Betrifft: Buskampagne

März 13th, 2009

Die Betreiber der Buskampagne haben innerhalb von vier Tagen ihr selbstgesetztes Spendeziel von 20.000 Euro erreicht. Die 170.000 Pfund der britischen Kampagne sind damit natürlich bei weitem noch nicht geschlagen – aber allein die Geschwindigkeit, mit der 20.000 Euro gesammelt werden konnten, deutet auf die Möglichkeiten hin, die der Kampagne noch offenstehen.

Das Ergebnis zeigt vor allem eines: Es gibt einen großen Bedarf nach dem Ernst- und Wahrgenommenwerden der Menschen, die nicht an Übernatürliches glauben.

Ich gehöre zu den Leuten, die die Kampagne von Anfang an unterstützt und mit vorangetrieben haben. Letztendlich haben sich aber andere dazu bereiterklärt, ihren Kopf dafür hinzuhalten und die Kampagne verantwortlich zu organisieren. Benötigt wurde vor allem eine gemeinnützige Organisation, die Geld sammeln darf. Auf eine Werbeagentur hätten wir verzichten können. Dass sich doch eine fand, die mitorganisieren wollte, war zunächst sehr erfreulich.

So begann die Diskussion um die Kampagne zunächst auf dem Kampagnenblog der britischen Mutterkampagne und wurde später im Brightsblog und hier in diesem Blog fortgesetzt.

Anschließend wurde eine Abstimmung über die Kampagnenslogans im Brightsblog und bei Doodle vorgenommen.

Die Kampagnenorganisatoren hatten sich da offenbar schon von der Webcommunity abgekoppelt. Es wurden intern verschiedene Vorschläge diskutiert und – ohne Berücksichtigung der bereits seit längerem geführten Diskussionen um die Slogans – erneut drei Sloganvarianten zur Abstimmung gestellt.

Aufgrund der eklatanten Ignoranz der bereits erfolgten Diskussionen und Vorabstimmungen habe ich in diesem Blog zum Boykott der Kampagne aufgerufen. Und das im Kampagnenblog auch entsprechend kundgetan:

Herzlichen Glückwunsch!

Ihr habt mit der völligen Ignoranz der bisherigen Vorschläge und Abstimmungen
der atheistischen Community einen Gegner der Kampagne gewonnen.

Viel Spaß!

Einige Tage später erhielt ich eine Email eines der Mitarbeiter der Werbeagentur, in der er mir sein Bedauern über meine Verärgerung ausdrückte.

Ich antwortete auf die Emial folgendermaßen:

Lieber Peder,

vielen Dank für Deine Mail. Und vielen Dank für Deine freundlichen Worte. Auch von meiner Seite zunächst meinen Dank, dass es jetzt richtig vorangeht.

Zwei Fragen ergeben sich allerdings für mich. Warum antwortest Du mir nicht auf der Kampagnenseite?

Und wenn Ihr nichts ignoriert habt, wieso habt Ihr das Mehrheitsvotum nicht berücksichtigt?

Es mag für alles saubere Argumente geben. Das Demokratie-Argument sticht in diesem Fall allerdings jedes andere – es sei denn, Du hättest ein wirklich gutes Argument gegen Demokratie.

Es spricht einiges dafür, die Kampagne zu kopieren und einiges dafür, sie zu erweitern. Nichts aber spricht dafür, die deutschen Atheisten als zahlendes Stimmvieh zu mißbrauchen.

Die Debatte ist ausführlich im Brighstblog und vielen anderen Blogs geführt worden. Man kann sich das durchlesen und die Argumente mit aufnehmen – oder man kann seinen Stiefel durchziehen.

Wenn Ihr das so wollt – gut. Wenn Ihr kompromissbereit wärt, besser.

Hier mein Kompromissvorschlag:

Den Slogan

“Du glaubst nicht an “Gott”? Du bist nicht allein!”

als zusätzlichen Slogan (Slogan D) sofort mit in die Abstimmung einzubeziehen und dazu zu schreiben, warum der jetzt auch noch mit abgestimmt werden kann – nämlich weil er in einer Vorabstimmung in Blogs und Foren unter Atheisten und Agnostikern gewählt wurde.

Das hat doch einen Grund, dass die Leute mehrheitlich für diesen Spruch stimmten. Ich bitte Euch, das zu überdenken und so schnell wie möglich zu berücksichtigen.

Sollte das für Euch zuviel verlangt sein, trotzdem viel Erfolg! Meine Stimme habt Ihr dann nicht – und ich bin damit nicht allein. 😉

Viele Grüße
sapere aude

Der Mitarbeiter der Werbeagentur antwortete mir folgendermaßen und hat mir freundlicherweise erlaubt, diese Mail hier zu veröffentlichen:

Hallo Sapere Aude,

langsam begreife ich woher der Unmut kommt. Sicher mein Fehler: ich habe in den letzten Wochen den Brightsblog kaum verfolgt, weil ich neben der Organisation der Buskampagne auch noch Geld verdiene und ein Baby habe. Ich habe heute Abend mal wieder reingeschaut und dort etwas von einer Abstimmung gelesen. Ich habe gerade deine Mail aus den 340 Mails der letzten 2 Tage herausgefischt und den Spruch gelesen, den ihr da gewählt habt. Hm.

