Reinhard Bingener ist sehr, sehr verärgert. Als er die Nachricht mit der Forderung der Giordano-Bruno-Stiftung nach einem Evolutionsfeiertag anstelle des christlichen Feiertags Himmelfahrt gelesen hat, ist ihm offenbar das Mettbrötchen in den Morgenkaffee gefallen.

War es doch eine Provokation ohnegleichen, die sich diese organisierten Atheisten unter Führung der Giordano-Bruno-Stiftung da erlauben und eine weitere Unverschämtheit, wie schon zuvor die ätzende Kirchenkritik, die Buskampagne, die Darwinfeiern, Unterstützung des Zentralrats der Ex-Muslime, Klagen gegen Konkordatslehrstühle, Protest gegen den Weltjugendtag, das religionskritische Kinderbuch “Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel”, die Forschungsgruppe Weltanschauungsfragen, der humanistische Pressedienst, das Giordano-Bruno-Denkmal und – und – und, das alles ging Bingener wohl zu weit.

Reinhard Bingener ist nämlich evangelischer Theologe und außerdem Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dem – wie er selbst schreibt – seit dem Eintritt in deren politische Redaktion im April 2008, “das Interesse an der gegenwärtigen Lage des Protestantismus von einer Neigung zur angenehmen Pflicht” wurde.

Die gegenwärtige Lage des Protestantismus ist – um es kurz und schmerzlos auf den Punkt zu bringen – nicht besonders gut.

Die Kirchenmitgliederzahlen sinken stetig und erst kürzlich gab es wieder Meldungen über größere Austrittswellen. Die evangelische Kirche macht sich auch bei Christen mit der Pro-Reli-Kampagne in Berlin unbeliebt und die Stellvertreter “Gottes” machen sich mit ihrer Gummiallergie nicht nur lächerlich, sondern laden sich auch hunderttausende Menschenleben auf ihr Gewissen. Von der weltweiten Finanzkrise mit rasant steigenden Arbeitlosen- und Armutsstatistiken und dem Klimakollaps – die auch durch die protestantische Arbeitsethik mit verursacht sind – mal ganz zu schweigen.

In diese apokalyptische Atmosphäre des allgemeinen Niedergangs kommen nun auch noch die Atheisten. Sie organisieren sich wieder und wollen mitreden in den großen Debatten um Ethik in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft.

Doch nicht mit Reinhard Bingener. Dem ist die “Agenda des Neuen Atheismus” ein Dorn im Auge des Anderen, den es zu entfernen gilt, vor allem weil man die schmerzhafte Entfernung des Balkens im eigenen Auge erstmal verschieben kann.

Und so schreibt Bingener, dass “Deutschland feiern solle, dass es vom Affen abstammt”. Ihm ist dieser (im übrigen tatsächlich völlig überflüssige) Vorstoß der Giordano-Bruno-Stiftung ein “erster Schritt in diese Richtung”. Die Warnung vor “ersten Schritten” klingt immer sehr bedrohlich. Und das soll es wohl auch. Es soll zeigen, dass wenn man hier nicht Einhalt gebietet, die Katastrophe nicht lange auf sich warten lassen wird.

Nachdem Bingener dann die internationalen publizistischen Erfolge des “Neuen Atheismus” würdigt – natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass diese die Autoren wohlhabender gemacht haben – geht er auf die deutschen Vertreter des Atheismus und ihre “Funktionäre” ein. Denn in den Augen eines aktiven defensor fidei sind Atheisten per se auch immer des kommunistischen Stalinismus verdächtig – wenn es sich bei ihnen nicht, wie bei dem Hauptmäzen der GBS, Herbert Steffen, um einen Millionär handelt.

Da somit die bekannteste Interessenvertretung des deutschen Atheismus, die Giordano-Bruno-Stiftung, des Kommunismus – zumindest im Kern – unverdächtig ist, wird sie in der Beschreibung des Theologen Bingener zu einer Privatfehde eines zornigen und vor allem reichen alten Mannes (Steffen) gegen die Kirche. Der hat sich – wenn es nach der Darstellung Bingeners geht – einen altlinken Gammler und Wortverdreher (Philosophen) gekauft und ihn zum Vorstandssprecher gemacht. Das Äußere des GBS-Vorstandssprechers führt Bingener zu einer messerscharfen und zwingenden historischen Analyse: “Halblanges Haar, Zwölftagebart und Ohrring zeugen von bewegter Vergangenheit in der linken Szene.”

Und da ist sie wieder, “die linke Szene”, aus der auch die “einst SED-gestützten Freidenker”, “die schon die Freilassung Slobodan Milosevics forderten und Egon Krenz in einem Telegramm zur Haftentlassung gratulierten” kommen.

Und nachdem alle Verbindungen und Seilschaften mit dem Linksextremismus aufgedeckt sind, kann man dem ganzen noch das Sahnehäubchen aufsetzen. Denn Atheisten sind nicht nur linksextrem. Sie sind auch “schrankenlose Hedonisten” die festelegen wollen, “Was wir nicht mehr glauben dürfen, was wir essen sollen und wie wir es treiben können”.

Aber nicht nur das.

Atheisten sind natürlich auch “Wegbereiter der Rassenhygiene und des Gedankens vom “lebensunwerten Leben”. Denn das Konzept eines „evolutionären Humanismus“, wie ihn die Giordano-Bruno-Stiftung gern verbreiten möchte, enthält das Wörtchen Evolution. Und war da nicht einst der deutsche Biologe Ernst Haeckel, der “Wegbereiter der Rassenhygiene der Nazis”, der einer verweltanschaulichten Evolutionstheorie das Wort redete?

