Die Rede von Gott

Juni 4th, 2015

Wie kann man es überhaupt wagen, noch von Gott zu reden?

Wie kann man einem Atheisten gegenüber rechtfertigen, dass man von einem Gott spricht, wenn dieser Begriff zur Rechtfertigung größter Verbrechen der Menschheit herangezogen wurden? Wenn der Heilige Bernhard von Clairvaux, einer der großen Kirchenlehrer schreibt: “Ein Ritter Christi, sage ich, tötet mit gutem Gewissen” und wenn er von der “Ausrottung” der “Unruhestifter” in der Stadt Gottes spricht, kann man dann noch guten Gewissens von Gott reden?

Wenn der größte Verbrecher der Geschichte, Adolf Hitler, die Gnade des “allmächtigen Gottes” erbittet, um erfolgreich für Deutschland zu kämpfen? Wenn auf den Koppelschlössern der Wehrmacht “Gott mit uns” steht.

Wie ist die Rede von Gott angesichts unglaublicher Monstrositäten die im Namen oder mit der Billigung der Katholischen Kirche begangen werden noch möglich? Die Mafia als Finanziers von Reliquienschreinen und Heiligenprozessionen, von Kirchen und Kapellen. Erst in diesem Jahr hat Papst Franziskus alle Mafiosi exkommuniziert. Aber die Verflechtung von geistlicher und verbrecherischer Macht scheint unzerstörbar.

Wie kann man da noch von Gott reden?

Wie von Gott reden, wenn er im Alten Testament – aus der Sicht von Richard Dawkins – eigentlich so beschrieben wird:

    “The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.”

Und was kann man Nietzsche antworten wenn er schreibt:

    “Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt, – ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen… Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die Eine große innerlichste Verdorbenheit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist, – ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit […].”

    “Man nennt das Christenthum die Religion des Mitleidens. – Das Mitleiden steht im Gegensatz zu den tonischen Affekten, welche die Energie des Lebensgefühls erhöhn: es wirkt depressiv. Man verliert Kraft, wenn man mitleidet […] Das Mitleiden kreuzt im Ganzen Großen das Gesetz der Entwicklung, welches das Gesetz der Selektion ist. Es hält, was zum Untergange reif ist, es wehrt sich zu Gunsten der Enterbten und Verurteilten des Lebens, es gibt durch die Fülle des Missratnen aller Art, das es im Leben festhält, dem Leben selbst einen düsteren und fragwürdigen Aspekt.”

    “Die Schwachen und Missratnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.”

Wie kann man angesicht dieser vernichtenden Kritik immer noch von Gott sprechen? Christlich von Gott sprechen?

Man kann es, weil die Sprache der Menschen, die ich oben zitiert habe, die Sprache des Hasses ist. Es ist die Sprache der Wut, die eigentlich Verzweiflung ist, die dem größten Leid entspringt: Dem Leid, sich nicht geliebt zu fühlen.

Diese Sprache entlarvt sich selbst. Sie spricht nicht von Gott, sie spricht aus Angst und furchtbarer Not. Im Versuch, der Endlichkeit des Daseins und der eigenen Leidensfähigkeit zu entrinnen. Sie leidet an ihrer Leidensfähigkeit.

Dass diese Leidensfähigkeit ein Geschenk ist, das es auch ermöglicht, weise zu werden und weniger zu leiden, sehen sie nicht. Sie wollen ihr Leid allen anderen aufzwingen. “MÖGEN SIE IN IHRER EIGENEN SCHEISSE VERRECKEN” schreit es aus ihnen heraus.

Und so schreit es auch aus uns heraus. Wir sind nicht frei von diesem Hass, diesem Gefühl der Ungerechtigkeit, des Neides und der Mißgunst. Auch wir wünschten manchmal, die anderen, die so glücklich und zufrieden scheinen, die so ein sicheres und aufregendes Leben führen, sollten spüren wie es sich anfühlt, nicht mehr weiter zu wissen, völlig verzweifelt zu sein, am Ende. Wenn ich schon untergehen muss, will ich wenigstens alle anderen mit mir reißen.

