Es ist wohl eine der bekanntesten experimentell-sozialpsychologischen Studien zum Thema Altruismus und Hilfeverhalten. Die Studie von Darley und Batson aus dem Jahr 1973 “Von Jerusalem nach Jericho: Eine Studie über situationale und dispositionale Variablen des Hilfeverhaltens”. In einem Experiment wurde hier das freiwillige Hilfeverhalten von Theologiestudierenden untersucht, mit der spannenden Hypothese, dass gerade Theologiestudierende besonders hilfsbereit seien. Zwei Gruppen wurden hier unterschieden, die eine sollte sich mit der Parabel des barmherzigen Samariters (Lukas 10, 25-37) beschäftigen, wodurch das Thema Hilfeverhalten besonders salient gemacht werden sollte.

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Die andere Hälfte beschäftigte sich mit allgemeinen Fragen des Theologenberufes. Nach dieser ersten Aufgabe sollten die Studierenden einen anderen Raum aufsuchen. Auf dem Weg zu diesem Raum lag eine hilfsbedürftige Person auf dem Boden. Die entscheidende Frage war nun, inwieweit die Theologiestudenten dieser hilfsbedürftigen Person unter die Arme griffen. Die Studenten wurden außerdem unter unterschiedlichen Zeitdruck gesetzt. Das Ausmaß des Hilfeverhaltens variierte nun keineswegs nach der Religiosität* oder gar nach der Frage, ob die Theologiestudenten die Geschichte vom guten Samariter zuvor gelesen hatten (auch wenn das in der sozialpsychologischen Literatur oft falsch beschrieben wird). Das Ausmaß der Hilfe erhöhte und verringerte sich ausschließlich nach der Eile in der die Studenten waren. Darley und Batson schreiben also:


“Notice also that neither form of the third hypothesis, that types of religiosity will predict helping, received support from these data. No correlation between the various measures of religiosity and any form of the dependent measure ever came near statistical significance, even though the multiple regression analysis procedure is a powerful and not particularly conservative statistical test.” (Zu beachten ist, dass die 3. Hypothese, dass unterschiedliche Formen der Religiosität Hilfeverhalten vorhersagen, keinerlei Untersützung durch die Daten erhalten. Keine Korrelation zwischen den verschiedensten Formen der Religiosität und jeder Form des gezeigten Hilfeverhaltens kamen in die Nähe der statistischen Signifikanz, auch wenn die multiple Regression ein sehr robustes und nicht unbedingt strenges Messinstrument ist.)

Und auch hier finden wir wieder Evidenz für unsere Hypothese, dass aktiv positives Verhalten weder durch Religiosität als Persönlichkeitseigenschaft, noch durch religiös aufgeladene Vorinformation befördert wird – negatives Verhalten aber sehr wohl durch religiöse Entschuldigungen von moralischen Barrieren befreit werden kann.

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Literatur:

Darley, J., & Batson, C. (1973, July). ‘From Jerusalem to Jericho’: A study of situational and dispositional variables in helping behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 27(1), 100-108.

*Religion as means as measuring religiosity as a means to other ends. Religion as end seemed to involve religiosity as an end in itself with some intrinsic value. Religion as quest was conceived to involve religiosity emerging out of an individual’s search for meaning in his personal and social world.

One Response to “Alles Gute, Samariter? Religiosität und Altruismus”

  1. Robby Says:

    Was mir bei der Jahreszahl einfällt: Gibt es eigentlich Halbwertszeiten für wissenschaftliche Forschung? Ich meine, 35 (oder mehr) Jahre sind eine lange Zeit. Und Veränderung ist doch zumindest wünschenswert. (Nicht, dass man jedes Jahr alles replizieren könnte oder gar müsste, aber so im 10-20 Jahres-Zyklus? 25 ala eine Generation? Wobei die sich ja eigentlich auch verschiebt.)

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