Nachdem das klargestellt ist und der Atheismus als linksextrem, rechtsextrem und schrankenlos hedonistisch entlarvt wurde, kann sich der evangelische Theologe Bingener wieder seinem Mettbrötchen widmen. Er hat ja ein reines Gewissen. Seine Überzeugung von der Existenz übernatürlicher Wesen hat der Welt bisher nur Glück und Frieden beschert. In diesem Sinne:

gott.JPG

Koppelschloss der Wehrmacht 1933 – 1945

11 Responses to “Feindbild Atheist: Linksextrem und rechtsextrem, auf keinen Fall normal”

  1. Nic Says:

    Morgen…

    Schade, dass Trackbacks nicht funktionieren … habe ich Deinen wirklich guten Artikel doch eben gefunden als ich selbst zu dem Thema etwas schrieb: http://tinyurl.com/d7aojd

    CU Nic

  2. Ed Says:

    Vielen Dank für diese angemessene Antwort auf den “Artikel” (=”persönliche Hetztirade”) des Herrn Dr. Bingener – per Google gefunden als ich mehr über seine Person wissen wollte.

    Werde deinen Blog mal öfters besuchen!

  3. sapere Says:

    Vielen Dank für Euren Zuspruch !!!

  4. Max Headroom Says:

    Zynisch und Mettbrötchengemein, so soll es sein 🙂
    Danke für den beissenden Text. Und auch danke nachträglich für die “Quelle meiner Werte” Songs & Videos. Im “Normalfall” sind solche Videos nur unter Beimischung dicker fetter Bibelzitate in den Medien. Insbesondere das QMW IV Video hätte ich sehr sehr gerne auf den Privatsendern als Ersatz der RTL-Bibelzitate gesehen. “Pro Ethik vs. Pro Bibel” sozusagen 😉

    Es ist leider das ständige rumfuchteln der “Atheismus ist böse” Peitsche, was von allen Seiten kommt. Ob es nun unter dem Deckmantel der “Altlinker”, rechter, protestantischer, christlicher oder sonstiger Seite ist. Wenn das eigene Unternehmen (z.Bsp. Church GmbH) in der Kritik ist, sucht man unter allen Steinen nach “Dreck”, mit dem man den Gegner diffamieren kann. Und wenn es, wie bei MSS, die Frisur, der Ohrring oder der Verkauf von Büchern ist… hauptsache beim Leser kann man damit ein Bild, ein “Feindbild”, aufbauen.
    Das dies allerdings unter dem ganz normalen FAZ-Artikelmantel geschehen ist, schmerzt umsomehr. Als eigene Meinung in einem Blogeintrag wäre es vielleicht noch durchgegangen, aber so… Ein echter Kratzer auf dem Lack.

    Ich nehme mal an, da ja “Gott mit uns” ist, freut sich Herr Bingener vielleicht ggf. auf den “Tag der Freiheit”, an dem die böse Atheistenbrut und ihr verhasstes Manifest dann … (*CUT*)
    Hier breche ich lieber ab, da der Tag jetzt schon kalt und grau genug ist, da benötigen wir nicht noch mehr dieser schlechtgelaunten Mießmacherbuchstaben 😉

  5. sapere Says:

    Konsequente intellektuelle (!) Kämpfe müssen manchmal sein – solange sie fair bleiben. Eine solche Polemik, wie die Bingeners auf Seite 3 der FAZ zu präsentieren, ist ein klares Signal dafür, wer die Regeln der Fairness in diesem Fall bestimmt.

    Hier kann man dann nicht mehr kämpfen, sondern sich nur noch traurig und enttäuscht zurückziehen.

  6. Lutz Says:

    Das Koppelschloss ist einer dieser geschmacklosen NS-Vergleiche. Denn wenn alles des Teufels ist was damals vereinnamt (und das war fast alles) wurde, dann gehören auch Autobahnen verboten, der 1. Mai, das Unfallschutzgesetz, Schulsport und Jägermeister.

  7. sapere Says:

    Eben! Genau das ist der Punkt. Und nun übertrage diese Nicht-Gleichsetzungsaufforderung mal auf Rechtsextremismus, Linksextremismus, Hedonismus und Atheismus!

  8. Joschus Says:

    Alles so weit ok, aber die Gummiphobie von God’s own Stellvertreter kann man den Protestanten schwerlich anlasten, die selbst auch weniger Probleme mit Gummi haben. Und den Haken von der Finanzkrise zur protestantischen Arbeitsethik halte ich – sorry – für hanebüchen.

  9. Nic Says:

    Das mal als Nachsatz (völlig irrelevant…)

    Bingeners Zitat: “Halblanges Haar, Zwölftagebart und Ohrring zeugen von bewegter Vergangenheit in der linken Szene.” hat sich dazu noch überholt. Ich habe MSS am Sonntag gesehen: kurze Haare & rasiert. (http://tinyurl.com/c8mhnc)
    Ob Bingener nun ein neues Feindbild braucht 😉

  10. Versuch einer Diskussion weltanschaulicher Fragen - Seite 7 - Forum von LVZ-Online Says:

    […] hat. Interessierte knnen dem folgenden Link folgen, der sich auf einen Artikel der FAZ bezieht. sapere aude Blog Archive Feindbild Atheist: Linksextrem und rechtsextrem, auf keinen Fall normal __________________ Ich wollt lieber, da ich wre ein Hurenwirth oder Ruber gewesen, denn da […]

  11. Fadir Says:

    Kirche ist wahnsinnig

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