Die heilige Sorgfaltigkeit

November 30th, 2007

Bei Stefan und in vielen anderen Blogs wird derzeit ein tolles Video bejubelt, das die boulevardisierte Berichterstattung über Computerspiele kritisch aufs Korn nimmt.

Ich habe das Video mal mit zwei Originalmitschnitten verglichen und bin etwas erstaunt.

Einer der zentralen Kritikpunkte ist der willkürliche Zusammenschnitt eines lachenden Gesichts eines Gamers mit einer Ballerszene.

Aber auch der Autor des Kritikvideos hat einen suggestiven Schnitt gemacht: So wurde eine Argumentation aus der Sendung „hart aber fair“ mit einer Szene aus einem Kriegsspiel unterlegt. Das war im Originalmitschnitt der Sendung so nicht zu sehen – ist also vom Autor des Videos hinzugeschnitten worden.

Der Autor des Videos hat das nachträglich(!) korrigiert:

„Den Comments nach haben einige das Video so verstanden, dass hartaberfair das Battlefield-Video eingeblendet hat. Die Einblendung stammt von mir, da die Beschreibung von Herrn Pfeiffer mehr auf BF als auf WoW passt. Ich dachte, dass ich durch das „Ops“ klar gemacht hätte, dass ich „ausversehen“ das falsche Video zur Beschreibung eingeblendet hätte. Auch fehlen bei der Einblendung WDR-Logo und hartaberfair-Schriftzug.“

Die Beschreibung des Rollenspiels WOW bei „hart aber fair“ ist natürlich nicht ganz richtig. Selbstverständlich ist man dort kein Offizier oder sowas. Aber der Gegenstand in dieser Argumentation war ja auch nicht, dass es bei WOW vor allem um Gewalt geht, sondern, dass diese Onlinerollenspiele ein extremes Suchtpotential haben und damit zu schweren sozialen und persönlichen Problemen führen können.

Ich habe mir auch das Frontal21-Video nochmal angeguckt und will das mal ebenso Schritt für Schritt nachverfolgen.

1. Einschnitt: Dass man mit Computerspielen das Zielen trainieren kann ist hoffentlich eher metaphorisch gemeint – alles andere wäre wirklich blöd.

2. Einschnitt: Der Videoautor weist darauf hin, dass das Video nicht an Jugendliche unter 18 Jahre verkauft werden darf. Der Frontal21-Bericht zeigt, dass ein 14-jähriger Schüler ein nicht freigegebenes Spiel ohne weiteres erwerben kann. Ein generelles Verbot besonders grausamer Spiele (auch für Erwachsene) würde das verhindern. Es gibt übrigens auch generelle Verbote für die Verbreitung anderer Medien.

3. Einschnitt: Der Kommentator des Frontal21-Berichts spricht davon, dass Robert Steinhäuser „im Blutrausch“ Lehrer und Mitschüler wie im Computerspiel getötet haben soll. Ich verstehe den Kommentar so, dass hier KEINE Computerspiele gemeint waren, in denen Lehrer und Mitschüler getötet werden. So etwas gibt es meines Wissens überhaupt nicht. Wenn doch, schlimm genug. Der Videoautor erweckt aber durch die Aufzählungen der Spiele, die Steinhäuser gespielt haben soll, den Eindruck, genau das sei von Frontal21 gemeint. Gemeint war wahrscheinlich eher die allgemeine Grausamkeit, wie sie in den Egoshootern – wie dem kurz vorher gezeigten – geübt wird.

4. Einschnitt „Das Spiel bestraft das Töten von unbeteiligten Zivilisten“. Heißt das „beteiligte“ Zivilisten dürfen zusammengeschossen werden oder nur unbeteiligte „Nichtzivilisten“ abgeschlachtet?

5. Einschnitt: „Hitlisten“ der Computerspiele. Gezeigt wird die Top Ten-Liste einer Broschüre des hessischen Wirtschaftsministeriums mit dem Titel „Die Gamesbranche, ein ernstzunehmender Wachstumsmarkt“ dem Jahr 2006.

Die Googlesuche fördert u.a. eine Top 20, aus dem Jahr 2007, mit 12 Spielen mit Tötungsaufforderung zutage, darunter auf Platz 5 der Ego-Shooter Half-Life.

