Es gibt Themen im Bloggeralltag, die bedeuten dem einfachen Blogger sehr, sehr viel. Vielleicht weil man der Ansicht ist, ob zu recht oder unrecht, dass alltäglich Dinge geschehen, die eine schreiende Ungerechtigkeit sind. Als Blogger bloggt man diese Sachen. Und weil man möchte, dass sich eine Diskussion entspinnt, schreibt man auch eine kalkulierte Provokation mit hinein, und vielleicht kanalisiert sich so ein wenig der lange, lange aufgestauten Wut. Man schreibt diese Zeilen jedoch nicht, um einzelne zu verletzen oder bloßzustellen, sondern um die Debatte zu befeuern und seinem Unmut ein Ventil zu geben. Das ist seit Jahrhunderten gängige – wenn auch nicht unumstrittene – Praxis im Publikationsgeschäft.

Genauso üblich sind die Reaktionen. Vom Leserbrief, über das Gegenpamphlet bis zur Morddrohung und sogar den tatsächlichen Mord. Ein Beispiel ist die “Debatte” um die Mohammed-Karikaturen. Diese Karikaturen waren bewusst provokant gezeichnet, um die Aufmerksamkeit auf ein eklatantes Problem zu richten. Die Folgen waren weder für die Zeichner, noch für die Publizisten der Zeichnung abzusehen und – wie mancher findet – absolut unverhältnismäßig, weil von der Sachebene abgewichen wurde und der Pfad der gegenseitigen Sachbeleidigungen verlassen und die Köpfe der Verantwortlichen gefordert wurden. Dass islamische Länder in ihrer Kritik an christlichen Ländern ebenso wenig rücksichtsvoll sind, wie umgekehrt, wurde von den “Tod den Heiden”-Brüllern einfach übersehen.

Doch warum kam es zu einer solch Aufsehen erregenden Form des Protests?

Weil ein Tabu verletzt wurde.

Weil das – oder besser der – Allerheiligste der islamischen Religion, aus Sicht der Muslime in den Schmutz getreten wurde.

Das hat man in den säkularisierten westlichen Ländern nicht so recht verstanden. Gilt doch hier ein wesentlich entspannterer Umgang mit religiösen Autoritäten.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass das Opfer einer – aus seiner Sicht – Tabuverletzung verlangt, dass eine solche grundsätzlich unmöglich gemacht wird, am liebsten durch die Beseitigung des Tabubrechers.

Doch hat das “Opfer” das Recht die Beseitigung des “Täters” zu fordern und die Gemeinschaft des “Täters” solange und so intensiv zu terrorisieren, dass Zugeständnisse gemacht werden, um das “Opfer” zu beschwichtigen?

Terror ist immer das Mittel der Schwachen gegen die Mächtigen und deren – empfundenen – Machtmissbrauch. Und es gibt viel Sympathie für die “mundtot gemachten” Terroristen. Für die “Märtyrer” der “Revolution”.

Doch es gibt auch Gesetze. Auch ungeschriebene, die die Ausübung von Gewalt einschränken und das aus dem ganz einfachen Grund, dass durch die Eskalation von physischer Gewalt noch nie ein Konflikt gelöst wurde.

Warum also ist die Ausübung von “psychischer Gewalt” durch harte und möglicherweise verletzende Bilder und Schriften gestattet und die Ausübung von Gewalt durch Terror nicht?

Weil Terror nicht die vernünftigste Behandlung eines Konflikts ermöglicht, sondern nur die extremste, die Interessen einer Minderheit wahrende. Deshalb nützt es auch nichts, sich mit den Verfolgern einer terroristischen Strategie an einen Tisch zu setzen. Weil es dem Terroristen nicht um die Interessen der Allgemeinheit gehen kann, weil er sie nicht kennt.

Doch wie geht man mit Machtmissbrauch um, den es unzweifelhaft allüberall, tagtäglich auf der Welt zu beobachten gibt? Was macht man mit Potentaten und Despoten, mit Diktatoren und “Führern”? Mit unmenschlichen Bestien, die ein Unrechtsregime installiert haben, dass mit Einschüchterung, Angst und Terror “von Oben” agiert, mit brutalen Geheimdiensten und Konzentrationslagern, mit Deportationen und willkürlichen Erschießungen, mit Zwangsarbeit und völkerrechtswidrigen Kriegszügen?

Umbringen? Tyrannenmord? Bildung eines Wohlfahrtsausschusses?

Von den Revolutionen der vergangenen Jahrhunderte war die “Wende” im Jahr 1989 die friedlichste. Auch deshalb, weil die Demonstranten in eine Art stummen Generalstreik getreten waren. Die “sozialistische Produktion” wurde boykottiert und auf den Straßen vor den Palästen zunächst zurückhaltend aber bestimmt später lauter, zahlreicher und fordernder protestiert.
Wer konnte vor einem solchen stillen, konsequenten Widerstand die Augen verschließen, welcher Diktator in die Menge schießen?

Die “Wende” erfolgte zivilisiert, wenn auch an vielen Stellen überstürzt. Freie Parteien bildeten sich und wurden (mit deftiger Unterstützung aus dem Westen) gewählt. Die Menschen hatten das Gefühl, ihr Schicksal in die eigene Hand genommen zu haben und verwahrten es für eine gewisse Zeit auch recht gewissenhaft.

