Lieber Herr Blume,

Dezember 15th, 2008

(Dies ist eine Antwort auf einen Diskussionsbeitrag im Brightsblog.)

vielen Dank für ihren Beitrag. Könnten Sie mir bitte erklären, was atheistischer Fundamentalismus sein soll? Fundamentalismus wird ja allgemein als eine Überzeugung verstanden, die sich zu ihrer Rechtfertigung auf eine Grundlage beruft, die auf einer Letztbegründung beruht.

Ich sehe nicht, wo ich mich hier auf Letztbegründungen berufe.

Ich schreibe polemisch. Zugegeben. Sie in meinen Augen aber auch.

Ich will Sie nicht beleidigen. Und es geht Ihnen hier sehr wohl um Sie. Mir geht es allerdings nur um Ihre Argumente.

Ich wiederhole es gern noch einmal: Was Sie betreiben ist Pseudowissenschaft. Ich habe nicht geschrieben, dass das, was Bering, Vaas, Voland, und Norenzayan betreiben, Pseudowissenschaft ist, sondern das, was Sie hier und auf Ihrem Blog und in dutzenden Vorträgen für begierige Laien behaupten.

Ich frage mich, warum Sie sich eigentlich immer hinter Autoritäten verstecken müssen. Warum Veröffentlichungen von richtigen Wissenschaftlern in richtigen wissenschaftlichen Zeitschriften mit variabler Interpretation für Sie immer als Beweis für Ihre merkwürdigen scheinwissenschaftlichen Anschauungen herhalten müssen.

Die Ergebnisse der richtigen Wissenschaftler „passen“ mir sehr wohl, vor allem WEIL ich sie gelesen habe. Ihre absurden INTERPRETATIONEN der Ergebnisse allerdings, die passen mir ganz und gar nicht. Diesen Unterschied sollten Sie bitte bemerken!

Sie schreiben:

Empirische Wissenschaft erstellt Hypothesen, die stets der Falsifikation zugänglich sind. Nichtexistenzen kann sie per Definition nicht beweisen.

Richtig. Genau deshalb sind falsifizierbare Hypothesen zu übernatürlichen Kräften auch regelmäßig falsifiziert worden und werden weiterhin falsifiziert, sofern das prinzipiell möglich ist. Es gibt keinen „Gott“ im Himmel und keinen „Teufel“ unter der Erde. Gebete sind unwirksam oder gar schädlich und „Weihnachtsengel“ sind eine schöne Kindergeschichte. Als Realitätsbeschreibung taugen sie nichts. Ihr „Gott“ ist eine reine Einbildung. Nichts weiter. Soweit meine falsifizierbare Hypothese. Die können Sie mir gern widerlegen.

Was die schädliche Wirkung des Gotteswahns betrifft, ich möchte Ihnen hier nur eine kleine Auswahl von Studien auflisten, die zeigen, welche Zusammenhänge es zwischen religiösem Fundamentalismus und intolerantem, asozialem und mörderischem Verhalten gibt:

Nagoshi, J., Adams, K., Terrell, H., Hill, E., Brzuzy, S., & Nagoshi, C. (2008, October). Gender differences in correlates of homophobia and transphobia. Sex Roles, 59(7), 521-531.

McCann, S. (2008, May). Societal threat, authoritarianism, conservatism, and U.S. state death penalty sentencing (1977-2004). Journal of Personality and Social Psychology, 94(5), 913-923.

Miller M, Hayward R. Religious characteristics and the death penalty. Law and Human Behavior [serial online]. April 2008;32(2):113-123.

Faraz Kazim, S., Aly, Z., Bangash, H., Harchandani, B., Bin Irfan, A., Javed, S., et al. (2008). Attitudes toward suicide bombing in Pakistan. Crisis: The Journal of Crisis Intervention and Suicide Prevention, 29(2), 81-85.

Rogers, M., Loewenthal, K., Lewis, C., Amlôt, R., Cinnirella, M., & Ansari, H. (2007). The role of religious fundamentalism in terrorist violence: A social psychological analysis. International Review of Psychiatry, 19(3), 253-262.

Pargament, K., Trevino, K., Mahoney, A., & Silberman, I. (2007). They killed our Lord: The perception of Jews as desecrators of Christianity as a predictor of anti-Semitism. Journal for the Scientific Study of Religion, 46(2), 143-158.

Wie bereits geschrieben, dies ist eine winzige Auswahl allerjüngster Studien zu Zusammenhängen zwischen Religiosität und ihren gefährlichen Konsequenzen für Staat, Gesellschaft und einzelne Menschen.

