Nach langer und reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluß gekommen, dass ich jahrelang völlig falsch lag und völlig erblindet und ertaubt einem Götzen gehuldigt habe. Ich möchte das nun ändern und in den Schoß der einzig wahren Kirche kriechen.

Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Euch, im Hinblick auf einige der speziellen Gesetze des Christentums und wie sie zu verstehen bzw. zu befolgen sind.

1. Wenn ich jetzt am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, daß dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (Lev. 1:9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?

2. Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in Exodus 21:7 erlaubt wird. Was wäre Deiner Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?

3. Ich weiß nun, daß ich mit keiner Frau sprechen darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (Lev. 15:19-24). Das Problem ist: Wie kann ich das wissen? Ich habe versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.

4. Lev. 25:44 stellt fest, daß ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, das würde auf Polen zutreffen, aber nicht auf Franzosen. Könntest Du das klären? Warum darf ich keine Franzosen besitzen?

5. Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. Exodus 35:2 stellt deutlich fest, daß er getötet werden muß. Allerdings: Bin ich moralisch verpflichtet ihn eigenhändig zu töten?

6. In Lev. 21:20 wird dargelegt, daß ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muß zugeben, daß ich Lesebrillen trage. Muß meine Sehkraft perfekt sein oder gibt’s hier ein wenig Spielraum?

7. Die meisten meiner männlichen Freunde lassen sich ihre Haupt- und Barthaare schneiden, inklusive der Haare ihrer Schläfen, obwohl das eindeutig durch Lev. 19:27 verboten wird. Wie sollen sie sterben?

8. Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen Lev. 19:19, weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle/Polyester). Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, daß wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen (Lev. 24:10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer kleinen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüttern schlafen? (Lev. 20:14)

9. Wenn etwa jemand versucht seinen homosexuellen Lebenswandel zu verteidigen, erinnere ich ihn einfach an das Buch Mose 3, Leviticus 18:22, wo klargestellt wird, daß es sich dabei um ein Greuel handelt und das Ausrottung zur Folge hat, oder soll ich ihm seine gerechte Strafe gleich zukommen lassen?

10. Ich habe neulich ein fremde Frau betrachtet und das als angenehm empfunden. Nun möchte ich mir das Auge ausreißen. (Mt. 5,1 – 7,29) Wie wird das üblicherweise gemacht? Wird das Auge ausgelöffelt oder gestochen?

Ich bin zuversichtlich, daß Ihr mir behilflich sein könnt. Und vielen Dank nochmals dafür, daß Ihr mich darauf aufmerksam gemacht habt, daß Gottes Wort ewig und unabänderlich wahr ist und damit die feste Basis aller unserer moralisch-ethischen Entscheidungen.

6 Responses to “Liebe Glaubensgenossinnen und -genossen.”

  1. Kolumnistenschwein Says:

    Auf fast alle Frage ein Ja. Bei den Fragen, bei denen ein schlichtes Ja oder Nein nicht ausreicht, immer für die blutrünstigste Variante entscheiden. Bibelnah eben.

  2. Yankel Moishe Says:

    Lieber Sapere Aude,

    Bevor Du andere zum “Denken” aufforderst, schlage ich vor, dass Du Dich erstmal zum “Wissen” auffordern laesst.

    Zur hebraeischen Bibel sind im Verlaufe der Geschichte mindestens hunderttausende von Seiten an klassischen Kommentaren und Erlaueterungen geschrieben worden, die viele Deiner (gar nicht mal unbedingt unberechtigten) Fragen beantworten duerften. Offensichtlich hast Du nicht besonders viele konsultiert, bevor Du obiges geschrieben hast. (Allerdings befuerchte ich, dass Dir nicht alle Antworten gefallen wuerden, denn das wuerde eventuell Deiner vorgefassten Meinung zuwiderlaufen….)

    YM

  3. Yankel Moishe Says:

    Von jemandem mit dem Namen Moses Immanuel Stern würde ich eigentlich erwarten, dass das Wissen hat, wie diese Texte zu lesen sind. Oder es sich wenigstens besorgt, bevor er sich öffentlich dazu äußert. Bei Bedarf bin ich gern mit ein paar Literaturhinweisen behilflich.

