Manchmal bin ich verzweifelt. Irgendwas ist passiert. Mich quälen Gedanken und Gefühle, die einfach nicht weggehen. Ich habe aber auch keine Lösung für das Problem. Ich zermartere mir das Hirn, ich spreche mit Freunden, ich lese irgendwo nach und versuche gute Ratschläge und Tips zu bekommen. Und wenn es gar nicht mehr anders geht, nehme ich mir die Zeit und versuche ein Gebet zu sprechen. Nichts Vorformuliertes. Ein echtes Gebet.

Ich kniee mich hin, beuge mich nach vorn und meist stammle ich dann irgendetwas und versuche meinen Gedanken und Gefühlen irgendwie Ausdruck zu geben. Oft flüstere ich nur, weil ich mich schäme und weil sich die Worte, das was ich da sage, völlig bescheuert anhören. Rede ich da jetzt mit mir selbst? Wie peinlich. So niedergekauert auf der Erde zu hocken und Gott voller Verzweiflung um eine Lösung des Problems zu bitten. Manchmal singe ich auch, wimmere, schreie, röhre, stammle unverständliche Laute.

Aber wenn ich diese demütigende Prozedur vollziehe, löst sich komischerweise etwas in mir.

Und dann komme ich in einen Zustand, der sich wie eine Verbindung anfühlt. So wie wenn man früher auf unterschiedliche Weise versucht hat, eine Internetverbindung herzustellen und dann rauschte und fiepte und summte es und dann war da … nichts. Also nochmal. Rauschen. Summen. Fiepen … Nichts. Und dann, irgendwann, hörte das Fiepen und Rauschen auf und eine frohe Stille kehrte ein und die Verbindung stand.

Und dann beginne ich mit Gott zu sprechen und erhalte auch klare und deutliche Antworten. Verrückt eigentlich. Aber ist das wirklich Gott, der mir da antwortet und mit mir spricht? Oder spielt mir mein Hirn da einfach einen Streich? Ist das nicht einfach ein Selbstgespräch? Eins, das ich vielleicht einfach auch mit meiner liebsten Oma Hilde führen könnte? Oder schlicht und einfach mit mir selbst und meinen Gedanken?

Die Stimme Gottes zu hören ist üblicherweise nur den großen Propheten vorbehalten. Aber auch die Jünger und einfaches Volk konnte die Stimme Gottes hören. David beschrieb Gottes Stimme in Psalm 29 so:

Die Stimme des HERRN geht über den Wassern; der Gott der Ehren donnert, der HERR über großen Wassern. Die Stimme des HERRN geht mit Macht; die Stimme des HERRN geht herrlich. Die Stimme des HERRN zerbricht die Zedern; der HERR zerbricht die Zedern im Libanon. Und macht sie hüpfen wie ein Kalb, den Libanon und Sirjon wie ein junges Einhorn. Die Stimme des HERRN sprüht Feuerflammen. Die Stimme des HERRN erregt die Wüste; der HERR erregt die Wüste Kades. Die Stimme des HERRN macht Hirschkühe kalben und entblößt die Wälder; und in seinem Tempel sagt ihm alles Ehre.

Die Stimme Gottes ist keine leise Stimme. Sie ist keine wohlgefällige Stimme. Die Stimme Gottes „donnert“. Sie „geht mit Macht“, mit solcher Macht, dass sie „Zedern bricht“ und sie „sprüht Feuerflammen“.

Feuerflammen wie sie die Jünger zu Pfingsten erlebten (Apostelgeschichte 2:1)

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Sie redeten in anderen „Zungen“. Zungenreden ist auch so eine Sache. In traditionellen christlichen Gemeinden gilt das Zungenreden nachgerade als „Teufelszeug“ und wird mit einem Tabu belegt. Man spricht schlicht nicht darüber. Und wenn überhaupt dann abfällig mit ein wenig Angst, sich lächerlich zu machen. Ein bißchen verrückt ist es ja schon, einfach so vor sich hin zu plappern. Und was soll das mit Gott oder Gottes Wirken zu tun haben?

Aber schon Kleinkinder beginnen mit dem Plappern. Sie kreieren Silben und Worte und entwickeln so per Versuch-und-Irrtum-Prozedur ihre eigene Sprache. Kreativität beginnt mit dem Heraustreten aus gewohnten Bahnen. Damit, dass man verrückte Dinge tut und sagt. Das ist natürlich fehleranfälliger als den eingetretenen Pfaden erfahrener Vorläufer zu folgen. Und man macht sich sicherlich lächerlich. Aber es ist unendlich befreiend, einfach so, sich ohne Beachtung der üblichen Normen und Regeln, ohne die permanente Selbstbeobachtung und -bewertung zu artikulieren. Vor sich hinzuplappern und das was die Seele belastet und beschäftigt herauszulassen.

Das geht noch besser mit Musik. Auf den Flügeln der Melodie kann man seinem Gefühl in einer Phantasiesprache Ausdruck verleihen. Und Trauer, Kummer, Schmerz herausschreien. Und anschließend in sanftes – verständliches – Gotteslob verfallen.

Dem Zungenreden ist in einem Schreiben des Paulus an die Korinther (1. Korinther 14) ein ganzes Kapitel gewidmet:

Strebet nach der Liebe! Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget! Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott; denn ihm hört niemand zu, im Geist aber redet er die Geheimnisse.

Diese Praxis ist in christlichen Kreisen als charismatisch-pfingstlerisch verschrien. Wer in Zungen redet und den „Heiligen Geist“ wahrhaftig und buschtäblich spüren kann, mit dem kann etwas nicht stimmen.

Dabei ist natürlich der Grat zum Gotteswahn und zur religiösen Manipulation sehr sehr schmal. Wie unterscheidet man denn nun, ob das was man hört … ob im stillen Gebet oder von einem anderen Menschen … wirklich von Gott kommt oder nicht? Man könnte wohl sagen, dass es einen einfachen Lackmustest gibt:

Wenn das, was Du da denkst, fühlst oder hörst sich stark von dem unterscheidet, was Du von Jesus weißt, dann kommt es nicht von Gott. Solltest Du Dir unsicher sein, kannst Du es an Gottes Wort prüfen.

Diese Prüfung könnte nun bedeuten, dass man den Rest seines Lebens nun ausschließelich mit Bibelstudium verbringen müßte. Das kann nicht der Sinn der Sache sein. Aber eine Prüfung dessen, was wir denken, fühlen, hören an Gottes Wort, bleibt unsere Aufgabe, soweit uns dies möglich ist. Für alles andere gibt es seine Gnade, die uns von allen Ängsten befreit.

Denn wenn es eine Botschaft gibt, die im Zentrum aller anderen Botschaften Jesu steht und zu denen alles andere nur Fußnoten sind, dann ist es diese:

Füchte dich nicht, liebe!

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