Und richtig, ich selbst habe bisher keine Studie zu diesem Thema publiziert – falls Sie dies anmerken wollten. Ich behaupte aber im Gegensatz zu Ihnen auch nicht andauernd, ich würde wissenschaftlich argumentieren. Ich bin hier in deisem Blog Publizist und kein Wissenschaftler. Aber ich habe etwas dagegen, wenn sich Publizisten als Wissenschaftler aufspielen, wie Sie das permanent tun, um ihren grotesken inhaltlichen Ableitungen aus wissenschaftlichen Befunden mehr Gewicht zu verleihen.

Sie fragen, wie sich ein schädliches Merkmal im Evolutionsprozess durchsetzen soll und allein an diesem winzigen Satz sieht man, dass Sie es nicht verstanden haben. Sie haben das Prinzip Evolution genauso falsch verstanden wie alle anderen Laien, die die Evolution zur Unterstützung ihrer weltanschaulichen Absurditäten missbrauchen wollen. Wenn Sie nicht in eine Reihe mit Adolf Hitler gestellt werden wollen, verzichten sie doch bitte einfach darauf, den Glauben an unsichtbare übernatürliche Männer als evolutionären Vorteil zu bezeichnen. Komplexe kulturelle Phänomene haben keinen „Selektionsvorteil“. Und wenn Sie sich auf den Kopf stellen. Es gibt ja nicht einmal eine verlässliche Definition für den Begriff Religiosität, wie können sie da ernsthaft behaupten, dass das auch noch „erfolgreich“ vererbt wird. Das eben meine ich mit Pseudowissenschaft.

Ein Merkmal von Pseudowissenschaft ist es auch, sich auf die eigene „wissenschaftliche“ Seriosität zu berufen. So wie Sie es andauernd mit dem Verweis auf wissenschaftlich Publizierende tun.

Und Sie lesen nicht, was ich schreibe. Ich schrieb von dem Unterschied zwischen verordneter und freiwillig gewählter Weltanschauung. Sowjetunion, China, Nordkorea, Kuba, Kambodscha und all die anderen „atheistisch legitimierten“ Massengräber sind (nebenbei gesagt nicht atheistisch, sondern kommunistisch) genauso verwerflich wie die Massengräber der Indios, der Perser und anderer „ungläubiger“ Opfer religiösen Wahns. Der Unterschied tut sich in frei gewählter Religiosität oder frei gewähltem Kritischem Rationalismus auf. Haben Sie schon einmal davon gehört, dass ein Kritischer Rationalist einem Christen oder Muslim oder Juden eine Morddrohung hat zukommen lassen? Umgekehrt können Sie sich mal Mails wie diese zu Gemüte führen:

Dawkins, you and your atheist friends cannot win. America WILL become a Christian Republic even if we have to write a whole new constitution. Millions of us are dedicated to this righteous cause. We will suceed. And then we will invade godless countries like “Great” Britain and kill all of your heathens.”

Kommen wir noch einmal zu Ihrer Lieblingsmetapher, der Musikalität.

Selbstverständlich kann Musik dazu genutzt werden, Menschen zu foltern oder zu Hass und Gewalt aufzustacheln, aber das können Sie der Sprache auch vorwerfen. Musik ist in diesem Fall – wie die Sprache – ein Mittel zum Zweck. Bei monotheistischer Religiosität liegt der Fall ein wenig anders. In den Basistexten der großen monotheistischen Weltreligionen stehen menschenverachtende Aufforderungen zu Gewalt, Hass, Mord und Totschlag. Die Konsequenzen sehen Sie im sogenannten „Dschihad“ oder z.B. in der Initiative „Poposition 8“ mit denen Homosexuellen die gleichen Rechte wie allen anderen Erwachsenen Menschen verweigert werden sollen.

Der Zweck der monotheistischen Religionen ist es, andere von der Richtigkeit der eigenen Weltanschauung zu überzeugen und – soweit dies nicht möglich ist – zu demütigen und auszugrenzen.

Denn wie sagte es Erzbischof Ludwig Schick kürzlich:

„Mission ist Wesensbestandteil der Kirche, ja, ein Synonym für die Kirche. Wenn Kirche nicht mehr missioniert, ist sie nicht mehr Kirche. Den Bischöfen ist das bewusst; auch aus unserer langen deutschen Tradition heraus. Deutschland ist schließlich eines der Länder, die führend in der Missionstätigkeit sind.“

Sie schreiben:

„Oder ist Charles Darwin für Sie damit auch ein Pseudowissenschaftler?“

Och, Herr Blume, Sie sind ein wirklicher Spaßvogel. Ehrlich.

Natürlich sind die kognitven Grundlagen des komplexen kulturellen Merkmals Weltanschauung (!) eine Sache, die sich in der Evolution des Menschen herausgebildet hat. Zur Weltanschauung gehört aber eben nicht nur der nicht selten auftretende infantile Glaube an Geister, sondern auch das Wissen, dass hier auf der Erde alles mit rechten Dingen zugeht.

