Es gibt keinen größeren Fanatiker als den, der all jene des Fanatismus anklagt, die nicht seine Meinung teilen.

Ali Shir Nava

Es ist an der Zeit wieder ein paar Worte zu verlieren. Ein paar Worte zum Thema Meinungsfreiheit vs. Ringen um eine bessere Welt. In einem Blogeintrag von vor ein paar Wochen, mit nachfolgend geradezu ausufernder Diskussion, stellte ich die – zugegeben provokante – Frage, ob die Freiheit der Rede uneingeschränkt gelten solle. Gleichzeitig spreche ich mich in diesem Blog seit einiger Zeit vehement für eine Neue Aufklärung aus – als Gegengewicht zur zunehmenden Entsäkularisierung von Staat, Kultur und Gesellschaft.

Mancher legt mir diese, sich scheinbar widersprechenden Ansinnen als verblendeten Fanatismus aus: Die Welt aus den morschen Angeln reißen und dabei Andersdenkenden das Maul verbieten wollen.

Doch ich bin mitnichten ein Vertreter der Blödes-Arschloch-Fraktion. Die nahezu uneingeschränkte Freiheit der Rede gehört zu den bedeutensten Errungenschaften der Neuzeit. Rede und Gegenrede, Unsinn und Wahrheit, These, Antithese und Synthese sind gar wunderbare Dinge in den Mündern und Ohren von wohlmeinenden und rechtgebildeten Zeitgenossen.

Doch was mit mit den wirkungsmächtigen Demagogen und Volksverhetzern? Was ist mit den Hasspredigern und Meinungsmachern?

In einer Zeit, in der Vertreter der Kirchen die Deutungshoheit über die Begriffe des öffentlichen Diskurses zurückgewinnen, scheint es wichtig, sich an dieser sprengstoffgeladenen Auseinandersetzung zu beteiligen.

Vor allem auch deshalb, weil die Wohlmeinenden und Toleranten sich an die Seite der religiösen Fanatiker stellen und mit unermüdlicher Borniertheit gegen ihre Kritiker argumentieren, dass keiner im Besitz der alleinseligmachenden Wahrheit sei und dass man deshalb den Gläubigen ihren Glauben lassen solle.

AAAARRGGH

Um einen Glauben im Stillen Kämmerlein geht es doch gar nicht. Hallooo. Ist da jemand? Es geht um blutdurstige Organisationen der Gewalt. Es geht um unterdrückende Ideologien. Es geht um – ja natürlich – um die allerschlimmsten negativen Auswüchse religiöser Verblendung.

Warum lehnt jeder wackere Demokrat landauf landab den Kommunismus als schöne aber unrealistische, ja gar gefährliche Ideologie rundweg ab? Weil hier ein diktatorisches System Verhältnisse herzustellen versucht, die in verschiedenen – wie ein Heiligtum verehrten – Schriften gedanklich antizipiert wurden.

Nur in einem unterscheiden sich religiöser und politischer Fundamentalismus: Politischer Fundamentalismus trägt in sich das Bewußtsein über die Menschlichkeit und damit Fehlbarkeit der Vordenker und ihrer Ideologien. Die Religionen dagegen versuchen für sich eine Art göttliche Unfehlbarkeit zu abonnieren. Allein damit sind sie gefährlicher und anfälliger für demagogischen Mißbrauch aller Art.

Der Atheismus stellt nur fest, dass es keinen Gott gibt und zieht daraus hauptsächlich die Konsequenz, dass man von jeder Göttlichkeit verschont bleiben möchte. Geschieht das nicht, wehrt man sich dagegen, so wie man sich z.B. gegen die hanebüchene Argumentation eines Deutschlandfunk-Interviews wehren muß, in der doch die Physikerin Prof. Dr. Barbara Drossel ernsthaft behauptet, dass Naturgesetze Glaubenssache seien.

Man möchte glatt im Dreieck springen.

Ähnlich schlimm die immergleich Argumentation, dass die Kritiker der Elche selber welche seien. Da schreibt doch ein Evolutionsbiologe in der Wiener Zeitung:

Ein “Atheist” leugnet etwas, von dem er nichts weiß (wissen kann). Damit stellt er sich auf eine Stufe mit seinen verachteten Gottesgläubigen und ihres phantasiebegabten Umfelds, das von Vorbedeutungs- und Schicksalsgläubigen aller Art über das naive Volk der Glücksspieler und Wettenden (einschließlich ihrer mathematischen Funktionäre) bis hin zur großen Mehrheit der Geister- und Seelen-Sichtigen reicht.

Was ist so kompliziert daran, zu begreifen, dass der Atheist im Grunde ein Agnostiker ist. Nur durch die Theisten wird er zum Atheisten!

2 Responses to “Völlig irre: Naturgesetze Glaubenssache?”

  1. Atheismus - Warum Atheisten keine Gottesleugner sind | DER MISANTHROP Says:

    […] under the sun – Eine gottlose Veranstaltung. sapere aude – Völlig irre: Naturgesetze Glaubenssache? stern.de – “Gott existiert mit großer Wahrscheinlichkeit nicht” [↩]Brights […]

  2. kamenin Says:

    Volle Zustimmung, und ich erlebe das genauso, wieviele Leute einem netten, undurchdachten Relativismus anhängen und wieviele nicht einsehen wollen, dass Atheismus nur ein entschiedener Agnostizismus ist.

    Einen Punkt sehe ich etwas anders: “Politischer Fundamentalismus trägt in sich das Bewußtsein über die Menschlichkeit und damit Fehlbarkeit der Vordenker und ihrer Ideologien.”
    Das ist zwar wahr, aber gerade das wird dann ein zusätzlicher psychologischer Faktor zur Immunisierung des Führerkults. Im Sinne “wenn das der Führer wüsste, das würd er nicht zulassen.” Ähnliches gibt es zwar auch in der Religion (“Kirche ist nicht Gott”), aber zumindest kann man sich nicht endlos rausreden, wenn man die Gottesvorstellung der Natur gegenüberstellt.

    Beste Grüße!

Leave a Reply