Das ist auch die Logik der verzweifelten Amokläufers von Aurora, der in einem Kino zwölf Menschen erschoß. 10 Jahre plante er die Tat und begründete sie schließlich mit seiner Verzweiflung angesichts so vieler persönlicher Verluste und Tiefschläge, deren Ursache er in seiner psychischen Erkrankung fand. Wozu also noch leben? Und wenn er selbst sterben muss, warum sollte es überhaupt noch Leben geben?

“Life ist death” schreibt er, also “Why should life exist? What is the purpose of living?”

Gewaltausübung und Kriminalität sind Ausdruck der Verzweiflung, der ohnmächtigen Wut angesichts der Zumutungen des Daseins. Wir wollen uns selbst schützen – aber wir müssen doch sterben. Wir können dem Tod nicht entgehen. Das zu wissen, ist ein schreckliches Schicksal und viele Menschen verfallen tatsächlich in eine verzweifelte Suche nach einem Ausweg. Sie betäuben sich und suchen soviel wie möglich aus diesem Leben herauszuholen. Sie machen vergängliche Dinge und Erlebnisse zu ihrem Gott. Und dann stellt sich die Erkenntnis ein, das alles vergänglich ist. Also wozu noch leben? Wozu?

Weil es etwas gibt, das nicht vergehen kann. Etwas das bleibt wenn alles was geformte Materie ist vergangen ist, das was der Materie ihre Form gibt, das was hinter Physik und Chemie steht, das was die Materie so bewegt, dass sie sich letztlich zu liebesfähigen Menschen gefügt hat.

Das ist es was “eigentlich” ist. Das war, bevor wir da waren und das wird da sein, wenn wir die Erde längst verlassen haben. Was das sein soll kann niemand ermessen. Jedes Wort, das es beschreiben soll ist falsch. Es kann nur klägliche Versuche geben, dieses Ewige zu umschreiben was immer ist und was in der Bibel als יהוה geschrieben wird.

Diesem יהוה wird viel Böses zugeschrieben. All das Leid, das Menschen erleben und das sie verstehen wollen. Warum leiden wir? Weil wir leben. Wozu dann leben? Weil Leben nicht nur Leidensfähigkeit bedeutet. Warum man leiden muss haben die Alten so verstanden, dass das Leid eine Strafe Gottes ist. So erschien Gott letztlich wie der egoistische Megalomane, den Dawkins kritisiert.

Dieses schreckliche Bild von Gott hat Jesus, haben seine Jünger, haben seine Nachfolger neu gerahmt. Gott ist nicht der ferne Gewalttäter, der die Menschen nach Belieben für ihre Sünde belohnt und bestraft … und letztlich die Gesetzestreuen etwas weniger. Nein, Gott ist wie wir. Er ist in uns er ist die Prinzipien die uns leiten. Er zeigt uns Gut und Böse. Und er zeigt uns, dass das Leid und der Tod keine Strafe sind, sondern Notwendigkeiten, die im Weltmaßstab, im Maßstab des Universums und es ganzen Rests einem uns im großen und ganzen unbekannten Plan folgen.

Im Detail geht es aber offenbar um Liebe. Das spüren wir intuitiv. Wenn wir glücklich sind, wenn es uns gut geht, wenn wir bezaubert sind und hingerissen, wenn wir schweben und tanzen, dann geht es um die Liebe – nicht nur die romantische aber auch. Diese Liebe ist da. Die ist in dieser Welt. Auf die sollen wir uns konzentrieren und ausrichten. Nicht auf das Böse, nicht auf die Verhinderung des Bösen durch das Böse. “Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.” (Röm 12:21).

Das ist eine andere Rede von Gott, die Jesus und seine Jünger da im Neuen Testament versuchen. Es ist eine Rede, die die Menschen anspricht und anrührt, aufwühlt und antreibt. Das ist der Heilige Geist, von dem alle reden.

Diese vieldeutige Rede von Gott ist heute vielen nicht mehr verständlich. Sie wollen Gott anfassen können und vermessen. Sie wollen ihn vorhersagen und falsifizieren. Sie wollen Gott in der Weltgeschichte finden, in der historischen Wahrheit und in der chemisch-physikalischen Wirklichkeit. Wie vermittelt man in dieser Welt eine verständliche Rede von Gott?

Das geht nur, wenn man ganz neu von Gott spricht, wenn man ihn neu sucht, wenn man die Sprache des Hier und Jetzt kennt. Spricht man anders von Gott, so wird Gott ein anderer. Es ist an der Zeit.

