Der Gotteswahn

September 7th, 2015

Vor fast zehn Jahren habe ich in einer großen Buchhandlung aus einer Laune heraus ein Buch erstanden, das mein Leben grundsätzlich verändern sollte: Richard Dawkins‘ „The god delusion“ (Der Gotteswahn).

Viel später sagte man mir, dass mein Weg zum Christentum äußerst ungewöhnlich verlaufen sei. Von der Indifferenz eines typischen ostdeutschen Atheisten, der von Gott bis zum 14. Lebensjahr nie etwas gehört hat, über den Antitheismus des Richard Dawkins oder Christopher Hitchens, bis hin zu Kirche, Bibel und dreieinigem Gott.

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Anders als die meisten hat mich dieses Buch, „The god delusion“, aber nicht nur erst zum Atheisten gemacht und mich in meinem Atheismus bestärkt, sondern es war mein Einstieg in eine intensive und bewußte Auseinandersetzung mit Religion überhaupt, die mich später zum Christen machte.

Dieses Buch öffnete mir die Augen, zunächst für den immensen Zündstoff, der weltanschaulichen Fragen innewohnt, später für die monströsen Verbrechen, die auf das Konto organisierter Religion gehen und zuletzt für den unglaublichen Reichtum an Weisheit, der vielen religiösen Schriften zugrundeliegt.

Ich hätte diesen Schatz nie heben können, ohne den Reiz der Auseinandersetzung, den dieses Thema und dieses Buch hervorriefen und -rufen.

Ich muss meinen Freunden nun auf verschiedene Weise erklären, wie ich eine solche Wandlung durchmachen konnte. Und es fällt mir schwer, weil ich ihnen lange mit meinen extrem antireligiösen Meinungen auf die Nerven ging. Viele haben das nicht verstanden, manche haben sich davon auch vom Antitheismus überzeugen lassen.

Ich habe mich sehr engagiert. Ich habe die sogenannte atheistische „Buskampagne“ für Deutschland mit initiiert und habe in Foren und Blogs und zusammen mit den Giordano-Bruno-Stiftung, Freidenkern und Brights im „richtigen Leben“ für die atheistische Sache gestritten. Aber ich habe auch viel gelesen und und viel zugehört und ich habe irrgendwann etwas verstanden.

Ich glaube, ich habe dann begonnen, das richtig zu verstehen, als ich wirklich mitgemacht habe. Als ich beim Gottesdienst einfach mal mit aufgestanden bin. Das war schon komisch genug. Und dann habe ich auch das „Herr, erhöre uns“ mitgebetet. Und ich habe mitgesungen. Ich habe das Vaterunser mitgesprochen und habe zuletzt auch das Abendmahl genießen dürfen. Ich habe gesehen, wie dabei die Herbstsonne durch die Scheiben der kleinen Kirche schien und ich fühlte mich dabei geborgen und richtig.

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Ich kannte dieses Gefühl schon. Ich hatte es früher manchmal, als ich als Kind in meinem Zimmer saß, es war dunkel und kalt draußen, drin war es warm und eine kleine Schreibtischlampe ließ ihr Licht auf ein kleines Bild scheinen. Ein weites Meer war darauf zu sehen und am Strand stand eine einsame Gestalt. Leise Musik lief im Hintergrund. Es war ein Gefühl der Geborgenheit im Großen und Ganzen. Und dieses Gefühl hatte ich wieder, als ich in einem kleinen Kirchlein im tchechischen Tabor, dem Hort der Hussiten, stand. Und wieder als ich einmal in einem Urlaub mit Freunden vor dem Essen betete und sang. Das kam mir fremd und komisch vor. Ein bißchen übertrieben und gewollt. Aber es hinterließ einen tiefen und bleibenden Eindruck.

Auch freundliche und verträgliche Menschen haben Eindruck auf mich gemacht. Menschen, die nicht Auge mit Auge vergalten, sondern unendlich zur Vergebung bereit waren. Mich beeindruckten Menschen, die anderen Menschen halfen, die mir in vielerlei Hinsicht unberührbar erschienen. Ich war beeindruckt von der Klugheit und von dem unermüdlichen Engagement für gute Dinge, die keine finanziellen Vorteile oder Machtgewinn oder Ruhm brachten. Ich war beeindruckt von dem stillen Glühen, der Wärme, die von manchen dieser Menschen ausging. Und mich beeindruckte die Gewaltlosigkeit, die keine Feigheit war. Denn sie blieben da und ertrugen den Hass und die Gewalt still. Ich sah Zuversicht im Angesicht des niederschmetternsten Hoffnungslosigkeit. Ich sah Vertrauen im Angesicht tiefsten Mißtrauens. Ich sah Liebe im Angesicht der kältesten Lieblosigkeit.

Und ich fragte mich, woher nahmen diese Menschen die Kraft, meinem Hass mit Geduld zu begegnen? Woher nahmen sie die Kraft, in dieser Welt, die zur Verzweiflung einlädt, nicht verzweifelt, sondern froh zu sein?

Dieses Beispiel trieb mich an. Ich wollte es wissen. Und ich sollte es wissen.

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