Und es wurde das Recht der freien Rede geschaffen, der offenen Kritik an Missständen, die auch sehr scharf sein durfte. Doch aus diese freie Rede hatte Regeln: “Obwohl jeder Staat das selbst regelt, gibt es allgemein verbreitete Einschränkungen wie die zum Schutz der persönlichen Ehre geschaffenen Verbote der Beleidigung oder der Verleumdung. Darüber hinaus kann es je nach Verfassungstradition erhebliche Unterschiede in der Zurückhaltung des Staates geben: Im Gegensatz zu den insoweit äußerst zurückhaltenden USA steht in europäischen Ländern die öffentliche Hetze zu Lasten bestimmter Bevölkerungsgruppen unter Strafe (siehe Volksverhetzung).” Wikipedia.

Gegen Volksverhetzung geht man aber in einem Rechtsstaat nicht vor, indem man selbst zu Unrecht greift, sondern den Vorwurf der Volksverhetzung durch unabhängige Gerichte prüfen lässt. Diese Gerichte stellen fest, ob es sich bei einer Äußerung um einen Rechtsverstoß handelt, oder nur um eine subjektive Einschätzung der eigenen Ehrverletzung, die keine Allgemeingültigkeit besitzt.

Im alltäglichen Geschäft des Publizierens kommt es manchmal vor, dass Beiträge grenzwertig sind und von unterschiedlichen Rezipienten unterschiedlich verstanden werden. Und oft kann auch der erfahrenste Publizist nicht absehen, ob ein bestimmtes Werk zu größeren Kontorversen führt.

In einer solchen Kontroverse gibt es viele Entwicklungs- und Eskalationsschritte. Einer dieser Schritte ist die Unterbindung von Belästigungen der Verfasser und Publizisten durch aufgebrachte Andersdenkende. Dies kann unter anderem im Kontaktverbot bestehen und der Bitte, die Proteste auf anderem Wege fortzuführen, um die Publizisten nicht in ihrer täglichen Arbeit zu stören.
Protest kann ein erhebliches Störpotential entfalten und so hat der Gestörte durchaus das Recht diese Störungen zu unterbinden.

Der Störende hat allerdings ebenfalls das Recht sich zu äußern und zu protestieren und gegebenenfalls eine Gegendarstellung in dem Publikationsorgan seiner Kritik einzufordern. Dieses Recht muss man jedoch auf den Wegen des Rechtsstaates einklagen und nicht durch Telefonterror oder sonstige Arten von Stalking.

Und hier sind wir wieder bei der Frage, warum man manche Kommentare löschen sollte: Kommentare, die in Rage geschrieben wurden, sind kein substantieller Beitrag zu einem Thema, sondern dienen lediglich der Triebabfuhr. Da aber auch der Blogbetreiber nicht von Trieben frei ist, führt ein solcher Schlagabtausch zu einem sinnlosen und zeitfressenden Kommentarschwall, der anderen Lesern des Blogs äußerst unsinnig vorkommt. Um diesem Unsinn Einhalt zu gebieten gibt es vier Möglichkeiten:

1. Man stellt eine Regel auf, an die sich alle halten sollen, dass ab sofort nur noch sachlich argumentiert werden darf
2. Man löscht ohne Aufstellung einer Regel
3. Man moderiert die Kommentare vor der Veröffentlichung
4. Man schließt den Thread

Die zweite Variante ist zwar effektiv aber unhöflich. Die dritte Variante kann bei einem Kommentarspammer und einer sehr publikumswirksamen Diskussion sehr aufwendig werden und ist leider nur für alle Kommentare des gesamten Blogs vorschaltbar und somit sehr unpraktisch. Die vierte Regel verhindert, dass andere, am Thema des Beitrages wirklich Interessierte sich noch äußern können und es ist ein Kniefall vor EINEM Spinner. Die erste Variante ist die transparenteste, aber unpopulär, andere können sich zwar noch äußern, beklagen aber nun zum Teil die Zensur. Sie lässt allerdings die Möglichkeit offen, dass man noch einmal zur eigentlichen Diskussion zurückfinden könnte. Was sich allerdings auch als Illusion herausstellen kann.

Deshalb erscheint die generelle Aussperrung des Kommentarspammers als die sinnvollste Variante. Gibt man ihm nämlich an anderer Stelle die Gelegenheit seinen Sermon zu verbreiten, weil man Zensur selbst für grundsätzlich falsch hält, so wird der Spammer das empfundene Unrecht, in dem Ursprungsbeitrag nicht mehr kommentieren zu dürfen, zum Anlass nehmen, einen beispiellosen Kreuzzug anzutreten, der in der Forderung gipfelt, den Leiter des Community-blogs rauszuschmeißen.

Um solche Kampagnen und ähnliche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, tut der Blogger gut daran, Störenfriede, sollten sie sich irgendwann als solche entpuppen, rigoros von der Diskussion auszuschließen und die persönliche Auseinandersetzung, bei ausreichend Veranlassung, hinter den Kulissen fortzuführen, wenn nötig auch mit Beteiligung von Schlichtern.

Auf die Austragung von persönlichen Konflikten im Community-Blog ist grundsätzlich zu verzichten und Kommentare dieser Art sind zu löschen.

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