Leserbriefe

Juli 13th, 2008

Ich habe vor einiger Zeit einen Kommentar zu meinem Eintrag “Atheismus ist eine Religion” erhalten. Ekeldude schreibt:


“ich finde schon, dass deine seite diese ausmaße bekommt. der titel lautet “sapere aude!”, doch davon merke ich wenig. du hängst dich an all den schlimmen und dummen gläubigen auf, veralberst sie, ja verurteilst sie gar.

doch was hat wissen mit denken zu tun? kann nicht auch ein denker nur glauben? (tut er es nicht sogar??) und ist es überhaupt das ziel, nur mit (scheinbar) unbestreitbares wissen umzugehen. wird die welt nich kalt und einfarbig durch atheisten?

und komm jetzt bitte nicht mit all den fanatikern. die gibts es immer und überall. wenn sie nicht der kirche nachlaufen, laufen sie den atheisten, schufachverkäufern oder sonstwem hinterher, nein ich denke die welt würde nicht sicherer.

die probleme die die kirche verursacht, liegen nicht in ihrer natur, sondern am fälschlichen verständnis dessen.

DENK DA MAL DRÜBER NACH”

Ich habe nun darüber nachgedacht und da der Kommentar exemplarisch für das steht, was so mancher denkt, der dieses Blog schon las, als es noch nicht so vordergründig atheistisch war, möchte an dieser Stelle ausführlich auf die Kritik antworten. Dazu möchte ich den Kommentar in Bestandteile aufspalten, die ich verstanden habe und die ich dann Schritt für Schritt beantworten kann.


1. Das Ausnahme-Argument:
du hängst dich an all den schlimmen und dummen gläubigen auf

Das Ausnahme-Argument ist eins der beliebtesten. Die Grundaussage ist, dass die meisten Menschen, die an einen Gott glauben, eigentlich ganz nette Menschen sind; aber es gibt, wie bei allen Weltanschauungen, fundamentalistische Ausnahmen. Man sollte also von den abweichenden Vertretern der “im Grunde gut gemeinten” Weltanschauung nicht auf die Masse schließen.

Das ist wie beim Kommunismus. Eigentlich meinen es die Kommunisten ja gut. Allen Menschen solle es gleich schlecht gehen. Dass dafür ein paar wenige Reiche bluten müssen und dass dafür die Meinungs- und Wahlfreiheit kurzzeitig eingeschränkt werden muss, ist ja alles nur für einen guten Zweck. Und weil es ein paar Verrückte, wie Stalin oder Pol Pot oder Mao gab, die diese Ideologie mißbraucht haben, heißt das ja nicht, dass der Kommunismus im Grunde falsch ist. Eigentlich ist er harmlos. Wenn es da nicht immer diese Leute gäbe, die völlig verblendet diese Ideologie mißbrauchen.

Oder das Schußwaffenverbot. Im Prinzip sollten dann auch überall auf der Welt Schusswaffen frei verkauft werden können. Nur weil es manchmal ein paar Verrückte oder Verzweifelte gibt, die die Waffen, die eigentlich an sich ja nichts Schlechtes sind, mißbrauchen, heißt das doch nicht, dass so eine schöne Waffe nicht in jeden Haushalt gehören sollte. Man kann doch von den Verrückten nicht auf die stinknormalen Waffenbesitzer schließen.

2. Das Blasphemie-Argument: “veralberst sie, ja verurteilst sie gar

Auch das natürlich ein beliebtes Argument. Man sollte Menschen, die einem skurrilen Aberglauben nachgehen, nicht verulken, sondern Ihnen Respekt entgegenbringen. Und das ist vollkommen richtig. Jeder Mensch, mag er/sie glauben was auch immer er/sie will, hat zumindest einen grundsätzlichen Respekt verdient. Nicht aber ihre Weltanschauungen. Diese haben genau denselben Respekt verdient, wie jede andere Theorie vom Funktionieren der Welt auch.

