Im letzten Posting zum Thema, habe ich versucht klar zu machen, dass “Gott” ein subjektives Phänomen ist. Trotzdem werden in der Diskussion objektive Beweise gefordert oder lächerliche Definitionen geliefert die sich selbst ad absurdum führen.

Deshalb hier noch einmal ganz deutlich:

Der Begriff “Gott” ist eine Chiffre, ein Symbol, ein Heurismus eine Zusammenfassung unterschiedlicher Phänomene menschlichen Erlebens (!) Deutens und Verstehens.

Auch der Versuch der Objektivierung ist ein rein menschliches Phänomen. Gläubige wie Atheisten versuchen den subjektiven Erlebnisbegriff zu einem Objekt, einem Gegenstand zu machen, so wie das auch Antitheisten tun. Bei fundamentalistischen Theisten wird dieser Gegenstand dann meist irreal gut und schön dargestellt … bei Antitheisten wird eine absurde Karikatur präsentiert.

Beide, Atheisten wie Theisten, versuchen einander wechselseitig zu beweisen wie schön oder wie häßlich die von ihnen aufgebaute Figur (Goldenes Kalb vs. Popanz/Strohpuppe) doch ist. Da sie jedoch nicht objektiv außerhalb subjektiven Erlebens existieren und das jeweilige Gegenteil nicht bewiesen werden kann, halten sich fundamentalistische Theisten wie Atheisten ihre jeweiligen Zerrbilder vor.

Aber eine objektive Definition Gottes verbietet sich. Es gibt keinen “objektiven” im Sinne von physikalisch vorhersag- und meßbaren Gott. Gott ist subjektiv. Gott ist ebenso subjektiv wie das Phänomen der Freiheit oder das der Liebe. Es handelt sich hierbei um kollektiv geteilte subjektive Erlebnisinhalte. Diese sind nicht objektivierbar, was zu Paradoxa führt, z.B. wenn man nach “Willensfreiheit” fragt. Diese macht “objektiv” keinen Sinn, aber subjektiv schon.

Liebe und Freiheit sind insofern “objektiv” weil sie offenbar im Menschen existieren und erlebbar sind, aber man kann sie nicht sehen, nicht anfassen und sie sind nicht mittels physikalischer Meßmethoden zu erfassen. Man kann Liebes- oder Freiheitsgefühle auslösen und sogar psychophysiologisch messen, aber was sie für das Individuum BEDEUTEN, läßt sich nicht messen, sondern nur durch einen anderen Menschen VERSTEHEN.

Und genau so verhält es sich sich mit Gott. Einem von Geburt an blinden Menschen ist nicht vermittelbar, was die Farbe rot bedeutet. Sie ist beschreibbar und auch ein Blinder könnte, vermittelt durch technische Apparaturen, Rotschattierungen erzeugen und messen, aber das Erlebnis der Farbe rot in dem roten Kleid einer schönen Frau oder roten Rosen, im Rotlichtviertel oder in anderen unterschiedlichsten Kontexten ist für einen Blinden nur schwer, wahrscheinlich sogar gar nicht – also auch nicht durch nicht visuell vermittelte Metaphern – nachfühlbar.

Der Begriff “Gott” steht also für ein Erlebnis, eine Wahrnehmung, eine bestimmte Form menschlichen Denkens und Fühlens. Dies ist so kulturspezifisch wie z.B. die Präferenz für einen bestimmten Musikstil. Menschen die am Bosporus leben, bevorzugen andere Musik als Menschen am Rhein. So wie sie auch unterschiedliche Gottesvorstellungen haben, die sich in unterschiedlichen Religionen manifestieren. Oft ist ein bestimmter Musikgeschmack durch die Eltern beeinflusst … so wie das Gottesbild.

Das ändert jedoch nichts an dem generellen Phänomen Musik. Es existiert. Objektiv. Aber das Musik-“Erlebnis” ist subjektiv.
Religion existiert objektiv. Aber die Erlebnisinhalte sind subjektiv, zwischenmenschlich und setzen eine bestimmte Empfänglichkeit voraus.

Gott ist also nicht definitiv x oder definitiv y. Die Nutzung des Begriffes “Gott” ist der Versuch der Integration verschiedener menschlicher Erlebnisinhalte.

Aber wie kann man mit einer “Einbildung” reden?

