Atheistischer Gottesdienst?

November 2nd, 2008

Es ist eine verrückte contradictio in adiecto, scheinbar himmelschreiender Unsinn … und doch ist es exakt genau das, was Menschen wollen, die mit naturwissenschaftlichem Schulunterricht groß geworden, durch Nachrichten und Bildungsprogramme vor manipulativen Scharlatanen ausgiebig gewarnt worden und bisher mit offenen Sinnen und Herzen und einem flexiblen Verstand durch die Welt gegangen sind:

Eine vernünftige Religion.

Und im Grunde kann man es auf einen einfachen Nenner bringen: Befreien wir die Religionen von allen Wundern, Mystik und Übernatürlichem, Mummenschanz und Hokuspokus, Personenkult und Hierarchien und belassen wir alles Emotionale, Soziale und Vernünftige, welche Kraft könnte von dieser Idee ausgehen.

Und selbstverständlich ist diese Idee nicht neu. Humanisten und Unitarier, Pantheisten und Brights, sie alle versuchen ihr Bedürfnis nach Sinnstiftung und Gemeinschaft, Würde und Trost, Liebe und Hoffnung auf eine weltanschauliche Basis zu stellen, die einem der wichtigsten Bedürfnisse des Menschen gerecht wird:

Wahrheitsfindung

Wahrheitsfindung ohne Rücksicht auf Autoritäten, weder persönlicher, noch ideeller. Der Ablehnung eines Glaubens auf der Basis von Inspiration, Tradition und Autorität. Die Hinwendung zu einer Weltanschauung, die sich aus getesteten falsifizierbaren Hypothesen zusammensetzt, denen wir vertrauen können – nicht blind, sondern sehenden Auges.

Atheist zu sein, heißt nicht, auf Rituale verzichten zu wollen. Atheist zu sein, heißt nicht, alles Irrationale abzulehnen, Märchen, Sagen und Legenden zu verdammen und aller wilden Phantasie beraubt, nur Freude am Lesen trockener naturwissenschaftlicher Abhandlungen zu finden. Mitnichten. Atheisten sind nicht weniger irrational, emotional und verrückt als Supernaturalisten. Sie können offenbar nur besser trennen, zwischen Phantasie und Realität.

Am 11. Juni diesen Jahres fand im schottischen Parlament (erneut) eine kleine Revolution statt. Die traditionelle Gedenkminute (“Time for Reflection”) vor der Sitzungseröffnung, die üblicherweise den Vertretern der unterschiedlichsten Übernatürlichkeits-Glaubensrichtungen vorbehalten ist, wurde dieses Mal von einer Atheistin begleitet. Juliet Wilson, eine Vertreterin der “Humanist Society of Scotland” , sprach etwa drei Minuten vor dem Hohen Haus. Sie eröffnete mit einem Zitat von Billy Connolly:


“Vermeide Menschen, die meinen, sie wüßten die Antwort. Verweile in der Gesellschaft der Menschen, die versuchen, die Frage zu verstehen.”

aus einer Art Desiderata für Ungläubige. Und sie schloß mit einem chinesischen Sprichwort:

“Wer eine Frage stellt, ist ein Tor für fünf Minuten, wer die Frage nie stellt, bleibt ein Tor für immer.”

Hoffen wir, dass solch wichtige Ereignisse bald auch in Deutschland stattfinden. Dass Atheisten die Kanzeln und Altäre erobern, dass Atheisten, die an Kranken- und Totenbetten sitzen, sich offenbaren, dass Atheisten, die würdevolle Hochzeiten und Totenfeiern wollen, diese auch in einer Kirche zelebrieren dürfen und dass Atheisten, die Sinn und Verstand haben, diesen so nutzen dürfen, dass er auch vielen anderen, vielleicht weniger oder anders Begabten zugute kommt – so wie im schottischen Parlament.

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3 Responses to “Atheistischer Gottesdienst?”

  1. Kolumnistenschwein Says:

    Mein Standpunkt, den ich schon oft in die wehrlosen Ohren eines Kollegen blies: eine Religion, die logisch scheint und das Leben des Menschen wirkungsvoll vereinfacht (Ora et labora o.ä.), wäre akzepzabler Ausweg für die evolutionär bedingte Sinnlosigkeit des Seins. Buddhismus hätte das Zeug dazu. Scheitert aber natürlich wieder, klar, am konsumgeilen Menschen.

  2. sapere Says:

    Buddhismus ist im Grunde Feudalismus. Ich denke, dass Du das nicht wirklich gut finden wirst. 🙂

  3. Kolumnistenschwein Says:

    Das ist bekannt. Weil Buddhisten eben auch Menschen sind, und sich eben auch nur menschlich benehmen. Also wie die Axt im Walde. Dennoch halte ich die Grundsätze des Buddhismus für lebens, – erlebenswert. Allerdings ohne die Hofhaltung eines Dalai Lama. Den braucht es, um buddhistische Praxis auszuüben, nämlich überhaupt nicht. Es hat ihm bloss noch keiner gesagt.

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