Die Diskussion um den “McCarthy aus Kassel” nimmt kein Ende. Und nun haben wir einen weiteren Kombattanten im Ring, den wir schon sehr gut kennen: Alexander Kissler. Das war der, über dessen Einlassungen zum Thema “Neuer Atheismus” wir uns erst letzte Woche mächtig amüsiert haben. Wir erinnern uns; Kissler ist der Ansicht, dass Atheisten “Abtreibung bis zur Geburt” und die “Tötung von schwerstbehinderten Kindern oder Wachkomapatienten, die sich nicht äußern können, ethisch als weniger bedenklich” betrachten.

Alexander Kissler ist Kulturjournalist und schreibt unter anderem für “Die Tagespost” (Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur), das “Vatican Magazin” (katholisches Kultur- und Nachrichtenmagazin aus Rom, das den Anspruch verfolgt, über die „Schönheit und Drama der Weltkirche“ zu berichten) aber auch für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Süddeutsche Zeitung“. In letzterer veröffentlichte Kissler nun einen Aufsatz, in dem er seinem Glaubensgenossen Benno Kirsch zur Seite springt, der in der Wochenzeitung FREITAG einen Artikel veröffentlicht hatte, in dem er den Biologen und Kreationismus-Kritiker Ulrich Kutschera als “McCarthy aus Kassel” bezeichnete und ihm die Anführung einer wissenschaftspolitischen Verschwörung unterstellte.

Ulrich Kutschera hat sich zu diesem Beitrag noch nicht geäußert; stellvertretend für Kutschera haben aber hpd und der brightsblog einen Aufsatz Kutscheras aus der Fachzeitschrift “Laborjournal”, zum Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, veröffentlicht. Kutschera wählte hierfür den kontroversen Titel “Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie“.

Mit diesem Credo provozierte er wohl nicht nur den Kulturjournalisten Kissler. Und der schrieb sich denn auch in der Süddeutschen von der Seele, was für ihn, den Geisteswissenschaftler, ein gehöriger Affront sein mußte; die Ansicht des Naturwissenschaftlers Kutschera, “dass immer solide Fakten an der Basis aller theoretischer Deduktionen zu stehen haben“. Kutschera wendet sich in seinem Aufsatz gegen die “Verbalwissenschaftler“, die in ihrer “in Buchform verbreiteten Tertiärliteratur” auf “verlässlichem, technologisch verwertbaren Wissensschatz” der “Realwissenschaftler” aufbauen und sich deshalb in ihren Analysen nicht über diese erheben sollten.

Genau dies tut nun Kissler in seinem Artikel in der “Süddeutschen”, feststellend, dass es keine “voraussetzungslose Wissenschaft” gäbe und die Theologie damit implizit in die gleiche Position versetzend wie die Biologie.

Was Kissler und Kirsch betreiben ist bemerkenswert. Sie verdrehen die Tatsachen und bauschen sie auf. Kutschera befindet sich keineswegs auf einem Kreuzzug gegen die Geisteswissenschaften, wie von Kissler unterstellt. Er wehrt sich nur verständlich vehement gegen die Eingriffe der Geisteswissenschaften und der Theologie in die Naturwissenschaften. Gegen die scheinwissenschaftlichen Argumente der Kreationisten und der Anhänger des Intelligent Design.

Denn die Theologie und der ihr verwandte Kreationismus hat in der Naturwissenschaft nichts verloren. Aus einem ganz einfachen Grund: Sie sind nicht naturwissenschaftlich.

Die Naturwissenschaft bedarf für ihre Nützlichkeit test- und überprüfbarer Theorien. Die Hypothese, dass ein “intelligenter Designer” die Erde erschaffen hat, ist nicht test- oder überprüfbar. Deshalb handelt es sich nicht um naturwissenschaftliche Annahmen und deshalb hat der Glaube an einen “Gott” in der Naturwissenschaft nichts zu suchen – vor allem dann nicht, wenn er von einem “Gott” geschaffene “Grundtypen” annimmt.

Wir dürfen gespannt sein, was Ulrich Kutschera zu den jüngsten Angriffen gegen seine Person zu sagen hat. Er steht jedenfalls nicht allein.

Wie es um die geisteswissenschaftliche Logik bestellt ist, sieht man jedenfalls bei Alexander Kissler selbst sehr gut. Bei der Vorstellung seines Buches “Der aufgeklärte Gott”, in der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche in München, saß er mit dem evangelischen Theologen und Philosophen Daniel von Wachter auf dem Podium. Der meinte dortselbst, dass „wenn die Evolutionstheorie wegbräche, wäre das ein starkes Argument für die Existenz Gottes“.

Kissler wird wohl leise lächelnd genickt haben.

2 Responses to “Kreationismus überzeugt immer mehr Menschen III”

  1. Germaine Says:

    Hi,

    im FGH dürfte dich der ID-Thread interessierten (sticky in Wissenschaft und Technik)

    Grüße
    Germaine

    PS: Netter Blog, kannte ich noch gar nicht, gebookmarkt!

  2. sapere Says:

    Kutschera will mit seiner Kampfansage offenkundig […] eine Abgrenzung erreichen.

    Das ist ihm ohne Zweifel gelungen, nur stellt sich die Frage, ob er damit nicht auch seine eigene Arbeit beschädigt. Denn die Kreationisten könnten nun unter Verweis auf die Geisteswissenschaftler versuchen, sich ebenfalls als Opfer von Polemiken darzustellen – der Glaubwürdigkeit von Kutscheras Sachargumenten wäre das nicht gerade zuträglich.

    http://science.orf.at/science/news/151985

    Nur ein Stichwort dazu: manipulierte Biologie als Einfallstor für eine “neue Schöpfung”, unter der wir in diesem Falle nicht die Schöpfung der Kreationisten oder Theologen verstehen sondern der Biologen. Dann sind wir auch nicht mehr so weit entfernt von einem “neuen Gott”, der aus theologischer Sicht nicht mehr hoch im Himmel sitzt sondern im Labor.

    http://www.virtualreview.ch/blox/2008/07/07/unter-generalverdacht/

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