Gotteswahn genetisch?

Dezember 27th, 2008

Ein schrecklicher Boom ist ausgebrochen. Eine intellektuelle Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes hat – von vielen unbemerkt und schleichend – im Jahresverlauf 2008 begonnen. Das Darwin-Jahr 2009 wird dann wohl als das Jahr der schwachsinnigsten Interpretation naturwissenschaftlich-evolutionsbiologischer Befunde und Theorien in die Geschichte eingehen. Der kollektivierte Gotteswahn hat zum Sturm auf die Festungen der seriösen Naturwissenschaft geblasen – und es wir munter drauflosspekuliert. Die These:

Gotteswahn ist ein evolutionärer Selektionsvorteil.

schnabel.gifMan sucht und findet Gottesgene, Gotteshirnareale, Gottesaltruismus, Gottessozialismus, ja, Gottesglück allerorten. Da liegt der FAZ “Die Gottesfürchtigkeit im Genpool” und das Handelsblatt erklärt uns, “Warum die Menschen Gott finden“, Ulrich Schnabel fehlinterpretiert “Die Vermessung des Glaubens” und Rüdiger Vaas und Michael Blume behaupten frech, dass “Glaube nützt” und zaubern sich eine “Evolution der Religiosität” herbei.

Ein beängstigender Trend. Hier werden in die eigene Überzeugung passende Befunde seriöser Wissenschaft herausgepickt wie Bibelverse und zusammen mit allerwildesten thelogischen Spekulationen zu einem ungenießbaren Brei pseudowissenschaftlichen Unsinns verrührt, der zeigen soll, dass der irrationale Glaube an imaginäre Freunde angeblich einen genetischen “Selektionsvorteil” bringt.

Doch Wissenschaftler sind sich keineswegs einig darüber, was es mit den psychobiologischen Grundlagen des Gotteswahns auf sich hat. Religiositäts-Gene und Gottesareale im Hirn sind im besten Falle Pygmalioneffekte, selbsterfüllende Prophezeihungen der religiösen Interpreten mehrdeutiger wissenschaftlicher Befunde. Anhand von Hirnstrommessungen könne man nur sagen, wo Nervenzellen bei Gebeten aktiv sind, aber nicht welche Informationen sie verarbeiten, sagt Henning Scheich vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg der Stuttgarter Zeitung “Die Hirngebiete sind genauso aktiv, wenn man beispielsweise angestrengt über einer mathematischen Formel brütet (…) Religiosität, der Glaube an das Unerklärliche, ist natürlich eine sehr spezifisch menschliche Eigenschaft. Wir verfügen aber im Moment über keine Möglichkeit, die Gehirnzustände von religiösen und nichtreligiösen Menschen so miteinander so zu vergleichen, dass wir zu wissenschaftlich stichhaltigen Aussagen kommen.” .

Überzeugte Christen wie Michael Blume halten trotzdem an ihrem obskuren Traum fest, “dass Gott die Evolution als Instrument benutzt, den Bauplan der Welt und damit sich selbst zu offenbaren.”

Was Blume behauptet und wozu eminente Religionskritiker, wie Michael Schmidt-Salomon, beipflichtend nicken, ist schlicht und einfach ein wohlfeiles Mißverständnis. Denn vererbt und ausgebildet werden auschließlich die gerüstartigen psychischen Grundlagen für sozio-kognitive Fähigkeiten. Die Grundlagen der Sprachgrammatik werden vererbt, auch wenn man die unterschiedlichsten Sprachfamilien erlernen kann. Vererbt wird die Fähigkeit zu möglichen Spielarten sozialer Interaktion oder Tendenzen für sexuelle Vorlieben, nicht aber das sexuelle Verhalten selbst. Was also nie vererbt wird, sind die Inhalte bestimmter menschlicher Informationsverarbeitungsprozesse. Faschisten werden nicht als solche geboren, so wenig wie Wissenschaftler oder Schreiner.