Naja, ganz so unschuldig will ich mal auch nicht tun. Wir haben irgendwann gesagt, wer bei der Organisation der Kampagne dabei sein wollte hat jetzt genug Zeit gehabt, sich anzubieten, wir vertreten ein breites Spektrum, wir werdens schon richten. So einen Prozess Basisdemokratisch zu führen heißt das, was Ralf mir von früher erzählte: Kampagnenplanungen bei denen 60 Autonome im Mehringhof so lange zusammensitzen bis jeder alles einmal gesagt hat. (Um so überraschter bin ich, dass ihr das in dem Blog organisiert bekommen habt – rein technisch. Wer durfte Stimmen? War das ein klarer Sieg oder eher so 4 : 3 : 3 : 2 Stimmen? Was legitimiert den Brightsblog – es gibt doch so viele anders ausgerichtete Nichtgläubige in D. Wo fängt das an, wo hört das auf?)

Weiter: Robert hatte zum entscheidenden Treffen zu den Inhalten eine Liste mit etwa 50 Vorschlägen aus dem Brightsblog mitgebracht, ich nehme an, das war vor eurer Abstimmung. Davon waren glaub ich gut die hälfte Varianten von Übersetzungen der englischen Kampagne, die wir für Deutschland für unangebracht hielten, weil unplausibel ist warum man sich wegen/trotz der Nichtexistenz Gottes Sorgen machen sollte – hier gabs ja keine Höllendrohungskampagne im Vorfeld. Ein Spruch hieß “Gottlos, aber glücklich.” Daraus wurde “Gottlos glücklich.”. Jeder von uns 8 Organisatoren musste ziemliche Zuegständnisse machen, was seine Darlings anging, es ist also keine Egomanenversammlung gewsesen, die da selbstherrlich vorgegangen ist.

Wir haben 17 (!) Aussagen analysiert, die in all den Beiträgen (Brightsblog und vielen anderen Quellen) enthalten waren, wovon 3 ausschieden, weil sie antireligiös waren (ein Nono wegen der Schaltung und u.a. aus England). Diese Aussagen haben wir in 3 Richtungen gebracht, die unterschiedliche Herangehensweisen repräsentieren. Nachträglich betrachtet: “Du glaubst nicht an “Gott”? Du bist nicht allein!” hätte _eine_ Aussage abgedeckt: “Es gibt (viele) Leute, die nicht an Gott glauben.” Aber z.B. nicht “Es gibt auch eine Moral ohne Religion.” und auch nicht “Wir müssen aus unserem einen Leben das beste machen.” und auch nicht “Die Menschenrechte, nicht religiöse Gebote müssen der Maßstab für das Zusammenleben sein.” So ähnlich lauteten die Anliegen von vielen Atheisten, und die haben wir versucht zu integrieren. Ich denke, das war nicht direkt demokratisch, aber unter professionellen Maßstäben richtig und ergebnisorientiert das bestmögliche vorgehen. Dann waren die Weichen endlich gestellt und wir haben uns auf die Umsetzungsarbeit konzentriert.

Nach zahllosen kommentaren zu den Kampagnensprüchen stelle ich fest: Das ist geistiges Dynamit, weil Glauben, Fühlen, Denken da direkt aufeinandertrifft. Es darf leidenschaftlich sein, aber die meisten Spender tragen mit dem Gefühl bei: Ich hätts anders gesagt, aber ich finds trotzdem gut. Den Charme der englischen Kampagne haben wir nicht wiederholen können, aber das können die selbst nicht. Und selbst die wurde ja kritisiert: Die einen fanden “probably” entscheidend wichtig, die anderen fanden es “lau” und “hasenfüßig”.

Also danke an alle, die sich den Kopf zerbrochen haben: sie waren durchaus mit ihren Vorschlägen und Tendenzen an den Entscheidungen beteiligt.

Von deinem Vorschlag “Du glaubst nicht an “Gott”? Du bist nicht allein!” nachträglich als Vorschlag D zu nominieren bin ich nicht begeistert, vor allem methodisch, aber wie oben klar geworden sein dürfte würde ich auch inhaltlich abraten.

Peder

Ich möchte nur anfügen, dass die Organisatoren nun einen Haufen Geld in die Hand bekommen, den sie nach Belieben verwalten können. Wenn sie mit der Abstimmung zur Spende ähnlich umgehen wie mit den Diskussionen und Abstimmungen, die vorher stattfanden, dann habe ich damit ein Problem.

Ich habe immer ein Problem mit Zweckoptimierung auf Kosten des (zugegeben, manchmal unbequemen) Mitspracherechts und der transparenten Kontrolle.

Und noch etwas: Es geht mir nicht darum, die Buskampagne zu verhindern oder die aufkommende Euphorie über das nun entstehende Gemeinschaftsgefühl zu stören. Es geht mir darum, bei aller Freude über den Erfolg, darauf aufmerksam zu machen, dass es etwas zu verbessern gibt.

Denn es gibt immer etwas zu verbessern.

2 Responses to “Betrifft: Buskampagne”

  1. buswerbung - atheisten gegen christen? | red flog Says:

    […] vorbereitung in italien, spanien, kanada, den usa, australien, und jetzt auch in deutschland! und ich konnte an diversen stellen davon lesen! japp, das thema schlägt dicke wellen in der deutschen […]

  2. nickpol Says:

    Tja, jetzt haben die Bonzen das Sagen. 👿

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