One Response to “Die Rede von Gott”

  1. Nemesis Says:

    Ein wirklich glücklicher, freier, (selbst-) bewusster Mensch wird kaum einem solchen Hass verfallen, wie Adolf Hitler ihm verfallen war. Hitler wollte ja ursprünglich Maler werden. Dieser Wunsch jedoch wurde nicht erfüllt. Ausserdem hat er sehr unter seinem autoritären Vater gelitten. Hitler war ein Kind seiner Zeit, einer fürchterlich verklemmten und extrem autoritären Zeit. Ich denke, tief unter der Oberfläche hasste Hitler am meisten sich selbst. Er konnte sich selbst nicht lieben, vermutlich, weil er von seinen Eltern mehr gequält als geliebt wurde. Also hasste er auch alle anderen Menschen. Das einzige Wesen, das er wirklich geliebt hat, war vielleicht seine Schäferhündin Blondi. In den historischen Aufnahmen sieht man ihn so gut wie nie lachen oder lächeln, in seinen Reden überschlägt er sich regelrecht vor Hass. Er war stets sehr steif, verkrampft, verklemmt. Ich denke, er hatte auch sehr starke Minderwertigkeitskomplexe.

    Nietzsche, den Du hier zitierst, hatte ähnlich unter dem verklemmten Korsett seiner Zeit gelitten (daher seine Beschwörung des Dionysischen), allerdings zog er letztlich andere Schlüsse, als Hitler. Seine Übermenschphantasien und sein “Wille zur Macht” sind allerdings ebenfalls Ausdruck einer Kompensation seines mangelnden Selbwertgefühls.

    Im Grunde betrachte ich Hitlers Lebensweg als einen erweiterten Suicid bzw Amoklauf:

    Sie wollen ihr Leid allen anderen aufzwingen. “MÖGEN SIE IN IHRER EIGENEN SCHEISSE VERRECKEN” schreit es aus ihnen heraus… Wenn ich schon untergehen muss, will ich wenigstens alle anderen mit mir reißen.

    Hitler war leider nicht in der Lage, sein Leiden zunächst anzunehmen und dann aufzuarbeiten, daran zu wachsen. Du zitierst jenen Amokläufer:

    “ Life is Death.”

    Die Weisen aller Zeiten haben das auch so betrachtet. Allerdings haben sie völlig ander Schlüsse daraus gezogen, als ein Hitler oder ein Amokläufer. Ich persönlich gewinne eine Menge Trost aus der Einheit von Leben und Tod. Ich betrachte den Tod nicht als Feind des Lebens, sondern als Geschwister des Lebens. Ohne Tod gibt es kein Leben, ohne Verwelken kein Erblühen. Das Erblühen einer Blume ist gleichzeitig auch bereits das Verblühen der Blume. Wir als Menschen haben die Tendenz, das Erblühen zu begrüssen, jedoch das Verwelken zu verfluchen, zu bekämpfen, zu fliehen oder den Tod gar als Strafe zu betrachten. Mit jeder neuen Stunde unseres Lebens stirbt auch etwas in uns, an uns. Die sog. Naturvölker wissen um die Einheit von Leben und Tod, in ihren Initiationsriten vollziehen sie jene Einheit nach. Die sog. westliche Kultur jedoch betrachtet den Tod als absoluten Feind, den es um jeden Preis solange wie möglich hinauszuzögern, zu bekämpfen gilt. Das Ergebnis sind dann zB facegliftete “Zombies”, nicht ganz lebendig, nicht ganz tot.

    Wir sollten aufhören, den Tod als endgültigen Feind zu betrachten, dann würde die Geldgier und der Wahn ewigen Wachstums ein Ende finden und wir würden Frieden schliessen mit dem Kreislauf der Natur, mit unserer eigenen Natur. Nicht der Tod ist Feind des Lebens, sondern Gier, Anhaftung, der Kampf gegen den natürlichen Kreislauf ist der Feind des Lebens. Daher fürchte ich meine eigenen Unzulänglichkeiten mehr, als den Tod. Der Tod ist “heilig”, genau wie das Leben.

    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/93/Picture_puzzle.jpg

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