Selbstverständlich könnte man im Hirn eines Schreiners besondere Areale ausmachen, die für die Verarbeitung von Holzinformation zuständig sind und man wird vielleicht sogar eine Genkombination für die Ausprägung höherer psychomotorischer Fähigkeiten finden, die einem Menschen den Schreinerberuf erleichtern können, doch niemals wird die Schreinerei vererbt, sie wird erworben.

Als Religiöser wird man nicht geboren, man wird dazu gemacht.

Exakt genauso ist es um die Religion bestellt. Die Neigung zum Glauben an übernatürliche Männer, Geister und Hexen ist allen Menschen zueigen, ausgebildet werden sie aber vorwiegend bei Ungebildeten und Kranken. In einigen psychischen Wahnerkrankungen treten sie ungehindert zutage. “Ein Betroffener glaubt beispielsweise, von Außerirdischen oder Geistern aus dem Jenseits beobachtet zu werden (sog. Verfolgungswahn), dass Nachbarn oder andere ihn schädigen wollen, dass er nachts im Schlaf von elektronischen Geräten (durch die Wand hindurch) bestrahlt wird, dass seine Gedanken von anderen gehört werden können oder dass er aufgrund früherer Sünden Schuld an Naturkatastrophen trage. Häufig ist auch die wahnhafte Überzeugung, dass im Kopf ein Chip oder Ähnliches implantiert sei, mit dem die Gedanken oder das Handeln kontrolliert oder sogar gesteuert würden. Wahn bedeutet eine unerschütterliche Überzeugung, die auch durch Fakten nicht zu widerlegen ist, und ist dadurch gekennzeichnet, dass die eigene Person wesentlich darin verwickelt ist; für den Betroffenen besteht eine Gewissheit, dass das wahnhaft Vorgestellte tatsächlich geschieht.Wikipedia“.

Der Inhalt dieser extremen Ausbildung von Wahnvorstellungen ist dabei sehr stark an die Erfahrung und die aktuellen Lebensumstände des Betroffenen gebunden. Menschen, die in einer sehr religiösen Umgebung aufgewachsen sind, zeigen also deutlich stärker religiöse Wahninhalte als Nichtreligiöse.

Der Wahn, dass das Universum und seine Funktionsprinzipien aber auch das Leben sämtlicher Individuuen durch einen unsichtbaren, allmächtigen, übernatürlichen Mann geregelt und überwacht wird, ist eine milde Form dieser allgemeinen Prädisposition zum Verfolgungswahn, aber nicht weniger schwerwiegend, wenn es absurde Handlungskonsequenzen nach sich zieht, wie z.B. die Schenkung des gesamten Vermögens an eine kirchliche Einrichtung oder die Rechtfertigung von Mord und Totschlag.

Der Glaube an Übernatürliches wird nicht vererbt. Was vererbt wird, ist die Fähigkeit zur wahnhaften Interpretation der banalsten natürlichen Zusammenhänge. Da werden Hufeisen zu Glücksbringern, Hotelzimmer mit der Nummer 13 bleiben unbewohnt, vierblättrige Kleeblätter sollen das ewige Glück bringen. All diese Phänomene finden sich im Prinzip bereits bei Tieren.

Religiosiät ist also mitnichten eine rein menschliche “Fähigkeit”. Bereits in den 50ger Jahren konnte der Lernpsychologe Burrhus Frederic Skinner zeigen, dass auch Tiere merkwürdige Verhaltenweisen zeigen, wenn Belohnungen mit spontanem Verhalten gekoppelt wurde. Eingesperrt in eine Kiste, in die alle 15 Sekunden automatisch ein Leckerbissen fiel, entwickelten die Vögel merkwürdige, bizarr erscheinende Verhaltensweisen: Einige von ihnen drehten sich immer wieder im Kreis herum, andere streckten den Schnabel in regelmäßigen Abständen in eine bestimmte Ecke des Kastens und wieder andere machten schleudernde Bewegungen mit dem Kopf. Skinners Erklärung war ebenso einfach wie verblüffend: Die Vögel hätten eben genau zu dem Zeitpunkt, an dem das Futter in die Kiste fiel, eine bestimmte Bewegung gemacht und diesen Zufall unbewusst so interpretiert, als habe die Bewegung das Erscheinen der Leckerei ausgelöst. Folgerichtig versuchten die Tauben daraufhin, weiteres Futter durch die gleiche Bewegung herbeizuzaubern – und wurden in ihrem neu entstandenen Aberglauben durch erneutes zufälliges Zusammentreffen von Bewegung und Futtergabe bestärkt, schreibt der Spiegel und Kia Aarnio hat in ihrer Dissertation zum Thema “Paranormal, superstitious, magical, and religious beliefs” mit 3000 Teilnehmern zeigen können, dass “je mehr paranormale Überzeugungen jemand hatte, desto mehr religiöse Überzeugungen hatte er auch”.