6. Einschnit: Finaler Rettungsschuss, Scharfschützenarbeit und das Lob für eine gezielte Tötung „Your the greatest“ sind dreierlei Paar Schuhe. Ein Polizist, der einen Rettungschuss abgeben muss wird so ganz sicher nicht belobigt. Die Kritik bezog sich offenbar vorrangig auf das Lob.

7. Einschnitt: Verkauf an Jugendliche. Im Beitrag wurde gezeigt, dass der Handel sich nicht an die Vorgaben hält. In der Diskussion mit dem Selbstkontrollbeauftragten wird auch darauf hingewiesen, dass die Killerspiele vor allem in Zeitschriften beworben werden, die von Jugendlichen gelesen werden.

Insgesamt ist der Frontal21-Bericht unnötig reisserisch und Politikern gegenüber anbiedernd. Dass es für Kinder und Jugendliche kein Problem darstellt, an nicht freigegebene Gewaltspiele zu kommen, auch durch Tausch und illegalen Kauf, zeigt der Film jedoch ganz gut.

Für den Rest des Videos bin ich jetzt erstmal zu müde … 🙂

15 Responses to “Die heilige Sorgfaltigkeit”

  1. Matthias Says:

    moin,

    ich bin der Autor des Videos und für jede Kritik dankbar. Ich könnte jetzt natürlich anführen, dass man von den Öffentlich-Rechtlichen doch eine Berichterstattung mit einem höherem Niveau als von einem 22 Jährigen verlangen könnte, der zum ersten mal ein „richtiges“ Video zusammenschneidet. Tue ich aber nicht, ich ärgere mich auch ziemlich über meine Fehler.

    – Vorallem dieser Punkt ist ärgerlich, ich hatte da ursprünglich gesagt „Ops, das habe ICH falsch eingeschnitten.“. Ich hatte die Texte dann aber für einen Sprecher umgearbeitet, bei dem man ja nicht „Ich“ sagen kann. Über ein „wir“ habe ich auch nachgedacht, aber das kann man dann auch so verstehen, als ob es hartaberfair gewesen sei. Ich hatte es dann ganz gestrichen, nachdem alle, denen ich es zum Test gezeigt habe, es richtig verstanden haben. Im Endeffekt habe ich es dann doch selbst gesprochen, aber mit den neuen Texten. Ich habe das Video überarbeitet und alle meine Einblendungen mit einer roten Ecke, auf der „Kommentar“ steht, versehen. Darüberhinaus habe ich auch wieder den alten Text benutzt.

    Ein ähnlicher Fehler ist mir auch bei der dauerhaften Wirkung passiert, da habe ich beim Sprechen ein „solche“ vergessen, habe ich in der Beschreibung ja auch erwähnt.

    (Was soll das „!“? Hätte ich das berichtigen sollen bevor ich von dem Missverständnis wusste?)

    1. Leider nein. Das wird wirklich so vertreten – also allgemein. Ob das jetzt bei Frontal21 anders war weiß ich nicht.

    http://www.hsg-kl.de/faecher/inf/spiele/warum.htm

    2. Das ist schon der 2. Schritt. Diskussion des Themas. Das wollte ich mit dem Video aber gar nicht. Alleinige Intention ist, dass die Berichterstattung über Videospiele zumindest in diesen Sendern fehlerhaft war. Mir ging es darum, dass die Kinder das Spiel nicht haben dürften.

    3. Für mich hat die Aussage den Eindruck erweckt, vor allem mit der Pause, dass man die Videospiele meinte.

    4. Das Spiel wird auch bei Spielern kontrovers diskutiert. Man ist ein Auftragskiller und muss pro Einsatz eine Person töten. Das sind meistens Zivilisten (Dass es sich dabei um Pädophile, Mafiabosse etc. handelt sollte das nicht verharmlosen.). Der Spieler bekomtm nach dem Mord Geld. Sollte er Zivilisten, außer die Zielperson getötet haben, wird Geld abgezogen. Das Problem ist: Wenn ein Zivilist einen als Attentäter erkannt hat muss man ihn töten, sonst hat man das Spiel verloren. Statt zu töten fängt man aber eher neu an und versucht sich schlauer anzustellen.

    http://www.stigma-videospiele.de/7a9_1.htm

    5. Habe ich mir noch nicht so genau angesehen – das wird – Jahr noch nicht rum – ne Wochenstatistik sein? Die sagen genrell wenig aus. Eben die von dir ergoogelte, also von GameStar habe ich ursprünglich in dem Video benutzen wollen, durch Zufall habe ich dann die Jahrestatistik gefunden udn dann diese genutzt.

