Ich hatte in einem früheren Posting geschrieben, dass ich erst allmählich erkannt habe, dass man die Bibel nicht nur wörtlich lesen kann, sondern dass die Texte unterschiedliche Interpretationsebenen haben können. Muriel und ke konnten das nicht verstehen. Ungläubig fragte ke:

    War dir in all den 3½ Jahren, die du dich hier im Blog intensiv mit Religion beschäftigt hast, etwa nicht aufgefallen, dass man religiöse Texte nicht als Tatsachenbeschreibungen lesen muss? O_O

Und Muriel schrieb sarkastisch:

    Ohja, das muss hart sein, wenn man religiöse Texte nicht versteht. Glückwunsch zu dem Erfolg!

Ja. Ich habe die Texte der Bibel nur als historische Tatsachenbeschreibung und als sich auf den Tatsachen gründende moralische Imperative gelesen. Dass es noch andere Textebenen gibt, hat sich mir erst durch den Besuch von Gottesdiensten erschlossen.

Im Grunde funktioniert die Botschaft der Bibel wie unsere alltägliche Kommunikation auf verschiedenen Ebenen. Jeder der gebildeteren Leser kennt sicher das sogenannte Vier-Seiten-Modell der Kommunikation. Hier wird gesagt, dass mit jeder Aussage, die Menschen zu anderen Menschen machen immer vier Botschaften verbunden sind: Eine einfache Sachbotschaft, eine Beziehungsbotschaft, eine Selbstauskunft und ein Appell.

Am Beispiel von Schulz von Thun zitiert nach Wikipedia:

Um Kommunikation zu beschreiben, die durch Missverständigung auf den verschiedenen Ebenen gestört wird, beschreibt Schulz von Thun als Beispiel die folgende Situation: Ein Mann und eine Frau sitzen beim Abendessen. Der Mann sieht Kapern in der Soße und fragt: „Was ist das Grüne in der Soße?“ Er meint damit auf den verschiedenen Ebenen:

Sachebene: Da ist was Grünes.
Selbstoffenbarung: Ich weiß nicht, was es ist.
Beziehung: Du wirst es wissen.
Appell: Sag mir, was es ist!

Die Frau versteht den Mann auf den verschiedenen Ebenen folgendermaßen:

Sachebene: Da ist was Grünes.
Selbstoffenbarung: Mir schmeckt das nicht.
Beziehung: Du bist eine miese Köchin!
Appell: Lass nächstes Mal das Grüne weg!

Die Frau antwortet gereizt: „Mein Gott, wenn es dir hier nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen gehen!“

In etwa nach demselben Prinzip funktioniert die biblische Botschaft. Es gibt einen sogenannten “Vierfachen Schriftsinn”.

Bibelstellen lassen sich demnach nicht nur buchstäblich als konkrete historische Aussagen verstehen, sondern können auch als allegorische Aussagen über die Glaubenswirklichkeit, moralisch als Handlungsanweisung für den Glaubenden oder anagogisch als Ausdruck der Hoffnung gelesen werden.

Literalsinn = wörtliche, geschichtliche Auslegung
Typologischer Sinn (Interpretation „im Glauben“) = dogmatisch-theologische Auslegung
Tropologischer Sinn (Interpretation „in Liebe“) = gegenwärtige Wirklichkeit einer Einzelseele
Anagogischer Sinn (Interpretation „in Hoffnung“) = endzeitlich-eschatologische Auslegung

Kombiniert mit dem Vier-Seiten-Modell sieht das so aus:

bible

Sachebene = Literalsinn: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Typologischer Sinn = Beziehung: Moses hat uns Gottes Gesetz gegeben. Aber Gott ist mehr. Ich bin mehr. Du bist mir mehr.
Tropologischer Sinn = Appell: Mach Dich mit mir auf den Weg zur Wahrheit und zum Leben!
Anagogischer Sinn = Selbstoffenbarung: Ich kann – und werde – Dich erlösen.

Man kann diese Ebenen natürlich – wie im Vier-Seiten-Modell – auch mißverstehen:

Sachebene = Literalsinn: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Anagogischer Sinn = Selbstoffenbarung: Ich bin ein größenwahnsinniger Wanderprediger und halte mich für die Antwort auf alle Fragen.
Typologischer Sinn = Beziehung: Du bist mein armes Opfer.
Tropologischer Sinn = Appell: Verehre mich, damit ich berühmt werde und eine jahrtausende währende, weltumspannende Religion gründen kann.