Die Evolutionsbiologen Jan Beck und Wolfgang Forstmeier argumentieren in der Zeitschrift Human Nature, dass Aberglaube und Glaube schlicht Nebenprodukte einer evolutionär herausgebildeteten allgmeinen adaptiven Lernstrategie seien, nach dem Motto, Aberglaube sei immer noch besser als Ignoranz, um in einer komplexen Welt zu funktionieren und auch mögliche vorhandene Zusammenhänge zu entdecken.

Literatur:

Aarnio, K. (2007). “Paranormal, superstitious, magical, and religious beliefs”. Doctoral Dissertation. University of Helsinki.

Beck, J. and Forstmeier, W. (2007). Superstition and belief as inevitable by-products of an adaptive learning strategy. Human Nature 18, 35-46 .

Rudski, J. (2003). What does a “superstitious” person believe? Impressions of participants. The Journal of
General Psychology, 130, 431-445.

5 Responses to “Gotteswahn genetisch?”

  1. Michael Blume Says:

    Wenn es nur Wahnvorstellungen wären, lieber Sapere Aude, wären sie (qua biologischer Definition von Krankheit) maladaptiv – würden den Reproduktionserfolg der Organismen also schädigen. Tatsächlich aber beobachten wir (d.h. inzwischen Dutzender Kollegen verschiedenster Disziplinen in immer mehr Studien) dass religiöse Menschen untereinander ggf. erfolgreicher kooperieren und z.B. durchschnittlich eher und stabiler heiraten und kinderreichere Familien begründen. Die Ausprägung des Merkmals in der Evolutionsgeschichte des Menschen wird so verständlicher. Das ist natürlich kein Wahrheits- oder Gottesbeweis und auch noch nicht auf moralische Qualifikation, aber es sind deutliche Hinweise auf Adaptation. Religiosität erweist sich als Teil der menschlichen Natur wie Musikalität auch – genetisch veranlagt, kulturell ausgeprägt, insgesamt biologisch erfolgreich.

  2. darkwin Says:

    Hm,
    Also Gottesbeweis ist das alles keiner. Sollte es die Prädisposition geben, an etwas übernatürliches zu glauben, heißt es noch lange nicht, dass es dieses Übernatürliche auch gibt. Auch sagt es wenig darüber aus, ob dieses Merkmal hilfreich beim Überleben ist. Mein 4-Jähriger Neffe glaubt jetzt noch an den Osterhasen und an den Gott gleichwertig.
    Geboren werden wir alle als Atheisten.
    Eher erscheint mir die Tatsache evolutionstechnisch von Vorteil, dass Kinder bis zu einem Bestimmten Alter ihren Eltern oder Bezugspersonen fast alles bedingungslos glauben und sich teilweise auch unglaubliche Mengen an Information merken. Ich beobachte das bei meinen Neffen/Nichten, die saugen gerade Wissen wie die Schwämme.
    @sapere aude: sorry, hab den artikel noch nicht ganz gelesen. wo nickt michael schmidt salomon beipflichtend? link?

  3. sapere Says:

    In dem im Artikel verlinkten Youtube-Video.