    6. Nichtsdestotrotz wird der Rettungsschuss als gezielter Mord – Tötung aus niederen Beweggründen? – bezeichnet.

    7. In der neuen Version des Videos wollte ich den Punkt hinzufügen. Die zuvor gezeigten Spielezeitschriften habe ich angeschrieben und um ein paar Statistiken gebeten. Bei dem größten deutschen Spielemagazin beträgt das Durchschnittsalter 22 Jahre, also nichts mit vornehmlich jugendlich (aber natürlich auch jugendlich). Ich warte da noch auf genauere Zahlen.

  2. Matthias Says:

    Entschuldige den Nachtrag, ich werde heute leider für eine mögliche Diskussion nicht zur Verfügung stehen können. Spätestens morgen schaue ich aber wieder vorbei.

  3. Gregor Keuschnig Says:

    Grundsätzlich sollte man, wenn man derart Kritik übt, nicht in den gleichen Fehler verfallen wie diejenigen, die man kritisiert. Dass das Video derart bejubelt wird, hat auch damit zu tun, dass man der teilweise selbstgerechten und arroganten, dabei jedoch häufig relativ ahnungslosen Berichterstattung der (öffentlich-rechtlichen) Medien überdrüssig ist. Auch auf Niggemeiers Blog fällt ja schnell das „Argument“, dass man dafür Geld bezahle (und man tut so, als seinen dies horrende Beträge). Ich glaube insofern, dass hier ein Nebenkriegsschauplatz aufgemacht wurde (nicht unbedingt von dem Verfasser des Videos).

    Ich möchte das Video auf der Ebene (nicht in der Qualität) von Michael Moore-Filmen verorten. Auch Moore biegt sich die Fakten gelegentlich so zurecht, wie es ihm passt. Hierüber sehen dann viele hinweg, weil er für „die gute Sache“ ist. Diese Art Berichterstattung lebt also nicht unerheblich von dichotomischen Weltbildern.

    Andererseits sollten sich die angesprochenen Redaktionen sehr wohl zu einer Stellungnahme aufraffen.

  4. denken erlaubt » Blog Archive » Let me entertain you: Kill me! Says:

    […] 1, 2 by ekeldude @ holy […]

  5. EA PLAY » Blogschau #23: Medienwirksame Medienschelte Says:

    […] Gegenstimmen? Fehlanzeige […]

  6. snowblog » frontal und die killerspiele Says:

    […] anders der macher des videos. auf sapere aude, wo einige fehler und unklarheiten des vidos genannt werden, stellt er sich der kritik. von […]

  7. scevro Says:

    Übrigens: Ich denke schon, dass man mit Computerspielen das „Zielen“ üben kann. Nicht den Gebrauch einer echten Waffe. Aber das Zielen auf die empfindlichen Stellen eines Menschen: Kopfschuss zum Beispiel!
    Das allerdings wird in der Argumentation http://www.stigma-videospiele.de/7a3.htm bei Matthias nicht erwähnt, weshalb mir diese Argumentation – wie auch das Video – ziemlich pro-Spiele-lastig vorkommt. Eben subjektiv, nicht wirklich objektiv, obwohl der Anschein von Objektivität offenbar geweckt werden soll.

  8. Matthias Says:

    @scevro

    Um zu wissen, dass Schüsse im allgemeinen und auf den Kopf speziell der Gesundheit nicht sonderlich förderlich sind brauch man kein Videospiel zu spielen. Auch kenne ich kaum einen Shooter der zwischen mehr als Kopf und „Rest“ unterscheidet. Wenn man jetzt vielleicht noch lernen würde, wo das Herz (real) sitzt – das wäre Spezialwissen, aber die Position des Kopfes sollte den meisten Menschen bekannt sein. In vielen Spielen zielt man auch auf die Brust um den Kopf zu treffen, da die Waffe nach einer Salve verreißt. Ob man das in der Realität auch so machen muss weiß ich nicht, ich bin auch nicht scharf drauf das zu wissen.