Und in diesem Kontext wird wichtig, welche Beziehung wir zu der biblischen Figur des Jesus haben. Es wird wichtig, wie seine Geschichte verlaufen ist. Ist er mächtig, hochbetagt, reich und allgemein verehrt und gewürdigt gestorben, wie es einem erfolgreichen Religionsgründer zukommt – oder ist er elendiglich an einem Holzbalken genagelt verreckt? Sagt er uns, dass wir nur wenn wir schön, reich und berühmt sind, glücklich sein werden und verspricht er uns den Weg dahin? Oder verspricht er etwas anderes …

11 Responses to “Wie man die Bibel lesen (und völlig mißverstehen) kann”

  1. Nemesis Says:

    Sagt er uns, dass wir nur wenn wir schön, reich und berühmt sind, glücklich sein werden und verspricht er uns den Weg dahin?

    Wenn das Essen, wenn das Wasser knapp wird, dann werden wir sehen, wie friedvoll die liebevollen Christen der modernen Industrieländer sich verhalten werden- erfahrungsgemäss ist dann Schluss mit Nächstenliebe, denn leider macht die Bibel den Bauch nicht satt. Allerdings werden auch „die Reichen, Schönen und Berühmten“ dann endlich realisieren, dass buntbedruckte Papier (Geld) nicht satt macht.

    Most people think great god will come from the skies, take away everything, and make everybody feel high. But if you know what life is wort, you would look for yours on earth.

    – Bob Marley

  2. sapere Says:

    Ja, Du kannst Dich auf das Diesseits konzentrieren. Das ist Dir ja auch unbenommen. Es zwingt Dich doch keiner (mehr) auch an ein Jenseits zu glauben. Aber wenn die Lebensmittel knapp geworden sind und Du im Kampf um die Reserven blutend und sterbend am Boden liegst, bleibt die Frage an Dich bestehen: Schlange oder Baum des Lebens … und Du kannst Dein Leben aushauchen, mit dem Wissen, dass Du wahnsinnig gekämpft hast. Aber Du wirst Dein Leben verlieren, ob durch einen Weltkrieg oder friedlich im Schlaf … und dann wird nicht mehr zählen, wer Du bist und was Du hast … sondern allein: Was hast Du anderen Seelen gegeben und was hast Du ihnen geraubt. Hast Du im Leben Hoffnung gegeben und Glück … oder hast Du Angst und Verzweiflung gesät?

  3. Nemesis Says:

    Ich habe in meinem Leben Sorge um andere getragen, ganz sicher und ich tue das immer noch. Und wenn Du meinst, dass wir uns keinen Kopf um den Klimawandel etc machen müssen, sondern nur um das Seelenheil, um das Jenseits, den Baum des Lebens, ok, dann sei mir das recht, in dieser Welt ist nichts leichter, als sich fraglos und bequem in die Herde einzureihen, das kann ich ua an meiner lieben, christlichen Familie ablesen. SELA.

    … übrigens, ich glaube nicht nur an ein Jenseits, sondern ich weiss aus eigener Erfahrung, dass es ein Jenseits gibt. Also konzentrieren wir uns auf Hoffnung, Glaube, Liebe und viel Glück. Ich werde den Klimawandel ect nicht mehr erwähnen.

    _()_

  4. Nemesis Says:

    Ich möchte noch was hinzufügen:

    Wenn es mir in irgendeiner Form um Alarmismus ginge oder darum, Verzweiflung zu säen, dann würde ich einen eigenen Blog aufmachen, eine eigene Website, ich würde auf Demos gehen oder mich mit einem Schild auf die Fussgängerzone stellen mit der Aufschrift:

    ” Das Ende ist nah!”

    Ich war nie auf einer Demo, ich hatte nie einen eigenen Blog, die einzige Website, die ich mal hatte, ist tausend Jahre her und da ging es nur um Musik. Musik ist meine Religion.

    Nein, ich bin ganz gewiss nicht daran interessiert, die Welt zu retten, denn ich weiss selbst, was Du selbst sagtest:

    Wir stehen täglich vor der Welt Ende.

    Also genau wie ich selbst auch schon an anderer Stelle sagte:

    Die Apokalypse ist nicht gestern oder morgen, sondern immer schon jetzt. Und es hat absolut keinen Sinn, das der Konsumherde zu verklickern, die würden Dich/Uns auslachen, die wollen die Wahrheit nicht wissen, sondern glauben, dass der Konsumtrip ewig weitergeht. Und auch der Klimawandel interessiert niemanden da draussen in den Konsumtempeln, die Standardantwort lautet immer gleich:

    ” Jaaa, aber wir werden das nicht mehr erleben!”

    Sogar die eigenen Nachkommen oder gar Menschen, die bereits jetzt durch den Klimawandel hungern oder ihr Leben verlieren, interessieren einfach nicht. Ich hab das begriffen, 100%. Wer auf die Wahrheit aufmerksam macht, war schon immer ein Rufer in der Wüste.

    Die Sonne, der Mond und die Wahrheit lassen sich niemals verbergen.