    Immanuel heisst übrigens auf hebräisch “Mit uns G-tt”. Und Moishe und Moses sind derselbe Name, nur verschieden ausgesprochen…

    YM

  4. sapere Says:

    Yankel, Du forderst mich zum “Wissen” auf? DU? Der Du offenbar an die Existenz eines Weichnachtsmanns für Erwachsene glaubst? Entschuldige mal! Diese “Kommentare” und “Erläuterungen” sind überflüssiges Geschwätz. Genauso überflüssig, wie die Beschreibung “des Kaisers neuer Kleider”. Die Aufrufe zu Völkermord, Hass und Menschenverachtung kann man nicht wegerklären. Sie sind da. Lies mal hier nach: http://www.ibka.org/artikel/ag02/bibel.html

    Und ich habe weiß Gott keine vorgefasste Meinung, da kannst Du Dir sicher sein. Eben weil ich die Texte sehr gut kenne und auch die Texte, die versuchen, die dumme Gewalt zu rechtfertigen und zu beschönigen. Gerade deswegen mußt Du Dir keine Sorgen machen, dass hier ein unwissender Goi dummes Zeug zusammenfaselt. Was glaubst Du eigentlich wer Du bist, mich zu belehren, was mein Name bedeutet?

  5. Yankel Moishe Says:

    Bei Dir sind Glauben und Wissen ein Widerspruch. Sehe ich offensichtlich ganz anders. Hast Du Dich mal gefragt, warum es überhaupt das Wort “glauben” gibt? Vielleicht deshalb, um es von “wissen” zu unterscheiden? Schau mal bei Wikipedia o. ä. unter “glauben”.

    Wer behauptet, die Bibel würde Dinge beschönigen….
    Aber dennoch: Diese Aufrufe sind Geschichte.
    Entscheidend ist doch, was von uns heute verlangt wird.

    Mit unwissenden Gojim habe ich weniger Probleme als mit unwissenden Juden. Ein Goj hat keinen Chijuw.
    In der Tat kennt der Tanach die Todesstrafe. Aber z. B. in Mischnah Makkot 1:10 heisst es, ein Sanhedrin, der einmal in sieben/siebzig Jahren ein Todesurteil vollstrecke, sei blutig. Oder siehe die Strafprozessordnung für Mord. Es ist praktisch unmöglich, einen Mörder hinzurichten. Offenbar geht es mehr um die Drohung als um die Ausführung.

    Die Tatsache, dass Du Kommentare und Erläuterungen als “überflüssiges Geschwätz” abtust, beweist mir ohne jeden Zweifel, dass Deine Behauptung, dass Du die Texte “sehr gut kennst”, falsch ist.

    Ich belehre nicht Dich, sondern kläre Deine Leser auf über Deinen Namen und die damit aus meiner Sicht verbundene Ironie.

    YM

  6. sapere Says:

    Ja, Glauben und Wissen stehen sich komplementär gegenüber. Wissen heißt, eine sichere Vorhersage zu treffen. Wie z.B. die, dass auch im Jahr 2009 kein Messias kommen wird. Glauben heißt, eine unsichere Vorhersage zu treffen, in der man vermutet, dass ein Ereignis eintreten könnte, meist ohne klare und verlässliche Gründe für diesen Glauben angeben zu können.

    “Wer behauptet, die Bibel würde Dinge beschönigen….
    Aber dennoch: Diese Aufrufe sind Geschichte.
    Entscheidend ist doch, was von uns heute verlangt wird.”

    Ich behaupte nicht, die Bibel würde Dinge beschönigen. Es sind die Auslegungen, die beschönigen. Und richtig, entscheidend ist, was heute von uns verlangt wird. Da braucht es keine 3000 Jahre alten Zeugnisse eines beliebigen Aberglaubens. Da bedarf es der Wissenschaft, der Kunst, der Bildung, der Vernunft und des Mutes den eigenen Seelenregungen zu vertrauen.

    Dass die Texte des christlichen Alten Testaments so verfasst sind, verleitet noch heute Menschen dazu, sich an die wortwörtliche Auslegung zu halten. Da mag es tausend Wege geben, das zu umgehen. Es gibt tausend andere, das uralte menschenverachtende Gesetz zu erfüllen. Wozu? Warum?

