er macht keine Aussagen darüber, wie die Welt beschaffen sein sollte, sondern wie sie „leider“ beschaffen ist.

Der Atheismus sagt eigentlich nur eines: Es gibt keine Götter.

Das ist ein Fakt, nichts weiter.

Aber aus diesem Fakt folgt, dass wir die unerträgliche Ideologie des Theismus und die daraus folgende absolutistisch-totalitäre Ethik nicht übernehmen müssen und dagegen argumentieren dürfen.

Das ist alles.

3 Responses to “Atheismus = Freibier für alle?”

  1. Den Nichtglauben mit guten Gründen verteidigen :: cimddwc Says:

    […] sapere aude: Atheismus = Freibier für alle? […]

  2. rolak Says:

    Hi, der zweite Kurzlink (und diesen durchzulesen) ist tot. Nicht daß mir etwas fehlen würde, da ich den thread komplett gelesen (durcharbeitet?) habe – nur so allgemein.Warum eigentlich diese Kürzeldienste außerhalb von sms und twitter?

  3. sapere Says:

    Herzlichen Dank für den Hinweis! Gemeint ist dieser Kommentar:

    http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2009/07/harry-potter-ist-atheist.php#comment45638

    … ich nutze diese Kürzel vor allem aus Bequemlichkeitsgründen.

    … ach, und danke für’s “Durcharbeiten” 😉

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