Gott ist keine “Einbildung”. So wenig wie Liebe und Freiheit oder Ich, Es und Überich Einbildungen sind. Diese Begriffe sind Heurismen die Menschen, die Kommunikation über das mit diesen Phänomenen erlebte zu erleichtern. Wenn man liebt, verhält man sich in einer Weise, die andere Menschen nachvollziehen können, die das Gefühl kennen. So ähnlich verhält es sich mit Freiheit … und auch mit Gott.

Das Gebet erleichtert und verbindet. Religiöse Rituale können sich gut anfühlen und sehr glücklich machen. Religiöse Texte und Predigten können auf Dinge aufmerksam machen, emotionale Verwicklungen lösen und befreien.

Religion ist im Grunde Psychotherapie für Gesunde (aber dazu im nächsten Posting mehr).

9 Responses to “Was bedeutet “Gott”? Teil II”

  1. Spritkopf Says:

    Darf ich dich etwas fragen? Glaubst du daran, dass Jesus existiert hat? Dass sein Fötus mittels jungfräulicher Empfängnis in der Gebärmutter von Maria implantiert wurde? Dass er gekreuzigt wurde, dass er starb und von den Toten wiederauferstanden ist? Dass also diese Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben?

  2. sapere Says:

    Spritkopf, ich glaube, dass Jesus existiert hat.

    Ich weiß aber nicht, wer das war, wie er war, was er en detail gesagt und getan hat. Ich denke, dass der Jesus der Bibel und anderer heiliger Schriften zu einer mythischen Gestalt wurde. Ich lese die Bibel nicht als wissenschaftliche Studie, nicht als historische Tatsachenbeschreibung, nicht als Zeugenaussage. Ich lese die Bibel als das Werk von Generationen von Menschen, die sich über das Wichtigste dieser Welt Gedanken gemacht haben und dabei tiefe Erkenntnisse gesammelt haben, die sie möglichst verständlich – nämlich in Gleichnissen – zu vermitteln suchten.

    Die Jungfrauengeburt ist ein solches Gleichnis. Es ist keine Krankenakte, die uns nackte Fakten übermitteln soll. Es ist eine Metapher. Maria wurde vom “Heiligen Geist” schwanger. Der “Heilige Geist” ist kein Gespenst in wallenden durchsichtigen Gewändern, sondern ein Versuch, das Phänomen der Ergriffenheit und Entrückung zu beschreiben.

    Auch die Kreuzigung ist ein solches Gleichnis. Ob vor 2000 Jahren ein Wanderprediger namens Jesua gekreuzigt wurde oder nicht, ist doch nicht die Frage. Die Frage ist, ob uns der gesamte Leidensweg Jesu erreicht. Ob wir vestehen, was damit gemeint ist. Ob wir nachvollziehen können, was uns die Autoren der Bibel mit diesem Gleichnis sagen wollen.

    Und die entscheidende Frage ist die nach der Auferstehung. Aber was bedeutet “Auferstehung”? Dass Jesus wie ein Zombie aus dem Grab gewackelt kam? Dass er wie “Die Mumie” durch die Gegend wankte?

    Nein. Ich denke, auch die Auferstehung und die nachfolgenden Ereignisse sind Gleichnisse. Es soll uns zeigen, dass wir nicht nur aus Fleisch und Blut bestehen und dass unsere Existenz nicht mit unserer Geburt begann und nicht mit unserem körperlichen Tod endet. Wir bestehen aus Atomen und Molekülen, die sich in einer bestimmten Weise arrangieren mußten, damit wir sein können.

    Die dahinterliegenden Kräfte sind uns unerklärlich aber die waren sind und bleiben da. Wir sind aus notwendigen Naturgesetzen heraus entstanden und unsere Existenz hat Konsequenzen. Auch dann noch, wenn wir längst Millionen Jahre nicht mehr existieren.

    Das sind extrem komplizierte Sachverhalte über die man ein Leben lang forschen und diskutieren und sie doch nicht verstehen könnte. Deshalb gibt es den Glauben, der uns im Angesicht dieser erschreckenden Unendlichkeit des Seins an die Hand nimmt und uns Vertrauen gibt.

  3. Nemesis Says:

    Aber was bedeutet “Auferstehung”? Dass Jesus wie ein Zombie aus dem Grab gewackelt kam? Dass er wie “Die Mumie” durch die Gegend wankte?

    Nein. Ich denke, auch die Auferstehung und die nachfolgenden Ereignisse sind Gleichnisse.