  9. sapere Says:

    Ich möchte nur noch kurz auf die finanzielle Basis für die Lobbyarbeit der Computerspielbranche hinweisen.
    Golem veröffentlichte vor einem Monat (http://www.golem.de/0711/55846.html) folgende Meldung:

    „Für Video- und Computerspiele werden die Deutschen im laufenden Jahr laut PwC voraussichtlich rund 1,7 Milliarden Euro ausgeben, im Vergleich zu rund 1,6 Milliarden Euro für Musik. Bis 2011 könnte der Umsatz wegen „attraktiver Spiele für die Konsole und der Ausgaben für Online- und Mobile-Games“ um jährlich 6,6 Prozent auf gut zwei Milliarden Euro wachsen.“

    1.7 Milliarden Euro Umsatz im Jahr – allein in Deutschland. Und jetzt erzähle mir nochmal jemand, die Spielehersteller schauen sich öffentliche Debatten um die gesellschaftliche Vertretbarkeit ihrer Produkte tatenlos an!

    Die finanziellen und personellen Mittel der Eltern- und Opferselbsthilfegruppen kann man sich ja mal als Kontrastprogramm ausmalen.

  10. Matthias Says:

    Gewalthaltige Videospiele, je nach Definition natürlich unterschiedlich, machen ca. 5-7 % bei EA aus.

  11. sapere Says:

    je nach definition!

    wie schon oben geschrieben, gibt es in der hälfte der spiele in einer diesjährigen top 20 aufforderungen zum töten. das definiere ich als gewalt.

    und wenn die opfer in computerspielen nur „pixelhaufen“ sind, warum habt ihr dann das bedürfnis zur „eliminierung“ eines solchen pxelhaufens? und warum habt ihr bei den „pixelhaufen“ im horrorfilm reale angst?

    gibt es unterschiede zwischen „pixelhaufen“?

  12. Matthias Says:

    1. Wo hast du die Top20 dieses Jahres her? Kannst du mir bitte eine Quelle geben?

    2. Wenn man auch Strategiespiele dazuzählt sind von den absolut von der USK geprüften Spielen tatsächlich ca. 43 % „Gewaltspiele“.

    3. Ich habe kein Bedürfnis auf Pixelhaufen zu schießen. Genauso wenig wie ein Schachspieler das Bedürfnis hat Schachfiguren an einer Tischkante aufzustellen und umzukippen. Der Grund, warum man Schach oder einen Online-Ego-Shooter spielt ist, dass man spielerisch seine Kräfte misst. Auch dass dabei Spaß entstehen kann ist durchaus nicht unerwünscht. Beim Doppelkopf ist es das gleiche Prinzip. Mir bringt es keine Befriedigung unter meinen Namen Zahlen zu schreiben sondern es macht Spaß mit Freunden Zeit zu verbringen und zu Spielen – ist das so absonderlich?

  13. scevro Says:

    Matthias, kann es sein, dass Du villeicht mal versuchen solltest, alles, was Du über Ego-Shooter denkst, mal aus einem anderen Gesichtspunkt zu sehen?
    Aus dem Gesichtspunkt nämlich, dass ein möglicherweise sehr großer Teil der Shooter-Zocker eben nicht Deinen Bildungsgrad hat?
    Glaubst Du, dass die Leute, die das folgende Video gemacht haben, auch so denken wie Du?
    http://www.youtube.com/watch?v=6op8YpCVD30&feature=related#

  14. Matthias Says:

    Es kommt darauf an, ob diese Personen möglicherweise aufgrund von Videospielen zu einer Gefahr für die Gesellschaft werden könnten. Und ich denke, dass da Videospiele allein kein Faktor sind, die einen Trend zu einer bestimmten Persönlichkeit hin verursachen sondern nur einen bestehenden unerheblich verstärken könnten.

  15. sapere Says:

    A study by Finnish researchers published in the journal Emotion concludes that players of violent video games experience relief when they are killed in game, and that repeated play does not desensitize players to violence:

    http://www.gamecritics.com/fps-players-feel-better-after-dying-than-after-killing-others-say-researchers