Doch schon abergläubisches Verhalten und Rituale finden wir auch bei Tieren, so dass das (bisher nicht eindeutig definierte – also sehr schwammige) Phänomen Religiosität durchaus kein rein menschliches ist und auch nicht unbedingt ein Evolutionsvorteil, sondern ein überflüssiges – und manchmal lebensgefährliches – Überbleibsel darstellen könnte, so wie es der Blinddarm ist, den Sie ja wohl kaum als Selektionsvorteil bezeichnen würden, wenn sich herausstellen sollte, dass es eine Korrelation zwischen Blinddarmgröße und Kinderzahl gibt.

Es gibt ja bekanntlich auch eine Korrelation zwischen Geburtenrate und Storchenaufkommen (LINK). Wie würden sie das denn erklären. Würden Sie die Hypothese, dass die Kinder von Störchen gebracht werden, für diskutabel und wissenschaftlich halten?

Was Sie z.B. empirisch vergleichen, ist das Kooperations-, Beziehungs-, Ehe- und Reproduktionsverhalten in den USA. Und da weisen religiöse Menschen eben eine durschnittlich höhere Ehebereitschaft, niedrigere Scheidungsraten und höhere Kinderzahlen als Konfessionslose auf. In Europa oder Asien sieht die ganze Befundlage wieder völlig anders aus.

Aber wie ich bereits schrieb, ist die Zahl der Ehejahre und Kinder kein Ausweis für die Überlebensfähigkeit oder den evolutionären Vorteil. Auch Joseph Goebbels hatte bekanntlich 6 reizende Kinder …

Und wenn Sie schreiben, dass Sie den hochselektiven Befund, dass „religiöse“ hauptsächlich in den USA mehr Kinder machen, nicht bewerten, dann machen Sie hier sicher wieder einen ihrer köstlichen Scherze. Mir klingt bei Ihnen immer irgendwie das Wort „Selektionsvorteil“ im Ohr. Aber sicher habe ich mich da verlesen.
Ich habe übrigens nicht behauptet, dass Sie Theologe sind. Sie haben in der Religionswissenschaft promoviert und sind dann aus der Wissenschaft ausgestiegen. Sie wildern aber in der Theologie. Das versuchte ich mit meiner Metapher deutlich zu machen.

Und ich beschimpfe nicht SIE. Es geht mir nicht – wie Ihnen – um SIE. Es geht um Ihre absurde Argumentation.

Sie schreiben

Aber bitte machen Sie sich keine Sorgen: Ich bin Ihnen nicht böse, wir Religionswissenschaftler sind den Umgang mit Fundamentalisten aller Art gewöhnt.

Ich bin Ihnen auch nicht böse. Bezeichnen Sie mich ruhig als Fundamentalisten. Sie müssen meiner Polemik ja irgendwie begegnen. Das ist nur gerecht. Auch wenn es keinerlei Gründe gibt, mich als Fundamentalisten zu bezeichnen, wie ich oben bereits bemerkte.

Ich habe einfach ein Problem damit, dass Sie einem abstrusen Glauben an Übernatürliches einen evolutionären „Vorteil“ zusprechen, wo aufgrund der vorhandenen Datenlage keinerlei – ich wiederhole – keinerlei Anlass zu dieser steilen – und wie sie wissen – außerordentlich kontroversen These besteht.
Ihre Propaganda hat einen Zweck über den ich wiederum nur spekulieren kann. Ich möchte um Verzeihung bitten, falls ich hier Unzutreffendes unterstelle und mich dann doch ausnahmsweise ganz kurz auf Motivsuche begeben habe.

Ich gehe davon aus, dass Sie u.a. Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum (deshalb mein Verweis auf Ihre Frau) aufdecken wollen.

Aber bitte verwechseln Sie nicht persönliche Beleidigungen (von denen hier nichts steht) mit polemischer inhaltlicher Kritik. Ich sehe nicht, wo ich Sie persönlich angegriffen hätte.

Wenn Sie meinen, dass ich geschrieben habe, dass Sie einem Gotteswahn anhängen. Dann möchte ich Sie auf die Definition des Wahns verweisen:

1. logisch inkonsistent oder wohlbestätigtem Wissen über die reale Welt widersprechend und
2. trotz gegenteiliger Belege aufrechterhalten, weil die persönliche Gewissheit der Betroffenen so stark ist, dass sie rational nicht mehr zugänglich sind.

Können Sie mir zeigen, dass die Punkte nicht auf Ihren Glauben an einen wundertätigen Jesus Christus zutreffen, der von einer Jungfrau geboren worden sein soll und in den Himmel aufgefahren … und täglich die Gebete von etwa 3 Milliarden Menschen erhört?

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