    Wegen solchen Fragen nach der fleischlichen Auferstehung, der Jungfrauengeburt, dem real wie Superman übers Wasser laufenden Jesus usw wurde Eugen Drewermann seitens der kath. Amts- Kirche der Prozess gemacht. Drewermann fasst diese Dinge als Gleichnisse auf. Leider besteht die kath. Amts- Kirche unbedingt darauf, dass der Nazarener wie ein Zombie auferstanden ist usw und leitet ua aus dieser historischen Einmaligkeit ihren starren Exklusivitätsanspruch ab. Die evangelische Kirche vertritt hingegen schlicht die “Ganztod- These” (nach dem Tod kommt nix mehr) und meldet auch einen Exklusivitätsanspruch an.

    Fleischlicher, materieller Ewigkeitsglaube auf der einen, (materialistischer) Vernichtungsglaube auf der anderen Seite. Sind nicht beide Ansichten Extreme? Vielleicht liegt die Wahrheit ja irgendwo in der Mitte…

  4. sapere Says:

    Nemesis, wie immer: full ack. 🙂

  5. cimddwc Says:

    Also verwendest du, wenn ich das richtig verstehe, den Begriff “Gott” so, wie es m.E. wesentlich naheliegender wäre, von Religiosität oder (einem Teilbereich von) Spiritualität zu sprechen. Eben als Konzept, als Empfindungskategorie neben Liebe & Co.

    Noch dazu mehr als “Religiosität um der Religiosität willen” (und weil das Christentum hier am verbreitetsten ist, halt mit dessen Grundlage) bzw. als Methodik oder “Heurismus”, wie du es nennst, für gemeinschaftliche Ziele mit märchenhafter Hintertür zur Verständigung innerhalb der Gemeinschaft, und ob’s dahinter jetzt tatsächlich eine Gottheit – für die der Begriff “Gott” besser und weniger missverständlich verwendet wäre – gibt, ist eher zweitrangig?

    Naja, jeder wie er mag, nur kann ich weder die Wahl der “Gott”-Begrifflichkeit noch deine Wandlung an sich nachvollziehen…

  6. sapere Says:

    Schön, dass Du da bist, cimddwc,

    ich weiß, dass es insgesamt schwer verständlich ist, aber ich spreche nicht von Esoterik oder Spiritualität, sondern durchaus von einem persönlichen Gott. Ich weiß, dass sich da der Wunsch aufdrängt, diesen Gott auch anzufassen oder zu vermessen. Aber da es sich bei Gotteserfahrung um eine (inter)subjektive Erfahrung handelt, ist das schwerlich möglich … wie sagt man so schön: man muss es erlebt(!) haben, um es zu verstehen.

    Und es läßt sich erleben, wenn man das Wagnis, sich dem zu öffnen, eingeht. Für einen Atheisten aus ethischer Konsequenz undenkbar 🙂

    Aber Ich hab es mal versucht und den ganzen Hokuspokus mitgemacht – als eine Art Forschungsprojekt aus experimentalpsychologischer Perspektive. Und was soll ich sagen: Es funktioniert … 🙂

  7. Nemesis Says:

    @sapere aude

    Du schreibst hier in Deinem Artikel ua über die Liebe, das folgende Gedicht von Rumi passt vielleicht gut zu diesem Artikel:


    Das Lied der Rohrflöte

    Hör auf die Flöte- wie sie erzählt, wie sie klagt über Trennung und spricht:
    „Seit man mich aus dem Röhricht schnitt, weinen Mann und Frau bei meiner Klage.
    Ich suche die Herzen derer, die von Einsamkeit gequält sind
    – nur sie verstehen den Schmerz meiner Sehnsucht.
    Wer weit entfernt ist von seiner Heimat,
    der sehnt sich nach dem Tag seiner Rückkehr…”

    Der Hauch der Flöte ist Feuer- nicht Wind!
    Was nützt einem sein Leben ohne dieses Feuer?
    Das Feuer der Liebe bringt dem Schilfrohr die Musik
    und dem Wein seinen Geschmack.
    Das Lied der Flöte lindert den Schmerz verlorener Liebe.
    Ihre Melodie reißt die Schleier von unserem Herzen.

    Hat es je ein so bitteres Gift oder einen so süßen Zucker gegeben, wie das Lied der Flöte?

    Hat man je einen Liebenden wie sie gesehen?


    (aus dem Mesnevi von Rumi, bearbeitet von Dieter Halbach)

  8. Nemesis Says:

    Oh Rumi, nur ein Wort von Dir traf mich und ich habe Dich nie mehr vergessen…


    Rumi – When I die

    http://www.youtube.com/watch?v=SEwJm-RPhNE

  9. sapere Says:

    Ja, Rumi war seiner Zeit weit voraus. 🙂

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