„Viele Menschen leiden unter ihren homosexuellen Neigungen. Im Seminar geht es um Ursachen und konstruktive Wege heraus aus homosexuellen Empfindungen.“

So lautete die Beschreibung einer Veranstaltung, die auf einem Jugendfestival evangelikal gesinnter Christen in Bremen stattfinden sollte. Die Leitung des so genannten „Christivals„, unter der Schirmherrschaft der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, zog das Seminarangebot nach massiver öffentlicher Kritik zurück.

Wo ist das Problem?

Homosexualität ist eine Spielart menschlicher Interaktion. In westlichen Industrienationen gilt Homosexualität nicht mehr als Voraussetzung für die Todesstrafe, und doch ist sie nicht frei von Problematisierung, die von emotionaler und sozialer Desintegration und Stigmatisierung, bis zu Anfeindung und gewaltsamen Übergriffen geht.

Nicht zuletzt deshalb kann die Attraktion durch Angehörige des eigenen Geschlechts auch von Schwulen, Lesben und Bisexuellen als problematisch empfunden werden. Das führt somit unter Umständen zu dem Bedürfnis die eigene Neigung, die in der Öffentlichkeit häufig auf die Sexualität reduziert wird, aber selbstverständlich auch romantische Liebe und Partnerschaft umfasst, infrage zu stellen, zu negieren, zu verdrängen, verändern zu wollen oder gar gewaltsam zu beenden.

Viele Christen, deren unumstößliches moralisches Fundament eine mehrtausend Jahre alte Schrift aus dem Vorderen Orient darstellt, sind der Überzeugung, dass die folgenden Worte aus dem 3. Buch Mose oder dem Römerbrief einen klaren Verhaltensmaßstab vorgeben:

„Und bei einem Manne sollst du nicht liegen, wie man bei einem Weibe liegt: es ist ein Greuel.“

„Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn sowohl ihre Weiber haben den natürlichen Gebrauch in den unnatürlichen verwandelt, als auch gleicherweise die Männer, den natürlichen Gebrauch des Weibes verlassend, in ihrer Wollust zueinander entbrannt sind, indem sie Männer mit Männern Schande trieben und den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst empfingen.“

Weil es diese Worte gibt, stehen viele homosexuelle Christen vor erheblichen Problemen. Müssen sie doch nicht nur eine scheinbar unumstößliche biblische Wahrheit – und damit „Gott“ – infrage stellen, sondern fühlen sich auch vor Familie, Gemeinde und Gesellschaft in Rechtfertigungspflicht.

Das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) hat im Herbst letzten Jahres ein Bulletin herausgegeben, in dem „Forschungen und Erfahrungen zum Thema Homosexualität von 1973 bis 2006“ aus „anthropologischer“ Perspektive beleuchtet werden sollten. Redaktionell betreut wurde diese Schrift von den Referenten des für das „Christival“ angekündigten Workshops, Monika Hoffmann und Konstantin Mascher.

Aus einer „schöpfungstheologischanthropologischen Perspektive“ wollte dort die Autorin Dr. Christl Ruth Vonholdt, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft, das Thema Homosexualität beleuchten. Sie beginnt mit den Worten:

„Wissenschaft kann keine Orientierung geben, sie setzt Orientierung voraus, schrieb der Soziologe Eugen Rosenstock-Huessy. Auch Psychologie ist nicht wertneutral, verschiedenen psychologischen Schulen liegen unterschiedliche Menschenbilder zugrunde. Deshalb beginnt dieser Aufsatz mit einer Grundorientierung aus christlichanthropologischer Sicht.“

Aus diesem Blickwinkel wird dann die Homosexualität als eine seelische Erkrankung definiert, die ihre Wurzeln in einer psychodynamischen Unterentwicklung hat und als „ich-dystone Homosexualität“ behandelbar sei, denn

„Viele Menschen, die ihre Homosexualität konflikthaft erleben und unter ihr leiden, haben nie davon gehört, dass es Therapien gibt, die denjenigen helfen können, die sich eine Verringerung ihrer homosexuellen Neigungen und die Entwicklung eines reifen heterosexuellen Potentials wünschen.“

Die Befundlage zu den Wurzeln homosexueller Bedürfnisse und Wünsche wird korrekt als außerordentlich uneinheitlich dargestellt. Anschließend werden jedoch – ganz medizinertypisch – die durch jahrelange Forschungen der experimentellen Psychologie und vor allem auch Wissenschaftstheorie längst überholten psychodynamische Entwicklungstheorien Siegmund Freuds aus der Mottenkiste geholt und es wird zusammenfassend erklärt, dass

„Mithilfe geeigneter Therapie oder geschulter Seelsorge […] eine gezielte und echte Veränderung homosexueller Anziehung oft möglich“

sei.