    Warum müssen sich Menschen noch heute rechtfertigen, dass sie Menschen gleichen Geschlechts lieben? Warum müssen wir uns heute mit antiwissenschaftlicher Propaganda von Kreationisten herumschlagen, warum den gefährlichen Armageddon-Wahn wiedergeborener Christen befürchten? Weil es Menschen gibt, die meinen, den Glauben an den intellektuellen Super-GAU (Größter Anzunehmender Unsinn) tolerieren zu müssen. Es gibt keinen “Gott”. Sieh es doch endlich ein. Wenn das bei Dir angekommen ist, wird es sehr schwer, all die Gewalt und den Hass noch zu rechtfertigen, der im Namen irgendeines Gottes oder irgendeiner Schriftauslegung verübt wird.

    Überleg Dir doch einmal wieviel Gewalt Du, wegen Deines Glaubens hinnimmst. Gewalt, die Du unter gänzlich anderen Umständen entrüstet als unglaublichen Wahnsinn zurückweisen würdest. Was ist mit dem andauernden Kampf um den Tempelberg? Was mit Israel?

    Die folgende Auslegungen einiger bekannter Bibelzitate ist für mich einfach nur zynisch und menschenverachtend:

    Es gibt im Alten und im Neuen Testament sehr eindeutige Aussagen zur Ablehnung homosexueller Praxis. Im 3. Buch Mose, in den Kapiteln 18 und 20 finden sich Aussagen, dann beim Apostel Paulus in Römer 1, 26 ff, 1. Korinther 6, 9-11 und im 1. Timotheus 1, 10, in denen durchweg Homosexualit&aumlt negativ bewertet wird. Sie ist “Gräuel”, sie ist “schändliche Leidenschaft”, sie ist Ungerechtigkeit, die vom Reich Gottes ausschließt, sie ist Verstoß gegen Gottes Willen und Gottes Gesetz. Nach 3. Mose 20, 13 sollten homosexuelle Praktiken unter Männern mit dem Tode bestraft werden. Diese rechtliche Forderung ist dann eingegangen in die Gesetzgebung des Kaisers Justinian, in das justinianische Reichsrecht.

    Wie sind die biblischen Aussagen zu verstehen?

    Deren Verständnis ist die hermeneutische Aufgabe, die Aufgabe der Auslegung. Die historisch kritischeBibelauslegung weist zuerst einmal daraufhin, dass diese Aussagen sich auf ein Verhalten beziehen, ich formulierte, auf eine Praxis. Dabei wird vorausgesetzt, dass dieses Verhalten steuerbar ist und willentlich beeinflusst werden kann. Es geht nicht um Neigungshomosexualität, sondern um homosexuelle Praxis, wobei heterosexuelle Veranlagung unterstellt wird. Die anlagebedingte Homosexualität ist in der Bibel nicht im Blick. So dann wird man darauf aufmerksam machen müssen, dass die Verwerfung der Homosexualität im Alten Testament im Zusammenhang mit anderen abgelehnten religiösen, zum Teil kultischen Handlungen gesehen wird, beispielsweise Kinderopfer, oderGeisterbeschwörung. Sexuelles Verhalten ist für den alten Israeliten, genauso wie religiöses Fehlverhalten, eine schwere Störung und Verletzung der göttlichen Heiligkeitsphäre. Wenn ein solcher derartiger Tabubruch geschieht, dann zieht er notwendig göttliche Sanktionen und Strafen nach sich. Bei Paulus veranschaulicht in Römer 1-3 Homosexualität die Folgen der Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf, der Lossagung der Sünden vom Schöpfer. Dahinter steht der Gedanke, dass der Mensch, der sich von Gott abwendet, Folgen für das Zusammenleben der Menschen auslöst. Diese biblische Sicht der Homosexualität steht auch hinter den Aussagen reformatorischer Bekenntnisse, zum Beispiel in der Augsburgischen Konfession, wenn sie vom Ehestand als von Gott geschaffenem Stand redet; wer nicht zur Ehe geschaffenen befähigt ist, von dem verlangen die Lutherischen Bekenntnisse, er soll enthaltsam leben.

    Solltest Du eine weniger zynische Auslegung parat haben, immer her damit!

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