„Wir müssen die Religion des Anderen respektieren, aber nur in dem Sinne und dem Maße, wie wir seine Theorie respektieren müssen, dass seine Frau schön ist und seine Kinder klug.“

Man kann – ja man soll – sich über den Kommunismus, den Kapitalismus, die Ökobewegung und natürlich den Glauben an Übernatürliches aber selbstverständlich auch den Atheismus lustig machen dürfen. Und nicht nur das. Man muß auch scharf polemisieren können. Dies ist ein Gebot der Meinungsfreiheit. Eine Sache, die an anderer Stelle in diesem Blog schon einmal – und natürlich zu Recht – heftig eingefordert wurde. Keine Sache auf dieser Welt ist so heilig, dass man nicht über sie scherzen dürfte – es sei denn, man verletzt damit ein schwaches Individuum in seiner Persönlichkeit. Aber für mächtige Institutionen und Weltanschauungen gibt es keine Schonzeit.

3. Das Wissensargumentdoch was hat wissen mit denken zu tun? kann nicht auch ein denker nur glauben? (tut er es nicht sogar??)

Es gibt Dinge in dieser Welt die sind eher eine Sache des Glaubens, als andere. Wenn ich zum Arzt gehe, weil ich mir mit der Kreissäge den Finger abgesägt habe, dann sage (und denke) ich nicht, ich glaube, ich habe mir den Finger abgesägt, sondern dann weiß ich dies mit nahezu an absolute Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Wenn der Arzt mir dann sagt, das läßt sich nicht mehr reparieren, dann muß ich ihm das glauben, da ich nicht über genügend Wissen verfüge, eine fundierte ärztliche Entscheidung zu treffen. Aber ich gestehe dem Arzt selbstverständlich das Wissen darüber zu. Wenn ich wüßte, auch der Arzt entscheidet über das Wiederannähen meines Fingers nur nach irgendwelchen Glaubensgrundsätzen, die nicht aus naturwissenschaftlicher Beschäftigung mit der menschlichen Anatomie rühren, würde ich selbstverständlich nicht zu ihm gehen. Nur sehr wenige würden dann mit einer schweren Verletzung zu ihm gehen. Mit psychischen Problemen dann vielleicht schon eher. (Siehe auch Exorzismus)

Als es die Evolutionstheorie noch nicht gab, mußte man glauben, dass die Welt vor 10.000 Jahren von einem übernatürlichen Wesen erschaffen wurde, heute kann man sich das sparen, da die Indizien alle für eine Entstehung der Arten nach evolutionstheoretischen Prinzipien sprechen.

Selbstverständlich kann kein Mensch alles wissen. Aber er kann versuchen, soviel Weisheit durch Erfahrung zu erlangen wie möglich und alle blinde Dogmatik (wie Schriftgläubigkeit) zu vermeiden.

4. Das Emotionale-Kälte-Argument:wird die welt nich kalt und einfarbig durch atheisten?

Stimmt. Die Kinderbücher von Janosch sind wirklich wirklich kalt und einfarbig. Und auch Urmel ist natürlich ganz schön langweilig. Marcel-Reich-Ranicki ist auch öde, Joschka Fischer, kalt, Douglas Adams, einfarbig, Noam Chomsky, kalt, Georg Schramm, einfarbig, Terry Pratchett, öde, natürlich, George Clooney, Jürgen von der Lippe, Barbara Schöneberger, Peter Sodann, öde, öde, öde, Woody Allen, Lance Armstrong, Isaac Asimov, Ingmar Bergman, John Carpenter, Francis Crick, David Cronenberg, Ani DiFranco, Richard Feynman, Jodie Foster, Bill Gates, Bob Geldof, Katharine Hepburn, Billy Joel, Angelina Jolie, Diane Keaton, Bruce Lee, H.P. Lovecraft, John Malkovich, Barry Manilow, Sir Ian McKellen, Arthur Miller, Marvin Minsky, Julianne Moore, Jack Nicholson, Keanu Reeves, Salman Rushdie, Linus Torvalds, Margaret Atwood, Antonio Banderas, Richard Dreyfuss, Umberto Eco, Stephen Jay Gould, Matt Groening, Bob Hoskins, Larry King, Sean Penn, Roman Polanski, Bertrand Russell, Carl Sagan, Uma Thurman, – die alle würden die Welt ganz schön kalt und einfarbig machen, wenn sie könnten.

… übrigens glauben 70% der Ostdeutschen und die Hälfte der Weltbevölkerung nicht an “Gott”.

5. Das Fanatiker-Argument:und komm jetzt bitte nicht mit all den fanatikern.

Stimmt, die Fanatiker gibt es überall. Auch unter Schuh- und Fleischfachverkäufern und sogar unter Biologen und Psychologen. Aber was war jetzt gleich der Unterschied zwischen einer Fleischereifachverkäuferin und dem Papst?