Als Beweis für die Wirksamkeit einer „Homosexualitätstherapie“ werden zwei wissenschaftliche Studien angeführt. In der berühmt gewordenen Untersuchung von Robert Spitzer wurden 200 Teilnehmer einem 45-minütigen Telefoninterview unterzogen, in dem 66 Prozent der beteiligten Männer und 44% der teilnehmenden Frauen angaben, nun eine „gute heterosexuelle Funktion“ in den letzten fünf Jahren erreicht zu haben.

Was Frau Dr. Christl Ruth Vonholdt nicht erwähnt, ist, dass die Telefonbefragung unter „außergewöhnlich religiösen“ Menschen vorgenommen wurde und dass die Suche nach Teilnehmern an der Befragung von religiösen Gruppen massiv unterstützt wurde und trotzdem 16 Monate in Anspruch nahm.

Spitzer selbst bedauert übrigens den argumentativen Missbrauch seiner Studie durch die religiöse Rechte. Der Washington Post sagte er: „What they don’t mention is that change is pretty rare“. Vor allem deshalb, weil seine Stichprobe aus sehr ausgewählten Teilnehmern bestand. Außerdem bezeichnete er die Annahme, dass Homosexualität wählbar sei als „totally absurd“.

Die sogenannten „Reparativen Therapien“, oder auch „Konversionstherapien“, der evangelikalen „Ex-Gay-Bewegung“ gelten als sehr umstritten und werden von der Amerikanischen Psychologenvereinigung und in Deutschland von fast allen Medizinern, von den psychiatrischen und psychologischen Berufsverbänden sowie den Krankenkassen nicht anerkannt.

Das hat seine Ursache vielleicht auch in dem falschen Verständnis der klinischen Diagnosekriterien. Die Ichdystone Sexualorientierung ist definiert als:

„Die Geschlechtsidentität oder sexuelle Ausrichtung (heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder präpubertär) ist eindeutig, aber die betroffene Person hat den Wunsch, dass diese wegen begleitender psychischer oder Verhaltensstörungen anders wäre und unterzieht sich möglicherweise einer Behandlung, um diese zu ändern.“

Das heißt eben nicht, dass Homosexualität „behandelbar“ sei. Dies sollte allein der erste Teil des Zitats klargestellt haben. Sondern das heißt, dass begleitende psychische oder Verhaltensstörungen vorliegen, die einer Therapie bedürfen, nicht aber die eindeutige sexuell-romantische Ausrichtung.

Dies wird von Frau Spitzer negiert und die sexuelle Orientierung selbst als behandlungsbedürftig dargestellt.

Die Reaktionen von Christen auf die öffentliche Kritik an solchen Ansichten lassen sich unter anderem hier nachlesen. Diskriminierung (d.h. die Kategorisierung der Homosexualität als Krankheit) wird als „Meinung“ dargestellt. Außerdem fühlt man sich als „christlich-fundamentalistisch“ gebrandmarkt.

Der Duden definiert Fundamentalismus so: „geistige Haltung, die durch kompromissloses Festhalten an [ideologischen, religiösen] Grundsätzen gekennzeichnet ist.“

Wenn eine Autorin einen Aufsatz verfasst, der mit den Worten beginnt „Deshalb beginnt dieser Aufsatz mit einer Grundorientierung aus christlichanthropologischer Sicht“ muss sie sich vorwerfen lassen, Lehren eines sehr alten Buches mit vorwiegend mystischem Gehalt, statt Schlüssen aus den Ergebnissen jahrzentelanger medizinisch-psychologischer Forschung, zur Grundlage ihrer Wert-Überlegungen zu machen. Das kompromisslose Festhalten an [ideologischen, religiösen] Grundsätzen aber gilt bereits als Fundamentalismus, da Frau Spitzer diese Ansichten in ihrem Aufsatz – und vermutlich auch generell – nicht zur Disposition stellt. Und damit befindet sie sich in guter Gesellschaft mit allen, die der Ansicht sind, dass eine „gesunde Gesellschaft“ unwiderlegbarer Wertmaßstäbe bedürfe, die vor ein paar tausend Jahren von einem Häuflein Menschen festgelegt wurden.

Die US-amerikanische Zeichentrickserie South-Park nimmt sich in einer ihrer Folgen des Themas Homosexuellenheilung an:

Mit Dank an citronengras.

3 Responses to “Homosexualität verstehen – Chance zur Veränderung”

  1. janoe Says:

    Ich danke dir! Ein wirklich exzellent gemachter Beitrag, der meinem langen Abend vor dem PC (geschuldet einer akuten Erkältung) doch noch einen Sinn gegeben hat. Weiter so, und bring‘ noch ein bisschen Nietzsche in deine Religionskritik! 😉

  2. Der Blog des toten Idioten » Archiv » Krank Says:

    […] man krank ist, macht man so manche komische Dinge. Man liest z.B. Beiträge wie dieser bei sapere aude, man schreibt sich in endlosen Diskussionen in zwielichten Foren die Finder wund (Link auf Anfrage) […]

  3. lasti Says:

    Beim ersten Zitat sind mir doch glatt fast die Augen rausgefallen.