    Gautama Buddha

  5. sapere Says:

    Ich denke nicht, dass wir uns keinen Kopf um die Klimaerwärmung machen müssen. Ich dachte, das hatte ich klar gemacht. Aber dieses Blog ist kein Klimablog. Das Thema scheint Dir aber so wichtig zu sein, dass Du in jeder Diskussion darauf kommst. Deshalb empfehle ich Dir ein eigenes Blog und uns die Rückkehr zum Thema dieses Blogs: A-Theismus. 🙂

  6. Nemesis Says:

    Lieber sapere aude,

    ich persönlich habe abgeschlossen mit dem Thema “Atheismus – Theismus” usw. Ich sagte ja auch bereits mehrfach, dass mir die diversen Weltbilder nicht so wichtig sind, mir persönlich ist es vollkommen egal, ob jemand an Gott glaubt oder nicht. Ich werde die noch verbleibende Zeit mit Reue, mit Busse Mutter Erde gegenüber verbringen, das ist mir wichtiger.

  7. Nemesis Says:

    The only thing we can be sure of about the future is that it will be absolutely fantastic. So if what I say now seems to you to be very reasonable, then I have failed completely. Only if what I tell you appears absolutely unbelievable, have we any chance of visualizing the future as it really will happen.

    – Arthur C. Clarke

  8. sapere Says:

    Ich glaube nicht, dass es Dir völlig egal ist, ob jemand an Gott glaubt. Ich glaube, Du suchst einen Beweis, dass es ihn gibt. Und Du suchst diesen Beweis im Diesseits. Es muss eben ein echter Beweis sein. So Larifaribehauptungen Liebe, Frieden, Barmherzigkeit etc. kann ja jeder bringen … 🙂 Du suchst die Begnung mit Gott. Bisher bist Du nur auf Leute getroffen, die behaupten, dass sie ihn kennen. Und Du hast das für bare Münze genommen. Und das erschien Dir alles unglaubwürdig. So wie mir 🙂

  9. Nemesis Says:

    Werter sapere aude,

    bitte missverstehe mich nicht. Ich hatte schon ganz zu Anfang unserer Diskussion gesagt, dass es mir nicht so wichtig ist, ob jemand Atheist oder Theist ist. Ich schaue nicht so sehr auf das Weltbild eines Menschen, sondern eher auf seinen Charakter und seine Handlungen, auch das sagte ich bereits mehrfach. Ich schätze das bisherige Gespräch zwischen uns sehr und ich bin dankbar für Deine grosse Geduld was meine viel zu häufigen und umfangreichen Posts betrifft, ich weiss, dass das kein sonderlich gutes Benehmen von mir war, aber manches brannte mir einfach unter den Nägeln. Dennoch bist Du nie unfreundlich geworden, sondern warst immer sachlich und freundlich. Und ich sagte auch mehrfach, dass ich mich für Dich freue und eine positive Veränderung Deines Wesens im Vergleich zu Deiner Antitheisten-Zeit zu erkennen meine. Ich bin Dir sehr dankbar für das Gespräch zwischen uns.

    In meinem Freundeskreis ist es einfach nicht so wichtig, ob jemand an Gott glaubt oder nicht, da respektiert einfach jeder den anderen, egal ob er an Gott glaubt oder nicht. Ich finde es schade und sehr traurig, dass Du glaubst, ich würde Deine Mahnung hinsichtlich Liebe, Frieden, Barmherzigkeit als “Larifaribehauptungen” ansehen, das entspricht nicht den Tatsachen und ich sagte auch, dass ich da ganz bei Dir bin. Nein, ich suche keinen Beweis, dass es einen Gott gibt. Und Du sagst ja auch selbst, dass es keinen Gottesbeweis geben kann. Wenn Du sagst, Du hast Gott gefunden, dann glaube ich Dir das 100% und ich habe hier in Deinem Thread auch noch nicht ein einziges Mal gesagt, dass ich Dir das nicht glauben würde.

    Lieber sapere aude, ich schätze Dich und ich schätze das Gespräch, das wir hatten, ein solches Gespräch habe ich lange vermisst, hier habe ich das Gespräch gefunden, das ich auf Astrodicticum so vermisst habe. Ich kann Dir nicht genug danken für Deine Geduld und für unser Gespräch und ich zweifle nicht eine Sekunde an Deiner Gotteserfahrung ! Weisst Du, ich vertraue Dir an:

    Auch ich hatte mal eine Erfahrung, die man durchaus als Gotteserfahrung bezeichnen kann 🙂

    Liebe Grüsse und meine Wertschätzung für Dich,
    Nemesis _()_

  10. sapere Says:

    Danke, Nemesis, über Deine offenen und verbindlichen Worte freue ich mich sehr 🙂

  11. Nemesis Says:

    Lieber sapere aude, es war mir ein echtes Bedürfnis 🙂 Und ich meine jedes einzelne Wort vollkommen ernst. Ich würde Dich gerne umarmen und ich mach das jetzt einfach mal, Du weisst ja nun, es gibt a world of no place no time… “drück, knuddel” 🙂

    _()_

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