6. Missverständnis-Argument: “die probleme die die kirche verursacht, liegen nicht in ihrer natur, sondern am fälschlichen verständnis dessen.

Genau. Der Glaube an übernatürliche Wesen ist im Grunde eine gute Sache. Der Glaube, dass Menschen von Dämonen besessen sind (wie uns die katholische Kirche weismachen will), dass man Wasser mit “Information” anreichern kann, womit das Wasser heilende Kräfte bekommt, dass man mit Jesus, der Heiligen Mutter Maria und “Gott” höchstpersönlich sprechen kann und sich dafür fürstlich bezahlen lässt, das alles liegt nicht in der Natur des Glaubens, sondern sind nur unerhebliche Ausnahmen. Viel wichtiger ist all das Gute, das die Kirche tut, in Diakonie und Caritas z.B. oder in der Missionsarbeit in der Dritten Welt.

Und im Grunde wird die Bibel nur mißverstanden. Hier mal ein paar unmißverständliche Worte aus der Bibel:

Im fünften Buch Mose (Deut 25:11) steht:

Wenn zwei Männer miteinander hadern und des einen Weib läuft zu, daß sie ihren Mann errette von der Hand dessen, der ihn schlägt, und streckt ihre Hand aus und ergreift ihn bei seiner Scham, so sollst du ihr die Hand abhauen, und dein Auge soll sie nicht verschonen.

in Markus 16, 16-17

Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.

in Moses 13, 7-11:

Wenn dich dein Bruder, deiner Mutter Sohn, oder dein Sohn oder deine Tochter oder das Weib in deinen Armen oder dein Freund, der dir ist wie dein Herz, heimlich überreden würde und sagen: Laß uns gehen, und anderen Göttern dienen! … so willige nicht darein, und gehorche ihm nicht. Auch soll dein Auge seiner nicht schonen, und sollst dich seiner nicht erbarmen, noch ihn verbergen, sondern sollst ihn erwürgen. Deine Hand soll die erste über ihm sein, daß man ihn töte, und darnach die Hand des ganzen Volks. Man soll ihn zu Tode steinigen …

Und wer meint, diese ollen Gesetze haben sich mit Jesus erledigt, der lese hier (Matthäus 5;17-19):

Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe. Es ist aber leichter, daß Himmel und Erde vergehen, denn daß ein Tüttel am Gesetz falle. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

Und, übrigens, Jesus sagt z.B. in Lukas 19, 27:

Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, daß ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir.

und in Matthäus

Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.

Als dann, in diesem Sinne. Rein metaphorisch, versteht sich.

4 Responses to “Leserbriefe”

  1. Robby Says:

    Dein Vergleich unter Punkt 1 gefällt mir nicht 😀 Was “dass man Wasser mit “Information” anreichern kann, womit das Wasser heilende Kräfte bekommt” betrifft, gilt das Selbe wohl in etwa für Placebos.

    Ansonsten… naja, ich weiß ja, wie das mit Rechtfertigungen so ist. Die, für die man sie schreibt, lassen sich dadurch meistens eh nicht beeindrucken 😉 So just ignore it – spart zumindest Zeit 😀

  2. Blogs die ich lese. Und zwar gerne. | Feuerhaken Says:

    […] intensiven und tiefgehenden Auseinandersetzungen mit Religion, religiösen Menschen und deren Argumenten, findet man immer wieder erschreckende oder lustige Fundstücke […]

  3. ekeldude Says:

    nein! du verstehst nicht was ich meine.
    meine guete, du bist einer v o n d e n e n! merkst du nicht, dass je mehr du sie bekaempfst, du ihnen immer aehnlicher wirst?! bald nenn ich dich gar priester der todes!!

    verschwende deine flamme nicht, sondern benutze sie um feuer zu loeschen, die es wert sind. der weise teilt sich seine kraft gut ein.

    wer ich bin? du!

    “But please not one word of the man who had killed me.Don’t mention his name and his name will p a s s o n.”

    aus “Streets Of Laredo”

    wenn, dann so!

  4. pkr application nines coupons Says:

    pkr application nines coupons…

    cordially!inquisitiveness rhesus,breakers overpowers …

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