  4. darkwin Says:

    Ich nehme an, Salomon ist Grieche oder griecho-phil, die nicken ja, wenn sie etwas verneinen oder er ist einfach nur höflich.
    Blume gratuliere ich, dass er unter den Millionen Göttern, die sich untereinander, wie aufs Blut hassen und wovon viele behaupten, die einzig wahren zu sein, was rein logisch (nur einer kann wahr sein) einen Großteil der Menschheit zu künftigen in-der-Hölle-Schmorern macht, DEN EINEN richtigen gefunden zu haben!

  5. sapere Says:

    Wahnvorstellungen müssen nicht notwendig maladaptiv sein, lieber Michael Blume. Nehmen wir die Wahnvorstellung des Glaubens an vierblättrige Kleeblätter. Harmlos. Oder Astrologie. Vergleichsweise harmlos. Die negativen Konsequenzen eines Wahns ergeben sich nicht nur aus dem bloßen Vorhandensein desselben. Es bedarf entsprechender Umstände, die das ganze negative Potential des Wahn entfalten lassen. Wie z.B. in Situationen großer Machtausübung z.B. in Schulen oder Kriegen. Wenn Kindern beigebracht wird, dass sie von Anfang an als schlechte Menschen geboren worden sind oder Soldaten erzählt wird, dass ihr Krieg gottgewollt ist oder Eltern erzählt wird, dass ihre Tochter beschnitten oder gesteinigt werden muss, weil das die religiösen Gesetze so fordern, dann ist der Wahn nicht mehr harmlos und insofern vor allem maladaptiv für Ungläubige, die ermordet werden, weil sie einem bestimmten Gotteswahn nicht folgen.

    Die Studien “dutzender Kollegen”, die Du hier behauptest gibt es nicht. Du führst keine konkrete Studie auf. Ich würde hierfür gern eine kurze Literaturliste haben. Außerdem ist das mit den “kollegen” auch noch diskutabel, aber das weißt Du ja.

    Die Befunde zur Kooperation sind sehr mehrdeutig. Den Effekt dass Religiöse prinzipiell kooperationsbereiter sind und dabei auch noch erfolgreicher gibt es so nicht. Die Kooperationsbereitschaft richtet sich nach gewissen Randbedigungen, die vor allem auch das Kooperationsverhalten von Atheisten fördern – nämlich die klare Ideologie.

    Religiöse heiraten vielleicht eher – aber deshalb, vor allem deshalb nicht glücklicher! Sie heiraten auch nicht stabiler, wie eine Umfrage der “Barna Research Group” aus dem Jahr 2004 zeigt.

    Der Kinderreichtum in einer Familie ist nicht unbedingt ein Ausweis eines Selektionsvorteils. Bekanntermaßen ist die möglichst große Variabilität des Genpools die Voraussetzung für genetischen Erfolg. Insofern sollte das Fremdgehen eigentlich der Reproduktionserfolgsfaktor schlechthin sein – sowohl für Männer als auch für Frauen. Sind doch die Kinder eines attraktiven Gigolos auch attraktiver als die Kinder des eigenen 08/15-Gatten.

    Insofern sind auch Ihre Zahlen für Atheisten nachvollziehbar, die das Fremdgehen nicht als ein allzugroßes Problem sehen. Familie ist da, wo Kinder sind. Somit ist auch das Aufziehen eines adoptierten Kindes vor allem auch durch Schwule und Lesben keine Seltenheit mehr.

    Religiostität ist Bestandteil der menschlichen Kultur. Das ist völlig unbestritten. Mit der menschlichen Natur hat es weniger zu tun. Und es ist schon gar nicht vergleichbar mit Musikalität. Denn haben sie schon einmal einen Krieg gesehen, der wegen eines Musikstücks geführt wurde? Bei religiösen Schriftstücken ist das anders. Und meistens sterben dann vor allem auch die, die den ganzen Unsinn eigentlich gar nicht mitmachen wollen. Wenn Sie also unter biologischem Erfolg die Fähigkeit guten Gewissens andere zu töten, die anderer Meinung sind, verstehen, dann kann man sich ausmalen, was von ihrer Weltanschauung zu halten ist.

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